Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

T
Officielle Äussteil‘ülftchten.
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Architektur unter den Künsten in erster Reihe steht, darüber
kann kein Zweifel walten. Der Bau des Hauptausstellungspalastes
und des gegenüberliegenden Erfrischungspalastes, malerisch
um den See gruppirt, ist ein ebenso originelles, als
ausdrucksreiches Meisterstück der Baukunst. Bruno Schmitz,
der geniale Architekt, der wie Wenige die Spannkraft der
architektonischen Phantasie besitzt, welche den Charakter und die
Ansprüche modernen Lebens bewältigt, hat ein Werk geschaffen,
das immer schöner erscheint, je länger, je öfter man es be
trachtet. Gegenüber dieser lebensprühenden Improvisation mit der
stählernen, ritterlichen Physiognomie müssen die anderen Künste
zurücktreten, da ihre Werke ja von vornherein nur einen dienenden
Charakter haben können in dieser Umgebung und die Schnelligkeit,
mit der sie vollendet werden mussten, nur ganz leicht decorative
Behandlung zuliess. Wie weit es aber gelungen ist, einen solchen
decorativen Charakter von weittragender Wirkung zu erzielen, das
ist gewiss einiger näheren Betrachtung werth.
In der Kuppel der grossen Ausstellungshalle gewahren wir eine
grosse allegorische Darstellung von Klein-Chevalier, die inter
essant ist dadurch, dass sie nicht die üblichen antiken Personificationen
mit rebusartigen Emblemen sprechen lässt, sondern sich einmal einer
zeitgeinässeren Ausdrucksweise bedient. Da sehen wir mächtige,
musculöse Arbeiter mit der Hacke die Erde aufgraben und auf
schaufeln und die Schollen umlegen. Einen Feuerherd und Ambos
vor der Meeresküste sehen wir in der Nähe stehen. Wir blicken weiter
an dem allegorischen Panorama umher und sehen in der Meeresbrandung
Fischer ihre Netze aufziehen. Ein Adler schwebt über den Wassern;
nicht ein heraldischer allegorischer, ein leibhaftiger, lebendiger Adler
mit natürlichem Flügelschlag. Wir können keinen Augenblick
zweifeln, was das für ein Adler ist, der über dem Wasser
schwebt und über den Elementen, welche der Mensch sich
dienstbar macht für die Werke seines Fleisses und seiner
Hand. Wir sehen weiterhin die goldig untergehende Sonne und
ein aus dem Wasser auftauchendes Ungeheuer der Nacht, das
gar wohl geeignet ist, Schrecken zu verbreiten. Es scheint, dass
der Maler, im richtigen Bewusstsein seiner Zeit und dessen, was
hier am besten taugte, eine Art von modern naturalistischer Allegorie
beabsichtigt hat; denn auch in der Zeichnung hat er sich eines
gewissen derben, rauhen Naturalismus bedient und somit spiegelt
er jedenfalls eine Zeitstimmung auch hoch oben in der Wölbung
der Kuppel wieder. Man dürfte selbstverständlich diese und andere
Malwerke nicht zu genau auf Form und Ausdruck betrachten; es
sind rasche Improvisationen, bei denen es auf die eine oder andere
Vorzeichnung nicht ankommen kann. Wenn sie nur die Decke an
genehm beleben, wenn sie nur durch perspectivisehe Wirkung der
gewählten blauen und grünen Farbentöne die Kuppel selbst vertiefen
und eine Vorstellung des Unendlichen erwecken. Nun, das ist dem
Maler der Kuppel zweifelsohne gelungen, und somit darf sein Werk
als flott und zweckdienlich gelten.
Die Technik der Glastransparenz war an den Malereien zu
erproben, die um die Orgel im Kuppelsaale Stimmung und charak
teristisches Licht in den Raum zaubern sollen. Stolz thront in
der Mitte die Berolina mit ihrem Bären, den Lorber hocherhebend.
Von rechts und links kommen nackte Weiber und Männer herbei
gelaufen, bereit, sich in ihren Dienst zu stellen. Man kann sich
bei dieser nicht gerade sehr bestimmt gedachten Allegorie allerdings
sehr Verschiedenartiges vorstellen. Aber die hageren Formen, die
mageren, etwas ausgearbeiteten Glieder dieser Wesen zeigen, dass
sie nicht gerade als solche gedacht sind, die in Wohlleben hausen,
mit anderen Worten ein socialistischer Zug beherrscht auch hier
den Formensinn und die Einbildungskraft. Die Farbe wirkt nur
wie eine leichte, dünne Lasur; es ist auch hier etwas Flottes in
der Art, wie diese hinlasirten Gestalten sich geberden und gegen
das dahinter liegende Tageslicht durchscheinen.
Was decorative Malerei heutzutage zu leisten im Stande ist,
das zeigt einige Schritte weiter die Berliner Porzellan - Manufactur,
deren glänzende Qualitäten an dieser Stelle bereits gewürdigt wurden.
