Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

10 Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
Comfort am Krankenbette.
[Abdruck untersagt.]
Ein kranker Mensch hat andere Bedürfnisse wie ein gesunder.
Er stellt andere Anforderungen an Wartung und Bedienung, er
verlangt, dass alles, was ihn umgiebt, sich ihm anpasse; tausenderlei
kleiner Hilfeleistungen und Unterstützungen bedarf er bei den
Verrichtungen des täglichen Lebens. Wohl dem Kranken, dem
diese Ansprüche erfüllt werden können, an dessen Schmerzenslager
liebevolle Angehörige sitzen, jeden Wunsch ihm vom Gesicht ab
lesend und dem nicht Noth und Armuth die Erleichterungen, deren
er in seinem Zustande so dringend bedarf, grausam versagen.
Unsere vortrefflich eingerichteten Krankenhäuser tragen ja viel dazu
bei, so manchem Annen und Elenden die harte Zeit des Krank
seins zu erleichtern; allein auch hier ist es aus Gründen leicht
erklärlicher Art unmöglich, alle Wünsche, alle Bedürfnisse des
Leidenden zu erfüllen. Oft findet in den grossen Sälen der nach Ruhe
sich Sehnende den milden Schlaf nicht, gestört durch die Fieber-
phantasieen des Nachbärkranken. Nichts kann hier den wohlthuen
den Hauch einer behaglich eingerichteten Häuslichkeit ersetzen.
Diesen letzten Eindruck empfangen wir unwillkürlich,
sowie wir nur die Thür zu der kleinen Baracke der
Sonder-Ausstellung für häusliche Krankenpflege geöffnet haben.
Wir haben, wenn wir Umschau halten in diesem so freundlich
und ansprechend eingerichteten länglichen Raume, garnicht das
Gefühl, dass wir inmitten ausgestellter Gegenstände weilen; es
kommt uns vor, als träten wir in einen gemüthlichen Wohnraum.
Da ist ein allerliebstes Kinderbettchen, über die schneeigen Kissen
ist eine rothseidene Decke gebreitet, die beiden hohen Bettlehnen
werden durch ein Tischbrettchen überbrückt, auf dem ein halb
geleertes Milchfläschchen, eine Schaar bunter hölzerner Schäfchen
mit Hirt und Schäferhund und grünen Bäumen theils aufrecht,
theils umgefallen prangen. Unwillkürlich sucht unser Auge in den
Kissen nach dem kleinen blonden Engelsköpfchen, das soeben noch
mit diesen Sachen gespielt hat. Da bedeuten uns ein paar zufällige
Blicke nach links und rechts, dass hier eine grosse Anzahl solcher
Betten und Bestehen vereinigt sind, auf deren Tischchen noch eine
Menge der verschiedensten anderen Dinge, und durchaus nicht nur
Spielzeug, aufgestellt sind, dass wir uns liier auf einer Ausstellung
befinden.
In der That, die Herren Geheimer Oberregierungsrath Spinola,
den Berlinern als Director der Charite, des grössten deutschen Kranken
hauses, wohlbekannt, und'Privatdoeent Dr. Martin Mendel söhn, der
Herausgeber der Zeitschrift für Krankenpflege, haben sich durch die
Zusammenstellung dieser Geräthschaften für die häusliche Kranken
wartung ein Verdienst erworben. Nicht selten sind ja Ausstellungen
von Gegenständen, die mit dem Beruf des Arztes, die insbesondere mit
dem Amte des Krankenhausarztes zusammenhängen; was den Be
such dieser Baracke so ausserordentlich lohnt und was auch in
Wirklichkeit diesem kleinen schmucklosen Häuschen täglich eine
sehr grosse Anzahl lange und aufmerksam seine Schätze in Augen
schein nehmender Gäste zuführt, das ist die vortreffliche, geradezu
einzig in ihrer Art dastehende Anordnung. Es ist eine durchaus nicht
leichte Aufgabe, die mannichfaltigen, nicht immer angenehme Ge
danken in uns erweckenden Gegenstände, welche den Apparat der
häuslichen Krankenpflege zusammensetzen, so zu arrangiren, dass
das Auge nirgends beleidigt, vielmehr ein gemüthliches,
häusliches Milieu geschaffen wird. Auch der Kranke hat heutzutage
seinen eigenen Comfort.
Da sehen wir zunächst eine grosse Anzahl Bettstellen
mit vollständigem Inhalt. Auf den ersten Blick unterscheiden
sich dieselben nur durch mehr äusserliche Dinge des Geschmacks.
Bei genauerem Zusehen bemerken wir jedoch, dass jede eine
gewisse Eigenthümlichkeit in ihrer Construction besitzt. Dieses
Kinderbett hier z. B. zeichnet sich durch seine hohen Pfosten
aus; ein zwischen diesen ausgespanntes, als Bettwand dienendes
und aus Stricken geknüpftes Netz verhindert, dass der kleine
Kranke herausfallen kann, und verhütet andererseits auch
beim heftigen Sich-Herumwerfen des Kindes eine Verletzung, da
das Maschennetz nach allen Seiten nachgicbt. Soll dem Insassen
dieses Sicherheitsbettchens das Essen gereicht werden, so gestattet
eine einfache Hebevorrichtung, den Boden des Bettes im Ganzen
zu heben, sodass nTn jetzt bequem zu dem Kinde gelangen kann.
