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Volume Nr. 38, 25. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

14 Officielle Ausstellungs-Nachrichten 
meinte, das Heraufbefördern von Gepäck läge mit in der Taxe und 
sei mit zwei Groschen hinreichend belohnt. 
»Denn muss das Freilein das nächste mal mit’n Rollwagen 
fehlen,« sagte er. — 
Als mein Karl zu Tisch kam und ein drittes Gedeck vorfand, 
fegte er sich aufs Kathen, für wen es sei, kriegte es aber nicht 
heraus, weil das Zunächstliegende stets das Schwierigste ist. Er 
wurde ärgerlich und grollte. »Du willst Dich wohl zur Sphinx aus- 
»ilden, das ist das einzige, was auf dem Ausstellungs - Kairo noch 
fehlt.« 
»Hast Du so genau nachgesehen?« — »Ja!« — »Ohne 
mich?« — »Du gehst ja Deine eigenen Studirwege.« — »Karl!« 
In diesem Ausrufe lag eine ganze Tragödie, und das fühlte 
er, denn er fragte »Wo bleibt denn das Essen?« Wenn Männer 
ablenken, regt sich ihr Gewissen. 
»Die Araberinnen sollen dort ja zum Theil unverschleiert 
herumlaufen?« fragte ich durchbohrend. »Ist das wahr?« 
»Ich bin hungrig, Wilhelmine!« 
»Ich nicht. Mir ist der Appetit vergangen.«, — »Wovon 
denn?« — »Was weiss ich?« — »Eben warst Du noch guter 
Dinge.« — »Eben, ja.« — »Bin ich Schuld an Deiner Laune?« 
-— »Kein.« ; »Wer denn?« — »Niemand.« — »Wilhelmine, 
willst Du mich im Ernste böse machen?« »Nein; ich bitte 
Dich, was soll Ottilie denken, wenn sie gleich am ersten Tage 
Zeuge tiefsten Familienzwistes wird.« — »Uebertreib’, nicht, sei so 
gut. Also für Ottilie ist gedeckt . . . Wo bleibt sie aber? Ich 
möchte essen.« . . 
»8ie macht Toilette.« 
»Sie soll sich beeilen. Von der Gesellschafterin verlange ich 
Pünktlichkeit. Ich werde einen Ton mit ihr reden.« 
»Karl, mir zu Lieb sei freundlich gegen sie. Bedenke, ich 
muss Wochen lang mit ihr auskommen. Und Du weisst, sie hat 
Nerven.« 
»Sie kann sich meinethalben an ihren Nerven aufhängen.« 
Ich klingelte. Mein Karl war bereits in dem Hungerstadium, 
wo die Männer borstig werden. »Dorette schleunigst die Suppe und 
Fräulein nochmal zu Tisch ansagen.« Glücklicherweise hatten wir 
Kerbelsuppe, die mein Karl schon öfter für sein Leibgericht er 
klärte, mit Ei und gebratenem Brot. Er schwelgte ordentlich, so 
ausverkauft war sein Magen gewesen und mit jedem Löffel ward 
er friedlicher. Wäre jetzt Ottilie nicht gekommen, hätte er deren 
Antheil mit vertilgt; ein Ei bekam sie schon weniger. 
Mein Karl war überrascht bei ihrem Anblick, ich noch über 
raschter. Er stand auf und verbeugte sich und sie machte einen 
Quadrillenknix wie frisch vom Tanzmeister, schon mehr die reine 
Hoffeierlichkeit. Und was hatte sie an? Ein marineblaues Kleid 
von demselben Stück wie meines und eben solche cremefarbige 
Klöppelarbeit und der Schnitt aus demselben Modenblatt. 
Mein Effect, den ich machen wollte, war hin. Zweie aus dem 
nämlichen Laden erregen allerdings Aufsehen, aber nur weil Jede 
sagt: sie gehen gleichartig aus Billigkeitsrücksichten, Gott weiss, wo 
sie den Rest gekauft haben? Und dazu schafft man doch nichts 
Modernes an. 
Ich hatte Karl zwar gebeten freundlich zu sein, aber dass er 
Ottilie mit unverhohlenem Wohlbehagen ansah, das war nicht aus 
bedungen. 
Das Gespräch wurde bald recht lebhaft. Ottilie schwärmte 
schon mächtig für Berlin. Nach dem Spreewald w ollte sie und einen 
kleinen Abstecher nach Dresden machen, und recht, recht oft in’s 
Theater. 
»Meine Liebe,« sagte ich, »was wird aber aus ihren Nerven?« 
»Oh,« erwiederte sie, »die sind facultativ. Ich bedarf der 
Anregung, die wird mir Flügel verleihen, Flügel des Geistes, sie 
wachsen mir jetzt schon. Ach, Berlin ist zu himmlisch.« Dabei 
streckte sie Jedem von uns eine Hand hin und sprach: »Wie lieb 
Sie sind, mich so glücklich zu machen.« 
Wir schlugen ein, weil sie so überrumpelnd war und mein 
Karl, das sah ich, fand Vergnügen an dem Handdrücken. 
