Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

©fftridU Airsstellungs -Uttchrichtrn.
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sie findet man „drin" in den heimlichsten Winkeln, auf den ge
fährlichsten, provisorischen Brücken, nur die Gerüste meiden sie, !
weil sie da oft sehr deutliche Spuren emsigen Baufleißes auf
Kopf und Schultern davontragen, denn häufig fällt aus Ber
schen eine Latte oder ein Stück feuchter Mörtel herab. Gar j
Viele, die sich des Vorzuges von Dauerkarten nicht erfreuen, werfen |
sehnsuchtsvolle Blicke durch das Drahtgitter der Umzäunung in
das Heiligthum der entstehenden Ausstellung, Mancher bittet den
Thorwächter gar sehr, ihn doch eintreten zu lassen, um Bekannte
in einem Bureau, auf einem Werkplatz oder in einem Pavillon 1
aufzusuchen. Vergeblich! Die Pforte bleibt ihm verschlossen.
Wagen mit Mörtel, Balken, Ziegeln, Eisentheilen und son
stigem Baumaterial passiren in fast ununterbrochener Reihe das
Thor, dazwischen Schubkarren, Handwagen und alle möglichen und
unmöglichen Vehikel. Frauen und Kinder bringen „Vatern" das
Mittagsmahl oder eine Botschaft, oft wird das Geschäft gleich am
Portal erledigt. Männer mit Cylindern, mit feinsten Filz-, mit
modernen und unmodernen Hüten aller Art, bis zum gips-, staub-
oder kalkbedeckten, mit wetterharter, fester Kruste überzogenen Ar
beitshut, mit Hüten, zerdrückt, steif, massiv und durchlöchert, passiren
das Portal; Damen in Seidenkleidern mit nickenden Straußfedern auf
dem Hut neuesten Modells, aber auch Frauen mit glattgeschciteltem
Haar, ohne Kopfbedeckung, oder mit verschossenem Wollentuch das
Hauptschützend, in ärmlichem, aber reinlichem Gewand, ein verblichenes
Umschlagtuch darüber geworfen, schreiten ein und aus. Dazu kommen
Ingenieure, Feuerwehrleute, Gendarmen, Wächter oder Aufseher,
Maler, Monteure, Vorarbeiter, Maurer, Zimmerleute, Former,
Gipser, Maschinisten in Mänteln, Ueberziehern, Jaquets, in
Blousen und Wolljacken, kurz in Kleidern vom tiefsten Schwarz
an die ganze Farbenscala durch bis zum schneeigsten Weiß der
Gipsbeflissenen. Die schweren Lastwagen sind oft mit vier und
mehr kräftigen Pferden bespannt, die sich mächtig in's Geschirr
legen müssen und durch Peitschenschwingen und Zurufe angefeuert
werden, die höchste Kraft einzusetzen.
Hier heißt es nicht: „Wanderer weile", nein „Wanderer eile
und hemme nicht den Verkehr, trolle Dich, um Anderen Platz zu
geben!" Am letzte» Sonntag passirten über 80 000 Personen.
Vereine, Corporationen und dergleichen kamen bisher täglich, dabei
geht es selten ohne längeren Aufenthalt ab, da sind Karten ver
gessen worden, oder es ist sonst etwas nicht in Ordnung. Nur
die Wenigsten denken daran, daß sic den Pförtner in Verlegenheit
bringen, wenn sie die Eintrittskarte nicht bei sich haben; »ach seiner
Instruction hat dieser Jedermann zurückzuweisen, der sich nicht
legitimiren kann. Es ist eine schwere Aufgabe für den Pförtner,
sich die Gesichter und Namen aller officiellen Personen zu merken,
es sind Hunderte. — Auch bei schwächerem Verkehr cinpfiehlt es
sich nicht, länger in der Nähe des Portals III zu weilen, weil man
sonst jedem Ankommenden Rede stehen muß, der irgend eine Aus
kunft gebraucht. Blamiren will man sich doch auch nicht gerade
durch das Zugeständniß, daß man selbst nichts weiß, denn es
thut gar so wohl, wenn man auf die Frage: „Wo ist die oder die
Gruppe?" recht sicher behaupten kann: da oder dort. — Ist es
auch nicht wahr, so schadet's nicht viel, es imponirt für den
Moment, aber wie gesagt, es ist nicht gut, wenn man stehen bleibt,
bis der Betrogene wiederkommt.
Für alle Besucher empfiehlt es sich, die Karte sichtbar zu
tragen. Der Pförtner ist nicht dazu angestellt, Auskunft über
Bureaux, Beamte, Architekten, Gruppen-Vorstände rc. zu ertheilen,
darüber orientire man sich vor Eintritt in die Ausstellung.
Der Wochentags-Verkehr steigert sich von Tag zu Tag,
denn immer näher rückt die Zeit der Einräumung der Gruppen.