Solche Betten würden selbstverständlich in grösserer und festerer
Construction auch für unruhige und stark fiebernde erwachsene
Patienten wohl angebracht sein. Von Matratzen finden wir die
verschiedensten Formen; doch haben sich schon seit geraumer Zeit
die metallenen Sprungfedermatrazen wegen der Leichtigkeit der
Lüftung und Desinficirung das weiteste Feld erobert. Interessant
ist auch die Bauart eines Feldbettes mit einem Betttischchen,
welches gleichzeitig als Schachbrett und Lesepult zu verwenden ist.
Ein anderes Bett ist für den Aufenthalt in den Tropen bestimmt;
ein dichtes Moskitonetz ist, kein Lücke freilassend, um dasselbe
herum ausgespannt; das ganze Bett, welches aus grüner Segelleine
wand besteht, kann auseinandergelegt und in einer kleinen Tasche
mit Leichtigkeit transportirt werden.
Verwandelbare Möbel sehen wir gleichfalls in verschiedenen
Constructionen Hier ist ein Lehnstuhl, welcher ohne Mühe, je
nach Bedarf, in einen Krankenwagen oder in einen Schaukelstuhl ver
wandelt werden kann; ein anderer lässt sich mit einigen Griffen in ein voll
ständiges Bett umformen; ein dritter, auf Rollen gesetzter, gewährt dem
Patienten die Möglichkeit, sich mittels eines Griffes selbst in der
Stube herumzulenken. Reichhaltig ist auch die Ausstellung an
Betttischen, welche zu gleicher Zeit als Speisetischchen, Lesepulte etc.
Verwendung finden können. Auch an Vorrichtungen, den un-
behilflichen und schwachen Kranken in seinen Bewegungen zu
unterstützen, wie Handhaben, Rückenstützer u. s. w. finden wir
neue, praktische Formen. Unter der ausgestellten Kranken wüsche
sind besonders Hemden für gebrochene oder gelähmte Gliedmassen
bemerkenswert!!, welche mittels Schleifen oder Knöpfe allent
halben geöffnet und geschlossen werden können und so dem
Patienten beim An- und Auskleiden keinerlei Beschwerden ver
ursachen. Leicht aseptisch zu haltende Garderobenspinden dienen
zur Aufbewahrung.
Den Mahlzeiten des Kranken ist besondere Aufmerksamkeit
geschenkt. Für die Speisen des Patienten ist ja häufig vom Arzte
eine bestimmte Temperatur vorgeschrieben, deren gleichmässige Er
haltung auf längere Zeit bisher nicht gerade einfach war. Leicht
aber ist in Zukunft diese Forderung zu erfüllen, wenn man einen
der sehr praktischen Speisenwärmer zur Verfügung hat, die wir in
verschiedenen Exemplaren sehen können. Da ist zunächst
eine ganz einfach aussehende metallene Schüssel mit dazugehörigem
Deckel; in dieser hält sich das Essen mehrere Stunden warm,
ohne dass man es auf den heissen Herd zu setzen braucht.
Das Geheimniss besteht darin, dass die Schüssel zwei Böden hat,
zwischen die ein erwärmtes Salz gebracht wird, welches seine
Temperatur sehr lange bewahrt. Ein anderer Speisenwärmer benutzt
das neue Princip des Glühstoffs, ein dritter, ein sogenannter Spar
wärmer, erzeugt die gleichmässige Temperatur durch erhitzten
Spiritusdampf. Für die Zwecke solcher Kranken, welche die
Speisen kalt gemessen müssen, dienen Eisständer, Eisschränke und
Eismaschinen, die gleichfalls in verschiedenen Constructionen ver
treten sind. Sehr nützlich und sinnreich gefertigt ist ein Zimmer
kühler, bei welchem das Eis zwischen zwei Platten von porösem
Sandstein gebracht wird und so durch die allmähliche Verdunstung
die Luft abkühlt; der ganze Apparat nimmt sehr wenig Raum in
Anspruch. Neu ist auch eine Kühlkappe für Kranke, welche aus
einem einzigen, in schlangenförmigen Windungen verlaufenden
Gummischlauch zusammengesetzt ist; aus einem auf einem Wand
brett postirten Behälter wird kaltes, wenn nöthig, auch warmes
Wasser in dieses lange Rohr geleitet, welches sich vermöge seiner
Form und der Dehnbarkeit des verwendeten Gummi dicht an den
Kopf des Patienten anschmiegt.
Noch eine grosse Menge interessanter Geräthschaften für die
Krankenpflege enthält die Baracke; wir erwähnen nur einen sehr
praktischen Mundspatel, an dem gleich Licht undReflector befestigt
sind, ferner Wasser-Betten und Wasser-Kissen für einzelne Körper
theile, Verdunstungs- und Zerstäubungsapparate für wohlriechende und
desinficirende Flüssigkeiten, direct vom Krankenbette aus zu erreichende
Leitungsanschlüsse zur elektrischen Klingel, zum Telephon, zur Licht
erzeugung; Nachtlampen der mannichfachsten Form, Gummiplatten
zum luftdichten Verschluss von Gelassen, Wunden - Schützer und
Kühler für’s Auge, Salbenreiber aus Glas, neue Inhalations
apparate, Dauerkataplasmen u. s. w. Alles ist vortrefflich an
geordnet; neben jedem Bett steht ein Tischchen mit Arzneien,
Büchern u. dcrgl. Ein grosser Blumentisch mit einer Fülle färben«
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