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Periodical volume Nr. 41, 28. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
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Schlesierin bedient wird, und einem englischen mechanischen Web 
stuhl, an dem ein Meister arbeitet, der darauf Zwimstoff für Frauen 
kleider webt. An dem einfachen Karrierstuhl lässt sich die 
Manipulation der Herstellung des Gewebes auch vom Laien leicht ver 
folgen, den Antrieb giebt ein Elektromotor. — Der hintere Ausbau 
des Häuschens stellt eine schlesische Handweberstube vor. Ein grosser 
Jacquardstuhl mit einer aus 600 Blättern bestehenden Karte nimmt die 
Mitte ein, der Stuhl wird von einem Weber mittels eines Tritt 
schemels bewegt, wobei sich die Musterkarte ab- und wieder auf 
rollt, wodurch das Muster von Zeit zu Zeit wiederkehrt. Auf dem 
Stuhl werden bunte baumwollene Tischdecken erzeugt, wie sie in 
den Berliner Restaurants viel im Gebrauch sind. Neben dem 
Stuhl steht ein altes Treibrad, welches bei vielen Besuchern aus 
den Webereibezirken theils angenehme, theils fatale Er 
innerungen an die Jugendzeit wecken wird. Das Spul- und 
Treibrad bannt nämlich Knaben und Mädchen c.n die Stube. 
Mochten draussen die Vögel singen und die Gefährten sich tummeln 
im Sonnenscheine, ehe der »Ziel« nicht gemacht war, musste das 
Rad unablässig gedreht werden, bis die 6 oder 8 Pfeifen ä 4 
Schnellen aufgetrieben waren. Unsere heutigen Grossindustriellen 
der Textilbranche haben alle ohne Ausnahme dieses einfache 
Instrument gehandhabt. Leider vermisst man in der Berliner 
Gewerbe-Ausstellung überhaupt die Stühle des alten Systems, die 
schweren Webstühle mit dröhnendem Schlag, der in stillen Nächten 
weithin vernehmbar war, bei denen die Schützen (Webschiffchen) 
mit der Hand durch die Kette geschoben und ebenso auf 
gefangen wurden, die Zeit, welche das Lied illustrirt: »Die Leinen 
weber haben eine saubere Zunft«, dessen Melodie das langsame 
Tempo der damaligen Weberei so glücklich wiedergiebt. Was für 
ein Fortschritt war der Schnellschütze, der durch eine Bindfaden 
vorrichtung mittels sogenannter Häringe durch Zucken an 
riner Strippe bewegt wurde. Wie vollkommen sind dagegen 
die heutigen mechanischen Webstühle, die das vielfache an 
Gewebe liefern und von denen mehrere durch einen Arbeiter be 
dient werden können. — Die sonstige Ausstattung der Stube ist 
sehr einfach, sie besteht aus einem Tellerbrett mit buntem Stein 
gutgeschirr, einer tickenden alten Wanduhr mit zinnernem Ziffer 
blatt, einem Tisch zum Ablegen und Durchsehen der Waare, 
darunter liegt bunte Baumwolle in Strängen, in einer Ecke steht 
ein Besen, die niederen epheubezogenen Fenster sind mit Kattun- 
vorhängen geziert. Das ist Alles. — Im Mittelbau sind 
Glasschränke ausgestellt, in denen weisse und bunte Leinen, 
Damaste, Jacquards, halbleinene und ganzleinene Bettstoffe, 
Handtücher und Schürzenstoffe ausgestellt sind, auch Baum 
wollstoffe, ferner aus den Erzeugnissen der Weberei ge 
fertigte Kleider, Blousen, Röcke, Schürzen, Damen- und Herren 
wäsche. Die braven, bescheidenen, schlesischen Arbeiter geben 
gern und freundlich Bescheid auf etwaige- Anfragen. Die Weberei 
bleibt auch über Pfingsten im Betrieb. Die Sonderausstellung 
gehört den vereinigten Webereien von Th. Zimmermann in Hausdorf 
und Gnadenfrei i. Schl., die in der Leipziger Strasse eine Filiale 
besitzen. 
S 
Dis Sanitätswache konnte in 17 Fällen erste Hilfe 
leisten, die besonders ein alter Herr wohlthuend empfand, der sich 
einen Bruch des rechten Unterannes zugezogen hatte. Unter den 
übrigen Fällen befanden sich Quetschungen, Schnittwunden und mehr 
fach Migräne. 
a) In der Ausstellung. 
Das Concert-Programm, welches das Orchester der 
Berliner Gewerbe-Ausstellung (Philharmonisches Blas-Orchester) heute 
(Donnerstag) zur Ausführung bringt, wird in seinem ersten Theil 
unter Leitung seines ständigen Dirigenten Herrn Baumann absolvirt 
werden, den zweiten und dritten Theil dirigirt der amerikanische 
Militair-Kapellmeister Mr. Nahan Franko, und zwar wird derselbe 
zuerst eine Reihe amerikanischer Compositionen, im dritten Theil 
Werke deutscher Autoren zu Gehör bringen. 
