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Volume Nr. 38, 25. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 13 
den Schreibtisch und, haste nicht gesehen, Neapel geschildert oder 
Rom oder die Bevölkerung und, was sonst malerisch ist, ohne 
persönliche Anschauung? 
Und was antwortete sie darauf? Was? 
»Das Papier ist geduldig«. 
Hierauf wollte ich tödtlich werden, wie es sich auch eigentlich 
gehörte, aber da ich kürzlich vorher in der Familienbeilage unseres 
Blattes über Hundedressur gelesen hatte, dass Langmuth und Un 
nachgiebigkeit herrlicher von Erfolg gekrönt werden als Jähzorn 
mit Handhabungen, wendete ich Nachsicht an und sagte, sie 
möchte doch um Alles in der Welt nicht über Dinge reden, die 
für sie ewig unaufgegangene Seifensieder blieben, so lange sie sich 
absichtlich der Wahrheit verschlösse. 
Da gestand sie denn, dass sie blos sagte, was die Krausen ge 
sagt hätte. Ich hatte die Krausen damals noch nicht so erkannt, 
wie später, und stand einigermaasseu ziemlich mit ihr, so dass diese 
Offenbarung mir durch und durch ging. Auch zweifelte ich noch, 
weshalb ich andeutete: »Man muss sich nie als Sprachrohr ge 
brauchen lassen, weil doch zu viel verdreht herauskommt«. 
Die Kliebisch sowohl wie ihr Gatte sollen nun der Butschen 
sowohl wie der Krausen mitten in’s Gesicht beeidigen, dass ich 
mit ihnen zusammen in Italien war. Lügen müssen wie die Schwaben 
immerwährend ausgerottet werden, sonst kann man sich nicht vor 
ihnen retten. 
Was mich in ihrem Schreibebriefe ärgerte, das waren Be 
merkungen. — »Wir haben hier auch das Abschreckungs-Placat in dem 
Dorfkruge hängen«, schrieb sie, »und hatten in Folge dessen anfangs 
gar keine Lust zur Ausstellung. Der sehnige Arm, der aus der 
Erde sich brutal erhebt und mit dem Hammer Jeden zu zerschmettern 
droht, hatte für mich etwas Beängstigendes, bis mein Hinnerich mich 
beruhigte und sagte, das Placat stelle blos Berliner Blau vor 
(weil doch der Hintergrund so blau ist), und der Hammer bedeute 
die Landwirthschaft, die bald unter den Hammer käme. Da haben 
wir denn herzlich über den Witz gelacht. Mein Mann macht 
mitunter ganz brillante Witze und ist auch dafür in weiteren 
Kreisen bekannt. Unsere Anna ist confirmirt und ist mir eine 
rechte Stütze im Haushalt. Sie hat so recht den praktischen Sinn 
ihres Vaters geerbt und ebenso hellblondes Haar wie er und dabei 
seidenweich. Heinrich weiss noch nicht, was er werden will, wir 
lassen ihn deshalb die Schule noch ruhig besuchen, bis er sich 
entscheidet. Landwirth sieht mein Hinnerich ungern, weil zu wenig 
verdient wird und ein junger Mann ohne grosses Capital zu lange 
bis zur Selbstständigkeit warten muss. Henriette dagegen, unsere dritte, 
ist idealer veranlagt, mit gutem Gehör und einer allerliebsten Stimme. 
Adalbert und Friedrich gehen in die Dorfschule, was für den letzteren, 
da er von den Masern her immer noch nicht ganz wieder der Alte 
ist, seine Bedenken hat. Lene und Male. . .« 
Die inneren Familienverhältnisse waren für mich weniger von 
Interesse, als ich weder die Grossen noch die Kleinen kenne, aber 
ich empfing doch die Ueberzeugung, dass die Gegend dort zu den 
fruchtbaren gehört. Auf die Kinderstube ging ich daher nicht 
näher ein, wohl aber auf Herrn Kliebisch’s Randglossen über das 
Ausstell ungs-Placat. Die hatten mich verdrossen. 
»Es freut mich,« schrieb ich, »dass §ie Alle wohl und munter 
sind und Ihr Herr Gemahl trotz der agrarischen Lage noch zu 
Scherzen aufgelegt ist. Was diese anbetrifft, möchte ich mir nur 
die Mittheilung erlauben, dass wir unsere Witze über Berlin 
gewöhnlich selber zu machen pflegen und zwar meistens gute. 
Und auch die leben nicht allzu lange, weil jeder Tag 
neue fördert. 
