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Volume Nr. 29, 16. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
9 
Bau- und Ingenieurwesen. 
[Abdruck untersagt ] 
Die Stellung Berlins im Bauwesen der Gegenwart ist eine 
ganz hervorragende, da nicht nur die hiesigen Architekten bei den 
öffentlichen Bewerbungen bis weit nach Amerika hin Sieg auf Sieg 
erringen, sondern auch das Ingenieurfach seit Jahren in der Haupt 
stadt des Reiches viele seiner namhaften Vertreter hat, wie den 
Chef der Kanalisation Geheimrath Hobrecht, dann den Erbauer 
des Kaiser Wilhelm-Kanals Baensch, den Oberbaudirector Wiebe 
und den Geh. Baurath Kummer, der erst kürzlich die grossartigen 
Hafenbauten von Argentinien und Uruguay zu begutachten hatte. 
Von gleicher Bedeutung wie die Bauwissenschaft ist für die Aus 
stellung die Bau-Industrie, und da finden wir in Berlin gerade die 
hervorragendsten Vertreter wichtiger Fabrikationen und Verbesse 
rungen. Wir brauchen nur die Monier und Rabitz zu nennen, 
die bei uns ihre grossartigste Entwickelung gefunden haben und 
von hier aus den siegreichen Zug durch fest alle Länder antraten. 
Mosaiken und Linoleum, Schmiedearbeiten und Kunst 
sandsteine werden hier besonders reich gepflegt, Granit und 
Marmor sind durch Kessel & Röhl, wie durch M. L. Schleicher 
vortrefflich vertreten, die Glasmalereien nehmen in der Gegenwart 
einen lebhaften Aufschwung und in der gesummten Sandstein-Industrie 
sind Wimmel, Metzing, Schilling und Zeidler geachtete Namen. Aber 
freilich, auch der grösste Bauhof würde nicht im Stande sein, ein 
abgerundetes Bild der Berliner Industrie auf diesem Gebiete zu 
geben, schon weil die Natur der Gegenstände eine zusammen 
hängende, systematische Aufstellung verbietet und vieles innerhalb 
eines grossen Bauwerkes in Verbindung mit anderen Stoffen und 
Materialien unterzubringen war, dann aber weil wichtige Zweige 
des Baugewerbes, vor Allem die Kunstschlosserei zugleich anderen 
Gruppen sich angeschlossen haben. 
Dazu kommt noch, dass es bei Begründung dieser Gruppe 
für Bauwesen in Erwägung zu ziehen war, ob man nicht auch 
die Architektur als solche heranziehen solle, die über Namen 
allerersten Ranges verfügt. Indessen kam man davon wieder 
zurück, weil die Kunst-Ausstellung am Lehrter Bahnhöfe doch 
auf Werke der hohen Kunst den ersten Anspruch zu haben 
schien, zumal das Feld für das gewerbliche und industrielle Bau 
wesen im weiteren Sinne immer noch gross genug bleiben musste. 
Der erste Plan, die Gruppe III für sich in einem besonderen 
Gebäudecomples unterzubringen, schien weniger praktisch, als wie jetzt 
sie mit der grossen Industriehalle in nähere Verbindung zu bringen. 
Der erste Entwurf für diesen »Bauhof«, der sich der Gruppe VI 
des Hauptgebäudes nach Norden hin anschliessen sollte, wurde 
im Sommer vorigen Jahres durch Bruno Schmitz aufgestellt, 
der dabei nach der Treptower Chaussee hin einen reizvollen 
zweistöckigen Pavillon mit einer stattlichen Verbindungshalle 
in Vorschlag gebracht hatte. Mit der Zeit aber wuchs die Idee 
immer mehr aus sich heraus, und es ergab sich alsbald die Noth 
wendigkeit, mindestens zwei geräumige Ausstellungshallen von der 
grossen Industriehalle abzuzweigen. Die in diesem Sinne erforder 
lichen Aenderungen, die sehr einschneidender Art waren, wurden 
dem Architekten Hermann August Krause übertragen, der auch im 
Park eine grössere Zahl recht stattlicher Pavillons (für Loeser & Wolff, 
Edison, Hölting u. s. w.) auszuführen hatte. 
Das Bild wurde nun ein wesentlich anderes, indem zur 
Gewinnung von Raum zwischen dem Hauptgebäude und dem 
Nord-Pavillon zwei recht ansehnliche Ausstellungshallen gewählt 
wurden, so dass der Binnenhof mit seinen interessanten Schau 
stücken ein recht malerisches und anziehendes Bild gewährt. Seit 
Kurzem nun hat Regierungsrath Platz (vom Kais. Reichsversicherungs 
amt) die diese Gruppe betreffenden Arbeiten in die Hand genommen 
und unter Mitwirkung mehrerer Architekten die endgiltige Gestaltung 
festlegen lassen. 
Der ganze Hof wird hiernach — soweit die Skizzen dies erkennen 
lassen — einen mittelalterlichen Charakter erhalten und an der 
Südseite, im Zusammenhang mit der Industriehalle (Gruppe V) mit 
einem würdig ausgestatteten Portalbau beginnen. Zur Rechten hat 
man die in Backstein ausgeführte Front der Längshalle, deren 
einzelne Systeme neben den glasirten Ziegeln der Flächen in der 
Umrahmung der grossen Rundbogen von feinster Detaillirung sind. 
Als Mittelpunkt dient das Portal der neuen Georgenkirche, die nach 
dem auf der Kunstausstellung befindlichen Modell durch Professor 
Johannes Otgen ausgeführt wird. 
