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Volume Nr. 44, 31. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Offieielle Aussteüungs-Nachrichten. 
ii 
Allem des einmüthigsten Zusammengehens und des strengen Aus 
scheidens aller persönlichen Fragen. 
Zur Tagesordnung übergehend, bemerkt der Präsident, dass 
der Jahresbericht für 1895, der den ersten Punkt derselben bildet, 
so umfangreich und eingehend sei, dass eine Debatte über denselben 
sich wohl als überflüssig erweise. Die Versammlung stimmte dem 
zu und nimmt den Bericht einstimmig an. Es folgt die Wahl von 
fünf Rechnungsrevisoren. Auf Vorschlag des Präsidenten werden 
als solche die Herren Consul Wallich, Maler Hellgreve, Kaufmann 
Sellberg, Chemiker Dr. Pfaff und Architekt Bodo Ebhardt bestellt, 
welche die Wahl annahmen. 
Zu Punkt drei der Tagesordnung beantragt der Ausschuss: 
1. die von einer hierzu erwählten Commission ausgearbeiteten, 
vom Ausschuss geprüften und der Nummer 17 der Deutschen 
Kolonialzeitung als Anlage beigefügten Satzungen der Deutschen 
Kolonialgesellschaft zu genehmigen und 
2. den Ausschuss zu beauftragen, auf Grund dieser Satzungen die 
Erlangung der corporativen liechte für die Gesellschaft zu 
ständigen Orts zu erwirken und solche Aenderungen des 
Statuts, welche zu diesem Zweck von der Regierung für er 
forderlich erklärt werden sollten, nachträglich vorzunehmen. 
Herr Generalsecretair v. Bornhaupt begründet in längerer Rede 
den Antrag und bittet dringend um möglichst unveränderte Annahme 
der neuen Satzungen. Dieselben seien mit grösster Sorgfalt aus 
gearbeitet und habe sich der Ausschuss bereits an maassgebender 
Stelle darüber orientirt, ob man auf Grund derselben hoffen dürfe, 
die so sehr wünsehenswerthen Corporationsrechte zu erlangen. Der 
Ausschuss dürfe sich der zuversichtlichen Hoffnung hingeben, dass 
dies geschähe, vorausgesetzt, dass die heutige Versammlung keine 
wesentlichen Veränderungen an dem ihr heute zur Berathung ge 
stellten Entwurf vornähme. 
Von einer Generaldiscussion wird auf Vorschlag des Vor 
sitzenden abgesehen und tritt die Versammlung sofort in die 
Berathung über in die einzelnen Paragraphen ein. § 1 wird an 
genommen. Alinea c des § 2 bezeichnet es als Zweck der 
Gesellschaft: »Deutsch-nationale Kolonisationsunternehmungen an 
zuregen und zu unterstützen«. Auf Antrag des Herrn Pfarrer 
Fabarius (Coblenz) Wird nach längerer Debatte folgender Zusatz 
angefügt: »oder durch thatkräftiges Vorgehen selbst in 
Angriff zu nehmen.« § 4 (Mitgliedschaft) lautet: Mit 
glied kann jeder unbescholtene Grossjährige werden. Ein 
von mehreren Seiten unterstützter Antrag statt dessen 
»grossjähriger Deutscher« zu setzen, wird lebhaft, namentlich von 
dem Antwerpen er “Vertreter bekämpft, schliesslich mit grosser 
Majorität abgelehnt und der ganze Paragraph in der Fassung des 
Ausschusses angenommen. Die §§ 5, 6, 7 und 8 werden wider 
spruchslos genehmigt, Bei § 9 entspinnt sich eine lange und sehr 
erregte Debatte über den Schlusssatz des ersten Absatzes: »Aus 
nahmsweise kann innerhalb grösserer Städte auch die Bildung 
mehrerer Abtheilungen stattfinden.« 
Im Hinblick auf den bekannten bedauerlichen Conflict im 
Schoosse der Beniner Abtheilung, die mit der Spaltung derselben 
in eine Berliner und Charlottenburger Section endigte und zur Ver 
hütung derartiger Vorgänge für die Zukunft bringen die Herren 
Hauptmann Eimann und Dr. jur. Vosberg-Reckow den Antrag ein, 
dem obigen Absatz folgende Fassung zu geben: 
„Ausnahmsweise kann mit Genehmigung des Vor 
standes innerhalb grösserer Städte die Bildung mehrerer Ab 
theilungen stattfinden.“ 
Diese Aenderung wird nach lebhaftem Meinungsaustausch ein 
stimmig genehmigt und § 9 dann in der neuen Fassung angenommen. 
Lebhafte Befriedigung erregte die erfreuliche Mittheilung des Herrn 
Dr. v. Vosberg, dass bereits Schritte gethan seien, eine Fusion der 
Abtheilungen Berlin und Charlottenburg herbeizuführen, und dass 
die Section Berlin bereit sei, für Erzielung einer solchen die grössten 
Opfer zu bringen. 
Die §§10—39 werden schliesslich nach unwesentlichen Debatten 
entweder in der Fassung des Ausschusses oder doch mit ganz geringen 
Aenderungen genehmigt und hierauf die ganzen Statuten mit allen 
gegen vier Stimmen angenommen. 
