Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

io Officieiie Ausstellungs-Nachrichten.
Statistik anzustellen. Wir haben hie und da Nachfrage gehalten
and dürfen die Versicherung geben, dass recht viele Ochsen ihr
Leben lassen, eine grosse Hammelbeerde vom Lichte der Sonne
scheiden und Hunderte von Kälbern verenden mussten, um
die culinarischen Gelüste der Pfingstsonntags - Gäste zu be
friedigen. Es wurden beispielsweise im Hauptrestaurant der
Herren Adlon & Dressei allein 1000 Couverts servirt, nicht zu
reden von den Speisen, die ä la carte abgesetzt wurden. Wieviel
Flaschen Wein dazu getrunken, wieviel Champagner seitens wohl-
situirter Sterblicher consumirt wurde, wissen wir nicht genau, jeden
falls repräsentirt aber die Gesammtheit ein recht respectables Flaschen
lager. In der Fischkosthalle speisten nahezu 12000 Personen, welche die
Kleinigkeit von etwa 75—80 Centnern Fische verzehrten. Was dazu
gehört, dieses Quantum in einer Küche abzuschuppen, in den ver
schiedensten Formen zuzubereiten, die Kiesenquantitäten der dazu ge
hörigen Saucen herzustellen und die mitservirten Kartoffeln zu schälen,
werden unsere Berliner Hausfrauen zu beurtheilen und demgemäss auch
die Arbeitskraft der daselbst Angestellten zu würdigen wissen.
Da bekanntlich der Fisch schwimmen muss, darf man sich nicht
wundern, dass die obigen 70—80 Centner mit 40 Hekto
litern Bier begossen wurden. — Die Zahl der verzehrten
Würstchen war Legion. Die Firma Hefter z. B. setzte etwa
15000 Paar, Breslauer nicht weniger, das Schippanowski’sche
Bratwurstglöckchen 8000 Stück und das Bürgerbräu etwa 5000
Paar ab. Was sich sonst noch auf dem Gebiet der Wurstigkeit
in den Hunderten von Wirthschaften zusammenläpperte, mag auch
ein ganz nettes Capital repräsentiren.
Wo der echte Berliner verkehrt, kommt auch die »kühle
Blonde« zu Ehren. Die Landre’sche Weissbier - Brauerei kann
davon erzählen, denn sie schänkte am ersten Pfingsttag über
5300 Flaschen des echt heimathlichen Getränkes aus, wozu nicht
Weniger als 3000 Portionen Speisen servirt wurden. Der kolossale
Welt-Musik-Pavillon von Schippanowski scheint zu zeigen, dass
nicht nur das Machen, sondern auch das Anhören der Musik Durst
erzeugt, denn es wurden daselbst 100 Heetolitcr Hackerbräu,
Radeberger und Berliner Bockbräu ausgeschäiikt, nebenbei auch
62 Centner Fleisch verzehrt, zu dessen Zubereitung 22 Köche
thätig waren. Auch das »Klosterstübl« in Alt-Berlin, in dessen
Mauern überhaupt weidlich poculirt und schnabulirt wurde, trug
Wesentlich zur Stillung des allgemeinen Trinkbedürfnisses
bei, denn es verzapfte im Ganzen 37 hl. Münchener Bürgerbräu,
Nepomuk-Bräu und Böhmisches Brauhaus, wobei die Einnahme
für Sireisen über 2000 M. betrug. Das Münchener Bürgerbräu
schänkte ca. 60 Hektoliter aus und die flinken Münchener Kellnerinnen
hatten alle Hände voll zu thun, dieses kolossale Quantum glasweise
Unterzubringen. Dass zartbesaitetere Gemüther auch die »Milch
frommer Denkungsart« nicht verschmähen, beweist die Thatsache,
dass in dem Pavillon der vereinigten Milchpächter 8000 Glas
dieses friedlichen Getränkes abgesetzt und dazu je 1200 Portionen
Weisskäse und Butter verzehrt wurden. Was an edlem Mocca
durch die Kehlen floss, dürfte genügen, den bekannten Riesentopf
Meister Müller’s verschiedene Male zu füllen, und das Quantum der
getrunkenen Chocoladc mag man daraus ermessen, dass Hildebrandt
und Sarotti allein über 8000 Tassen verschänkten. Die
stille, aber den ganzen Tag in Anspruch genommene Thätigkeit der
Trink- und Speise - Automaten spielt auch keine kleine Rolle zur
Befriedigung der hungernden und durstenden Menge, und war
namentlich das neueröffnete, grosse automatische Restaurant am Ein
gang des Vergnügungsparkes von früh bis spät dicht umlagert.
Alles in Allem war der erste Pfingsttag, auch was Küche und
Keller betrifft, ein schwerwiegender, und die feuchtfröhliche Stim
mung, die am Abend herrschte, bewies, dass der Ausstellungs
besucher nicht nur die Wunder der Industrie, sondern auch einen
»guten Trappen«, sei es Rebenblut, Gerstensaft oder sonst Trink
bares zu schätzen weiss.
