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Volume Nr. 42, 29. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Auftreten des amerikanischen Dirigenten, der übrigens auch ein an 
erkannt bedeutender Violinist ist, allgemeine Beachtung. Herr 
Franko liegt die Hoffnung, noch einige Male in der Ausstellung 
den Dirigentenstab schwingen zu können, zumal er von dem 
Aufenthalt in Berlin, von der Aufnahme, die er hier gefunden, von 
den Schönheiten unserer Ausstellung geradezu begeistert ist. 
V 
Nahan Franko, über dessen Dirigenten-Erfolg im gestrigen 
Ausstellungs-Concert wir oben berichten, wird, wie wir erfahren, 
im Laufe des Monats Juni auf den besonderen Wunsch des 
Prinzen von Wales nach London kommen. Der Prinz lässt 
sich portraitiren, und die stets zweistündige Sitzung vor dem 
Maler soll durch musikalische Kunstleistungen, für die der 
englische Thronfolger schwärmt, angenehm gekürzt werden, 
Mit diesem Aufträge ist Herr Kapellmeister Nahan Franko beehrt 
worden. Am 10. Juli muss er wieder in New-York sein, doch 
gedenkt er im nächsten Jahre auf einer grossen Tournee mit 
seiner echt amerikanischen Kapelle nach Berlin zu kommen. 
V 
Die Ausstellung historisch merkwürdiger 
Gegenstände (Möbel, Waffen, Bilder, Stadtansichten u. A. m.), 
die der Verein für die Geschichte Berlins in der Heiligegeist 
kirche in Alt-Berlin veranstaltet, wird am Montag eröffnet. Die 
Ausstellung, die eine hochinteressante Illustration des haupt 
städtischen • Culturlebens früherer Jahrhunderte bilden wird, kann 
unentgeltlich besichtigt werden. 
V 
Von den Marineschauspielen geht uns die Mittheilung 
zu, dass die Ursache des Missglückens der Bomben während der 
ersten Vorstellung des Feuerwerks der Girandola in der Feuchtig 
keit und Nachgiebigkeit des Sandbodens zu suchen ist, wie sich 
bei der sofort vorgenommenen Untersuchung herausgestellt hat. Es sind 
ferner nur einige wenige Fälle zu Kenntniss der Direction gekommen, 
dass das Publikum Brandschäden zu erleiden hatte; auch ist ein 
Matrose nicht von einem herumfliegenden Bombensplitter verletzt 
worden, sondern durch eigene Unvorsichtigkeit beim Laden eines 
Schiffsgeschützes. Nichtsdestoweniger werden von nun an ausschliess 
liche Fronten- und Brillantfeuerwerke vorgeführt und zwar in einer 
Form, wie sie Berlin noch nicht gesehen hat. Jeder hochfliegende 
Körper ist für die Folge unter allen Umständen ausgeschlossen. 
Das nächste Feuerwerk dürfte am kommenden Mittwoch stattfinden; 
das Programm desselben werden wir unseren Lesern rechtzeitig mit 
theilen. 
V 
Der Fesselballon hat andauernd unter dem Einflüsse 
des trotz der heissen Witterung in den oberen Regionen stark 
wehenden Windes zu leiden; nichtsdestoweniger hat er während 
der 8 Tage der Ausübung seiner Thätigkeit durchschnittlich 
40—50 Auffahrten an jedem Tage machen können, bei denen er 
stets einige hundert Passagiere mitführte. Den Ausstellungsplatz 
besuchen täglich mehrere tausend Personen, und, da seit wenigen 
Tagen eine gute Kapelle unter Leitung des Musikdirectors 
Lehmann das Schauspiel doppelt anziehend macht, so ent 
wickelt sich auf dem geräumigen Gelände jeden Nachmittag ein 
buntes Leben und Treiben. Wie der Fesselballon dem ganzen 
Vergnügungsparke einen ganz besonderen eigenartigen Anstrich ge 
geben hat, so macht es auch Spass zu betrachten, dass die Auf 
fahrten selbst geradezu zu einer Art Familienunterhaltung 
werden. Es ist in den letzten Tagen wiederholt vorgekommen, 
dass ganze Familien an der Auffahrt theilgenommen haben — 
natürlich darf dort oben kein Kaffee gekocht werden. Viele, die 
zu einer Zeit kamen, als der starke Wind die Auffahrten vereitelte, 
behaupteten, sich um solche Kleinigkeiten nicht kümmern zu können; 
sie wären weiter- und sturmfest und hätten deshalb keine Furcht 
vor Abschwenkung von der geraden Linie des fesselnden Draht 
seils. Hauptmann Gross von der militairischen Luftschiffer-Abtheilung, 
der augenblicklich ausserhalb weilt, interessirt sich auch in der Feme 
für die Arbeiten des Continental-Ballons. Die Mittheilung, dass 
der Kaiser eine Auffahrt mit dem Fesselballon beabsichtige, ist 
dahin richtig zu stellen, dass der Kaiser sich einen genauen 
Bericht über das Unternehmen erbeten hat, da ein Fessel 
ballon von solchen Dimensionen und einer so ausserordentlichen 
Sicherheit der Anlage etwas Neues in der Geschichte der Acre- 
nautik ist. Eine Auffahrt machte unter anderen auch Excellenz 
General von Görner mit. Die Ansicht des Biesen-Fesselballons wird 
demnächst auch unsere Depeschensäle im Pavillon der Ausstellung 
und Unter den Linden zieren. 
