Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

14 Officlelfe Ausstellungs-Nachrichten.
Ackerbaueolonieen bei Jaffa mal Jerusalem und die dortige Hand
werksthätigkeit an einer Reihe ausgestellter Produete zu zeigen,
gestern nunmehr vollständig fertiggestellt und nin einer
religiösen Ansprache des Herrn Rabbiner Dr. Hildesheimer
eröffnet worden. In den beiden Räumen eines kleinen Gebäudes,
welche mit Sprüchen aus dem 5. Buche Moses und dem hohen
Liede geschmückt sind, Welche die Fruchtbarkeit des gelobten Landes
illustriren, sehen wir allerhand Schnitzereien und Drechslerarbeiten
aus Olivenholz und dem schwarzen Mosesstein vom todten Meer, daneben
viele Naturproducte aus der Umgegend von Jerusalem. Die Alliance
israelite hat die Pläne und eine grosse Anzahl photographischer
Ansichten ihrerColonieenin Palästina ausgestellt, hauptsächlich Ansichten
der Ackerbauschule in Jaffa, der Leidencultur und Baumpflanzungen
daselbst, die Jacobstrasse und die Benjaminstrasse in Rechoboth,
ferner der Colonieen Katra, Mikweh Xrael und Gadarah. Ein
Colonist aus der Eduard v. Rothschild’schen Colonie Bosch Piiiali
erläutert die interessante Ausstellung, deren Zustandekommen einem
besonderem Comite zu danken ist, in dessen! Auftrag sich ein
Mitglied nach Palästina begeben hatte. Von dort treffen dem
nächst für diese instructiven Zwecken dienende Abtheilung noch
weitere Sendungen ein. Am Sabbat bleibt die Ausstellung ge
schlossen.
«
Die Riesengebirgsbaude. Wem es diesen Sommer
durch irgend welche Umstände versagt sein sollte, nach dem Riesen
gebirge zu. reisen, der wird sich jedenfalls freuen, im Vergüt,gungs- >
park der Berliner Ge werbe-Ausstellung ■ auf einem fünf Meter hohen
Gebirge eine Baude vorzufinden.- die ihn einigermassen für den
Ausfall entschädigen dürfte. - Auf bequemen Stufen betritt man nach
kurzer Wanderung ein Plateau, dessen eine Seite von einer plastischen
Nachbildung einer Riesengebirgspartie eingenommen wird, auf dem
die Prinz Heinrich-Baude steht, eine andere Partie stellt die Koppe
und die Ruine Kynast dar, den Hintergrund nimmt die Baude ein,
die rechts von einer Colonnadc flankirt wird. Auf dem Dache der Baude
steht ein grosser hölzerner Rennschlitten, an der Aussenwand hängen
Hörnerschlitten, Tragegestelle, Rucksäcke u. dergl. Eine Thür führt
zunächst in den Gastraum, der einen recht behaglichen, anheimelnden
Eindruck macht. Der alte Kachelofen mit den Ofenstcngeln und
der Ofenbank, das Tellerbrett mit dem bunten Steingutgeschirr, die
braunen, bunzlauer Kannen, das Löffelschränkchen, der alte an den
Balken hängende bunte, seidene Sonntagsstaat der Frauen, die alten
farbigen Kupferstiche u. A. bilden zusammen ein Ganzes, wie man
es im schlesischen Gebirge, namentlich aber in den Bauden des
Riesengebirges, vielfach antrifft. Die hinter dem Kachelofen lehnende
ehrwürdige Harfe ist zwar nicht ganz vorschriftsmässig bezogen, sie hat
nämlich Stricke statt Saiten, decorirt aber den Winkel ganz nett. Wie
in den Gebirgsbauden schreiben die Besucher hier oben Postkarten,
blättern im Fremdenbuche und die Unterhaltung dreht sich meist
um Reisen. Aber auch die Verpflegungsfrage wird eingehend
erörtert. Der Schlesier schwärmt für sein Leibgericht, Klössc mit
Backobst, das schlesische Himmelreich genannt, der Sachse meint,
es ginge nischt über vogtländische: Klösc und 'Käsekäulchen, der
Oesterreicher behauptet wieder, das. sei alles nix gegen böhmische
Knödeln, Nudeln und Strudeln, der Norddeutsche lässt nichts auf
die Hamburger Küche kommen, schliesslich essen sie alle vier ein
trächtig Schnitzel mit Spargel. —- Im Obergeschoss ist ein
Weinzimmer mit Balcoii, von dem man bei heiterem Himmel
nicht nur verschiedene Thürnic der Gewerbe - Ausstellung,
sondern auch ein Stück Zanzibar - und etwas ■ von Alt-
Berlin sehen kann. Hat mau da oben . eine Flasche Ungar
oder Grüneberger Auswurf vor sich stehen, so lässt sicli’s schon
aushalten, notabene in guter Gesellschaft, die mail häufig hier trifft,
denn Touristen und Touristinnen sind schwach, wenn sie Berge
sehen. Wie droben auf der Schneekoppe macht man auch liier
leicht Bekanntschaft bei anregender Unterhaltung. Am Abend spielt
der ip der. Touristenwelt wohlbekannte Virtuose Bömiscli, den man
sonst auf der Lausche, dem Jeschkcn oder dem Tannenberge
im Lausitzer Gebirge findet, sein eigenartiges Mclophon,
oder es kommt eine wandernde Harfengesellschaft an und
wartet mit Gesang und Saitenspiel auf, hurtig sind
dann die Tische fortgerückt und tanzende Paare drehen
sich um. die Holzsäule,. in den Tanzpausen erklingt helles
Lachen. Scherzreden und Volkslieder wechselin ab thut die”'helf
erleuchteten Fenster der Baude verlocken den Wanderer oft spät
noch zum Eintritt, Tritt man den Abstieg dann zu vorgerückter
Stunde an, so lässt man sich nochmals in die unterirdischen Räume
locken, an deren Einganz Rübezahl, der Geist des Riesengebirges,
Posten steht. Der ganze Gebirgsfelsen ist ausgehöhlt, ein mächtiges
Gewölbe enthält ein grosses, comfortabel eingerichtetes Restaurant
mit traulichen Nischen, die ebenso wie die Wände mit Delfter
Porzellan, schönen kunstvollen Steingutkrügen, Schildereien, Humpen
und Gläsern geziert sind. Hier spielt auf dem Podium der Bursch
die Zither, die Mädels singen dazu. Die Fidelität, die von den
Brettern da oben ausgeht, findet da unten hei den Hörern' einen
herzlichen Widerhall.
o
Der Nordpol, ein neuer Theil der Gewerbe-Ausstellung,
wird am heutigen ersten Pfingstfeiertag dem Verkehr übergeben und
der grossen Ausstellung unentgeltlich angeschlossen. Wer auf dem
Ausstellungs-Balmhof aussteigt, sieht gleich zu Anfang der Brücke
an der rechten Seite eine mächtige Eisgrotte. Vor und in derselben
steht eine Reihe schön geformter Schlitten, die, von elektrischen
Funken getrieben, uns in die Eisregionen des Nordpols führen.
Wohin das Auge blickt — Schnee und Eis, um uns gigantische
Eisblöüke, zeitweilig durchbrochen von malerischen Nordland-
sebäften. Je weiter man fährt, uns so packender wirkt die Umgebung.
Gewaltige Grotten und Schluchten nehmen uns aufi weite Tunnels
■öffnen ihren Schlund, in denen uns ein Halbdunkel umgiebt, die
Polarnacht! Plötzlich wird es Licht, nach und nach verlieren die
mächtigen Eisblöcke das Riesenhafte, hin und wieder taucht grünes
Gesträuch auf, noch eine kurze Fahrt und man befindet sich
plötzlich am Halteplatz inmitten der Ausstellung. Nach kurzer
Rast erklimmt man dann den eigentlichen Eisberg. Ueber und
neben uns thürmen sich in phantastischen Formen immer neue Eis-
massen auf. Durch höhlenartige Gänge, in die das Licht durch
Ausschnitte fällt, die uns einen prächtigen Ausblick gewähren, gelangt
man endlich auf das Plateau. Hier entrollt sich wieder ein anderes
Bild, fesselnd durch seine Eigenart und Gegensätze, nämlich die
von Schnee Und Eis umgebene und doch in voller Frühlingspracht
prangende Ausstellung. Auf einem anderen, ebenso interessanten
Wege bringen uns die Schlitten von der Ausstellung zum Bahnhof
und zu der Special-Ausstellung Nordpol.
b) In Berlin.
Das „Lessing-Theater“ bringt auch in der nächsten
Woche ausschliesslich Aufführungen der Operette '»Waldmeister«,
deren Zugkraft ungeschwächt andauert. Am nächsten Dienstag
findet bereits die 25. Vorstellung statt. Das Publikum begleitet
jede Aufführung mit den lebhaftesten BciläHshezcugungen für den
hervorragenden Gast Frau Kopaczy-Karczag. