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Volume Nr. 4, 22. Februar 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Gfstrielle ArrsfteUungs-Nachrichle«. 
„Das macht nichts aus! Jeder Berliner hat die Pflicht, 
während der Ausstellungszeit in Berlin und wenn möglich in der 
Ausstellung zu sein. Es darf sich kein Berliner davon drücken, 
„Staffage" in der Ausstellung zu machen! Jeder Bürger hat 
die Pflicht, Hansenweife zu wimmeln, Hurrah zu schreien, an- 
wesend zu sein! Ohne große Volksmasse hat die ganze Aus 
stellung keine Wirkung, kein Ansehen! Ich erfülle meine Bürger 
pflicht, wenn ich als Volksmasse auftrete!" 
Max war ganz in Eifer gerathen. Er ist wirklich ein sehr 
bedeutender Redner. Eigentlich müßte er schon längst Stadt 
verordneter oder Reichstags-Abgeordneter sein. Aber der Mann 
ist zu bescheiden! Er duldet es, daß sich andere Leute vor 
drängen, die lange nicht soviel können und verstehen wie er! 
„Das Geld, das wir sonst zu der Soinmerreise verbrauchen", 
fuhr er dann fort, „wird eben für die Ausstellung verwendet. 
Die Ausstellung bietet uns mehr Neues und Interessantes als 
zehn Sommerreisen! Wir Alle, Du, ich, die Kinder, vermehren 
durch den häufigen Besuch der Ausstellung unser Wissen, wir 
fördern unsere Bildung, wie erweitern unsern Horizont!" 
„Ganz gewiß, lieber Max! Dagegen läßt sich nichts ein 
wenden! Auch ich fördere gern meine Bildung, trotzdem ich wohl 
sagen kann, daß ich eine gute Erziehung genossen habe und für 
eine Frau eigentlich Bildung genug besitze. Aber hast Du auch 
daran gedacht, was es für uns bedeutet, während der Haupt- 
Ausstcllungszeit in Berlin zu bleiben? Du und ich haben eine 
weitverzweigte Familie in der Provinz, Du und ich sind stolz 
darauf, einen großen Bekanntenkreis im ganzen Reiche zu haben, 
i'llle unsere Vcnvandtcn und Bekannten kommen zur Ausstellung 
nach Berlin!" 
„Natürlich habe ich daran gedacht, inein Kind! Ich weiß, 
was diese Invasion der Gäste bedeutet! Unsere lieben Verwandten 
und Bekannten werden bei uns wohnen wollen oder werden 
mindestens von uns erwarten, daß tvir sie durch die Ausstellung 
führen, daß wir ihnen Berlin zeigen, kurzum, daß wir uns ihnen 
zur Verfügung stellen!" 
„Das ist es, was ich fürchte! Ich glaubte sogar, es wäre 
,ür uns sehr praktisch gewesen, wenn ich wenigstens mit den 
lindern dieses Jahr uqch früher die Soinmerreise angetreten 
hätte und länger fortgeblieben iväre, als sonst. Dann gingen wir 
allen Unannehmlichkeiten und Verpflichtungen aus dem Wege!" 
„Daran ist nicht zu denken! Das hieße ja feige die Flucht 
ergreifen! Natürlich können wir nicht ruhig stillhalten, wenn 
unsere lieben Verwandten und Bekannten uns während der Aus- 
stellnngszeit in Anspruch nehmen wollen. Gingen wir darauf 
ein, so wären wir in wenigen Wochen pecuniair ruinirt und 
könnten nur gleich um Armen-Unterstützung einkommen! Das 
geht nicht! Ich werde einfach ein Circular drucken lassen und 
an sämmtliche Verwandte und Bekannte versenden. In diesem 
Circular werde ich ihnen inittheilen, daß es uns eben mit Rück 
sicht auf den kolossalen Besuch von außerhalb ganz unmöglich 
ist, unseren lieben Freunden »nährend der Ausstellungszeit irgend- 
wie zur Verfügung zu stehen. Die Leute tverden doch ein Ein 
sehen haben!" 
Ich ivar geradezu bestürzt über diese Worte meines lieben 
Mannes. 
„Max! Um Himmels willen Max! Mit einem gedruckten 
Circular willst Du bie Leute vor den Kopf stoßen? Das be 
deutet den Bruch aller verwandtschaftlichen und freundschaftlichen 
Beziehungen! Mit einem Schlage haben wir Hunderte von 
Feindschaften auf Lebenszeit, das bedeutet geradezu ein Unglück 
für uns. Das dürfen wir nicht thun . . . ." 
„Dann mache einen besseren Vorschlag!" unterbrach er 
mich ziemlich heftig. „Dann rede Du gefälligst! Ich werde 
mich nicht durch die Ansstellungsgäste rniniren lassen. Ich 
kann meine Beschäftigung, meinen Broderwerb nicht für mehrere 
Monate aufgeben und mich in einen unbesoldeten Fremdenführer 
verwandeln. Wir können uns nicht in Schulden stürzen, um 
unsere Gastfreundschafts-Pflichten zu erfüllen, ganz abgesehen von 
der kolossalen Belästigung, von der Mühe, Arbeit, Unbequemlich 
keit, Unbehaglichkeit im eigenen Heim, die uns durch die Gäste 
drohen! Jeder ist sich selbst der Nächste. Außer den Pflichten der 
Gaststeundschaft haben wir auch noch Pflichten, heilige Pflichten 
gegen uns selbst und unsere Kinder! Wenn Du also keinen besseren Vor 
schlag zu machen hast, dann laß mich gefälligst mein Circular versenden!" 