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Ein holländischer Irrgarten, der in Alt-Berlin 
eröffnet ist, bereitet allen Besuchern grosses Vergnügen. Ein 
mächtiges Thor in der Nähe der Spreeterrasse bildet den Eingang 
zu dem Labyrinth. Der Bau macht einen so harmlosen Ein 
druck, dass jeder etwas beleidigt ist, dass man ihn für 
so dumm halten könne, den rechten Weg nicht zu 
finden. Die verschlungenen Pfade sind mit hohem Draht 
gitter eingezäunt, an dem sich Epheu emporrankt. Man sieht 
durch die Maschen des Drahtnetzes seine Leidensgenossen herum 
irren, jeden Augenblick glaubt man den »Tric« gefunden zu haben, 
aber schliesslich sieht man sich immer wieder an der Stelle, wo 
man ausgegangen ist. Nur nach langem Suchen gelingt es, die 
Treppe zu dem Thurm zu erreichen, der im Innern des Irrgartens 
errichtet ist. Und kaum minder schwer wird es, den Ausgang 
zu finden. Das amüsanteste Schauspiel jedoch bietet sich vom 
Thurme aus. Man sieht die Aermsten, die sich hineingewagt, 
rathlos umherirren, bald hierhin bald dorthin, in der sicheren Hoff 
nung, jetzt endlich des Räthsels Lösung und den Ausgang gefunden 
zu haben. »Nach links müssen Sie gehen!« ertönt es von oben. 
»Jetzt wieder links!« Richtig, da steht der Schlechtberathene 
i wieder vor dem ominösen Gitter. »Vom sichren Port lässt sich’s 
gemächlich rathen !« Aber der also Berathene ist stets der Geatzte. 
Der Irrgarten gehört zu den Hauptvergnügen von Alt-Berlin. 
b) In Berlin. 
Im Berliner Theater geht heute Abend um y 2 8 Uhr 
zum ersten Male Schillers »Wilhelm Teil« in Scene. Die 
Hauptrollen des Dramas sind folgendermaassen besetzt: Teil: Arthur 
Kraussneck; Gessler: Albert Bassermann; Attinghausen: Max Pohl; 
Rudenz: Victor Senger; Stauffacher: Paul Nollet; Walther Fürst: 
Caesar Beck; Roesselmann: Otto Graul; Johannes Pamcida: Willy 
Grunwald; Armgard: Marie Pospischil; Gertrud: Marie Bruckmüller; 
Hedwig: Hedwig Schimura; Bertha von Brunneck: Marie Schmidt; 
Jenni: Elsa Fritsch; Seppi: Josefine Richard; Walther: Gertrud 
Müller. 
21. K. in Thorn. Wir danken Ihnen für die Einsendung dei 
dortigen Zeitung; dass unser Karpfenteich mit dem Bodensee ver 
glichen wird, kann ihm nur schmeicheln. Der Artikel ist sehr launig. 
Wir können ihn aber nicht ganz zum Abdruck bringen und begnügen 
uns mit dem Anfang, welcher lautet: „Wie im Bodensee alle mög 
lichen Staaten mit ihren Gebieten zusammenstossen, so weist auch 
der Karpfenteich in Treptow an seinen Ufern die verschiedenste Be 
völkerung auf. Auf der einen Seite hauptsächlich Bewohner der nörd 
lichen Zone; die einen haben sich hier in luftigen Gebäuden nieder 
gelassen und verwenden die grösste Zeit des Tages auf die Herstellung 
einer braunen Flüssigkeit, welche hauptsächlich den Beifall der Damen 
findet und Chocolade genannt wird. Es ist offenbar eine Nieder 
lassung der germanischen Rasse, die wir hier vor uns haben. Doch 
schon wenige Schritte weiter umfängt uns unvermischtes Wendenthum. 
Wir glauben mitten im Spreewalde zu sein und fühlen uns in die 
Zeit des Markgrafen Gero zurückversetzt. Einfach sind hier Bauten 
und Sitten und gottlob auch die Preise. Wir liessen uns hier am 
Gestade des Wassers nieder, um zunächst einmal Rundschau über 
den Seeverkehr und die weitere Umgebung zu halten. Da lag vor 
uns eine feste, sichere Stadt; hohe Mauern und Zugbrücken schützten 
sie gegen Angriffe von der Land - und Seeseite. Ein alter Wende, 
der seinen Meth aus einem Seidel in langen Zügen schlürfte, erzählte 
uns, dass die Stadt dort drüben auch einst ein Fischerdorf gewesen 
wäre. Die Germanen hätten sich aber dort niedergelassen, den Platz 
befestigt, und jetzt wäre Berlin für die Wenden verloren. Nur der 
Name der Stadt ist noch wendisch, aber die Bevölkerung ist deutsch 
und gehorcht deutschen Markgrafen.“ 
Ein Abonnent. Berlin ist die grösste Industriestadt des Con- 
tinents. Der Einwohnerzahl nach ist sie allerdings die grösste 
Fabrikstadt der Welt.
	        
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