Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Telephon: Amt I. 4067.
Ur. 5. Äerttn, den 29. Fedrunr 1896.
Wird es in Serlirr eine Mohnungsnolh
geben?
In letzter Zeit ist sehr häufig und immer wieder die Frage
aufgeworfen worden, ob Berlin auch in der Lage sein wird, alle
feine Gäste im kommenden Sommer unterzubringen. Es läßt sich
nicht verkennen, daß schon das Auswerfen der Frage eine gewisse
Befürchtung in sich schließt. Sie dürfte dadurch entstanden sein,
daß einerseits alle erdenklichen Anstrengungen gemacht werden, um
einen möglichst zahlreichen Fremdenbesuch nach Berlin zu ziehen,
und daß andererseits keine besonderen Wahrnehmungen zu machen
sind, aus denen hervorgeht, daß außergewöhnliche Vorbereitungen
getroffen sind, um die Wohnungsgelegenheit zu vermehren.
Wir haben uns Mühe gegeben, diese immerhin sehr wichtige
Angelegenheit auf ihre thatsächlichen Momente hin zu prüfen und
sind zu der Ueberzeugung gelangt, daß irgend welche Schwierigkeit
in der angemessenen Unterbringung aller Besucher nicht zu be
fürchten ist.
Zunächst wird festzustellen sein: Wie viel Fremde dürfen wir
etwa erwarten, welche außergewöhnliche Wohnunqsqeleqenheiten
stehen uns zur Verfügung?
Die erste Frage ist schwer zu beantworten. Unsere Hoff
nungen sind natürlich die weitgehendsten; aber selbst wenn wir
mit außergewöhnlichen Ziffern rechnen, ist kaum anzunehmen, daß
durchschnittlich über die Zahl derjenigen Fremden hinaus, welche
schon jetzt und regelmäßig nach Berlin kommen, mehr als etwa
20 000 per Tag hier eintreffen können. Nimmt man an, daß der
Fremde durchschnittlich etwa 5 Tage in Berlin weilt, so würden
— falls am 1. Mai 20 000 Fremde hier ankommen, am 2. wieder
20 000 und am 3., 4. und 5. ebenfalls so viel — vom 5. Mai
an täglich in runder Ziffer 100 000 Fremde mehr in Berlin sein
als in früheren Jahren; für die am 6. Mai hier eintreffenden
20 000 Personen würden die am 1. eingetroffenen wieder ab
gereist sein. Sind diese Ziffern auch vollständig unkontrolierbar
und unbeweisbar, so bleibt, um zu einer einigermaßen richtigen
Grundlage für die Erledigung der Wohnungsfrage zu kommen,
doch kein Ausweg, als in diesem Sinne zu rechnen und wir
nehmen an, daß die Ziffer, wenn auch nach oben etwas zu voll,
doch für manchen Tag zutreffen mag, an welchem ein außer
gewöhnlicher Fremdenstrom eintrifft. Einbegriffen sind in der
Ziffer nicht diejenigen, welche, wenngleich nicht Berliner, so doch
zu uns gerechnet werden können, und zu diesen gehören zweifellos
alle diejenigen, welche innerhalb des durch den Zonentarif be
herrschten Umkreises wohnen, für welche also die Möglichkeit ge
geben ist, an jedem Morgen mit Ersparniß beträchtlicher Unkosten
und Unannehnllichkeiten ihr Heim von Neuem zu verlassen.
