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Periodical volume Nr. 38, 25. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officieüe AussteHungs - Nachrichten. 
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erfrischt und beruhigt sein, nicht der Körper. Und so kommt 
für jeden Besucher unserer Ausstellung, 1er wirklichen ernsten 
Ausstellung, der Augenblick, in welchem er sich dankbar in 
die weite, imposante Lesehalle flüchten wird, die überdies eine 
»Sehenswürdigkeit für sich ist. Man braucht nicht eifrig zu lesen, 
man braucht nur nach dem und jenem zu greifen, ja man braucht 
nur die literarischen Schätze zu überblicken, die dort in den 
Ständern auf den Tischen herumstehen und liegen, — und es über 
kommt uns unwillkürlich jene Sammlung und Stimmung, auf die 
wir an einer anderen Erfrischungsstelle vergebens warten würden. 
Wir sprechen wahrhaftig nicht so, weil wir ebenfalls vom Hand 
werk sind. Man möge die hier geschilderten Empfindungen selbst 
nachfühlen und erproben, und wer uns dann nicht Recht giebt, — 
der hebe den ersten Stein gegen uns auf. 
S 
Der Hausfrau Stolz. Noch als unsere Mütter sich ver 
lobten, hiess es im Bekanntenkreise: »Sind Sie denn schon bei 
der Ausstattung?« Ausstattung nähen, das war etwas Grosses. 
Zwei bis drei Näherinnen kamen wochenlang täglich in’s Haus 
und eine Zuschneiderin. Die Nähmaschinen klapperten, die Stube 
lag voll Flicken, die arme Hausfrau sollte überall und nirgends 
sein, angehen, ansehen, prüfen u. s. w., der Hausherr war aber vor 
Allem froh, wenn die fremden Hilfen das Haus wieder geräumt 
hatten. Mit der Zeit ist das Alles anders geworden. Die Wäsche- 
fabrikation hat in Berlin eine Ausdehnung und eine Höhe erreicht, 
die geradezu phänomenal ist. Von den einfachsten Sachen an, 
die aber durchweg in haltbaren, kräftigen Stoffen in bestem 
Schnitt und sauberster, solidester Ausführung geliefert werden, 
bis zu der feinsten Luxus-Wäsche in Batist und Seide 
mit den köstlichsten Spitzen oder Stickereien können wir in 
Berlins grossen Wäsekefabriken Alles haben, was wir brauchen and 
wünschen. Die Gewerbeausstellung zeigt, was in der Wäsche- 
fabrikation geleistet wird. Von Hemdentuch und Leinen sind da, 
sauber und zierlich zusammengebunden die Hemden und Bein 
kleider, Nachtkleider u. s. w. zu sehen. Man sieht sie mit Spitzen 
besetzt oder mit einfachen Handlangnetten oder mit der kostbarsten 
Plattstich- oder durchbrochener Stickerei. Auch Handtücher giebt 
es, ganz einfache, in kräftiger Weberei, wie in schönster Aus 
führung mit kostbaren Stickereien als Paradebandtücher. 
Die Stickerei ans Wäsche ist ja heutzutage Mode und fast 
ein allgemeines Erforderniss. Wir sehen gestickte Tafeltücher und 
Servietten, zum Theil mit goldgeränderten Rococostickereien, währe 
Kunstwerke an Geschmack und Ausführung. Auf diese Bezeichnung 
macht gleicherweise das ausgestellte Bett Anspruch. Sehr sehens- 
werth ist auch die Plattstichstkkerei auf dem Plumeaubezug. 
Damen stehen in dem Ruf, immer eitel zu sein, daher erklärt sich auch 
die heutige Mannichfaltigkeit der Bade-Costüme, die wir auf der Aus 
stellung bewundern. Wer wollte sagen, ob dieses Postum in gelber Seide 
kleidsamer sei, als jenes roth-weiss carrirte mit der flott gebundenen 
weissen Schärpe, abgesehen von den koketten Badehüten aus weissein 
oder gelblichem, wasserdichtem Stoff, reich mit bunten Volants und 
Stoffschleifen garnirt? Ob diese Badehüte ihren Zweck erfüllen, 
das Haar vor dem Nassw erden zu bew ahren, bleibt dahingestellt, aber 
vor den Sonnenstrahlen schützen sie auf jeden Fall und sind so 
allerliebst und kleidsam, dass die junge Damenwelt nicht ohne 
solchen hübschen Hut in das Seebad reisen wird. Die Handtücher 
und Bademäntel sind natürlich aus dem praktisch bewährten, 
schönen weichen Kräuselstoff. Doch hat der schlichte weisse Bade 
mantel, dessen man sich früher bediente und der, wenn’s hoch kam, 
i mit zwei Reiben rother oder blauer sogenannter Grätenstiche bestickt 
gwar, dem gemusterten, farbigen, weichen müssen. Wir können sie 
in allen Farben bewundern, rosa, blau, gelb, grün mit und ohne 
Capuchon. Im Pavillon der in fertiger Wäsche berühmten Firma 
Jordan war ein ganz wunderhübscher Bademantel ausgestellt, der 
ein sehr feines Muster grüner Palmen zeigte. Die Badepantoffeln 
sind in Kräuselstoff, doch auch in anderen leichten Stoffen gefertigt, 
bunt, roth oder weiss bestickt. Es ist eben auch in diesem 
Fabrikationszweig der Wäsche und Badewäsehe eine enorme Viel 
seitigkeit erreicht worden. 
