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Periodical volume Nr. 43, 30. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Internationale Hunde-Ausstellung. 
[Abdruck verboten.! 
Der moderne Hund ist zum Werthobject geworden. Er erzielt 
Preise, die Schwindel verursachen ; er hat seinen Stammbaum, wie das 
stolzeste Rennpferd, und es giebt Hundenamen, vor denen die ge 
summte Sport- und Züchterwelt ehrfurchtsvoll den Hut zieht. Ein 
bissiger Köter darf heutzutage kaum noch ein anständiger Hund 
genannt werden, der auf Erziehung und Familie Anspruch erhebt. 
Der Hund hat seinen eigenen Gerson und seinen eigenen Bleich 
röder, er ist das »sin de siede «-Geschöpf unter den Vierfüsslem. 
Seit gestern aber leben wir inmitten des »Hunde-Milieu«, 
und wer einen tiefen Blick in eine Hundeseele thun will, richte 
seine Schritte schleunigst nach Portal II unserer Ausstellung. Man 
spaziere getrost durch die Reihen der Hunderiesen und Hundezwerge 
und behalte stets den Spruch im Gedächtniss, dass die Hunde, die 
viel kläffen, noch lange nicht heissen. Beherzigt man diese grosse 
Lebenswahrheit, so wird man ohne zerrissene Beinkleider und höchst 
befriedigt von dem Gesehenen das Terrain der Hunde-Ausstellung 
wieder verlassen. Auch scheide man in sich streng den Hunde 
forscher von dem Hundepsychologen, je nach Geschmack, Neigung 
und Wissen. 
Der Erstere darf stolz sein auf die Leistungen der deutschen 
Hunde-Züchterei, welche auf Veranstaltung des Deutschen Jagd- 
Clubs und des Zwingerverbandes der Züchter von Luxushunden 
und Foxterriers in Treptow augenblicklich vorgeführt werden. 
Der sittliche und züchterische Ernst der Ausstellung tritt auch 
dem Laien sofort vor Augen, wenn er sieht, wie wenig Werth 
hier auf all’ das Getändel gelegt wird, welches einen Hauptreiz 
und ein Hauptargument vorausgegangener Hunde - Ausstellungen 
bildete. Kein Körbchen, worin allerliebste Miniatur- und Schooss- 
hündchen mit blauen Bändchen um das Hälschen ruhen und höchst 
missgestimmt sind über das nothgedrungene Verlassen des behag 
lichen Heims und des molligen Schoosses der Herrin. Keine 
Riesenfettbestien, die nichts weiter als Abnormitäten sind in dem 
gewöhnlichen Verlaufe eines mehr oder minder bedeut ungsvollen Hunde 
daseins. Hier zeigt sich nun wirklich Veredlung, Kraft — mit einem 
Worte Rasse. Der Hund, der nicht auf letztere hält und auf sie 
hin erzogen und geboren wird, hat wie auch jeder überflüssige 
und faule Mensch seinen Beruf verfehlt. Ferner Ult sofort auf, 
dass auch die Rassezüchterei neben ihrer praktischen Bedeutung 
der Mode ihren Tribut zahlen muss. Wer erinnert sich nicht der 
garnicht allzu rückwärts gelegenen Zeiten, in denen der riesige 
Neufundländer der Abgott und der Stolz aller Hundefreunde war? 
Man schlage den Katalog unserer heutigen Aufstellung auf 
und man findet diese Gattung Vierfüssler kaum mit 
einem halben Dutzend Nummern vermerkt. An ihrer Stelle 
hat das nationale Gefühl die deutsche Dogge geschaffen 
und auf den ersten Platz gesetzt. Auch der Mops ist ver 
schwunden, eine aus England zu uns herübergekommene »Mode- 
krankheit«, die sich in dickwanstigen hässlichen Abnormitäten gefiel. 
Und wie wurde nicht gerade dieses gehässige kleine Ungeheuer von 
den schönsten Damen verhätschelt und verzogen! Wie der Mops 
eine Entartung der englischen Dogge mit der Doppelnase — auch 
ein schöner Typus! — bildete, so folgt dem ersteren jetzt der viel 
edlere Terrier in seinen vielen Gestaltungen und Erscheinungen, 
der als Luxushund ein weit sympathischeres Aussehen hat und 
nebenbei auch einen praktischen Werth besitzt. Das neueste 
Modeobject auf dem Hundezuchtmarkt aber ist der hochbeinige, 
krummrückige, windschnelle russische Jagd- und Windhund, der 
Barsoi, dessen Zucht in Deutschland überraschend schnell eine 
grosse Ausdehnung genommen und schon ausgezeichnete Erfolge 
erzielt hat. Der Barsoi hat den körperlich eleganteren, aber ihm 
an Kraft, Wildheit und edlem Blute weit unterlegenen englischen 
Windhund abgelöst. Gut gepflegt und gut ausgebildet aber bleibt 
nach wie vor die Rasse der deutschen Vorstehhunde, der Bracken 
und Dachshunde, und des edelsten, menschenfreundlichsten aller 
Hundegeschöpfe, des Bernhardiners. 