Ein gewaltiger Proceutsatz der Fremden kommt aber ferner
für die öffentlichen und gegen Bezahlung erhaltbaren Wohnnngs-
gelegcnheiten garnicht in Betracht; sie stellen den so oft be
schriebenen, bespöttelten, gefürchteten und doch immer wieder
erhofften Logirbefuch dar. Zahllose Fremde werden überhaupt
nicht in die Verlegenheit kommen, ein Hotel oder ein Privatlogis
aufsuchen zu müssen; Freunde und Verwandte empfangen sie bei
ihrer Ankunft auf dem Bahnhof und nehmen sie in ihren Woh
nungen auf. Wie hoch sich dieser Procentsatz beziffert, läßt sich
nicht mit Bestimmtheit sagen; nehmen wir aber an, daß der größte
Theil unserer Besucher immerhin aus Norddcutschland kommen
wird und daß in den Provinzen in erster Reihe diejenigen an den
Besuch der Ausstellung denken werden, welche sich durch die hier
wohnenden Freunde und Verwandte den Aufenthalt verbilligen
können, so darf man doch mit einer großen Ziffer rechnen.
Bleibt die Frage bestehen: wie sind die Hotels und die
Privattoohnungen für diejenigen gerüstet, welche keine Freunde
in Berlin haben? Nun geht es mit den Hotels so wie mit den
Theatern und den letzten Vorstellungen. Es giebt ansverkaufte
Häuser, volle Häuser, aber auch total ausverkaufte Häuser und
neben den letzten Vorstellungen noch allerletzte. So geht es auch
mit den Hotels. Ein Hotel, das alle Zimmer vermiethet hat, be
findet sich in derselben Lage, wie ein überseeischer Dampfer, in
dem sämmtliche eingetragene Kojen für die Oceanreisenden be
setzt sind. Wenn alle Kojen auf dem Dampfer vergeben sind,
können aus ihn: noch immer 60 bis 80 Kajüten-Passagiere unter
gebracht werden. Dann geben svwotzl der Capitain, >vie die Offiziere
vom ersten bis zum letzten Lieutenant, die Ingenieure, das ganze Personal
ihre eigenen Cabinen her und suchen in irgend einem Winkel be
scheiden ihr Unterkommen und stecken mit Vergnügen das Geld
ein, welches Passagiere, deren Reise keinen Aufschub erleidet, hier
für ihre eigenen Cabinen geben. Unsere Hotels sind in den
letzten Jahren sehr zu ihrem Leidwesen kanni jemals halb voll
gewesen. Man kann annehmen, daß sie unter Einbeziehung aller
verfügbaren Räume und unter Abgabe derjenigen Einrichtungen,
welche, wie in einigen mächtigen Hotels Berlins, gleich von vorn
herein für Massenbesuch bestimmt sind, mit Leichtigkeit ungezählte
Tausende über die Zahl der heutigen Fremden hinaus unter
bringen könne».
Nun ist es trotzdem einmal in Berlin vorgekommen, und
zwar bei dem großen internationlen Congreß der Naturforscher
und Aerzte, daß thatsächlich Wvhnungsmangel gewesen ist, obwohl
die zu dem Cvngresse nach Berlin gekommenene Zahl der Fremden
kaum 10 000 überstieg. Aber es ist Thaffache, daß damals
Fremde die Nacht über im Eafö bleiben mußten, ja daß sogar,
obgleich diese letztere Version nicht sehr glaubhaft klingt, einige in
Droschken übernachtet haben. Aber ein Wohnungsmangel hat damals
dennoch durchaus nicht cxistirt. Die Schwierigkeit bestand nur
darin, daß nicht Vorkehrungen getroffen waren, die vorhandenen
Räume rechtzeitig mit den suchenden Fremden zusammenzubringen.
Die Fremden, welche Abends um 9 oder l / 2 10 Uhr eintrafen und
von einem Hotel zum andern fuhren, verpaßten den Anschluß
an die Privatwohnungen, die Häuser waren geschlossen, die
Möglichkeit, noch Quartier zu finden, für diese Nacht abge
schnitten.
In der Voraussicht solcher Schwierigkeiten hat das Officielle
Verkehrs-Bureau der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 alle Vor
kehrungen getroffen, um zu ermitteln, wie viel Zimmer nach Lage,
Preisabstufungen, Höhe der Etage u. s. w. für die Zeit der Ans-
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