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Volume Nr. 4, 22. Februar 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Gfstrtelle Ausstellungs-Nachrichten. 
Die Chemie in der Ausstellung. 
Wiewohl chemische Kenntnisse schon vor Tausenden von ! 
Jahren bekannt waren, wie uns die Geschichte der alten Eultürvölker 
lehrt, so ist doch erst mit dem Ende des vorigen Jahrhunderts 
die Chemie als Wissenschaft bekannt geworden. Welche Ent 
wickelung hat sie seit der Zeit durchgemacht! Während sie früher 
gewissermaßen nur dazu da war, als Spielerei zu dienen, ist sie 
heute so allgemein bekannt und in sc weite Kreise des 
öffentlichen Lebens eingedrungen, daß man sich einen 
großen Theil der heutigen Gewerbe ohne chemische Kenntnisse 
gar nicht mehr denken kann. Dieser Erkenntniß Rechnung 
tragend, haben auch die Regierungen das Studium der Chemie 
in den Lehrplan der höheren Schulen aufgenommen,. um die 
Kenntniß derselben in die weitesten Kreise zu tragen Die Chemie 
ist heutzutage geradezu die Grundlage gewisser Gewerbe ge 
worden, auf der dieselben sich allmählich aufbaute! und erst mit 
ihrer Hilfe sich zu der Höhe emporschwangen, aus der sie heute 
stehen. Können wir uns z. B. das Braugewerbe heute ohne Chemie als 
Hilfswissenschaft denken? Kann die Hüttenkunde ohne Kenntniß 
chemischer Erscheinungen und Wechselwirkungen bestehen? 
Erst mit dieser Wissenschaft hat die Färberei und Textil- 
Jndustrie das erreicht, was sie heute zu den hervorragendsten 
Industriezweigen macht. Es ist eine ganze Reihe von chemischen 
Processen, die sich in diesen Industriezweigen abspielen, und ihre 
genaue Kenntniß ist absolut erforderlich, um mit der Jetztzeit mit 
schreiten und an ihrer Fortentwickelung mitarbeiten zu können. 
Ja die Erkenntniß von der Wichtigkeit dieser Wissenschaft ist 
auch in die Familie eingedrungen so daß wir selbst die 
Haussian in ihrer Küchenchemie dieselbe anwenden sehen wenn 
sie, um das Wasser für die Wüsche brauchbarer zu machen kohlen 
saures Natrion zusetzt, und wenn wir sie die Hülsenfrüchie mit 
doppeltkohlensaurem Natrion kochen sehen, um sie weicher und 
leichter verdaulich zu machen. 
Diese Wissenschaft aber hätte sich nicht zu der Wichtigkeit 
durcharbeiten können, >venn sie ihre Aufgabe nicht so auf 
gefaßt hätte, wie es geschehen ist. Nur dadurch daß sie Hand 
in Hand mit der Praxis ging und im wahren Verständniß 
der Anforderungen der Technik wissenschaftlich das erstrebte, 
was zu verwerthen Sache der Technik sein sollte baute die 
Chemie sich allmählich weiter und weiter aus und wurde di 
Begründerin neuer Gewerbe und Jndustrieen. Man denke hie'- 
nur an die Theerfarbensabrikation und das neue Feld der 
Elektrochemie 
Entsprechend der Wichtigkeit des heutigen Standes dieser 
Wissenschaft ist auch die Bedeutung, die sie auf unserer Berliner 
Gewerbe-Ausstellung von 1896 finden wird. In der Gruppe IX 
sind die Prodncte derselben in sechs Abtheilungen zur Ausstellung 
gebracht. 
