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Periodical volume Nr. 45, 1. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
9 
Die Saison-Mode auf der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt ] 
Der löbliche Vorsatz, in diesem Sommer daheim za bleiben 
und keine Keise zu unternehmen, war zwar in den ersten Monaten 
des Jahres von Frau Bertha gefasst worden, aber, nachdem sie fast 
täglich draussen in Treptow gewesen war und Alles dort gesehen hatte, 
fauchte der alljährliche Keisewunseh doch mit ungeschwächter 
Kraft auf. 
»Nur für die paar Ferien-Wochen, bester Mann«, schmeichelte 
sie, «die Kinder sehen zu blass aus, Dr. Müller sagt, sie müssen 
an die See. Und weit gehen wir nicht, vielleicht nach Dievenow, 
Göhren, Heringsdorf oder Misdroy, wo Du uns besuchen kannst«. 
Und nun steht Frau Bertha im Haupt-Ausstellungsgebäude 
im Damenheim und rathschlagt im Geiste, welches der dort neu zu 
schauenden Kleider (sie braucht dringend eins für die fable d’höte) 
am Besten für sie sei. 
Das blaue oder das prunefarbene mit dem gelblichen Spitzen 
jabot oder lieber eins von den braunen? 
Sie sind alle hübsch, chic und kleidsam und so billig, der 
angegebene Preis verräth, dass sie 55—65 Mark kosten. Man 
denke, ein vollständiges Foulardkleid für solchen civilen Preis! 
Drüben allerdings, auf der anderen Seite, steht ein schwer 
seidenes Gewand in grün-roth Changeant mit Ausputz, Kragen und 
Gürtel von rothem Sammet, ein wahres Cabinetstück von Geschmack, 
aber — es kostet über 300 Mark, soviel will Frau Bertha für ein 
Kleid nicht anwenden. 
Und neben diesem das von grünem Lodenstoff mit der wunder 
schönen aparten Stickerei in Bococogeschmaek — Frau Bertha 
kann sich gar nicht satt daran sehen. 
Seufzend steigt sie hinunter, um an den andern Pavillons 
entlang zu gehen. Wer die Wahl hat, hat die Qual, sagt ein altes 
Sprüchwort. Frau Bertha hat die Wahrheit dieses Wortes noch 
nie so empfunden, wie heut in der Ausstellung, wo die Auswahl 
so unendlich reich ist. Jenes schlichte Gewand im Pavillon einer 
bekannten grossen Manufactur - und Confectionsfirma zieht die 
grösste Bewunderung verständnissvoller Beschauer auf sich. Der 
Bock ist von der köstlichsten schwarzen Seide, die man sich denken 
kann, die Taille im Louis XIV. Geschmack von schwarz grundiger, 
buntgeblümter Chineseide mit reicher Stickerei in Perlen und 
Flittern. 
Und im anderen Pavillon stehen so herzige Promenaden 
kleider; da ist eins, Bock und Jäckchen schwarz-weiss karrirt mit 
Gürtel von rothem Sammet und ein anderes, ganz apartes: der Bock 
aus gelblichem Wollstoff, die Aermel aus Plüsch in derselben Farbe 
und darüber ein kurzes Bolero-Jäckchen von türldsfarbenem Sammet, 
mit reicher Flitter- und Perlenstickerei geschmückt. 
Frau Bertha notirt, solch eins und solch eins, die muss sie 
haben. Aber nun fehlen noch Hüte und Sonnenschirme. 
Letztere sind da in allen möglichen Mustern, in hellen und 
dunklen Farben, Seide und Halbseide, aber es sind auch sehr 
phantastische Schirme vorhanden, so z. B. einer von rosa Mull mit 
Flittern oder einer von lila Crepe mit einzelnen Veilchen bestreut 
und einer ebenfalls von zart lila Crepe mit einem grossen Zweig 
Fliederblüthen. 
Und nun erst die Hüte. Sie strahlen in diesem Jahr in un 
geahnter Farbenpracht. Auf einem Hut sind aufs Glücklichste 
3—4 verschiedene Farben vereinigt. Da ist einer von grünem 
Stroh, dessen vorderer Band dicht mit lila kleinen Blüthen bedeckt 
ist, während auf dem Kopf und der hinteren Krempe eine Menge 
grosser lila Azaleeublüthen angebracht sind. 
Ein Capottehütchen aus weissem Crepe mit schmalem, schwarzem 
Band, Beiherstutz und Federschmuck zeigt statt der Bindebänder 
einen grün - weiss schattirten Crepeschleier, der unter dem Kinn 
zu einer grossen, sehr kleidsamen Schleife gebunden wird. 
Die Schleiergarnirung ist auch auf den Hüten sehr beliebt, 
doch entzückt die verstäudnissvolle Beschauerin gewiss vor allem 
ein runder, mittelgrosser Strohhut in grüner Farbe, dessen Kopf 
nur mit weissbunter Chineseide bezogen ist, die an der linken 
Seite eine aufrechtstehende Schleife bildet. 