An der Nordseite werden gegenwärtig die mächtigen Quadern 
des Repräsentationshauses gesetzt, über dessen wuchtigem Haupt 
eingang ein thurmartiger Giebelbau bis zu sehr beträchtlicher Höhe 
aufragt. Der Kernbau, dessen Eingang im Schlussstein mit einem 
kräftig wirkenden Wappen decorirt ist, ist in Höhe des ersten 
Geschosses von einer durchbrochenen Brüstung umzogen; darüber 
öffnet sich breit ein mit Fialenwerk und durch zierliche Profilirung 
ausgezeichnetes Prunkfenster, während auf der freien Thurm 
fläche ein kunstvolles Zifferblatt aufgelegt ist. Die Spitze des 
Thurmes ist durch leichtere Aufbauten mit einer flotten Spitze 
höchst bewegt und malerisch ausgebildet und wirkt übereck gesehen 
besonders günstig. Die ganze Front entwickelt sich in klaren 
grossen Motiven und die breiten, dreitheiligen Fenster des Haupt 
geschosses sind durch profilirte Simse nach oben wirksam abgegrenzt. 
Den Wappenfries darüber überragen Giebel in figurirtem Fachwerk 
in einer für das ganze Werk bezeichnenden gefälligen Weise. Im 
Innern umfängt uns zunächst eine vornehm gewölbte Halle, deren 
marmorne Säulenschäfte trefflich zu den Kapitalen von romanisirender 
Formengebung stimmen. Der Fussboden ist mit harmonisch 
wirkenden Mosaiken bedeckt, die u. A. einen Reichsadler von 
gewaltiger Abmessung darstellen. Die Wandflächen werden vor 
wiegend in Stuckmarmor eine glänzende Bekleidung erhalten, die 
durch die Farbenwirkung ornamentaler Glasmalereien voraussichtlich 
noch erheblich gewinnen wird. 
Eine vornehme Freitreppe mit prächtigem Geländer führt von 
hier aus in das Hauptgeschoss, dessen Centralraum mit seiner 
wirksamen thurmähnlichen Einwölbung den Zwecken der Unter 
haltung dienen wird. In den anschliessenden Gemächern gelangen 
Bronzen, Modelle und Zeichnungen zur Ausstellung, während u. A. 
auch alle technischen Blätter zur Einsicht hier ausgelegt werden. 
Seitlich dieses Repräsentationshauses ist ein offener Zierhof gedacht, 
durch dessen Bogenhallen die Bäume des Parkes hindurchschimmern. 
Wenige Stufen führen zu diesem freundlichen Ruheplatz hinauf, in 
dessen Mitte die Aufstellung eines Brünnleins und mehrerer Kunst 
werke geplant ist. Unmittelbar daneben ist mit allen möglichen, 
fast capriciösen Formen der Dachflächen ein kleiner Musterpavillon 
ganz in Schiefer gedeckt ausgestellt, zu welchem der Entwurf von 
dem Architekten Grisebach herrührt. 
Die Front der Ofenhalle an der Westseite des Bauhofes wird 
in der Gesammterscheinung der übrigen Architektur sich anschliessen, 
vor Allem aber eine monumentale Betonung des Hauptgiebels er 
halten. Hierüber, wie über die hier im Freien zur Aufstellung kom 
menden Zierbäume, Statuen und Dachreiter müssen weitere Mit 
theilungen vorbehalten bleiben. 
Sehen wir uns nun in der Gruppe III. selbst etwas um, so 
fesseln zunächst die grossartigen Sandsteinarbeiten, die leider an 
mehreren Orten der Ausstellung zerstreut stehen. Begegnen wir 
doch schon in der Vorhalle des Industriegebäudes dem wundervoll 
gearbeiteten schönen Brunnen für das romanische Haus bei der 
Kaiser Wilhelm-Gedächtnisskirche, den Gebrüder Zeidler nach der 
Zeichnung des Bauraths Schwächten ausgeführt haben. Das Werk 
ist im Aufbau des Fusses, der Schalen und des Aufsatzes besonders 
glücklich und in seiner feinen Stilisirung von packender Wirkung. 
In der Querhalle der Gruppe III sind nahe dem Austritt zum 
Nordpark P. Wimmel & Comp, mit dem durch Meckel entworfenen 
Altar der Rochuskapelle bei Bingen vertreten, welcher hochinteressante 
Bau in einem grossen Theile seiner schönsten und schwierigsten 
decorativen Glieder hier in Berlin ausgeführt wurde. Wie un 
geheuer bei derartigen Werken der Unterschied im Maassstab sein 
kann, lehrt dieser Arbeit gegenüber das durch Carl Schilling aus 
gestellte Kapital vom Berliner Dom aus dem schönsten Warthauer 
Sandstein. Solche Arbeiten muss man sehen, um zu begreifen, 
wie vieles an einem Dom zu erfinden, zu zeichnen, zu modelliren 
ist und welche Mühe erfordert wird, ehe auch nur eine einzige 
Säule fertig dasteht. Man kann aber auch an solchen Merkstücken 
ermessen, wie ungeheuer die Erscheinung des Berliner Domes sein 
wird, dessen Kuppel durch ihre Wucht das Schloss sowohl wie 
das Museum im ästhetischen Sinne herabdrücken und die Wirkung 
des Lustgartens zweifellos stark beeinträchtigen wird. P. Walle.
	        
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