Abth. I und II enthalten chemische Prodncte für technische 
Zwecke rc., pharmaceutische und wissenschaftliche Präparate. Die 
Unterabtheilung, chemische Prodncte für technische Zwecke, enthält 
jene Präparate, die in früheren Zeiten meist in den Laboratorien 
unserer alten Apotheken mit unbedeutenden Hilfsmitteln in ge 
ringem Umfange hergestellt wurden. Als aber die Nachfrage 
nach diesem oder jenem Artikel stieg, mußte dieser Kleinbetrieb 
großen Fabriken, die mit allen Hilfsmitteln der Technik und 
Wissenschaft arbeiteten, allmählich weichen; es entstanden Special- 
sabriken, eine Signatur der Neuzeit, in denen nur eine oder ein 
paar Verbindungen jener Industrie erzeugt wurden, natürlich in 
einer Güte die das Fortbestehen der alten Apothekenlaboratorien 
als Fabrikationsort in Frage stellten, wie das nach den 
gesammelten Erfahrungen von einem geschulten Arbeits 
personal nicht anders zu erwarten war. Nur noch bei ein 
zelnen Verbindungen ist nachzuweisen, aus welchen An 
fängen sich diese und jene Fabrikation entwickelte; so groß sind 
die Fortschritte, die diese Technik allgemein erfuhr. Hierher gehört 
die Kohlensäure-, Oxalsäure-, Weinsäure-, Benzoesäure-Industrie, 
sowie die Herstellung von für die Photographie angewendeten 
Verbindungen, die Darstellung von Silbersalzen, von Jod- und 
Bromverbindungen, Phrogallussänre u. s. w.; endlich enthält die 
! Abtheilung jene Präparate, die zur Herstellung von Arzneien 
dienen und deren Werth heute Hunderttausende von Mark pro Jahr 
i beträgt. Unter Präparaten zu wissenschaftlichen Zwecken fiitb 
zu verstehen alle jene Verbindungen, die der Gelehrte zu seinen 
Arbeiten im Laboratorium braucht: Alkaloide der organischen und 
Salze der anorganischen Chemie, wie: Colchicin, Muscarin, Gold 
chlorid und viele andere Verbindungen mit unaussprechlichen 
Namen 
Abth. III enthält die Produkte der trockenen Destillation, 
Benzin, Paraffin, Theerfarben. Es ist hier hauptsächlich die 
Destillation von Steinkohlen zu verstehen, die Herstellung von 
Ammoniaksalzen, die bei Verarbeitung von Ammoniakwässern 
resultiren. Hierher gehören Anilin-Anthracen- und Napbthalinfarben, 
deren Erfindung und Herstellung die Industrie dem Altmeister der 
Chemie Herrn Prof. A. W. v. Hoffman» von der Universität Berlin 
zu danken hat, der auch sein ganzes Leben hindurch sein Interesse 
diesem Zweige der Wissenschaft und Industrie erhalten, und der 
unendlich viel zur Förderung dieser Industrie beigetragen hat. 
Abth. IVa hat Seifen und Parfumerieen aufgenommen, 
Abch.IVll die Fettindnstrie, Kerzenfabrikation und Wachs, Abth. V 
die Farbwaaren mit Ausnahme der Theerfarben, die Lack- und 
Leimfabrikation und Aehnliches, und Abth. VI ist die Abtheilung, 
in der die Apparate zur Ausstellung gelangen, welche zur Her 
stellung chemischer und pharmaceutischer Präparate nothwendig 
und im Gebrauch sind. 
Man hat sich aber nicht an der Vorführung der fertigen 
Prodncte genügen lassen, man hat auch durch Vorführung 
einiger Fabrikationsmethodeu auf das Verständniß des 
großen Publikums einzuwirken gesucht und dieselben au 
den Schmalseiten der großen Halle zur Veranschaulichung 
gebracht. Diese Fabrikationsmethoden sind der Fett- und Seifen 
industric entlehnt. Ferner hat man in der kleineren Halle 
Laboratoriums-Einrichtungen und kleinere Apparate aufgestellt und 
will sie durch Wasserturbinen leer in Gang bringen und erhalten, 
um auch die Arbeit mit solchen Apparaten dem Verständniß des 
Publikums näher zu bringen Außerdem ist in Verbindung mit 
dieser und der benachbarten Gruppe, der Optik ein Pavillon 
erbaut, in dem Vertreter beider Gruppen während der Aus 
stellung permanent zu finden sein werden, um dem betheiligten 
Publikum mit jeder gewünschten Auskunft über Aussteller und 
Ausstellungsobjecte zur Hand zu sein und dadurch zum leichteren 
Verständniß der diesen Gruppen angehörenden Ausstellungsgegen 
stände beizutragen. 
Endlich ist in Verbindung mit dieser Halle ein Hörsaal in 
Aussicht genommen, in welchem Vorträge in allgemein verständ 
licher Form über alle Fächer der Ausstellung gehalten werden 
sollen, auch über Gegenstände des Kunstgewerbes und der In 
dustrie, speciell in Verbindung mit der Chemie und den allgemeinen 
■ Naturwissenschaften, welche das öffentliche Interesse in Anspruch 
nehmen und socialwissenschaftlich interessiren können. Möge auch 
dieser Theil der Ausstellung das erreichen, was er sich in feinem 
großen Programm zur Ausgabe gestellt hat. Ll—s. 
Am Portal III. 
So lange die Treptower Chaussee nicht gesperrt ist, bildet 
das jetzige Portal III den Haupteingang für den größten, südlich 
dieser Straße gelegenen Theil der Ausstellung, iu dem sich die 
Hauptgebäude befinden. Hier herrschte reges Leben vom Morgen 
grauen an bis nach Einbruch der Dunkelheit, und der Portier 
kommt nur selten in sein kleines Wellblechhaus. Fortwährend von 
Anskunfthcischenden in Anspruch genommen, ist er wohl jetzt einer 
der mcistbcschüftigten Leute der Ausstellung. Glücklich Jeder, der 
iin Besitz einer Dauerkarte ist; die meisten Inhaber solcher sind 
ihm bekannt und erhalten ein freundliches Kopfnicken als Gruß, 
sie haben die Erlaubniß, überall einzutreten. 
Fast jeder zehnte Mensch, welcher koünut, hat eine mächtige 
Papierrolle unterm Arm oder in der Hand, cs sind das Herren 
vom Ingenieur- und Architcktenfach. Die Leute mit dem Polizei 
blick und den weichen Hüten sind Redacteure und Journalisten,
	        
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