Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 9
Die Ausstellung der Berliner Feuerwehr.
[Abdruck untersagt]
Das Gebäude für Wohlfahrtseinrichtungen in der Ausstellung
birgt eine grosse Anzahl von Gegenständen in sich, welche, wie
es schon sein Name angiebt, zur Sicherung des menschlichen
Wohlergehens bestimmt sind. Das hervorragendste Interesse nimmt
, hier aber unstreitig die Ausstellung der als Musterinstitut im In-
und Auslande bekannten Berliner Feuerwehr in Anspruch.
ln erster Linie sehen wir das Modell einer mit den neuesten tech
nischen Einrichtungen ausgestatteten Feuerwache, und zwar die Stand
räume für Wagen und Pferde. Gegenüber den älteren Wachen hat diese
Einrichtung den Vorzug, dass die »im Dienst stehenden« Pferde
ihren Standplatz unmittelbar neben der Deichsel ihres Wagens
haben. Es brauchen so nur die Thiere einige Schritte seitwärts
zu treten, um sofort angeschirrt werden zu können. Dieses neue
System ist auf die Löschbereitschaft von nicht zu unterschätzender
Bedeutung, sparen doch die Wachmannschaften schon dadurch die
Zeit, die sonst durch das Herbeiholen der Pferde aus dem auf
dem Hofe liegenden Stall in Anspruch genommen wurde; Im
Innern stehen die Modelle der einzelnen im Gebrauch befindlichen
Wagen und Geräthschaften. Links steht die vollkommen aus
gespannte mechanische Leiter, mit welcher man bis zum Dach der
höchsten Berliner Miethkasernen gelangen kann. Die ganze Leiter
besteht aus mehreren kurzen Leitern, die mechanisch vom Wagen
aus, auf dem die Leiter befestigt ist, emporgewunden werden
* können. Ein Umschlagen, wie man es bei der enormen Länge
leicht befürchten könnte, ist durch die sinnreiche Anordnung von
Gegengewicht ausgeschlossen. Daneben finden wir den Leiterwagen,
auf dem sich die kleineren Anlege- und Hakenleitern, letztere zum
Einhängen in dieFenster-Oeffnungen bestimmt, sowie Feuerhaken u.s. w.
befinden. Ferner ist hier der Mannschaftswagen! zum Befördern
der diensthabenden Mannschaften nach der Brandstelle, sowie die
verschiedenen Handdruck - und die Dampfspritze untergebracht.
Diese wird bekanntlich nur bei grösseren Bränden in Thätigkeit
sesetzt und vermag ein ungeheures Wasserquantuni in den Brandherd
‘'-'ii. Rechts neben dem Standraum der Pferde und Wagen
befindet sich das Telegraphenzimmer, wohin die Meldungen vom
Königl. Polizei-Präsidium, Feuermelde - Abtheilung, und die Befehle
zum Ausrücken gelangen. Ueber diesen Räumen liegen in der
I. Etage — was hier auf dem Modell nicht zu sehen ist — die
r Aufenthalts - und Schlafräume für die Mannschaften sowie die
anderen Bureaux und Diensträume.
Begeben wir uns jetzt nach der rechten Seite des Ausstellungs
platzes. Hier sind die verschiedenen Arten der Feuermeldeapparate
ausgestellt, wie sie an den Häusern, besonders an den Feuer
wachen, in öffentlichen Gebäuden aufgestellt sind, auch der in
neuester Zeit beliebt gewordene Strassen - Feuermelder fehlt nicht.
An allen diesen Apparaten wird bei Alarmirung nach Einschlagen
einer Scheibe ein Uhrwerk in Bewegung gesetzt, das auf einer
elektrischen Leitung ein bestimmtes, je nach den einzelnen Apparaten
verschiedenes Telegraphiezeichen an die Central - Meldestelle im
Königl. Polizei - Präsidium abgiebt. Ein solches Telegraphenzimmer
ist ebenfalls in der Ausstellung vorhanden. Das von einem
Melder abgegebene Zeichen wird nun auf einem Papierstreifen im
Mörse-Telegraphen-Apparat sichtbar. Der Telegraphist erkennt
hieraus, in welcher Stadtgegend gemeldet ist. Er alarmirt durch
einen Umschalter die betreffende Wache und die Hauptwache in der
Lindenstrasse und giebt sodann die telegraphische Nachricht ab, wo
und in welchem Umfange das Feuer ausgebrochen ist. Diese ganzen
Meldungen vom Feuermelder bis zur Revierwache nehmen kaum
eine Minute in Anspruch, sodass in fünf Minuten nach erfolgter
Benachrichtigung die Feuerwehr schon an der Brandstelle eintreffen
kann.
Weiter haben neben dieser Telegraphenstation eine ältere und
eine neuere Construction einer Handdruckspritze ihren Platz gefunden.
Hinter diesem Standplatz führt eine Treppe zu einer Galerie empor.
