Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

io Officielle Aussiellungs-Nachrichten.
k. " r-j.-: 11 1 '■■■ '
sAbdruck untersagt.]
Bis vor wenigen Jaliren nocli pflegten sämmtliche Ausstellungen
von Fahrrädern das Motto: »Novitäten über Alles!« an der Stirn
zu tragen, und noch ist es nicht so lange her, da schien es das
eifrigste Bestreben eines jeden Fabrikanten von irgend welcher
Bedeutung zu sein, seinem Stand durch eine Anzahl neuer, recht
in die Augen fallender Patente eine besondere Anziehungskraft für
den Beschauer zu verleihen. Die möglichsten und unmöglichsten
Erfindungen kamen dabei zum Vorschein und machten, allerdings
meist vergeblich, den Versuch, sich die Gunst des radfahrenden
Publikums zu sichern, das mit dieser Gunst bei solchen Gelegen
heiten gewöhnlich nicht allzu freigebig, ja noch nicht einmal immer
nach Verdienst umging. So erinnern wir uns beispielsweise noch
sehr gut, dass auf der »Zweiten und letzten Grossen Internationalen
Ausstellung von Fahrrädern etc.« im Krystallpalast zu Leipzig im
Jahre 1890 die erste mit pneumatischen Keifen nach Patent Dunlop
ausgerüstete Maschine — es war ein Dreirad — zwar vielfach
angestaunt wurde, aber wenig Beifall fand. Allein wenn auch der
dicke, graue Pneumatic seines Aussehens wegen damals den Spottnamen
»Braunschweiger Leberwurst-Reifen« erhielt, so hatte er doch, aller
Voreingenommenheit zum Trotz, in kürzester Frist seinen Siegeslauf
um die ganze Erde vollendet und alle anderen Keifenarten verdrängt.
Auf der anderen Seite hatte zum Beispiel die sogenannte Boudard-
Uebersetzung, die ausser ihrer Eigenschaft als Novität keinerlei
Vorzüge aufweisen konnte, sich späterhin sofort bei ihrem Erscheinen
grosser Beliebtheit zu erfreuen und sich thatsächlich ein ganzes
Jahr auf dem Markte zu behaupten gewusst, bevor sie, wie so viele
andere Erfindungen dieser Art, der wohlverdienten Vergessenheit
anheim fiel.
Die Fahrrad-Ausstellungen der Neuzeit haben also gegen früher
ein ganz verschiedenes Gepräge erhalten, und zwar nicht nur dadurch,
dass die Aufsehen erregenden Neuerungen immer seltener werden,
sondern auch durch das fast vollständige Verschwinden zweier ehe
mals viel benutzter Maschinenarten: des hohen Zweirades (»Ordinary«
nannten es die Engländer) und des Dreirades und ihrer Spielarten.
Denn wenn beide Maschinengattungen, und nicht ganz mit Unrecht,
auch heute noch ihre treuen Anhänger haben, so stehen sie doch
nicht mehr im Vordergrund des allgemeinen Interesses, das sich
jetzt hauptsächlich auf das niedrige Zweirad concentrirt, welches
uns unter einer ganzen Reihe von Benennungen, wie Sicherheits
maschine, Rover, Safety, Niederrad etc. vorgeführt wird und
das sich äusserlich eigentlich nur durch die Anzahl der
Fahrer, die es trägt, unterscheidet. Hat sich doch in den letzten
Jahren allmählich eine ziemlich feststehende Form für das Niederrad
herausgebildet, die fast in sämmtlichen Weltthcilen erfahrungsgemäss
als die beste und widerstandsfähigste anerkannt und zur Einführung
gelangt ist. Der Wetteifer der verschiedenen Fabrikanten beschränkt
sich daher heute auf die sorgfältige Auswahl des besten Materials
und die gewissenhafteste Fertigstellung der einzelnen Maschinen,
und es gehört schon ein recht geübtes und sachkundiges Auge
dazu, die kleinen Unterschiede im Bau des rautenförmigen Gestelles
und seiner Untertheile, sowie in der Construction der zwischen
26 bis 32 engl. Zoll im Durchmesser schwankenden Räder zu er
kennen. Die Frage betreffs der Güte der mannichfachen Systeme der
pneumatischen Gummireifen ist jedoch zur Zeit noch eine offene,
und wir möchten es nicht unternehmen, dem einen oder dem an
deren Fabrikat den Vorzug zu geben, denn wenn irgend wo, so
trifft hier das alte Wort zu: de gustibus non est disputandum!
Die leider etwas beschränkte Auswahl von Fahrrädern,
welche die Rückwand des Quergebäudes der Abtheilung XXI für
Sport einnimmt, muss nach den oben aufgestellten Gesichtspunkten
beurtheilt werden, denn sie bildet durchaus keine Ausnahme von
der allgemeinen Regel. Die Mehrzahl der aufgestellten Maschinen
sind niedrige Zweiräder mit Rautengestell (diamond-frame); denn,
wenn man. von den mehrfach vertretenen Transport-Dreirädern absieht,
so finden wir nur eine einzige andere Maschine, ein Brennabor-
Dreirad der Firma Gebr. Reichstein, das sich, wie wir gleich
bemerken wollen, durch seine eigenartig zweckmässige, leichte,
jedoch wohl abgesteifte Bauart auszeichnet. Was die ausgestellten
Niederräder anlangt, bedauern wir bei den meisten derselben noch
immer die stark abwärts gebogenen Lenkstangen zu finden, welche
Veranlassung zu der unschönen, naturwidrigen und gesundheit
schädlichen vornübergebeugten Haltung geben, wie sie leider durch
schneidig aussehen wollende Strassenhetzer Mode geworden ist,
welche zu imponiren glauben, wenn sie wenigstens im Sitz den
Professionsrennfahrer auf der Bahn markiren. Da es viele unserer
Leser interessiren dürfte, so wollen wir an dieser Stelle bemerken, dass
die Lenkstange in Sattelhöhe von der Steuerspindel aus in einfacher
Krümmung horizontal nach hinten gebogen sein soll und zwar so
weit, dass der Fahrer deren Griffe bequem mit gestrecktem Arm
erreichen kann, ohne sich auffällig vornüber beugen zu müssen.
