Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

12
OfficielSe Aussteüungs- Nachrichten.
Kastens oben am Apparat, der das Aussehen einer schrägstehenden
Tischplatte zeigt. In Tisehhöhe befindet sich unten eine Claviatur,
ähnlich derjenigen einer Schreibmaschine, •welche für jede
ünzelne Buchstabenform eine besondere Taste besitzt. Durch
len Druck auf eine dieser Tasten löst sich die betreffende
Type aus dem Behälter und fällt in einer Kinne herab.
Buten hinter der Claviatur setzen sich die einzelnen Typen zu
Worten und Reihen zusammen. Sobald eine derartige Reihe
fertig ist, ertönt ein Glockenzeichen, der Setzer drückt einen rechts
neben seinem Platz befindlichen Griff nieder, und die aus Typen
gebildete Reihe wandert in den Giessapparat zur Linken. Hier
bildet sich mechanisch die Bleiform ab, welche sodann nach erfolgter
Abkühlung freigegeben wird, während die betreffenden Typen von einem
Hebel erfasst und nach einer oben befindlichen Schraubenwelle be
fördert werden. Hier werden die einzelnen Hermen bis zu ihrer
Abtheilung weiter geschoben und fallen dort in Folge einer sinn
reichen Vorrichtung an ihren Platz zurück. Die einzelnen Zeilen
werden sodann seiten- beziehungsweise bogenweise zusammengesetzt
und dann in die Giesserei befördert, wo, wie schon durch frühere
Artikel bekannt, die Herstellung der eigentlichen, für die Walzen der
Rotationspresse bestimmten Schriftformen erfolgt. Spectator.
Ausstellungsbriefe
von Wilhelmine Buchholz.
V.
Der Hausbesuch regt sich.
[Abdruck untersagt.]
Sehr geehrter Herr Redacteur!
Nur Geduld; die Berichte für Sie sind in nächster Aussicht.
Wodurch sie verhindert werden? Durch Natürlichkeiten.
Kaum haben nämlich die Herrschaften auswärts in den
Zeitungen gelesen, dass die Ausstellung angegangen ist, ehe sie
fertig war, sie sich, wie sie gebacken sind, hingesetzt und geschrieben,
sie kämen erst später. Die Antworten darauf und das Umkatern
der Anmeldezeit, der Zimmerbesetzung und gegenseitiges Verständigen,
da Ungermann’s jetzt mit Tante Lina zusammenfallen und der
Amtsrichter dito mit ihr zusammenstösst, wenn auch Ungermann’s
imgelegt werden. Ungermann’s müssen in die gute Stube und
Tante Lina lässt sich allenfalls nach Butsch’s abzweigen,
andererseits jedoch ist der Amtsrichter unmöglich mit der Mädchen
kammer zufrieden. Das Fremdenzimmer ist besetzt. Und die
Dorette grault sich vor dem Schlafen auf dem Boden.
Hat man den Kopf voll von Einrichtungen, kann man keine
allgemein fasslichen Berichte über die Grösse der Industrie und das
Bedeutendste der Gesammtleistungen verfassen. Es sind in der
That Leistungen draussen, von denen man, wie Napoleon oder wer
es war, nur sagen kann: es sind welche! Und wie manches,
geradezu nicht hoch genug anzuerkennende ist in einem Seiten
flügel angebracht. — Jawohl, das ist es! — Da wird die Pflicht
der Berichterstattung, es hervorzuziehen und laut zu verkündigen:
da seht her, was hier gewebt ist, diese prachtvolle Qualität und
dauerhaft im Tragen. Ehre, wem Ehre gebührt. Denn bei den
enormen Kosten will doch auch der Aussteller sein Geschäft
machen und das kann er nicht in einer Ecke, an der das Publikum
blind und sinnlos vorüberrennt und seinen Fleiss, seine Arbeit,
seine Tüchtigkeit links liegen lässt.
Aber ich will’s schon besorgen.
Was Auswärtige nun unter »nicht fertig« denken, das würden
sie selbst mit den schrecklichsten Daumenschrauben nicht gestehen
können, da sie erstens ja garnicht wissen, wie die Ausstellung
werden soll, wenn sie fertig ist, und die zweitens für Jedermann
mehr zu besehen bietet als in einer Woche ohne Ruhepausen
nö glich ist. Freilich, desto vollendeter sie ist, desto mehr Total
eindrücke giebt sie her, aber für Viele thut sich ohne dies schon
fast zu reichlich. Ausserdem hat bis jetzt noch keine grosse Aus
stellung ihren Zeitpunkt innegehalten. Die letzte Schraube hat
wohl noch Niemand gesehen, wie mein Karl meint.
Was ihn selbst betrifft ... er will nicht in der Fabrik
schlafen und sagt: »er sei nun einmal ein Gewohnheitsthier und
werde, so weit in seiner Macht stände, sich auch nicht ändern«.