Zur Keise empfehlen sich die weichen Filzhüte, die in allen 
Farben und Formen zu sehen sind und ihren Zweck, in jedem 
Wetter immer frisch «und chic auszusehen, bequem und leicht zu 
sein, so ausnehmend gut erfüllen. N. von Brandenburg. 
Ausstellungsbriefe 
von Wilhelmine Buchholz. 
[Abdruck uutersagt.J 
VI. 
Ein Blick über das Ganze. 
Geehrter Herr Kedacteur! 
Als ich Ottilie den Vorschlag machte, einen allgemeinen Ueber 
blick über die Ausstellung zu gewinnen, wollte sie gleich mit dem 
Fesselballon hoch. 
»Nein«, sagte ich. »Vorläufig warten wir ab, ob er Zwischen 
fälle kriegt, und, wenn die dann nach einigen Wochen rasch und 
leicht beseitigt sind, fliegen wir mit. Auch meine ich mit Ueber 
blick nicht ein Häppsken Vogelperspective, sondern das fest im 
Gedächtniss haftende Terrain der Ausstellung, damit man weiss, 
was vorhanden ist, wo es liegt, wie man hinkommt, wie viel Zeh 
man auf das Einzelne verwenden kann. Es sind über viertausend 
Aussteller und nun rechne aus, wenn auf jeden nur fünf Minuten 
gründlicher Besichtigung fallen, wieviel Arbeitstage Du im Ganzen 
gebrauchst, den Tag zu acht Arbeitsstunden angenommen«. 
»Kopfrechnen verbieten mir meine Nerven,« antwortete Ottilie 
nach einiger Anstrengung, das Exempel zu lösen. 
Sie bat mich gleich am ersten Tage um verwandtschaftliche 
Du-Anrede, die ich ihr auch gewählte; Betti hingegen, mit der 
sie schwesterlicheCousinenschaft eingehen wollte, überhörte denWunsch. 
Betti hat was gegen Ottilie, das that sich kund, als sie sich blos 
sahen. 
Hier giebt es Kämpfe, wenn mich mein Ahnungsgefühl nicht 
trügt. 
»Nun,« fragte ich, »hast Du es?« 
»Nein.« 
»Also rund zweiundvierzig Tage ohne die Beilage. Das sind 
beinahe anderthalb Monate. Von Alt-Berlin, Kairo, dem Ver 
gnügungspark, dem Theater, dem Kaiserschiff, dem Panorama, 
den Marineschauspielen ist dabei keine Bede und Du hast weder 
Nass noch Trocken, noch Ausruhen, noch Musikgenuss, noch 
irgend eine nothwendige Pause. Deshalb ist planvolles Vorgehen 
geboten. Heute regnet es, wir können nichts Besseres beginnen, 
als uns vorzubereiten.« 
Sie seufzte. »Ich weiss nicht, ob meine Nerven« . . fing sie 
an. —- »Ich weiss, dass es ihnen gut bekommt« entschied ich und 
breitete den officiellen Plan der Ausstellung auf dem Tische aus. 
»Wie Du siehst« begann ich, »wird das Gebiet durch die 
Treptower Chaussee in zwei gleiche Theile gespalten, wovon der 
eine reichlich noch mal so gross ist wie der andere, und dies Both- 
liehe, was beinahe wie ein Stiefelknecht aussieht, ist das Ilaup' 
gebäude.« 
»Ich meinte, es wäre so sehr schön«. 
»Dies ist ja nur der Grundriss, dasselbe, was beim Zuschneider 
das Muster«. 
»Ach so«. 
»Hier, gerade vor, das Blaue ist der Neue See mit den 
echten Gondelieren aus Venedig«. 
»Wo sind die Gondoliere?« 
»Draussen in Treptow,« erwiderte ich sehr deutlich, denn die 
Hast, mit der sie sich mit einem Male den Plan betrachtete, 
während sie eben noch ihre Nerven überlegte und nicht die ge 
ringste Theilnahme zeigte, verdross mich. 
»Singen sie auch das himmlische Lied: »Komm’ ir ’■ flo r 
Piazetta, Bosetta«?« 
»Für ein Trinkgeld gewiss.« 
»Für Geld? Wie unpoetisch!« 
»Gegenüber liegt das Hauptrestaurant. Die Laubengänge 
dorthin sind mit Tausenden von Lämpchen behängen, bei Tage 
wie die grösste Eiersammlung der Welt, an Erleuchtungsabenden 
feenhaft wie früher bei Kroll. Ist das Wetter schön, wirst Du es 
erleben. Von hier kann man nun durch das Spreewaldgehöft, durch 
Chocolade und Thee, bis zur todten Katze gelangen . .. 
»0, pfui!«
	        
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