Betritt man die Räume der Auskunftei im Hauptgebäude, so
fallen einige lichtgehaltene allegorische Darstellungen von Hans
Koberstein nicht unvortheilhaft auf. »Für Recht und Ehr’ im
Weltverkehr« ist das Motto des einen Bildes, wo wir Hermes um
geben von einem idealen Briefboten und einer schreibenden Engels
gestalt sehen. »Neue Zeit schafft Neues« schildert eine Küste mit
Eisenbahn, Schiffen und allem Zubehör des Handels. »Stillstand
ist f&ckschritt« weist i;h eine Landschaft, wo wir im Gegensatz dazu
noch mit ÄM. alten Lastwagen fahren sehen und eine verfallene
Fabrik auch die Folgen eines solchen Mangels an Modernität ver
sinnlicht. Diese Wandgemälde sind Mar und übersichtlich ge
zeichnet und bilden einen angemessenen Schmuck.
Dies sind die Hauptmalereien in der grossen Ausstellungs-
Halle; unser Rundgang wird uns von hier zunächst nach Kairo in
die dortige Orfentbilder-Sammlung führen. W. K.
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Im Theater Alt-Berlin gelangen heute (Mittwoch)
Adalbert von Haustein’s »Gotzkowsky« und Axel Delmar’s »An
mein Volk« zur ersten Aufführung. Im »Gotzkowsky« spielt
Gustav Kober die Rolle Friedrichs, in »An mein Volk« tritt Friedrich
Wilhelm III. auf, aber als stumme Person.
S
Ein Besuch im Innern der Pyramide von Gizüh
in der Special-Ausstellung »Kairo« sowie eine Auffahrt zu der
Plattform ist ungemein lohnend und lehrreich. Das kolossale Bau
werk, welches zwar nicht ganz in den Dimensionen des Jahr
tausende alten, unter König Cheops begonnenen Originals gehalten
werden konnte, aber doch durch täuschende Nachahmung einen
Begriff von der ehrwürdigen Schönheit dieses Monumentes alt-
egyptiseher Despotenherrlichkeit zu geben geeignet ist, befindet
sich in der südwestlichen Ecke des Ausstellungsterrains, einerseits
an den Palmenhain der Nillandscliaft und die Felsengräber, anderer
seits an die grosse Arena und die Fellachen dörfer als
stimmungsvolle Fortsetzung und Abschluss angereiht. —
Gleich einem Gebirgspfad windet sich der Weg zwischen den
kolossalen Felsquadern hindurch, oft so schmal, dass man
nur Schwindelfreien und nicht Angeheiterten diesen Aufstieg
rathen darf. In einer Höhe von etwa 15 Metern gelangt man zu
dem Eingangsschacht. Es ist dieser Eingang bekanntlich bis zu
unserer Zeit durch einen Felsblock verborgen gewesen, um die
Königsleichen im Innern der als Grabdenkmäler aufgeführten
Pyramiden vor gierigen Räuberbanden zu schützen. Der Schacht wie
überhaupt alle Gänge und Grabkammern der Pyramide sind denen des
Originals mit grosser Treue nachgeahmt, nur etwas höher und bequemer;
in den Gängen der alten Cheops-Pyramide kann man sich nur
gebückt oder kriechend fortbewegen. Dagegen sind die starken
Steigungen der Gänge, die in den Stein gehauenen Fussspuren,
die labyrinthartigeu Verschlingungen der Gänge getreu der
Wirklichkeit nachgebildet. In den beiden Grabkammern befinden
sieb echte, von der Direction nach Berlin gebrachte Mumien,
etwa acht an der Zahl, darunter einige vorzüglich erhaltene. —-
Durch den rückwärtigen Ausgang gelangt man zum Aufzug, einem
elektrischen Fahrstuhl, der bis 10 Personen fasst. Mit Blitzeseile gebt die
Reise nun dreissig Meter in die Höhe bis zu einer Wendeltreppe,
welche nach der Plattform der Pyramide führt. — Wer diese
Aussichtswarte zum ersten Mal betritt, wird sich wohl kaum eines
lebhaften Ausrufs der üeberraschung und des Entzückens enthalten
können. Ueber eine niedrige Brüstung schweift der Blick frei
hinaus nach allen Himmelsrichtungen. Sehen wir uns zuerst
im Norden um. Da ist zu unseren Füssen das Bild
des Palmenhains, durch dessen Wipfel, natürlich von oben
gesehen, das Wasser des Nil durchblinkt; daran reihen sich die
alten Tempelbauten .mit den von Säulen umgebenen Höfen, die
neuarabischen Bauten, die Minarets der Moscheen, dazwischen
Kopf an Kopf die Tausende von Menschen in deutscher und
arabischer Tracht, die ganz besonders auf dem beliebten Eseltanz
platz sich zu einer dichtgedrängten, bunten Masse concentrireu.
Die Klänge der Musik, das Jubeln und Lachen der Menschen,
das Peitschen und die Anrufe der Esel- und Kameeltreiber, das
Geschrei der Händler dringt in confusom Durcheinander nach
der Höhe.
Weiterhin überblickt man die gesammte Gewerbe-Ausstellung;
wie aus einem Zaubergarten winken all’ die Giebel, Kuppeln und
Thürme, die Front des Hauptgebäudes, die Kuppel des »Lokal-
Anzeiger«, das Chemie- und Fischereigebäude, der Wasserthurm,
die Weltmusik, Thurmhahn etc. herüber. Hinter den letztgenannten
Bauten breitet sieh weithin nach Osten ein mit Wald und Wiesen
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