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Periodical volume Nr. 43, 30. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 13 
die Toilette zu wechseln. Da die Preise sich nicht über diejenigen 
eines besseren Friseurgeschäfts erheben, darf man das, was dieser 
Pavillon bietet, immerhin als eine der beachtenswerthesten Annehmlich 
keiten unserer Ausstellung betrachten. 
« 
Alts der Sanitätswache wurde 15 mal ärztliche 
Hilfe geleistet, darunter in einem Falle schmerzhafter Gallenstein 
kolik und bei einer ausgedehnten Verbrühung, die sich ein Koch 
des Hauptrestaurant zugezogen hatte. 
In der Ausstellung. 
Die Malerei auf der Gewerbe-Ausstellung. 
Von Wolfgang Kirchbach. 
[Abdruck untersagt.] 
II. 
Kairo. 
Das Schwergewicht des malerischen Interesses in der Aus 
stellung liegt sicher auf dem reizenden Kairo und der Exposition 
von Orientgemälden, welche im Tempelbau Aufstellung gefunden 
hat. Hier kann man die reizvollsten Vergleiche anstellen, denn 
was die Künstler malen, man hat es soeben mit eigenen Augen 
in bunter Wirklichkeit vor sich gesehen, die bunten Bazare, die engen 
Gassen mit den Eselstreibern darin, die Karneole, die Tempel und die 
Karawanen, die verhüllten Frauengestalten und die kupferbraunen und 
schwarzen Charakterköpfe. Tritt man in die Ausstellungshalle des Tempels, 
so sieht man nicht nur das eben Geschaute, bewegt wie in einem 
Guckkasten von Neuem, die Werke der Maler ergänzen auch weiter 
hin das Bild des fremdartigen Culturlebens und, was die leibhaftige 
Wirklichkeit zu wünschen übrig liess, das geniesst man ver 
vollständigt an der farbenreichen Palette der Maler. Freilich 
schärft sich auch unwillkürlich der Blick für die Empfindung der 
Wahrhaftigkeit dessen, was die Künstler schildern. Hat man soeben 
den dunklen Teint der Wüstensöhne mit dem ebenholzartigen Glanz 
der Haut aus den weissen Burnussen im Sonnenglanze heraus 
leuchten sehen, so fühlt man besonders lebhaft, welche von unseren 
Orientmalern auf ihrer Palette auch die Mittel haben, um diese pracht 
vollen Erscheinungen wiederzugeben. Nicht jeder hat das innere 
Feuer, die innere geheimnissvolle Leuchtkraft der Farbe, welche 
wir aus der dunklen Haut dieser Morgenländer uns entgegenglühen 
sehen, mancher sieht nur- in ganz allgemeinen Contrasten das Bild 
der Dinge, das auf seine Netzhaut fällt. Um so interessanter, um 
so reizvoller aber ist ein betrachtendes, vergleichendes Verweilen in 
Kairos Gassen und in dem uralten Tempel der Egypter, dessen 
jahrtausendjährige Kunstgestalt die Werke der Zeitgenossen au? 
dem neunzehnten Jahrhundert umschliesst. 
Die Zusammenstellung der Orientbilder im Edfu-Tempel hat 
selbstverständlich nicht ausschliesslich unter Erwägung des künst 
lerischen Werthes der einzelnen Kunstwerke stattfinden können. 
Vielmehr musste maassgebend sein, dass man ein möglichst voll 
ständiges Bild der Culturzustände, der Sitten und der Stimmungen 
des Orients erzielte. Und das ist denn auch in höchst anregender 
Weise gelungen. 
Sogleich beim Eintritt fällt in der Mitte eine Sittenschilderung 
auf, deren leuchtender Glanz das Auge fesselt. An den Mauern eines 
sonnenbeschienenen Egyptertempels sehen wir einzelne Weiber mit 
stumpfsinnigem Ausdruck lehnen, in ihrem Schoosse liegen die 
Leichen von Kindern. Kindesmörderinnen sind es, welche die 
orientalische Sitte hier an den Pranger stellt, in die Gluth der 
Sonne, den Augen einer neugierigen Menge preisgegeben. Dies 
Bild packt durch seine Leuchtkraft und die Lebendigkeit der 
Wirkung. H. v. Ambros, der leider nicht mehr zu den Lebenden 
zählt, ist der geschickte Maler dieses Werkes. Besonders hervorstehend 
durch die monumentale Kraft der Farbe und die Wahrheit des Fleich- 
tones, durch glaubwürdige Modellirung erscheinen eine Anzahl von 
prächtigen Charakterköpfen J. 0. Krämer’s. Da ist ein Marokkaner 
im weissen Turban, Vlessen braune Haut und leuchtende Augen jene 
wundersam feurigen Reflexe zeigen, die wir an der farbigen Er 
scheinung der Araber bewundern. Die Marmorrundung der Form, 
welche die Orientalen auszeichnet, ist aufs Glücklichste beobachtet. 
