Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs - Nachrichten.
9
Die Kaiserliche Familie in der Ausstellung.
[Abdruck untersagt.]
Gestern (Mittwoch) bald nach zehn Uhr Morgens wurde die
Ausstellung abermals durch den Besuch Ihrer Majestät der Kaiserin
geehrt. In der Begleitung befanden sich der auf Urlaub hier
weilende Kronprinz Friedrich Wilhelm und sein Bruder Eitel Fritz
mit ihrem Militair-Gouverneur Herrn Generalmajor von Deines. Im
Gefolge der Kaiserin war nur Gräfin Brochdorfs und Graf Keller. Die
Kaiserin hatte sich strengstes Incognito ausbedungen und so war,
als die Herrschaften in zwei Hofkutschen in der Ausstellung ein
trafen, vom Arbeitsausschuss Niemand zum Empfange anwesend.
Auch während des Kundganges, der bis kurz vor ein Uhr währte,
begleitete keine officielle Persönlichkeit der Ausstellung die Kaiserin,
die Prinzen und deren Gefolge. Die Besichtigung begann mit
dem Hauptgebäude. Durch den Kuppelsaal begaben sich die
Herrschaften an der Ausstellung der Königlichen Porzellan-
Manufactur vorüber durch die Möbelindustrie zurück zum Mittel
schiff. Hier folgten sie dem Promenadenweg auf der rechten
Seite und bogen zuerst in die Gruppe für Elfenbeinschnitzereien
ein, woselbst besonders die Ausstellungen der Firmen Kosenstiel,
Hahn und Sauerwald besichtigt wurden. Eingehend geprüft wurden
ebenfalls die Spielsachen von Söhlke, Matthes und Casper. Von
der Hauptstrasse lenkten die hohen Besucher in die Abtheilung
für Lederindustrie ab, woselbst sie längere Zeit vor der Ausstellung
der Actien-Gesellschaft technischer Gummiwaaren, vorm. Schwanitz & Co.,
verweilten. Schnelleren Schrittes wurden die Gruppen für Wagenbau
durchmessen. Man machte erst Halt bei den Hufeisen mit ge-
theerten Taueinlagen, ferner bei einigen landwirthschaftlichen Maschinen.
Nun durchschritt die Kaiserin mit den Söhnen und der Begleitung abermals
die lange Halle und zwar auf der linken Seite, ohne sich irgendwo
besonders aufzuhalten. Erst bei der Ausstellung der Gladenbeck’schen
Kunstgiesserei verweilte die Kaiserin wieder, um ihre dort aus
gestellte Bronzebüste von allen Seiten in Augenschein zu nehmen.
Von dem Kuppelsaal begaben sich die hohen Besucher nach rechts
zum Pavillon, woselbst die dem Kaiser gehörigen Kunstgegenstände
ausgestellt sind. Damit war der Besuch des Hauptgebäudes be
endet.
Die Herrschaften nahmen nun ihren Weg an der grossen Fontaine,
dem Pavillon des »Berliner Lokal-Anzeiger« und der Ausstellung der
Stadt Berlin vorüber zur Sport-Ausstellung. Dort besichtigte die Kaiserin
mit regem Interesse den Ideal-Viererzug, während die Kaiserlichen
Prinzen die reichhaltige Collection der Brennabor-Fahrrad-Werke
eingehend in Augenschein nahmen. Ausserdem wurden die aus
gestellten Ehrenpreise sorgfältiger Beachtung unterzogen, und
hier legten namentlich die Prinzen Interesse an den Tag,
denn sie zogen ihren militairischen Begleiter von einem
Gegenstand zum anderen. Weiter ging es zum Alpenpanorama,
woselbst die Herrschaften eine Auffahrt unternahmen, dann hinüber
zum Musterstall, wo sie ebenfalls längere Zeit verweilten. Die
Kaiserin erbat sich von hier aus einen Sonderwagen der elektrischen
Kundbahn. Dieser kam nicht oder man beschloss anders, kurz die hohen
Besucher schlugen den Fussweg längs der elektrischen Rundbahn
nach Alt-Berlin ein. Herr Director Kaufmann erwartete hier die
Kaiserin und die Prinzen. Da aber überall das strengste Incognito
bewahrt werden sollte, so wurde ohne längeren Aufenthalt und
Führer die alte Stadt an der Spree besichtigt. Von Alt-Berlin aus
nahmen die hierher voran geeilten Hofwagen unterhalb der grossen
Uebergangsbrücke die Herrschaften auf und beförderten sie nach
der Araberstadt von Zanzibar. Man betrat hier zunächst die Kolonial
halle zu längerer Besichtigung. Nach dem Verlassen derselben
schenkte man dem Fesselballon von hier aus einige Aufmerksamkeit,
dann schritt man bis zur Verkaufshalle des Anker-Wetzstein von
Albert Meyer vor, woselbst die Kaiserlichen Prinzen einige Ein
käufe besorgten Nun ging die hohe Frau mit den Söhnen und
dem Gefolge über die steile Treppe hinüber in die Negerkolonieen.
Vor der Lazarethbaraeke des deutschen Frauenvereins' für die
Kölonieen ersuchte die hohe Frau den Generalmajor von Deines mit
dem Kronprinzen und dem Prinzen Eitel Friedrich voranzugehen.