Ich merkte, daß ein ehelicher Zwist drohte und schwieg! 
Was soll aber nun werden? 
Ich weiß keinen Rath! 
Lassen wir die Gäste über uns kommen, so sind wir notorisch 
ruinirt, und weisen wir die Gäste ab, so verlieren wir für immer 
unsere Verwandten und Freunde und schaffen uns für Jahre 
namenlosen Aerger! 
Was sollen wir thun? 
Ich bin ganz verzweifelt!! — — 
Herr» T. M. in Charlottenburg. Der Paragraph 3 des 
„Programms der Berliner Gewerbe-Ausstellung" (angenommen in der 
Sitzung des Gesammt-Vorstandes vom 25. Januar 1894) lautet: „Ver 
einigungen und Corporationen, deren Sitz oder Vorort Berlin ist, können 
gemeinsame (Collectiv)-Ausstellungen aller ihrer Mitglieder (auch nicht in 
Berlin Wohnender) zur Vorführung bringen. Es sollen solche Collectiv- 
Ausstellungen besonders gefördert werden." 
A. M Lcipzigerstratze. Auch Bescheidenheit kann unangenehm 
werden, besonders wenn man die Absicht merkt. Darin geben wir Ihnen 
rechtl Der Satiriker I. H. Detmold sagt: „Bescheidenheit ist vor Allem 
dazu da, um desto größere Ansprüche zu machen, wie denn Bescheidenheit 
eigentlich nichts weiter ist, als der bekannte Kniff, daß man, um einen 
recht weiten Sprung zu thun, etwas zurückgeht." 
H. M. R. Die Zahl der Quadratmeter macht es doch nicht. Man 
kann auf einem einzigen Quadratmeter Sachen ausstellen, die so großartig 
und interessant find, daß die Sachen von mehreren hundert anderen Qua 
dratmetern dagegen gar nicht aufkommen. ^ 
Frau H. W., Köpenickerstratze. Wenn Sie während der Aus 
stellungszeit Wohnungen vermiethen wollen, so wenden Sie sich an Carl 
Stangen's Reisebureau, Berlin W., Mohrenstraße 10. Der Arbeits-Aus- 
schuß der Berliner Gewerbe-Ausstellung hat mit diesem Bureau einen Ver 
trag abgeschlossen, aufGrund dessen das genannte Bureau einen „Officiellen 
Wohnungs-Nachweis" übernommen hat. In diesen Nachweis werden 
alle für die Besucher der Ausstellung fteistehenden Wohnungen kostenstei 
eingetragen. Die Listen, in welche, die Eintragungen erfolgt sind, werden 
an die Wohnungsuchenden auf Verlangen ebenfalls kostenfrei versandt. Es 
steht somit jedem Einzelnen frei, sich mit den Vernriethern von Zimmern 
direct oder durch Vermittelung des „Officiellen Verkehrs-Bureau" der 
Ausstellung (Carl Stangen's Reise-Bureau, Berlin W., Mohrenstraße 10) 
in Verbindung zu setzen. Schon jetzt ist von dem Letzteren für die Dauer 
der Ausstellung eine große Anzahl Zimmer sowohl für feste Rechnung ge 
miethet, als auch in anderer Form gesichert worden, so daß sowohl für 
einzelne Reisende aller Klassen, als auch für Vereine und Gesellschaften in 
ausreichender Weise gesorgt sein wird. Vom 1. Mai ab wird Carl Stangen's 
Reise-Bureau außer seinem Haupt-Bureau, Mohrenstraße 10, auf allen 
Hauptbahnhöfen Berlins zum Zweck des Wohnungs-Nachweises für die 
ankommenden Fremden Bureaux errichten. 
Landwirth M. in K. Ueber die im Mai d. I. in Berlin statt 
findende „Mastvieh-Ausstellung" werden wir keine Berichte bringen. Mast 
vieh interessirt uns nur in gebratenem Zustande! 
Direktor H. St. Ihre freundliche Zusendung wird in der nächsten 
Nummer Verwendung finden. 
I. S. Die Berliner Theater und Vergnügungen werden wir in 
unserem Blatte erst mit Beginn der Ausstellung in eingehenderer Weise be 
rücksichtigen und so den Fremden auch ein treuer Führer sein durch das 
„Berlin, in dem man sich amnsirt". 
Herrn Q. P. in Berlin (Alexanderstratze). Wir werden nach 
Eröffnung der Ausstellung über Ihre Terrarien Bericht erstatten. 
Herrn Cafetier W. (Potodnnierstratze). Ueber Ihren Pavillon 
auf der Ausstellung berichten wir nächstens in einem Artikel, welcher die 
Privat-Gebäude der Ausstellung behandeln wird. 
Herrn Aug. E. (Köpenickerstratze). Wir können Ihnen, nach 
besonderer Anstage beim Arbeitsausschuß, nur mittheilen, daß Saison- 
Billets für die Ausstellung nicht ausgegeben werden.
	        
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