Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officieüe AussteHungs - Nachrichten.
17
erfrischt und beruhigt sein, nicht der Körper. Und so kommt
für jeden Besucher unserer Ausstellung, 1er wirklichen ernsten
Ausstellung, der Augenblick, in welchem er sich dankbar in
die weite, imposante Lesehalle flüchten wird, die überdies eine
»Sehenswürdigkeit für sich ist. Man braucht nicht eifrig zu lesen,
man braucht nur nach dem und jenem zu greifen, ja man braucht
nur die literarischen Schätze zu überblicken, die dort in den
Ständern auf den Tischen herumstehen und liegen, — und es über
kommt uns unwillkürlich jene Sammlung und Stimmung, auf die
wir an einer anderen Erfrischungsstelle vergebens warten würden.
Wir sprechen wahrhaftig nicht so, weil wir ebenfalls vom Hand
werk sind. Man möge die hier geschilderten Empfindungen selbst
nachfühlen und erproben, und wer uns dann nicht Recht giebt, —
der hebe den ersten Stein gegen uns auf.
S
Der Hausfrau Stolz. Noch als unsere Mütter sich ver
lobten, hiess es im Bekanntenkreise: »Sind Sie denn schon bei
der Ausstattung?« Ausstattung nähen, das war etwas Grosses.
Zwei bis drei Näherinnen kamen wochenlang täglich in’s Haus
und eine Zuschneiderin. Die Nähmaschinen klapperten, die Stube
lag voll Flicken, die arme Hausfrau sollte überall und nirgends
sein, angehen, ansehen, prüfen u. s. w., der Hausherr war aber vor
Allem froh, wenn die fremden Hilfen das Haus wieder geräumt
hatten. Mit der Zeit ist das Alles anders geworden. Die Wäsche-
fabrikation hat in Berlin eine Ausdehnung und eine Höhe erreicht,
die geradezu phänomenal ist. Von den einfachsten Sachen an,
die aber durchweg in haltbaren, kräftigen Stoffen in bestem
Schnitt und sauberster, solidester Ausführung geliefert werden,
bis zu der feinsten Luxus-Wäsche in Batist und Seide
mit den köstlichsten Spitzen oder Stickereien können wir in
Berlins grossen Wäsekefabriken Alles haben, was wir brauchen and
wünschen. Die Gewerbeausstellung zeigt, was in der Wäsche-
fabrikation geleistet wird. Von Hemdentuch und Leinen sind da,
sauber und zierlich zusammengebunden die Hemden und Bein
kleider, Nachtkleider u. s. w. zu sehen. Man sieht sie mit Spitzen
besetzt oder mit einfachen Handlangnetten oder mit der kostbarsten
Plattstich- oder durchbrochener Stickerei. Auch Handtücher giebt
es, ganz einfache, in kräftiger Weberei, wie in schönster Aus
führung mit kostbaren Stickereien als Paradebandtücher.
Die Stickerei ans Wäsche ist ja heutzutage Mode und fast
ein allgemeines Erforderniss. Wir sehen gestickte Tafeltücher und
Servietten, zum Theil mit goldgeränderten Rococostickereien, währe
Kunstwerke an Geschmack und Ausführung. Auf diese Bezeichnung
macht gleicherweise das ausgestellte Bett Anspruch. Sehr sehens-
werth ist auch die Plattstichstkkerei auf dem Plumeaubezug.
Damen stehen in dem Ruf, immer eitel zu sein, daher erklärt sich auch
die heutige Mannichfaltigkeit der Bade-Costüme, die wir auf der Aus
stellung bewundern. Wer wollte sagen, ob dieses Postum in gelber Seide
kleidsamer sei, als jenes roth-weiss carrirte mit der flott gebundenen
weissen Schärpe, abgesehen von den koketten Badehüten aus weissein
oder gelblichem, wasserdichtem Stoff, reich mit bunten Volants und
Stoffschleifen garnirt? Ob diese Badehüte ihren Zweck erfüllen,
das Haar vor dem Nassw erden zu bew ahren, bleibt dahingestellt, aber
vor den Sonnenstrahlen schützen sie auf jeden Fall und sind so
allerliebst und kleidsam, dass die junge Damenwelt nicht ohne
solchen hübschen Hut in das Seebad reisen wird. Die Handtücher
und Bademäntel sind natürlich aus dem praktisch bewährten,
schönen weichen Kräuselstoff. Doch hat der schlichte weisse Bade
mantel, dessen man sich früher bediente und der, wenn’s hoch kam,
i mit zwei Reiben rother oder blauer sogenannter Grätenstiche bestickt
gwar, dem gemusterten, farbigen, weichen müssen. Wir können sie
in allen Farben bewundern, rosa, blau, gelb, grün mit und ohne
Capuchon. Im Pavillon der in fertiger Wäsche berühmten Firma
Jordan war ein ganz wunderhübscher Bademantel ausgestellt, der
ein sehr feines Muster grüner Palmen zeigte. Die Badepantoffeln
sind in Kräuselstoff, doch auch in anderen leichten Stoffen gefertigt,
bunt, roth oder weiss bestickt. Es ist eben auch in diesem
Fabrikationszweig der Wäsche und Badewäsehe eine enorme Viel
seitigkeit erreicht worden.