Jetzt sind die Passanten hauptsächlich noch Leute, die mit dem
Bau an Gebäuden oder bei Erdarbeiten beschäftigt find; sobald es
aber an die innere Einrichtung geht, wird der Verkehr am Por
tal III sich ganz bedeutend steigern, namentlich aber der Fuhr-
verkehr, wenn letzterer auch jetzt theilweise schon durch Neben-
eingänge geleitet wird, so am Kesselhause, unfern der Gartenbau-
Ausstellung und durch andere Nebenthore. Passiren doch täglich
über 500 Lastfuhrwerke die Thore der Ausstellung.
Emil May.
Die Fremden und die Polizeistunde muhrend
der Gemerde-AussteUnng.
Von Alfred Holzbock.
Im öffentlichen Leben Berlins, in Freud' und Leid, spielt
die Polizei eine entscheidende Rolle. Diese Thatsache hat in,
Auslande Berlin den Ruf einer Polizeistadt verschafft, zu einem
großen Theil mit Unrecht, denn man kann ein Gegner polizei
licher Bevormundungen sein und doch im Interesse der Ordnung
das Wirken de' heiligen Hermandad vielfach als eine unbedingte
Nothwendigkeit empfinden. Bei Anlässen, die das öffentliche
Interesse erregen und die Massen auf die Beine bringen, zieht ja
unsere Polizei die Zügel sehr scharf an; diese strenge polizeiliche
Fürsorge ist ja an und für sich keine Annehmlichkeit, aber sie Hai
doch das Gute, daß in Berlin bei öffentlichen Ereignissen er
freulicherweise weit weniger Unglücksfälle constatirt werden als
in anderen Weltstädten. Die Polizei ist nicht nur die Hüterin
der äußerlichen Ordnung, sondern auch die der Moral, und in
letzterer Eigenschaft verfügt sie über eine von Vielen gefürchtete
Waffe — über die Polizeistunde. Diese für Manchen schwache Stunde
ist keine Specialeinrichtung unserer Polizei, sie existirt auch in anderen
Ländern und schlägt z. B. in London für die Besitzer öffentlicher
Lokale schon um Mitternacht. Allein wenn die Regel, die man eigent
lich als den Begriff des Feststehenden betrachten kann, eine Ausnahme
hat, so sollte auch die Polizeistunde bei außergewöhnlichen An
lässen verschoben werden können. Ein solcher Anlaß ist die Ber
liner Gewerbe-Ausstellung, die einen Fremdenznfluß zur Folge
haben dürfte, wie ihn die Reichshauptstadt noch niemals gehabt
hat. Die Vertreter der verschiedensten Berufszweige erhoffen von
der Ausstellung Alles, und man kann es den Besitzern der
j Stätten, die ganz besoitders auf die Fremden angewiesen sind
nicht verübeln, wenn sie bemüht siitd, auch ihre Interessen nach
Möglichkeit wahrzunehmen und zu schützen.
Der Verein der Saalbesitzer von Berlin und Umgegend,
der Verein der Berliner Gastwirthe, der Verein der Berliner
Weißbierwirthe und der Verein der Gast- und Schankwirthe von
Berlin und Umgegend hatten dem Berliner Polizei - Präsidium,
sowie den Landräthen des Niederbarnimer und des Teltower
Kreises eine Petition wegen Verlängerung der Polizeistunde
während der Berliner Gewerbe-Ausstellung unterbreitet, und zwar
für musikalisch - declamatorische Vorträge bis 12 Uhr Abends
(jetzt bis 11 Uhr) und für öffentliche Tanzlustbarkeiten bis 4 Uhr
(jetzt bis 2 Uhr). Die Landräthe von Teltow und Niederbarnim
haben es zwar abgelehnt, im Allgemeinen die erbetene Verlän
gerung zu gewähren, jedoch sich vorbehalten, von Fall zu Fall
eine Verlängerung der Polizeistunde eintreten zu lassen; das
Berliner Polizei - Präsidium hingegen hat die Petition in jedem
Sinne abschlägig bcschicdcn.
Der abschlägige Bescheid mag die Gastwirthe und Lokal-
besitzer, die auf die Ausstcllungszeit ihre Hoffnungen gesetzt
haben, gewiß in empfindlicher Weise in ihrer Existenz schädigen;
dieser Factor ist im wirthschaftlichen Interesse vieler Hunderte
nicht zu unterschätzen; allein er spielt nach außen hin nicht die
Hauptrolle. Die Gewerbe-Ausstellung soll in erster Reihe die
Fremden anziehen, sie soll dem Anslande zeigen, welch' eine
stolze Stellung Handel und Industrie bei .ins errungen haben,
was Berlin leistet und bietet. Der Fremdenziifluß erst kann
eine Rückwirkung ans die Erwerbsvechältnisse der Berliner
ausüben. Soll diese Wirkung von günstigem Einflüsse sein,
dann muß Alles gethan werden, um den Fremden den
Aufenthalt ivährend der Ausstellungszeit nach Möglichkeit an-
I genehm und zwanglos zu gestalten. Auch unsere Behörden,
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