Die Abtheilung Hannover hat folgenden Antrag eingebracht; 
In Erwägung, dass der gegenwärtige Zustand der deutschen 
Kriegsflotte, sowohl wegen der numerischen Unzulänglichkeit ihres 
Sehiffsmateriales, als auch des bedenklich unzeitgemässen Zustandes 
eines wesentlichen Theiles des vorhandenen, weder den An 
forderungen an die Vertheidigung der heimischen Meeresgrenzeu, 
der Aufrechterhaltung der so unerlässlichen überseeischen Lebensmittel- 
Zufuhren im Kriege, der Abwehr feindlicher Blockade der deutschen 
Küsten, ferner denjenigen der Inschutznahme unseres Kolonialbesitzes 
noch der grossen politischen wirthschaftlichen überseeischen In-, 
teressen Deutschlands ausreichend entspricht, 
beauftragt die Deutsche Kolonialgesellschaft ihr Präsidium: 
an den hohen Reichstag gelegentlich seiner nächsten Sitzungsperiode ' 
die Bitte zu richten, der durch den Staatssecretair des Auswärtigen 
bereits angekündigten neuen Flottenorganisationsvorlage, soweit 
diese — woran nicht zu zweifeln — in den Grenzen der unbestreit 
baren Bedürfnissfrage sich hält, seine Zustimmung geben und an 
gesichts der vorhandenen Nothlage und der ernsten Bedenklichkeit 
ihres weiteren Bestehens sich auch nicht vor der Bewilligung 
grösserer Mittel scheuen zu wollen.“ 
Von Graf Dürckheim patriotisch warm begründet und von den 
Herren Pfarrern Fabarius und Distelkamp nicht minder warm 
unterstützt, wird der Antrag mit grosser Majorität angenommen. 
Eine lange und sehr erregte Debatte rief der von der Ab 
theilung Homburg v. d. H eingebrachte und von Herrn v. Salmutk 
begründete Antrag hervor: 
„Die Haupt-Versammlung der Deutschen Kolonial-Gesellschaft 
beschlosst, den Ausschuss zu beauftragen, der Frage der Depor 
tation von Strafgefangenen nach unseren Kolonleen zur Beschäf 
tigung mit öffentlichen Arbeiten näher zu treten.“ 
Eine Anzahl Redner, darunter Herr Pfarrer Fabarius, be 
kämpften den Antrag auf das Energischste. Man wies auf die 
schlimmen Erfahrungen hin, die England und Frankreich mit 
ihren Verbrecher-Kolonieen gemacht hätten und erklärte es vor allen 
Dingen für weit angebrachter, zunächst die Tausende von deutschen 
Arbeitern mit Unterstützung nach Afrika zu schaffen, die sich glücklich 
schätzen würden,, dort eine Existenz zu finden. Jedenfalls aber dürfe man 
nur entlassene Gefangene berücksichtigen, die sich gut geführt hätten, zu 
Hause keine Stellungen fänden und im fernen Welttheil Gelegen 
heit bekämen, ihre Besserung zu bethätigen. Graf Dürckheim er 
klärt sich für den Antrag, ebenso Rechtsanwalt Imberg, der in 
klarer und eingehender Rede auf die Vortheile der Deportation 
hinwiess und an dem Beispiel von Neu-Südwales zeigt, dass 
dieselbe auch gute Erfolge haben könne. Dort hätten gerade die 
Sträflinge die Kolonisation so weit gefördert, dass nach einer Reihe 
von Jahren die freien Ansiedler in der glücklichen Lage gewesen 
seien, sich die fernere Deportation zu verbitten. Wenn wir erst in 
unseren Kolonieen das erreicht hätten, dürften wir uns glücklich 
schätzen. Die Abstimmung über den Antrag durch Handaufheben 
hatte ein so zweifelhaftes Resultat, dass der Präsident schliesslich 
eine Auszählung vornehmen musste, die eine Majorität von 47 Stimmen 
für den Antrag Homburg v. d. H. ergab. 
Der nächste Punkt der Tagesordnung betraf die Wahl des 
Orts für die 1897 abzuhaltende Hauptversammlung. Coblenz, Ant 
werpen und München hatten sich erboten, dieselbe in ihren Mauern 
aufzunehmen. Zu Gunsten der bayerischen Hauptstadt treten die 
ersten Städte zurück und findet demnach die 1897 er Versammlung 
in München statt. 
Nach Erledigung einiger unwesentlicher geschäftlicher An 
gelegenheiten trennte sich die Versammlung nach beinahe vier 
stündiger Tagung mit einem dreifachen Hoch auf ihren Vorsitzenden 
Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, der die Debatten mit 
ebensoviel feinem Takt, wie geschäftlicher Umsicht geleitet hatte. 
S 
Unser Pavillon war auch in den letzten Tagen von 
Ausstellungsgästen sehr stark besucht Unter den gestrigen Besuchern 
befanden sich u. A.: Erbprinz und Erbprinzessin von Stolberg- 
Wernigerode, Staatsminister von Kodier, Graf und Gräfin 
Reina, General - Landschafts - Director Graf von Pückler, Ober- 
Präsidialrath Dr. Schcffer, Generallieutenant Graf Kanitz, der 
Director der Reichsdruckerei Geheimer Regierungsrath Busse. 
W 
Alle skandinavischen Blätter ohne Ausnahme sind 
des Lobes voll über unsere Ausstellung; manche arten bis zur 
Begeisterung und Schwärmerei aus und der Pressdirector der 
Stockholmer Industrie-Ausstellung 1897 Herr Thore Blanche, der 
officiell zur Einweihung unserer Ausstellung am 1. Mai hierher 
gesandt worden war, hat in einer Reihe von Artikeln sich in den 
höchsten Lobeserhebungen ausgesprochen — und diese Artikel 
stammen aus einer Zeit, da es doch noch recht bunt in der Aus 
stellung aussah. — Selbst chauvinistisch gefärbte Zeitungen, und
	        
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