»Karl« hielt ich ihm vor, »die Aufgabe des menschlichen
Geschlechts liegt neuerdings in der Vervollkommnung. Man muss
das Thierische, das Einem noch , von den Vorzeiten anstammt, immer
mehr abstreifen, namentlich Gewohnheiten.«
»Meine Familie hat sich nie zu der Darwinschen Religion
bekannt« sagte er. »Wie Deine es damit gehalten hat, wirst Du
selbst am besten wissen.«
»Was willst Du damit behaupten? Was kannst Du mir vor
werfen? Oder willst Du meine Vorfahren verächtlich machen? Karl,
die liegen in ihren Gräbern und können sich nicht vertheidigen und
Du schiltst sie Gorillas!«
»Mit keiner Silbe!«
»Wenn einer Darwin sagt, meint er Affe. Und das verbitte
ich mir für meine Ahnen, das waren Musterleute. Was mich selbst
betrifft, bin ich viel zu aufgeklärt, um zu läugnen, dass ich nicht
auch meine Fehler hätte.«
»Ganz sicher.«
»So; und welche wären das? Wie? Ich möchte sie wirklich
kennen lernen. Jawohl, das möchte ich. So nenne sie doch.«
Er besah seine Fingernägel, als wären es Polizeiakten, aber
es stand nichts darauf.
»Siehst Du, Karl, wie leicht etwas behauptet und nicht be
wiesen wird? Gesetzt den Fall, ich wäre nicht Deine Dich innig
liebende Gattin, sondern Besuch von Ausserhalb und ginge Dich direct
verklagen? Bedenke den Blam! Du in allen Zeitungen, von jedem
Droschkenkutscher gelesen und straffällig gefunden, verurtheilt von
der öffentlichen Meinung und nie — nie Commercienratk. Du
urtheilst zu rasch, mein Karl, Du bist zuweilen recht unüberlegt ;
ich will es nicht gerade tadeln, weil es an Deinem jugendlich
aufwallenden Blut liegt — Du hast Dich auffallend gut conservirt —-
aber wenn wir Fremde haben und Du lässt Dich hinreissen und
schmetterst in deinem Leichtsinn gerichtliche Ehrenkränkungen hin
wie eben . . . Karl hast Du die Folgen bedacht? Ich meine
Folgen, wenn ich Folgen sage . . .
»Wilhelmine, ich weiss nicht, wie Du mir vorkommst.« u
»Bange Blicke in die Zukunft, die Besorgniss um Dich , . .«
»Aber Kind . . .«
»Karl, es ist das Beste, — Du schläfst in der Fabrik, dann
kann so etwas garnicht passiven.«
»Nein!«
»Und wenn’s nachher zu spät ist? Wenn es kommt wie ich
voraussehe?«
Für das, was geschieht, übernehme ich, Karl Buchholz, die
Verantwortung. Bist Du damit zufrieden?«
»Vollständig. Gewiss, mein Karl. Ich möchte den sehen,
der Dir irgendwie käme . . . Aber wenn Du in der Fabrik schlafen
wolltest. . .«
Was er sagte, als er das Lokal jetzt verliess, verstand ich
nicht genau. Ich glaube beinahe, er fluchte.
Aber er hat nun einmal das Princip, nicht in die Fabrik
überzusiedeln und Principien sind um sq eigensinniger, je höher
sie gehalten werden.
Aber mein Karl muss in die Fabrik.
Meine Stimmung war eine durchwachsene; es that mir wohl,
dass mein Mann nicht von mir weg wollte und gleichzeitig
verdrossen mich seine Sperenzken. Um diese beiden Drehpunkte
bewegten sich meine Gedanken, als ich mich nunmehr hinsetzte,
der Kliebiseh Tag und Woche zu schreiben, wann wir sie mit
Gatten bei uns sehen könnten, und nebenbei einige Andeutungen
über ihren Briefstil zu verabreichen, der mein Missfallen erregt hatte.
Dass die Kliebiseh kommen wollte, war mir recht, wenn auch
mein Karl murrte.
Wir lernten uns in Italien kennen, nicht als gewöhnliche
Eisenbahnabtheils-Bekanntc oder Table d’liötc-Mitesser, sondern
mancherlei Erlebnisse brachten uns näher, Freude und Leid, Ge
fahren und glückliches Entschlüpfen, wie ich in dem Buche »Bucli-
holzcn’s in Italien« wahrheitsgemäss wiedererzählt habe, von dem
jedoch die Krausen hinter meinem Rücken laut behauptet, ich hätte
es garnicht geschrieben, sondern Jemand anders. Ganz derselben
Meinung war früher die Bergfeldten. Welche Mühe hat es mich
gekostet, ihr diesen Unsinn auszureden. »Bergfeldten« fragte
ich sie eindringlich, »wie kann man ein Buch über etwas
schreiben, wenn man nicht da war? Wie' denken sie sich das?
8" «ns heiler Haut? Meinen Sie vielleicht, man setzt sich an
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