Sie selbst verweilte längere Zeit in der Baracke, empfangen und
begleitet vom Betriebsdirector Lieutenant von Garczynski und dem
Oberstabsarzt Dr. Kohlstock. Die Kaiserin drückte ihre
völlige Befriedigm\g über die Einrichtung des Tropen-Lazarethes
aus. Sie folgte sodann den vorausgegangenen Söhnen nach der
Tembe, woselbst die Eingeborenen alle ihre Künste und Gesänge
aufboten, um die hohen Besucher zu ehren. Leider war es schon
spät geworden, — es fehlte nur wenig an 1 Uhr — dass hier
die weitere Besichtigung abgebrochen werden musste. Die Ein
geborenen sassen bereits in ihren flinken, schmalen Booten, um ein
Wettrudern auf dem Karpfenteiche zu veranstalten, woselbst bereits
der Springbrunnen aus dem Felskegel arbeitete, aber die Prinzen
mussten sich, wie es schien, sehr ungern von dem malerischen
Bilde losreisen, um pünktlich auf dem Kaiserschiff einzutreffen.
Die Prinzen trugen auf ihrem gestrigen Besuche der Ausstellung
Matrosenanzüge und Strandschuhe. Die Kaiserin war in Schwarz
gekleidet.
e
Um l*/ 4 Uhr traf die Kaiserin, von einer Hofdame begleitet,
auf dem Kaiserschiff »Bremen« ein, wo sie von dem Erbauer des
Schiffes Herrn Architekt Bauer empfangen und, nach den Kaiser
zimmern geleitet, zunächst die Toilette wechselte. Zehn Minuten
später fuhren auch die Kaiserlichen Prinzen mit ihrem Gouverneur
vor. Um l s / 4 Uhr erfolgte die Ankunft des Kaisers, der wieder
den Wasserweg auf der »Alexandra« gewählt hatte, Marineuniform
trug und bei seiner Landung von den stürmischen Hochrufen der
Tausende begrüsst wurde, die sich angesammelt hatten. Capitaii
z. 8. Kenter empfing den hohen Gast am Eingang und geleitete ihn
zu den Schiffsmodellen im Parterresaal, die der Kaiser eingehend
besichtigte und sich hierauf nach oben begab, wo ihn die Herren
Architekt Bauer, Gommereienrath Pfaff und Director Lorenz empfingen
und ihm auf dem Rundgang, an dem auch die Prinzen Theil nahmen,
als Führer dienten. Nach Beendigung desselben wurde in dem
Speisesaal des Schiffes ein von Adlon & Dressei im Hauptrestaurant
zubereitetes Frühstück von 15 Gedecken servirt. An demselben nahmen
ausser der Kaiserfamilie u. A. Herzog Ernst Günther von Schleswig-
Holstein, der Oberhofmeister Graf Eulenburg, Generalmajor v. Deines,
Graf Egloffstein, Oberst v. Braun schweig, Baron v. Plessen Theil
Zu dem Dessert trafen um ] / 2 3 Uhr noch die drei jüngsten
Kaiserlichen Prinzen ein. Die höchst geschmackvoll gedeclrte Tafel
war mit einem auserlesenenen Blumenschmuck geziert und erregte
namentlich ein Korb prächtiger Ericas die Aufmerksamkeit der
Kaiserin, während der Kaiser sichtlich Gefallen an dem ausser
ordentlich schönen, französischen Obst fand, unter dem besonders
die Riesenerdbeeren auffielen. Das in deutscher Currentschrift her
gestellte Menu lautete: Frühstückstafel Sr. Majestät des Kaisers:
Gebackene Steinbutte — Ochsenrippenstück mit Gemüse — Junge
Gänse, Früchte, Salat — Ananas — Eis — Butter und Käse —
Obst, wozu Kothwein in Caraffen, Brauneberger Mosel und Heidsieck-
Sect getrunken wurde. Ausserdem liess sich der Kaiser aus dem
Münchener Bürgerbräu Bier holen, das er für sehr wohlschmeckend
erklärte. Während des Frühstücks herrschte unter den hohen
Gästen eine sehr animirte Stimmung. Nach Aufhebung
der Tafel sprach der Kaiser den Herren Adlon & Dressei
seine Anerkennung aus und erkundigte sich in leutseligster
Weise, ob sie mit ihrem Geschäftsgang zufrieden seien, was
seitens der Herren bejaht wurde. Nach einer abermaligen
unter Führung des Herrn Architekten Bauer vorgenommenen Be
sichtigung der oberen Schiffsräume wohnten die allerhöchsten Herr
schaften einer Tauchervorstellung bei, die namentlich bei den
Kaiserlichen Prinzen das höchste Interesse erregte. Um 3y 2 Uhr
verliessen die hohen Gäste das Schiff, über dessen Ban und Aus
stattung sich der Kaiser Herrn Architekt Bauer gegenüber wieder
holt lobend geäussert hatte.
V
Vom Kaiserschiff aus begab sich die Käiserfamilie nach den
Marine-Schauspielen. Lange vor Eintreffen des Kaisers in den
selben zeigten diese ein erwartungsvolles, ausverkauftes Haus. Wir
gehen nicht fehl, wenn wir den Besuch des Kaisers daselbst als
den Höhepunkt des gestrigen Kundgangs des Kaiserpaares durch
die Ausstellung bezeichnen. Es waren zu diesem Besuche
gegen dreissig höhere Officiere unserer Kriegsmarine, an der Spitze
Admiral Knorr, die Vice-Admirale Sendcn-Bibran und Karcher
befohlen worden, für welche unter der Kaiserlichen lüge am See
Plätze reservirt waren. Um halb vier Uhr fuhr die Kaiserin mit
den fünf Prinzen vor und erschien an der Brüstung der Kaiserlichen
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