Daher ist auch das andere Extrem, mit nach aufwärts gebogenen
Griffen, das auf den beiden grossen englischen Ausstellungen am
Ende des vorigen Jahres vielfach vertreten war und auch bereits
seinen Weg zu uns herüber gefunden hat, keineswegs zu empfehlen.
Kommen wir nun auf die einzelnen Stände zu sprechen, so
begegnen wir, zunächst der nordöstlichen Stirnwand des Quer
baues, der Fahrrad-Fabrik von Richard Sehrndt, Berlin, welche
eine interessante Collection der verschiedenen Arten von Roh-
Gummi, sowie die einzelnen Stadien vorführt, die dieser bei der,
Fabrikation von Pneumatic-Reifen — es sind die Imperial-Reifen
der Sächs.-Bökm. Gummiwaarenfabriken — durchläuft. Von Nieder-,
rädern bemerkten wir zwei Victoria-Tourenmaschinen, zwei Falke-
Rennräder mit sehr hohen Uebersetzungen und das bereits erwähnte
Borussia-Dreirad. Auf demselben Stand sehen wir die einzige,
wirklich in die Augen fallende Neuheit in der Fahrradbranche, 1
nämlich das »Wiesel«, von Hermann Baum, Berlin, ein ganz,
vernickeltes, zerlegbares »Schnellfahrrad« mit kleinen Rädern von;
31 Centimeter Durchmesser und doppelter Zahnrad-UÜbersetzung.
Wir haben die Maschine, die eine sehr bedeutende Schnelligkeit
haben soll, in der Praxis noch nicht beobachtet und können daher
kein Urtheil abgeben. Hier sind noch einige Fussräder
(Pedesped) ausgestellt.
Der nächste Stand zeigt uns vor der geschmackvoll mit
Ansichten der Brennabor - Werke u. s. w. decorirten Rückwand
17 Maschinen von Gebr. Reich st ein, Maschinen, denen man es
ansieht, dass die Fabrik die in dem langen Zeitraum ihres
25jährigen Bestehens gesammelten Erfahrungen wohl zu verwenden
weiss. Die Räder sind durchweg mit den doppelhohlen Stahlfelgen
ausgerüstet, deren hervorragende Widerstandsfähigkeit anerkannt ist,
und die daher für Tourenfahrräder den leichteren Holzfelgen ent
schieden vorzuziehen sein dürften; doch finden wir auch Räder mit
Holzfelgen ausgestattet, die sich augenblicklich einer grossen Be
liebtheit erfreuen. Bewähren dürften sich die starken, öldicht-
und staubsicher verschlossenen Naben der Brennabor-Räder, welche
nur einmal zu Beginn der Fahrsaison geölt zu werden brauchen,
und auch eine andere Neuerung, durch welche in der Construction
der Gestelle möglichst wenig Gusstheile zur Verwendung kommen,
hat unseren Beifall. Bei den Formen einiger ausgestellter
Maschinen macht sich eine Anlehnung an die eigenartige
Construction der bewährten Modelle der amerikanischen
Columbia-Räder bemerkbar, und zwar hat uns dieselbe besonders am
Damenrad mit weit ausgebogenem Vordergestell, das die nöthige
Kleiderfreiheit vollständig gewährt, sehr gut gefallen. Diese Maschine,
ebenso wie einige andere sind mit einem sehr geschmackvollen,
durchsichtigen Kettenschutz aus Celluloid versehen, ebenso wie mit
einer um ihre Längsachse drehbaren Lenkstange, welche auf diese
Weise das Höher- und Tieferstellen der Griffe ermöglicht. Von
den übrigen Maschinen erwähnen wir noch ein viersitziges Nieder
rad (Quadruplet), zwei Tandems, das eine mit Vordersitz für Dame,
das andere ein Renntandem, sowie eine einsitzige Rennmaschine
mit dem sehr leichten Gewicht von 9 Kilo.
Einen. sehr kostbaren Schmuck trägt die Rückwand des Neben
standes; denn hier finden wir eine so reichhaltige Sammlung werth
voller Rennpreise und Medaillen vereinigt, wie sie kaum wieder im
Besitze eines Einzelnen sein werden. Es sind die von dem be
kannten Frankfurter Rennfahrer August Lehr — der kürzlich
unter die Fahrradfabrikanten gegangen ist — im Laufe seiner
langjährigen Rennthätigkeit gewonnenen Auszeichnungen, welche mit
einer Anzahl Lehrräder von E. Krieg, Berlin, ausgestellt
werden. Es sind meistens Rennmaschinen mit sehr hohen Ueber
setzungen, Zehenhaltern (toe-clips) an den Pedalen und sehr tief herunter-
ecboueuen. eigenartig gekröpften Lenkstangen. Auf demselben Stande
Das Fahrrad auf der Ausstellung.
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.