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Volume Nr. 38, 25. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Acht Uhr Morgens. Das Wetter ist herrlich! Eine wahre 
-Völkerwanderung ergiesst sich nach der Ausstellung. An einem 
der Zugänge am Centralverwaltungsgebäude sitzt als Controleur 
Geheimrath Goldberger im schwarzen Schlapphut. Er revidirt die 
Einlass begehrenden Freikarten. Unter uns gesagt, es passiren 
allerlei »Sachen« mit Freikarten, und deshalb fungirt der Geheime 
Commercienratk Goldberger als Billeteur. Nur wenige Ein 
tretende wissen, wer der strenge Controleur im schwarzen Schlapp 
hut ist. 
9 
Eine stimmungsvolle »Scene spielte sich in den Vormittags 
stunden in der grossen Kuppelhalle des Hauptindustrie-Gebäudes 
ab. In mächtigen Accorden liess die Orgel, von kunstgeübter 
Hand gespielt, den Pfingstchoral: »0 heil’ger Geist kehr’ bei uns 
ein« ertönen. Machte dies hehre Spiel schon auf alle Anwesenden 
den mächtigen Eindruck, dass sie lange Zeit still standen und 
lauschten, so übte es auf eine Gesellschaft von Landbewohnern, 
die ihrer Tracht nach aus dem Altenburg’schen stammten, eine 
noch grössere Wirkung aus. Die Männer mit langen, schwarzen 
Röcken angethan, nahmen beim Eintritt in den dichtgefüllten 
Raum die hohen Cylinderhüte ab, die Frauen in ihrem 
farbigen Kopfputz falteten andachtsvoll die Hände. Wer 
diese einfachen Leute so im Bann des gewaltigen Eindrucks, den 
das Ganze auf sie machte, stehen sah, der wurde selbst für Augen 
blicke von Andacht ergriffen, der fühlte mitten im Leben und 
Treiben des hin- und herfluthenden Ausstellungsverkehrs eine tiefere 
Regung, wie sie nur der Gedanke an das Unendliche und Uober 
irdische zu erzeugen vermag. Erst als der Orgelspieler von dem 
Choral zu einem sanften Präludium überging, beendeten die Land 
leute ihre Andacht und mischten sich unter die Tausende, welche die 
imposanten Ausstellungsräume füllten. 
Herrschte schon in den frühen Morgenstunden ein über- 
* aus lebhafter Zustrom des Publikums nach dem Park, so 
nahm derselbe von der zehnten Stunde ab mehr und mehr 
zu und bereits gegen Mittag durfte man sich der Gewissheit 
hingeben, dass der erste Pfingstfesttag für unsere Ausstellung ein 
glänzender werden würde. Allerdings war er auch für die Besucher 
der Ausstellung der denkbar lohnendste, denn abgesehen davon, 
dass über dem herrlichen Park mit seinen zahlreichen Prachtbauten der 
sonnengoldigste Frühlingshimmel lachte und eine wahrhaft 
erquickende Mitteltemperatur herrschte, batte sich auch die 
Ausstellung noch nie bisher in einem so ansprechenden Fest- 
gewande präsentirt wie gestern. Vieles, an dem noch im Laufe 
der Woche fleissige Hände emsig gearbeitet, trug heute den 
Stempel der Vollendung; zum ersten Male sprangen die Brunnen 
und Cascaden vor dem Cafe Bauer und der Wasserfall am Haupt- 
restaurant, der Landschaft jenen eigenartigen Reiz verleihend, der 
uns immer wieder umfängt, wenn das rauschende Lied fliessender 
Wasser an unser Ohr tönt. Wie lustig flatterten gestern die 
bunten Fahnen und Wimpel im Winde, welch’ hübsches Bild gewährten 
zwischen dem Grün der Beete und Büsche die tausendfältigen hellen 
Frühlungstoiletten, in denen sich unsere Damenwelt, wohl zum 
ersten Male, im festen Vertrauen auf die Gunst des Wettergottes 
und zwar mit Vorliebe an den reizvollen Ufern des Neuen Sees erging. 
Dieser bot denn auch ein überaus farbenprächtiges Bild wie es 
nach dem Ausspruch der zahlreichen Ausländer, die gestern wieder 
den Park besuchten, die Weltausstellungen von Paris, Chicago und 
Wien nicht schöner aufzuweisen hatten. 
Gegen drei Uhr wurde der Andrang an den Kassenschaltern 
und Eingängen ein wahrhaft gewaltiger. Immer dichtere Menschen- 
schaaren strömten herein, und jetzt erst zeigte es sich, was Aus 
stellung und Park an Besuchern aufnehmen können, ohne dass irgend 
welche Belästigung des Einzelnen stattfindet Es war eine wirklich 
festfreudige Stimmung, die überall herrschte und ihren Abglanz auf den 
frohen Gesichtern der ungezählten Tausende fand, die alle Räumlich 
keiten des Hauptgebäudes, die einzelnen kleinen und grossen Pavillons 
füllten und sich in den breiten Wegen des Riesengartens ergingen, 
der gestern im herrlichsten Lenzschmuck prangte, während seine 
gefiederten Sänger aus allen Büschen und von allen Bäumen 
ihr schmetterndes Lied ertönen liessen. Ein echtes, rechtes Pfingst- 
bild voll Leben und Poesie, das jedem nur einigermaassen empfäng 
lichen Gemüth dauernd in der Erinnerung haften wird. 
