Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 15
Die auf das MittelaKer folgende Kurse Renaissance-Periode mit
ihrem Luxus und ihrer barocken, aber prunkvollen Pracht, übte
auch auf Stil und Werth des Schmuckes einen grossen Einfluss
aus und rief wesentliche Reformen auf diesem Kunstgebiet hervor,
die der Redner in eben so anschaulicher, wie fesselnder Weise
schilderte. Ganz besonders anerkennend gedachte er des eminenten
künstlerischen Schaffens des grossen Benvenuto Cellini, wobei er
das lebhafte Bedauern aussprach, dass so manches Meisterwerk
desselben, von dem uns die damaligen Aufzeichnungen berichten,
spurlos verschwunden sei. Im 16. Jahrhundert vollzog sich die
grösste, noch heute maassgebende Wandlung in dem Geschmack —
der aus dem Orient uns zugeführte Brillant riss die Alleinherrschaft
an sich, denn er ist, wie Herr Professor Luthmer launisch bemerkte,
»ein ungeselliger Bursche, der keinen anderen neben sich duldet.«
Indem der Redner nochmals die drei grossen Gruppen: Antike
Zeit, christliches Mittelalter und Neue Zeit eingehend recapitulirte,
gelangte er zu dem erfreulichen Schluss, dass die Erzeugnisse der
heutigen Juwelierkunst auf einer ausserordentlich hohen Stufe
stehen und sich mit denen der vorausgegangenen Zeiten wohl
messen können. Freilich dient unseren tüchtigen Goldschmieden
auch noch heute das Alterthum und die Renaissancezeit zum Vor
bild, allein in einem wesentlichen Punkt sind sie beiden Perioden
über: in der Reichhaltigkeit der Formen, für die man sich heute
die Natur zum Modell genommen hat und dadurch die reizendsten
und wechselreichsten Dinge zu schaffen im Stande ist. Man mag
über den Naturalismus auf anderen Gebieten denken, wie man will, so
schloss der Vortragende seine hochinteressanten Ausführungen, die leb
haftesten Yeifall fanden, auf dem der Juwelierkunst erweist er sich
geradezu bahnbrechend. Die Schmetterlinge, Blüthenzweige, Iu-
secten, die wir heute in künstlicher Ausarbeitung als Schmuck
verarbeitet sehen, bedeuten einen gewaltigen Fortschritt, und eine
aus Brillanten hergestellte Rose, die in der Zartheit ihrer Blätter
fülle vollständig der Natur abgelauscht ist, darf sich allen Erzeug
nissen früherer Kunst ebenbürtig zur Seite stellen. Fr. Br.
[Abdruck untersagt].
Schon kurz nach vier Uhr entstand Leben in den Strassen
Berlins, Gruppen von Ausflüglem strebten den Thoren zu, die
elektrischen Sfrassenbähnwagen führen in raschem Tempo zu zweien
und dreien zusammengekuppelt von Berlin nach Treptow. Sie
füllten sich rasch, an allen Haltestellen harrten Fahrgäste, nach
5 Uhr schon hatte man Mühe, einen Platz nach der Ausstellung zu
erobern; viele davon schlugen den Weg über die Coepenicker Land
strasse nach Treptow 'ein. Die Köpenicker Strasse war sehr belebt
und prangte theilweise in neuem Festschmuck, Balcons und Fenster
waren mit hellgrünen Maien geschmückt, deren zarte Blätter von
einem leisen Windhauch bewegt wurden. Hier und da sah man
Kränze und Guirlanden von Tannen- und Fichtenreisig an den
Häusern, ja einzelne Bewohner hatten sich sogar zur Anschaffung
von neuen Flaggen und Festons verstiegen. Beim Schlesischen
Busch, wo die Coepenicker Landstrasse von der Treptower Strasse
abzweigt, wär über Nacht ein doppelter Triumphbogen entstanden,
gebildet durch drei riesige Flaggenmasten, unter einander durch
Gewinde von Guirlanden verbunden, die mit Schildern und Fahneh-
bündeln sowie Bannern geschmückt waren.
Im Ausstellungs-Terrain war es gegen 6 Uhr noch sehr ruhig,
nur die Kehrfrauen und das Personal der Spreng- und Giesswagen
waren hier thätig. Die Litfass-Säulen wurden neu beklebt, das
Aufsichtspersonal fand sich ein. Kurz nach 6 Uhr aber strömten
durch das frühere Portal III zahlreiche Menschen, allen voraus,
eiligen Schrittes ihren Lokalen zuschreitend, flinke Kellnerinnen
und Verkäuferinnen, ihnen folgten viele Kellner, Prögramniverkäufer,
auch Ausstellungsbesucher, doch in geringer Zahl. Die Stuhlverleiher
waren noch nicht sichtbar, und es wurde kein Anstand genommen,
trotzdem auf ihren Stühlen Platz zu nehmen. Kurz darauf kam
eine neue Menschen woge heran gebraust, diesmal z umeist aus Be
suchern bestehend, dabei Viele in nagelneuen Anzügen, junge,
hübsche Damen in hellen Kleidern, weisse mit Rosen, Nelken und
Vergissmeinnicht garnirten Strohhüten auf den sauber frisirten Köpfchen,
Herren in dunklen Jaquets mit hellen Beinkleidern, scharfen Bügelfalten
und Kniffen, einige Militairs (die Cavallerie, rothe Husaren und Garde-
Kürassiere zeigten sich zuerst). Wächter mit verlöschten Laternen,
Kontroluhren und leere Bierflaschen in den Händen, einige mit
Hunden an der Leine, wandelten mit müden Gesichtern heimwärts.