»Ottilie,« bemerkte ich strenge, »so lange Sie hier sind, ver 
trete ich Mutterstelle und das sage ich von vorn herein: geflogen 
wird nicht.« 
Sie hätte nur bildlich gesprochen. — »Bei uns reden wir 
drMlf«eli. « .—. 
Nach Beendigung des Mahles schlug ich im Meyer facultativ 
nach. „Dem eigenen Ermessen freigestellt“ stand da. 
Hierauf fragte ich meinen Mann: »Karl, weisst Du, was fa 
cultativ besagt, in Bezug auf Ottiliens Nerven.« 
»0 ja,« entgegnete er trocken, »ihr heirathert.« 
»Und deshalb ziehst Du in die Fabrik und Ottilie schläft bei 
mir. — Ohne Widerrede, mein Karl.« 
Er redete auch nicht wider. Ottilie. ist wirklich zu hübsch 
und ohne Erfahrung. Es wird nicht leicht sein, sie zu hüten. 
Ihre ergebenste 
Wilhelmine Buchholz. 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
Juwelierkunst. 
[Abdruck untersagt! 
Am Sonnabend sprach Herr Professor Luthmer aus Frank 
furt a. M. über Juwelierkunst. Der Hörsaal des Chemie-Gebäudes 
war dicht gefüllt und wohnten ganz besonders zahlreiche Berliner 
Juweliere den Ausführungen des Redners bei, der sein Thema mit 
grosser Sachkenntnis behandelte und in gedrängter, . aber 
übersichtlicher Weise eine Geschichte der Bijouterie gab, die 
schon vor Jahrtausenden in hoher Blüthe stand und sich fort 
schreitend bis heute entwickelte. 
Es lässt sich nicht leugnen, so führte Herr Professor Luthmer 
aus, dass der Zweck des Schmuckes vorwiegend dahin geht, die 
Blicke Aller auf den Träger resp. die Trägerin desselben zu lenken. 
Die Besitzerin einer schönen Hand wird an dieser mit Vorliebe 
blitzende Ringe tragen, da dadurch das fremde Auge mit Wohl 
gefallen auf denselben ruhen und naturgemäss auch die Hand mit 
bewundern wird. Eine Dame, die kleiner als ihr wünschenswert!! 
ist, trägt einen hohen, mit funkelnden Steinen besetzten Kamm im 
Haar und schmückt dasselbe wohl auch mit einem Reiherhusch, 
um grösser zu erscheinen, eine andere ziert ihre Brust mit einer 
kostbaren Brillantbroche, um die Schönheit ihrer Büste zu heben 
und eine vierte endlich schlingt eine dreifache Perlenkette um ihren 
Hals, auf diese Weise die blendende Weisse und Fülle desselben 
in das günstigste Licht stellend. 
»Lohnt es sich nun,« so fragt der Redner, »einen Gegenstand 
zum Thema eines Vortrags zu machen, der anscheinend nur der 
Eitelkeit des Menschen dient?« Er beantwortet diese Frage bejahend, 
denn die Geschichte des Schmuckes und der Juwelierkunst ist 
von grosser culturgeschichtlieher Bedeutung und hat von jeher 
Fachmänner und Kunstgelehrte beschäftigt. In dem engen Rahmen 
eines Vortrages kann sie nur flüchtig gestreift werden, und muss 
Redner vor Allem darauf verzichten über die Technik der Jnwelier- 
kunst, die Bearbeitung der Rohstoffe, über Ciselirung, Filigran 
arbeiten, die Fassung der Steine u. A. in. zu. sprechen. Nur das 
historische der Sache soll in kurzen Zügen wiedergegeben werden. 
Und dies that Herr Professor Luthmer denn auch in fesselnder 
und übersichtlicher Weise, indem er, die Geschichte des Schmuckes 
in drei grosse Stilperioden eintheilte und hei Schilderung derselben 
die Entwickelung der einzelnen Schmuckgegenstände, Ohrgehänge, 
Spangen, Ringe etc. veranschaulichte. 
Die Bijouterie ist so alt wie die Menschheit. Schon vor drei 
Jahrtausenden schmückte sich diese, wie die zahlreichen Gräber 
funde beweisen, denen wir überhaupt unsere Kenntniss auf diesem 
Gebiet, soweit sie in das Alterthum und die Anfänge des Mittel 
alters hinüber reicht, allein verdanken. Wie beliebt von jeher der 
Schmuck war und wie hoch er selbst bei den uncultivirtcsten Völkern, 
im Ansehen stand, beweist die Thatsache, dass sogar Völkerstämme, 
die jede Tracht verschmähten, den nackten Leib mit irgend einem, 
oft freilich primitivsten Schmuck zierten. Der Redner schildert, 
wie die Schmuckstücke der alten Welt, Griechenlands und Roms, 
lediglich den Charakter der Plastik aufwiesen, während das be 
sonders charakteristische Kennzeichen der Bijouteriecn des Mittel- 
alters, das in Erscheinung tretende Element lebhafter Färbung und 
des rasch auf einander folgenden Formenwechsels war, eine That 
sache, die darin ihre Begründung findet, dass die damaligen 
Generationen durch die Kreuzzüge mit. dem Orient in Verbindung 
kamen und dieser seine Einflüsse, wie in so viel anderem, auch, 
auf diesem Kunstgebiet geltend machte.
	        
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