V 
Der Dramencyklus im Theater Alt-Berlin. Im 
Theater Alt-Berlin gingen aus dem historischen Dramencyklus gestern 
(Mittwoch) wieder zwei neue Stücke in Scene. Ein Schauspiel in 
einem Aufzuge und zwei Bildern »Gotzkowsky« von Adalbert 
von Haustein eröffnete den Abend. A. v. Haustein hat sich 
als Lyriker einen sehr vortheilliaften Ruf erworben. Dass er aber 
mit seinem lyrischen Talent auch dramatisches Temperament 
und Feingefühl für das Bühnenwirksame verbindet, bewies er 
mit seinem effectreichen Schauspiel »Die Königsbrüder«, das 
vor mehreren Jahren mit starkem Erfolge im Berliner Theater auf 
geführt wurde. Auch in seinem einaktigen Schauspiel »Gotzkowsky« 
gelangt das dramatische Temperament des Dichters zu energischem 
Ausdruck. Die aufopfernde That Gotzkowsky’s, des hochgesinnten 
Bürgers der preussischen Residenz unter Friedrich dem Grossen, 
bildet das Rückgrat der Handlung. In sehr geschickter 
Art wird die Spannung und die Steigerung erzeugt, indem 
sich der wichtigste Moment der Handlung, die Bürgschaft 
Gotzkowsky’s, mit der er unter Opferung seines ganzen Vermögens 
die Stadt Berlin rettete, sich nur unter vier Augen, nämlich zwischen 
Gotzkowsky und General Tottleben abspielt. Nur dadurch erscheint 
es möglich, das Gotzkowsky den Verdacht der Verrätkerschaft auf 
sich lenkte, einen Verdacht, von dem der grosse König bis an sein 
Lebensende nicht abzubringen war. Mit poetischer Freiheit führt 
der Dichter einen versöhnlichen Schluss herbei, indem Tottleben 
in einem besonders kritischen Momente erscheint und den König über 
den verborgen gebliebenen Vorgang aufklärt. Besonders interessant 
ist in dem kleinen Schauspiel die Charakterisirung der Personen, 
die in ihrem Thun und Lassen sich als Menschen von Fleisch und 
Blut bekunden. Jedenfalls hat Adalbert von Haustein mit seinem Werke 
abermals bewiesen, dass man von ihm in Zukunft auf dramatischem Ge 
biete noch manches Gute erwarten darf. — Das zweite Stück, das 
gestern zur Aufführung gelangte: »An mein Volk« von Axel Delmar, 
ist ein Genrebild aus dem Jahre 1813. Dramatisch sehr lebhaft 
bewegt und in seinem in Berlinischer Mundart gehaltenen Dialog 
voll witziger Pointen ist das Ganze eigentlich nur eine lebens 
volle Schilderung der ernsten Stimmung de. Berliner Bevölkerung 
zur Zeit der Befreiungskriege. Beide Stücke waren vortrefflich 
inscenirt; besonders glänzend und charakteristisch war das 
scenische Bild des Winterlagers in Schlesien, 
V 
Die Girandola, jenes römische Prachtfeuerwerk, welches 
bei seiner ersten Vorführung am Dienstag in den Marine-Schau 
spielen einen so ungetkeilten Beifall fand, erregte auch das 
Interesse des Kaisers bei seinem gestrigen Besuche in den 
Marine-Schauspielen ungemein. Wie wir seiner Zeit mitgetheilt 
haben, ist es dem Kaiserpaar bei dessen letzten Anwesenheit in 
Rom der anarchistischen Umtriebe halber nicht möglich 
gewesen, das Schauspiel der Girandola zu gemessen. Der 
Kaiser bedauerte, von der Ausführung derselben am Dienstag 
nicht benachrichtigt worden zu sein. Er erkundigte sich, wann 
das nächste Feuerwerk stattfinden werde. Herr Leps antwortete 
ihm: »Am nächsten Mittwoch.« Der Kaiser sagte darauf sein 
Erscheinen zu und ersuchte um pünktliche Benach 
richtigung. In dieser nächsten Vorführung des römischen Feuer 
werks werden alle hochgehenden Körper fortgelassen 
werden. Man will dagegen ein Illuminations-Feuerwerk schaffen, 
wie es hier noch nie gesehen worden ist.— Wir hatten unseren Lesern ver 
sprochen, ihnen einige geschichtliche Daten über das unvergleichliche 
Schauspiel der Girandola mitzutheilen. Die eigentliche Girandola ist 
jener mächtige Facadenbau, der in den Marine-Schauspielen einen 
Leuchtthurm darstellt und durch seinen blendenden Farbenglanz 
das Publikum zu stürmischen Beifall hinriss. Diesen Bau, der 
durch die Jahrhunderte alle erdenklichen Formen und An 
sichten annahm und auch hier alle vier Wochen ein neues 
Gesicht zeigen wird, erfand thatsächlich Michelangelo, der 
geniale Bildhauer und Baumeister; ihn vervollständigte Cavaliere 
Bernini, der Vollender der Peterskirche in Rom. Dieser erfand noch 
dazu den grossen Fächer von vielen tausenden Raketen und zwar 
in Nachahmung eines Vesuvausbruches. Unter Papst Julius HI.
	        
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