V 
Die Unfall-Station behandelte gestern 19 Fälle leichter Art. 
In der Ausstellung. 
Alt-Berlin bot am frühen Morgen des ersten Pfingst- 
feiertages ein Bild der friedlichsten Ruhe und Abgeschlossenheit. 
Während am Neuen See Zehntausende von Menschen auf- und ab 
wogten, war es still in den Strassen, erst später fanden sich Be 
sucher ein, aber in spärlicher Anzahl, die sich meist damit begnügten, 
die Arcliitekturbilder der alten Baulichkeiten in sieh aufzunehmen. 
Gegen 8 Uhr .raren die meisten Wirthschaften noch ,«schlossen, 
nur auf dem sogenannten Schaffet des 'grossen Kurfürsten hatte 
sich eine Anzahl Besucher niedergelassen. Um die Musik, die in 
Civil spielte, stand eine kleine Anzahl von Leuten, theils an 
dächtig zuhörend, theils in Geplauder begriffen. Bei Clansing 
machten Einige den schüchternen Versuch, in früher Stunde Weissbier 
zu gemessen. Viele verzehrten lustwandelnd ihr Frühstück 
und beschauten die Krambuden, von lenen einzelne, wie auch ver 
schiedene Gebäude Birken- oder Reiserschmuck trugen, was sehr 
wohlgefällig bemerkt wurde. Es schien, als iiabe die Fest 
stimmung schon mit dem Besuch der Kaiserin Einzug in die 
Herzen gehalten, nicht nur, dass die ohnehin lebhafte Frequenz eine 
bedeutende Steigerung erfuhr, es wurde endlich auch in den Verkaufs 
läden gekauft. Von banger Sorge athmet Mancher auf, auf dem 
es bis jetzt wie ein Alp gelegen, von Hoffnung erfüllt, dass es 
sich bessern wird, weil es sich schon gebessert hat. Von Mittag 
an füllten sich die Plätze und Gässchen immer mehr und mehr 
mit Besuchern, allmählich nahm die Stimmung einen so fröhlichen 
Charakter an, dass am ersten Pfingstfeiertag in Alt-Berlin wirklich 
ein Fest der Freude gefeiert wurde. Der gute Stern, der über 
Alt-Berlin schwebte, leuchtete auch dem 
Vergnügungspark, der gestern wirklich eine Stätte 
echten Vergnügens ward. Ueberall, in dem glänzenden, vielseitigen 
Weltrestaurant, bei Hagenbeck, im Theater Neu-Berlin, im American- 
Theater, im arabischen Labyrinth fröhliche Menschen, Tausende 
und Tausende, welche diesen geprüftesten Theil unserer Ausstellung 
lustig belebten und die Hoffnung erweckten, dass auch hier endlich 
Freude und Zufriedenheit Einkehr halten, dass auch hier endlich 
Mühe und Arbeit ihren Lohn finden würden. 
In Kairo standen die Wissbegierigen und Neugierigen vor 
den Häusern, Moscheen und Hütten und lugten durch jede Hoffnung, 
um etwas von den Geheimnissen des Orient zu erspähen. Die 
Kapelle des Khedive spielte auf dem Platze vor dem Haupt- 
Restaurant, das Publikum pilgerte auf und ab. Karneol- und 
Eseltreiber bevölkerten das Nilufer, Arabergruppen waren vor dem 
Wasserschöpfrad auf Stufen malerisch gelagert, auch sie trugen 
Festkleider, doch fehlte anfangs das laute Wesen, nur hier und 
da fand man eine lachende oder schwatzende Gruppe, Alles schien 
Ruhe zu athmen, das »Schöpfrad blieb still und die bunt aufgeschirrten 
Esel standen in einer Reihe vor ihren »Ställen und liessen träumend die 
Köpfe hängen, die Ziegen der Fellachen schauten neugierig durch 
und über die Einhegung. Aber bald änderte sich die Scene, es 
kamen Besucher in hellen Sehaaren, Besucher, die Vergnügen und 
Unterhaltung suchten und fanden. Die Kameele schritten mit ihrer 
lebendigen Fracht würdevoll durch die Gassen, die Treiber feuerten 
ihre Esel mit lautem Geschrei zu rascher Gangart an, die Plätze 
vor den Restaurants und Cafes stillten sich mit Publikum der Reiter 
zug nahte, um auf die Phantasie oder die Kampfspiele in der Arena, 
aufmerksam zu machen; speertragende, broiizefarbige Polizeileuto 
durchschritten die Menge, tiefverschleicrtc orientalische Schön 
heiten boten Blumen aus, der Ausrufer am Harem lud dringend 
zum Eintritt ein und beeidete, dass man sicli’s ewig zum 
Vorwurf machen würde, wenn man hier vorbeigehe und den 
Bauchtanz nicht ansehe; braune Kinder heischten dringend: 
»Backschicb, Baekschiclr , der arabische Stiefelputzer eilt von Tisch 
zu Tisch, um seine Dienste anzubieten, Verkäuferinnen und Ver 
käufer steckten ihre süsseste Miene auf, Cigaretten wurden in ge 
brochenem Deutsch angeboten, das Geschäft blüht bei den PjTamiden
	        
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