*
Eine .andere nicht uninteressante Statistik versucht einer
unserer Mitarbeiter in Folgendem: »Ich sprach mit einem denkenden
Kleiderkünstler über den Werth, der in den Anzügen der männ
lichen Besucher steckte, und er meinte, dass selbst dann, wenn
ein Drittel ihren Bedarf aus den billigsten Geschäften bezöge, immer
noch etwa fünf Millionen herauskämen. Mich will bedünken,
ßsss dies noch viel zu niedrig gegriffen ist und dass der gute
Mann mindestens das Schuhwerk der Herren vergessen hat, das
allein über eine Million kostet, während die Hüte des stärkeren
Geschlechts — die des schwächeren gehen in’s Unberechenbare —
selbst beim niedrigsten Durchschnittspreis etwa eine halbe Million
repräsentiren. Wieviel von dem »Feiertagsputz« baar bezahlt war,
darüber wollen wir uns nicht den Kopf zerbrechen!
*
Der Besuch am zweiten Feiertag war noch stärker als
am ersten Pfingsttage. Von frühem Morgen an waren alle Ver
kehrsmittel überfüllt. Auf der Stadtbahn fuhren selbst in den
Wagenabtheilen zweiter Klasse schon zwischen zehn und elf Uhr
Vormittags vom Zoologischen Garten ab zwanzig bis fünfundzwanzig
Personen. Auf allen Stationen, die der Zug passirte, stand das
Publikum Kopf an Kopf und stürmte die überfüllten Coupes.
Wiederholt versuchten Herren und Damen auf den Trittbrettern
mitzufahren, wenn sich der Zug in Bewegung setzte und die
Bahnbeamten mussten alle Energie aufwenden, um schweres Unglück
zu verhindern.
Der sogenannte »kleine Mann« war namentlich am zweiten
Feiertage eine stereotype Erscheinung unter den Besuchern der
Ausstellung. In ganzer Familie, mit Weib und Kind, erschien er,
theils aus dem Arbeiterviertel Berlins,, theils vom Lande, und man
sah es den Leuten an, dass sie sich wohl und behaglich fühlten.
Ungezwungen und über alles Sehenswerthe ihre aufrichtige Be
wunderung aussprechend, bewegten sie sich durch die Ausstellungs
räume, und wenn die Essenzeit nahte, dann wurde eine Bank an
einem der Seitenwege aufgesucht und zur Rast auserwählt.
Mutter packte ihren Kober aus, und nun war es eine
Lust zu sehen, wie es den biederen Leuten schmeckte und wie
die kalten Schweinscotelettes oder die pflaumweichen Eier nebst
geschmierter Schrippe verschwanden. Dann ging’s an den Bier
automaten, wo mit Hilfe der anwesenden Diener einige Schoppen
durch Nickeleinwurf hervorgezaubert wurden, oder in die Milch-
Trinkhalle, um auch den Durst zu löschen, und so schlug sich der
»kleine Mann« mit seiner zahlreichen Familie ganz billig und brav
durch. Für seine 50 Pfennige Eintrittsgeld sah und hörte er soviel,
dass er noch lange an der Erinnerung zehrt, und, wie diese be
kanntlich das einzige Paradies ist, aus dem der Mensch nicht ver
trieben werden kann, so wird ihm andererseits die Aus
stellung mit ihren tausendfachen Schönheiten selbst als ein
Paradies erscheinen, zudem er noch oftmals wiederkehren wird. — «
Dass auch gestern wieder der Fremdenbesuch in der Ausstellung
ein ganz bedeutender war, konnte man hören und sehen; jeden
Augenblick klangen fremde Laute an das Ohr oder blickte das
Auge erstaunt auf aussergewöhnliche, den Fremden verrathende
Trachten. Rang- und Standesunterschiede gab es nicht unter
diesem Feiertagspublikum, das thatsächlich alle Klassen, Arm und
Reich, Hoch und Niedrig, Städter und Landleute aufzuweisen hatte.
*
In der Kolonial-Ausstellung erregten die Ruderkünste
unserer schwarzen Mitbürger an beiden Pfingstfeiertagen die, grösste
Aufmerksamkeit und Bewunderung des Publikums. In den schmalen,
aus ausgehöhlten Baumstämmen gearbeiteten, spitzschnäbligen und
bunt bemalten Canoes, welche mit je fünf Ruderern bemannt
waren, unternahmen die Schwarzen eine Ruderregatta auf dem
Karpfenteich. Jeder Mann führt ein kurzes Ruder mit breiter
viereckiger Schaufel. Die Boote flogen pfeilgeschwind über den
Teich, die Sieger wurden stürmisch bejubelt. — Auch die Tänze
und vor allem die Kochkunst der Suaheli und Massai fanden an
den Feiertagsbesuchern, vornehmlich den Frauen, ein dankbares *
Publikum. — Grossen Spass bereitete ein Intermezzo, welches das
niedliche Schoosshündchen einer Besucherin verursachte. Die
Massai, welche solch’ kleines, langhaariges Thierchen wohl
noch nie gesehen hatten, umringten mit lebhaften Ausrufen das
Hündchen und, als dieses sich auf den Arm seiner
Herrin flüchtete, umringten sie die Dame, welche Anfangs über den
Ansturm der halbnackten Gestalten ein wenig erschrak. Als sie
aber bemerkte, dass einige der Schwarzen sich ihrerseits vor dem
unbekannten Thiere fürchteten und ein kleiner schwarzer Junge vor >
Angst schreiend davonlief, da fühlte sich die Dame bald als die
Ueberlegene und belehrte die Staunenden mit Worten und Gesten:
»Er thut nichts, er heisst nicht!« Aber gerade bei diesen Worten ■
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