S - ■ 
Die Fischkosthalle. Die volkswirtschaftliche Idee der M 
Herren Adlon & Dressei, für die Fischnahrung durch die Errichtung 1 
der Fischkosthalle mit ihren billigen Preisen Propaganda zu machen, 9 
hat allgemeine Anerkennung gefunden. Der Andrang der Aus- I 
Stellungsbesucher zu diesem originellen Restaurant ist so gross, dass F 
die Herren Adlon & Dressei sich entschlossen haben, nun auch in 1 
den Wirthschaftsräumen der Fischerei-Ausstellung an der Spree '9 
und in dem oberen Restaurationssaal derselben (I. Etage) zu billigen jj 
Preisen Fische zu verabreichen. 
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Die Medaillen und Diplome von Chicago sind 
endlich in Berlin angekommen. Herr Tetzer, der stellvertretende 
Vorsitzende der Gruppe XVI (Papier-Industrie), hat die ihm ver 
liehenen Diplome und Medaillen seit gestern in seinem Ausstellungs 
schrank in Gruppe XVI zur Ansicht ausgestellt. 
9 
Die Sieges-Säule auf dem Belle-Alliance-Platz 
cn miniature ist im Hauptgebäude in der Metallwaarengruppe aus 
gestellt. Der Kunstschlosser A. Elsner hat das Monument in Stahl, 
Bronze und Silber nachgebildet. Die kunstvolle Arbeit, die bis in 
die kleinsten Einzelheiten fein und sauber im Maassstab von 1:20 
ausgeführt ist, wird von den Besuchern viel bewundert. 
9 
Die Lesehalle. Wer vieler Herren Länder gesehen, wer 
die Welt auf Dampfesflügeln und auf dem schwankenden Boden 
der grossen Oceandampfer durcheilt hat, wer, mit einem Worte, 1 
fern von der Heimath geweilt hat, der weiss mehr als jeder andere 
den Werth der Tagesliteratur, besonders den Werth seiner heimath 
lichen Zeitungen zu schätzen. Wer wagt es heute noch, die Macht, 
die Unentbehrlichkeit der papiemen Grossmacht zu unterschätzen! 
Man kann über den mehr oder minder grossen Ernst einer 
Zeitung verschiedener Meinung sein, man kann ein Organ 
geringschätzen, das andere vorziehen, man kann auf ein drittes 
schwören und ein viertes nicht liechen — aber der höchste Mann 
auf Erden wie der niedrigste aus dem Volke kann ein Blatt nicht 
entbehren, er hält sich eine und sogar »seine« Zeitung; und mit 
diesem Adjectivum ist bereits ausgedrückt, dass die Zeitung heut 
zutage zum unentbehrlichen Bedürfniss gehört: »sie ist Familien 
besitz geworden«. Dieses vorausgeschickt, bedarf es keiner grossen 
UÜberredungskunst, um zu beweisen, dass die Einrichtung der vese- !' 
halle der Berliner Gewerbe-Ausstellung zu denjenigen guten Thaten 
der Erdenker und Leiter der gegenwärtigen grossartigen Berliner 
Veranstaltung gehört, die Letzteren noch ganz besonders im Himmel 
und im Gedächtnisse ihrer Mitbürger ungeschrieben werden sollen. | 
Man hat seit Jahren bereits vor jenem Manne Hochachtung 
empfinden müssen, der fast ein ganzes Menschenalter und ein 
Vermögen daran gewandt hat, um in Aachen das weltberühmte 
und bis heute mit eiserner Consequenz fortgeführte und erweiterte 
Zeitungsmuseum schuf. Es war das ein Herr v n Forckenbeck, * 
der Bruder des verstorbenen Oberbürgermeisters von Berlin. 
Das in Aachen aber ist nur ein Museum, eine Sehenswürdigkeit, 
ein grossartiger Tempel, zum Gedächtniss der unübersehbaren 
journalistischen Thätigkeit auf der weiten Erde, den man mit | 
einem gewissen Respect, mit einer ehrlichen Hochachtung vor der 
zwingenden Gewalt des menschlichen Offenbarungsdranges betritt. 
Unsere Lesehalle aber bedeutet denn doch noch etwas Anderes. Wir 
befinden uns in ihren behaglichen, schon oft geschilderten Räumen ■ 
plötzlich wieder zu Hause, in der Familie! Woher man auch 1 
kommen möge, aus welcher Richtung auch der deutschen oder der t 
internationalen Windrose, — die durch Eisenbahnen, Dampfschiffe 
und unheimliche Kilometerzahlen zerrissene Verbindung mit der 
Heimath ist durch diese unvergleichliche Einrichtung und Aus 
stattung der Lesehalle der Ausstellung im Handumdrehen wieder 
angeknüpft. Sie bedeutet aber noch mehr. Der stärkste Mann, so 
er eine Ausstellung besucht, empfindet Augenblicke unvergleichlicher 
Schwäche. Er kann eben im Augenblick nicht mehr sehen, als er 
schon gesehen hat, wenn ihn nicht die sogenannte Drehkrankheit 
befallen soll. Gegen diese Abspannung hilft wol l auch ein Glas 
Bier oder eine sonstige leibliche Stärkung, aber doch erst in zweiter 
Reihe und nicht so rationell. Der Geist will abgelenkt, er will
	        
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