Das Mädchen mit der Orange, ein Araber im rothen Turban mit 
stolz-verächtlichem Ausdruck, ein Schwarzer mit Turban und andere 
Studien dieses Künstlers, mit feiner und virtuoser Beobachtung fertig 
gemacht, gehören zu den besten Stücken der Sammlung. Feine, 
zarte Ausführung, die auf einen weichen, grauen Silberton gestellt 
ist, zeigen die Studien und Bilder von E. Uhl. Wir sehen Spieler 
in einem Kaffeehause, eifrig ihrem Geschäfte obliegend, und be 
wundern die genremässige Lebhaftigkeit und Sicherheit, mit welcher 
die Figürchen charakterisirt sind. Ein grosses, panoramaähnliches 
Bild desselben Künstlers schildert uns einen »Abend am Nil« 
und versetzt uns mit feiner Stimmung in die Erlebnisse des 
scheidendes Tages an den Ufern des alten Culturstromes. Wir 
sehen eine Fellahfamilie von der Pflügearbeit heimziehen, das 
Kameel schleppt den Pflug nach über das flache Land. Wir sehen 
eine Karawane ermüdet und der Rast entgegen hoffend auf uns 
zuziehen, während in der Sonne die Pyramiden in silbergrauer 
Abenddämmerung verschwimmen. Der Wasserschöpfer, der das Nil 
fruchtland berieselt, ist in letzter Thätigkeit, auf dem breiten Strome 
aber, an dem wir die weissen Mauern einer Stadt im Abendscheine 
leuchten sehen, ziehen die Schiffe heim und Fellahfrauen stehen im 
Ufemassen und schöpfen ihre Krüge voll. Rothschimmernde Felsen 
gebirge zeigen in der Ferne den letzten Glanz der Abendröthe. 
So leben wir alle Stimmungen des morgenländischen Abends mit 
durch und freuen uns bei aller deeorativer Anlage des Ganzen 
doch an der Weichheit und Luftigkeit dieser Malerei. Eine ganz andere 
Farbensprache redet Paul Meyerheim, dessen zahlreiche Orientskizzen 
in flotten, schweren Farben uns eine Reihe von Scenen des Lebens 
schildern,wie sie der Maler auf Studienreisen mit wenigen Strichen, 
aber festen bezeichnenden Zügen auf die Leinwand bannt. Wir 
sehen den Tempel von Luxor, wir sehen in der Wüste von Helouan 
den trefflich skizzirten Cadaver eines verendeten Pferdes, wir 
wandern mit dem Künstler durch Rosenölbazare, sehen den Schuster 
zu Kairo bei der Arbeit, lernen die schöne Hamida kennen, be 
obachten den Eselsjungen in Kairos Gassen und unterhalten uns 
mit dem farbigen Muhammed. Schier rembrandtische Palette aber 
mischt Faber du Faur, wenn er uns die Gestalten der 
Rosse malt, die von der Weide heimkehren, die Schaafe, 
die Kameele. Das überrascht umsomehr, als man meinen 
sollte, nur eine ganz lichte Farbengebung könne den 
leuchtenden Erscheinungen des Orients entsprechen, aber wir beob 
achten auch hier, dass die Maler, wo sie auch hinkommen mögen 
in dieser Welt, ihre Augen in sehr verschiedener Weise grundirt 
haben und dieselben Dinge mit sehr verschiedenen Empfindungen 
ansehen. So schildert uns R. v. Ambros eine moslemitisehe 
Knabenschule, die nicht, nur unsere Sittenkenntniss in erfreulicher 
Weise anregt durch die lebendige Art, mit welcher sie uns in das 
Treiben der gelehrten Araberjugend Einblick thun lässt, sondern 
auch technisch merkwürdig ist durch die leichte Flächentechnik 
des Vortrages. In das Boudoir einer Haremskönigin führt uns Fereniz 
Eisenhut. Umgelagert auf dem Divan ruht sie, während eine braune 
Märchenerzählerin ihr die Geschichten aus tausend und einer Nacht 
erzählt. Sehr fein und wahr ist auf diesem Bilde die Ausführung der 
Stoffe, der seidenen Gewänder, der persischen Teppiche und Pfühle. 
Den Araber im Beten lässt uns L. Zillo belauschen; wie die Frauen 
aber an den Gräbern des Chalifen trauern, zeigt uns A. Brasch. 
Bedeutend sind auch einige gutstudirte Köpfe und Genrescenen von 
Kuhnet, aber auch das weniger Bedeutende wird man hier an Ort 
und Stelle mit einem sachlichen Interesse für den Gegenstand 
selbst betrachten. Es ist ein eigenes Gefühl, wenn man soeben 
durch die wirklichen Gassen des nachgeahmten Kairo gegangen ist, 
eine »Gasse in Kairo und Moschee« von Zigera gleichsam im Spiegel 
bilde anzuschauen. Die Phantasie fühlt sich bereichert, die Erin 
nerung des Reisenden angenehm angeregt, das Fremdartige wird 
uns vertraut und mit einem Gefühle, als wären die strammen 
Söhne des Nillandes unsere näheren Landsleute geworden, treten wir 
wieder in die Gassen der schnell in den märkischen Sand gezauberten 
Wunderstadt, wo eben dieser Sand uns die holde Verwechslung, es 
müsse der Sand der Wüstenländer sein, traumhaft vor die Sinne 
täuscht.
	        
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