Auf dieser finden wir neben verschiedenen Constructionen des
Schlauchmundstücks Bilder der Feuerwehr-Einrichtungen von 1727,
sowie an der rechten Seitenwand Zeichnungen von den an den
Strassenbrunnen zu Feucrlöschzwecken angebrachten Hydranten.
Auch ein Plan des Ausstellungsterrains mit genauer Angabe der
einzelnen vorhandenen Hvdranten und Wasseranschlüsse fehlt nicht.
Daneben hängen Pläne, aus welchen die Strassenbrunnen- und
Hydrantenanschlüsse der ganzen Reichshauptstadt ersichtlich sind.
An der kurzen Schmalseite finden wir Handbücher für den Feuer
wehrmann, sowie Modelle einer Treppenleiter. Letztere stellt sich
scheerenförmig bei mechanischem Antrieb derartig auf, dass sie wie
eine Treppe bestiegen werden kann. Ausserdem fallen bei dieser
Construction Kettenzüge und Winden zum Emporstellen der Leiter
fort, es genügt nur ein engeres Zusammenstellen der Fussenden,
um eine Höherbewegung des ganzen Apparates zu bewerkstelligen.
Wegen verschiedener Fehler hat diese Construction sich aber vor
der gegenwärtig allgemein in Benutzung befindlichen mechanischen
Leiter nicht behaupten können.
Auf der Vorderseite der Galerie sind Pläne angebracht, aus
welchen 1. das Ausrücken der einzelnen Züge bei Mittelfeuer und
bei Kleinfeuer, 2. die Fahrzeit der einzelnen Züge von ihrer Wache
aus bis zu jedem Brandplatze ersichtlich ist. Hieran Schliessen
sich an der zweiten Schmalseite wieder Bücher und Leiterconstruc-
tionen und den Abschluss der Galerie bilden Grundriss- und An
sichtszeichnungen einiger Feuerwachen z. B. die der Hauptwache in
der Lindenstrasse und die der Wache in der Reichenbergerstrasse,
sowie das Modell einer alten doppelten Handdruckspritze, welche
früher die Stelle der gegenwärtigen Dampfspritze vertreten hat.
Verlassen wir die Galerie jetzt auf der zweiten, sich bietenden
Treppe, so finden wir unten rechter Hand zwischen beiden Auf
gängen wieder Modelle von Leiterwagen und Spritze. Auch zwei
lebensgrosse Figuren sind aufgestellt mit vollständiger Feuermanns
ausrüstung und mit Rauch - und Schutzhelm ausgestattet.
Die beiden letzgenannten Apparate bieten dem Feuermann
Schutz gegen Erstickungsgefahr, da ihm beim Betreten von Räumen,
die mit Rauch oder giftigen Dämpfen erfüllt sind, frische zum
Einathmen geeignete Luft durch einen Schlauch zugeführt wird.
Auf dem Rücken trägt er einen Kasten mit comprimirter Luft,
damit er, falls durch herunterschlagende Balken oder durch andere
Unfälle die Luftzuleitung abgeschnitten werden sollte, aus diesem
Verrath athmen kann, bis er das Freie erreicht hat.
Zur Linken der Treppe befindet sich als Abschluss der
Feuerwehr-Abtheilung ein von dem Ingenieur Ganswindt construirter
Tretmotor - Feuerwehrwagen, der neueste Fortschritt auf feuer
technischem Gebiete. Dieser Wagen braucht keine Pferde
bespannung, sondern wird durch die Tretarbeit der zur Bedienung
gehörenden Mannschaften in Bewegung gesetzt. Er hat den Vor
theil, dass bei Alarmirungen das Anspannen der Pferde fortfällt und
somit eine, wenn auch geringe, so doch gerade in Fällen der Ge
fahr wichtige Zeitersparniss erzielt wird. Der Wagen kann sofort
abfahren und beim Eintreffen des ganzen Spritzenzuges bereits
durch Anschrauben der Hydranten, Absperren des Feuerherdes für
einen schleunigen Angriff vorgearbeitet haben. Bei kleineren
Bränden genügt er auch allein, da er mit allen hierzu erforderlichen
Gerathen ausgerüstet ist. Die von der Berliner Feuerwehr mit
diesem Wagen unternommenen Probefahrten haben bisher ein gutes
Resultat ergeben und allem Anschein nach werden bald sämmt
liche Berliner Wachen damit ausgerüstet sein.
G. Jacob.
Pfingsten in der Ausstellung.
175000 Personen haben nach autoritativer Schätzung am
ersten Feiertag die Ausstellung besucht. Die Früh-Concerte am
ersten Feiertag hatten ein Publikum von ungefähr 30 000 Personen.
Der grösste Theil dieser Morgen-Gäste blieb den ganzen Tag über
in der Ausstellung und brachte den Restaurateuren ein glänzendes
Geschäft.
*
Was ist am ersten Feiertag in der Ausstellung verzehrt
worden? Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten, aber es
ist wohl der Mühe werth, wenigstens den Versuch einer Consumtions-
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