V
Die Unfall-Station behandelte gestern 19 Fälle leichter Art.
In der Ausstellung.
Alt-Berlin bot am frühen Morgen des ersten Pfingst-
feiertages ein Bild der friedlichsten Ruhe und Abgeschlossenheit.
Während am Neuen See Zehntausende von Menschen auf- und ab
wogten, war es still in den Strassen, erst später fanden sich Be
sucher ein, aber in spärlicher Anzahl, die sich meist damit begnügten,
die Arcliitekturbilder der alten Baulichkeiten in sieh aufzunehmen.
Gegen 8 Uhr .raren die meisten Wirthschaften noch ,«schlossen,
nur auf dem sogenannten Schaffet des 'grossen Kurfürsten hatte
sich eine Anzahl Besucher niedergelassen. Um die Musik, die in
Civil spielte, stand eine kleine Anzahl von Leuten, theils an
dächtig zuhörend, theils in Geplauder begriffen. Bei Clansing
machten Einige den schüchternen Versuch, in früher Stunde Weissbier
zu gemessen. Viele verzehrten lustwandelnd ihr Frühstück
und beschauten die Krambuden, von lenen einzelne, wie auch ver
schiedene Gebäude Birken- oder Reiserschmuck trugen, was sehr
wohlgefällig bemerkt wurde. Es schien, als iiabe die Fest
stimmung schon mit dem Besuch der Kaiserin Einzug in die
Herzen gehalten, nicht nur, dass die ohnehin lebhafte Frequenz eine
bedeutende Steigerung erfuhr, es wurde endlich auch in den Verkaufs
läden gekauft. Von banger Sorge athmet Mancher auf, auf dem
es bis jetzt wie ein Alp gelegen, von Hoffnung erfüllt, dass es
sich bessern wird, weil es sich schon gebessert hat. Von Mittag
an füllten sich die Plätze und Gässchen immer mehr und mehr
mit Besuchern, allmählich nahm die Stimmung einen so fröhlichen
Charakter an, dass am ersten Pfingstfeiertag in Alt-Berlin wirklich
ein Fest der Freude gefeiert wurde. Der gute Stern, der über
Alt-Berlin schwebte, leuchtete auch dem
Vergnügungspark, der gestern wirklich eine Stätte
echten Vergnügens ward. Ueberall, in dem glänzenden, vielseitigen
Weltrestaurant, bei Hagenbeck, im Theater Neu-Berlin, im American-
Theater, im arabischen Labyrinth fröhliche Menschen, Tausende
und Tausende, welche diesen geprüftesten Theil unserer Ausstellung
lustig belebten und die Hoffnung erweckten, dass auch hier endlich
Freude und Zufriedenheit Einkehr halten, dass auch hier endlich
Mühe und Arbeit ihren Lohn finden würden.
In Kairo standen die Wissbegierigen und Neugierigen vor
den Häusern, Moscheen und Hütten und lugten durch jede Hoffnung,
um etwas von den Geheimnissen des Orient zu erspähen. Die
Kapelle des Khedive spielte auf dem Platze vor dem Haupt-
Restaurant, das Publikum pilgerte auf und ab. Karneol- und
Eseltreiber bevölkerten das Nilufer, Arabergruppen waren vor dem
Wasserschöpfrad auf Stufen malerisch gelagert, auch sie trugen
Festkleider, doch fehlte anfangs das laute Wesen, nur hier und
da fand man eine lachende oder schwatzende Gruppe, Alles schien
Ruhe zu athmen, das »Schöpfrad blieb still und die bunt aufgeschirrten
Esel standen in einer Reihe vor ihren »Ställen und liessen träumend die
Köpfe hängen, die Ziegen der Fellachen schauten neugierig durch
und über die Einhegung. Aber bald änderte sich die Scene, es
kamen Besucher in hellen Sehaaren, Besucher, die Vergnügen und
Unterhaltung suchten und fanden. Die Kameele schritten mit ihrer
lebendigen Fracht würdevoll durch die Gassen, die Treiber feuerten
ihre Esel mit lautem Geschrei zu rascher Gangart an, die Plätze
vor den Restaurants und Cafes stillten sich mit Publikum der Reiter
zug nahte, um auf die Phantasie oder die Kampfspiele in der Arena,
aufmerksam zu machen; speertragende, broiizefarbige Polizeileuto
durchschritten die Menge, tiefverschleicrtc orientalische Schön
heiten boten Blumen aus, der Ausrufer am Harem lud dringend
zum Eintritt ein und beeidete, dass man sicli’s ewig zum
Vorwurf machen würde, wenn man hier vorbeigehe und den
Bauchtanz nicht ansehe; braune Kinder heischten dringend:
»Backschicb, Baekschiclr , der arabische Stiefelputzer eilt von Tisch
zu Tisch, um seine Dienste anzubieten, Verkäuferinnen und Ver
käufer steckten ihre süsseste Miene auf, Cigaretten wurden in ge
brochenem Deutsch angeboten, das Geschäft blüht bei den PjTamiden
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