»Das Placat will verstanden sein. Es schliesst sich der 
neueren Kunstrichtung an, die den sogenannten schönen Schein als 
unnatürlich meidet und in erster Linie darauf zielt, dass von dem 
Kunstwerk gesprochen wird. Wie? ist egal. Und das ist erreicht, 
sogar bei Ihnen auf dem Lande. Sie haben sich geängstigt: wollen 
Sie noch mehr Wirkung? Liebe Frau Kliebisch, seit wir uns in 
Italien sahen, hat die Kunst unermessliche Fortschritte gemacht, 
dass die alten Meister, wenn sie aus ihren Gräbern hochkämen, 
sämmtlich umlernen müssten. Wie Tag und Nacht ist der Unter 
schied. Alles Braune und Dunkele gehört in die Museen und der 
Antike an. Alles Mehlige und wie in den Regenbogen Getauchte 
ist modern und zulässig für Ausstellungen. Dies muss man sich 
merken und Rafael und Rubens und die verstorbenen Malermeister 
nicht loben, das nehmen die jüngeren krumm. Wir werden übet 
Manches zu plaudern haben und Vieles zu besichtigen, denn eine 
enorme Gemälde-Ausstellung ist Treptow gegenüber am anderen 
Ende der Stadt eröffnet. Wir rechnen in Berlin eben mit grösseren 
Entfernungen als in kleineren Orten und so ist es auch mit dem 
Geistigen und den Scherzen. Berliner Blau gehört zu den über 
lebten ; ich bezweifle, dass Ihr Mann Glück damit machen wird.« 
Als ich über eine stilgerechte Schwenkung in die Kinderstube 
nachsann, kam die Dorette, unser Mädchen, und meldete, vor der 
Thür hielte eine Droschke mit Massen-Gepäck; ob das wohl Besuch 
für uns wäre? 
Wir beide aus dem Fenster gesehen. Richtig. Die Droschke 
beladen wie ein Möbelwagen zur Umzugszeit, vornehmlich mit einem 
Reisespinde, dass der Kutscher völlig lebensgefährlich daneben auf 
dem Bock pendelte. 
Wer konnte es sein? Nach dem Kontrolirverzeichniss, das 
ich rasch zu Rathe zog, Niemand. Aber da öffnete sich die Thür 
eine junge Dame flog auf mich zu mit den Worten: »Ich bin es 
Wie ich mich freue.« 
»Ottilie?« fragte ich. 
»Ja Ottilie.« 
»Warum schrieben oder telegraphirten Sie nicht?« 
»Ich wollte Sie überraschen, das hatte ich mir zu entzückend 
ausgedacht. Ach es geht nichts über Ueberraschungen, die sind zu 
himmlisch.« 
Sie hatte es gut gemeint und so fügte ich mich denn in die 
Ueberraschung, obgleich mir genaue Anmeldung lieber gewesen 
wäre, weil ich dann meine Anordnungen getroffen hätte. 
Ich betrachtete sie mir. Sie war viel ansehnlicher, als auf der 
Photographie, namentlich das lebhafte Auge verlieh ihr etwas Reiz 
volles und, wenn sie sich bewegte, kam ihre schlanke Figur zur 
Geltung. Nun ward mir auch mit einem Male klar, warum sie 
sich nicht glücklich in ihrer Hermath fühlt und weshalb sie allerlei 
auszustehen hat. Sie ist über ihren Stand hübsch. 
Ich hiess sie willkommen und fügte hinzu: »Wir haben er- 
eignissreiche Tage vor uns, aber mit gutem Willen, richtiger Ein- 
theilung und Fleiss werden wir sie bewältigen«. 
»Ach und recht oft in die Oper«, rief sie, »Oper ist zu himmlisch. 
Ich muss die Sucher hören, sie soll als Isolde zu entzückend sein. 
Und Cirkus. Ich schwärme für Cirkus! 
»Ottilie«, unterbrach ich sie, »Cirkus ist eine Wintersache, 
also jetzt nicht vorhanden. In die Oper werden wir auch einmal 
gehen. Die Hauptsache ist unsere gemeinsame Ausstellungsarbeit. 
Haben Sie Bücher mitgebracht?« 
»Gewiss, zwei Kisten voll.« 
»Zwei Kisten?« fragte ich entsetzt. 
Der Droschkenkutscher und Dorette schleppten gerade eine 
schwere Kiste die Treppe herauf. »Das Praktische scheint ihr 
fremd zu sein«, dachte ich und fragte: »Was sind denn das für 
Bücher?« 
»Zunächst Meyer«, antwortete sie. 
»Was für’n Meyer? Doch nicht das ganze Conversations 
lexikon?« 
»Nun ja, darin steht Alles.« 
»Ottilie«, rief ich, »den Meyer habe ich selbst; die Ueber 
frucht hätten Sie sparen können. Was sonst noch?« 
»Ein französisches oder ein englisches Lexikon, Daniel’t 
grosses Handbuch der Erdkunde, Velhagen’s und Klasing’s Atlas, 
Brehm’s Thierleben, wegen der Fischerei-Ausstellung, Krüger’s 
Physik. . .« 
»Das scheint mir das einzig richtige. Haben sie auch Chemie 
mitgebracht?« 
»Chemie? Nein, die hab ich vergessen.« 
»Aber Ottilie, wo ich Ihnen doch schrieb, welche Sorge mir 
das chemische Industriegebäude macht. Was fangen wir nur an? 
Wir müssen das Buch schicken lassen.« 
»Das geht nicht. Ich habe die Schlüssel zu meinem Bücher 
spinde bei mir.« 
Ich seufzte. »Kommen Sie, ich will Sie auf Ihr Zimmer 
führen. Später ziehen Sie zu mir.« 
»Ach wie reizend.« 
Der Droschkenmann wurde allmählich befriedigt; die Kisten 
waren nicht billig. Auch machte er Seiteubemerkungen, als Dorette ,
	        
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