Immer neue Schaaren strömten zu, darunter viele Musiker, die das
Morgenconcert zu spielen hatten, die Platanen-Alleeen am Neuen
See, die Wandelgänge und Promenaden belebten sich immer mehr.
Auf den frisch begossenen Wegen wurde allerlei Schuhwerk ver
schiedener Grössen sichtbar, solide Stiefeln, leichte Strandschuh,
gelbe Touristenschuhe, untermischt mit Reit- und Kommiss-Stiefeln
Die grünen Pläne der »Offieiellen Ausstellungs-Nachrichten« wurder
viel studirt, Bäcker-, Eis- und Bierwagen verliessen den Park
während die Stadtbahn, elektrische Strassenbahn, Pferdebahn,
die Omnibusse, Kremser, Droschken, Fleischer-, Bäcker- und Milch
wagen immer neue Besucher zuführten.
Am Himmel zeigten sich anfangs zahlreiche Schäfchenwolken,
die sieh nach und nach gegen Südost in Haufen zusammenballten,
aber doch war viel klarer, blauer Himmel sichtbar, in den Aesten
und Zweigen flötete und zwitscherte es in allen Tonarten, freche
Spatzen und muntere Bachstelzen hüpften und trippelten auf den
Wegen herum und wurden allzuoft aufgescheucht. Die Luft war noch
recht kühl und die Damen in ihren leichten Costümen schauerten
mitunter zusammen, aber eine festliche, frohe Pfingststimmung lag
über dem Ganzen, die Unterhaltung wurde nach und nach lebhafter.
Vor 7 Uhr rückten die ersten Gesonnen der Stuhlverleiher an,
die Programmverkäufer nahmen ihre Posten ein, abgelöste Mann
schaft der Feuerwehr suchte die Kaffeküchen auf, Gendarmerie
wurde sichtbar. Gegen 7 Uhr kommen bereits Familien an
die Kinder in ihren bunten Festkleidern ergänzten das farbenreiche
Bild. Commercienrath Kühnemann eilte prüfenden Blickes durch
die Anlagen, alles schien in Ordnung zu sein. Nach 7 Uhr
erklang die Concertmusik vom Neuen See her. Kurz vor 8 Uhr
War die Terrasse bei Dressei dicht gedrängt voll Publikum, auch
viele Miethsessel an den Ufern waren besetzt mit Besuchern, die
theils dem Concert zuhörten, theils Zeitungslecture trieben oder
das mitgebrachte Frühstück verzehrten, auch Gondeln bewegten
sich schon auf dem See. In den Alleeen und am Ufer promenirte
die Menge, Junggesellen wandelten gedankenvoll in den Alleeen
und bliesen Cigarrendampf in die Luft; ging eine hübsche Dame
vorbei, t so blieben sie wohl auch stehen, um ihr nachzuschauen
und Einer oder der Andere dachte vielleicht beim Anblick eines
jungen Paares, das könntest du auch so haben, ging dann in sich
und fasste den Entschluss, im Laufe des Tages noch ein Ver
hältnise anzubandeln. Nur halb freut sich der Mensch allein, es
müssen immer zweie sein! Reizende Backfischchen schwärmten
in Naturgenuss, muntere Kinder sprangen umher, indess Papa und
Mama, in Gespräch und Anschauen versunken, auf einer • Bank
ruhten, und so ein Bild der Zufriedenheit und stillen Familien
glückes boten. Als die Sonne höher stieg, zerstreute sich die
Menge, um entweder in das Hauptgebäude zu gehen oder ein
Frühstückslokal aufzusuchen. Auf der Coepenicker Landstraese
schlenderten zahlreiche Leute umher, blieben da und dort stehen,
um einen Blick durch die weiten Maschen der Drahtumzäunung in
das Ausstellungterrain zu werfen, ganze Coloniien von Rad
fahrern strampelten vorbei, dazwischen Equipagen, Einspänner
und allerhand sonstiges, mitunter ganz eigenthümliches Fuhrwerk
bewegte sich auf dem Strassendamm. Wagen führten Ess- und
Trinkwäaren zu, das Gebimmel der elektrischen Strassenbahn tönte
fast unaufhörlich, warnende Zurufe der Kutscher liessen sich hören,
die oft erschrockenes Beiseiteprallen der Fussgänger zur Folge
hatten. Auf dem ausserhalb der Ausstellung befindlichen Carrousel
vergnügten sich die lieben Kleinen, während die Grossen in den
reichbeflaggten Wirthschaften am Biertische sassen Ringbahnzüge
fuhren in kurzen Intervallen, Locomotiven pfiffen, Rädergerassel
und das pfeifende und rollende Geräusch der elektrischen Bahn,
Peitschenknallen, Signalpfiffe etc. illustrirten den Verkehr einer
Welt* und Ausstellungsstadt.
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