Wer getraute sich wohl, in einer Hundeseele zu lesen! Was 
denkt sich eigentlich solch ein Hund, wenn er sich urplötzlich aus 
seiner ihm vertrauten Umgebung nach Treptow in die Ausstellung 
gebracht und von tausenden von Menschen angestarrt sieht! Wei 
noch nie eine solche Hunde-Ausstellung gesehen und erlebt hat 
urtheilt wahrscheinlich zu Unrecht, dass ein grosser Hund untei 
solchen Umständen sich höchst aufgeregt benimmt, der kleine abei 
ergebungsvoll in sein tückisches Schicksal sich findet, dass de’ 
eine unentwegt im Bass, der andere im Diskant sein dreitägige« 
Boxleben beklagt. Alles das trifft durchaus nicht zu. Jeder klein« 
oder grosse Hund hat sein eigenes Temperament, seine eigen« 
Natur; Rasse und Statur thun nichts zur Sache, ebensowenig eir 
kleinerer oder grösserer Hundeverstandskasten, gemeinhin Gehirr 
genannt. Das so etwas nicht in Ruhe abgeht, wer will es be 
zweifeln. Das Präludium, von dem wir gestern schrieben, hat siel 
in ein ohrenbetäubendes Vocalconcert verwandelt, aber seine Töne 
.gelten nicht allein dem bösen Menschen, der den Hund an die 
Kette legt. Auch ein edler Hund bleibt frei und wäre 
er in Ketten geboren! Aber er verlangt eine gewisse 
Gleichberechtigung gegenüber seinen Stammes- und Rassegenossen, 
Er kann es nicht ertragen, dass ein Nebenhund von seinem Herrn 
oder seiner Herrin liebevoll getröstet wird, während er das schöne 
Koschat’sche Lied in sich hineinknurrt: »Verlassen, verlassen, 
verlassen bin ich!« Er kann es nicht verstehen, warum 
neben ihm sein College plötzlich zur Prüfungscommission ab 
geführt wird, also zu einer verhältnissmässigen, wenn auch 
nur vorübergehenden Freiheit, während er selbst im Torfstreu 
weiter über ein fluchwürdiges Dasein brüten muss; kurz, er kann 
nicht verstehen, warum man sich nicht wenigstens beriechen darf, 
was in der Hundesprache eine neue Bekanntschaft machen bedeutet 
Und über diese Ungerechtigkeit bricht Herr und Frau Hund in 
jenes melodische Geheul aus, welches man fälschlich so auslegt, 
dass dem Hunde seine eventuelle Pramiirung, wegen deren er doch 
eigentlich nach Treptow gekommen ist, höchst gleichgültig bleibt, 
Steht da in der Collectiv-Ausstellung neben den Barsois des Kaisers 
No. 67 eine weisshaarige Hündin Wjuga, Eigenthum eines der erfolg- 
reichstenBarsoi-Züchters Deutschlands, des Geheimr.Schirmer, Friedenau. 
Das wahrhaft prächtige Thier drückt bereits das Gewicht einiger dreissig 
erster Preise; es ist ausser Concurrenz und unverkäuflich. Sage 
mir einer, was er will — aber diese Hündin blickt so blasirt und 
gelangweilt in die Welt, wie nur irgend ein erster Stern am Kunst 
himmel, dem die ewige Lobhudelei schon langweilig geworden ist. 
Und No. 20, Lubim vom Chan aus der Lebedka, ein jugendfrisches 
Thier mit einem Fell wie die zarteste Flockenseide, dem der 
Uebermuth nur so aus den Augen blitzt — es sollte nicht wissen, 
dass es unter 3000 Mark nicht zu haben ist? 
Ja, es war ein malerisches, buntes Durcheinander, das gestern 
in der Hunde - Ausstellung wogte. Die Preisrichter der vielen 
Gruppen standen ernst und würdig in ihren Abschlägen und liessen 
die ausgestellten Hunde in langen Reihen an sich vorüberziehen. 
Eigenthümer und Liebhaber, unter ihnen viele Gutsbesitzer und 
Förster, aber auch viele Damen, liessen es sich nicht nehmen, in 
eigener Person die vierbeinigen Geschöpfe ihrer Wahl und vielleicht 
auch Qual vor die Schranken der Gestrengen zu führen. Hier ein Bild 
rührenden Wiedersehens zwischen dem Gebieter und seinem Hunde, 
hier des stummen Schmerzes über das Verlassensein; hier ein trau 
liches Zwiegespräch an der Box zwischen dem Herrn und seinem 
Eigenthum, dort beredte Versuche mit Schweifwedeln und Zungen 
schlag, vergeudet an jeden Vorübergehenden und darauf zielend, 
den Besucher zu bestechen und zu verführen, die eiserne Kette 
der Treptower Box zu lockern, zu lösen. Ueberall aber fleissiges 
Füllen der Wassernäpfe, denn bellen macht durstig. Daneben 
Zähnefletschen und hasserfüllte Raserei bissiger deutscher 
Schäferhunde und Doggen gegen Besucher, die sich erkühnen 
wollten, ihnen allzunabe zu kommen. Manchem dieser Unholde 
war daher die Zwangsmaassregel eines Gitters und eines Maulkorbes 
applicirt worden. Unter den Barsois namentlich wurde strengste 
Zellenhaft vielfach zur Pflicht gemacht. Die Barsois des Kaisers 
(No. 17, 18, 19, 37 und 38 des Katalogs) zeichnen sich dagegen 
sowohl durch einen wundervollen Wuchs und schöne Farben, wie 
durch eine äusserst noble und vornehm freundliche Gesinnung 
aus. Nach den Barsois ist «lie interessanteste Gesellschaft, 
weil uns noch am fremdesten, die der vielen Terriers, die 
der Black and tan, der struppigen Airedale, der weissen 
Bullterriers mit den röthlieh umränderten Augen und der 
glatthaarigen und drahthaarigen Foxterriers, erstere mit ihren elown-.
	        
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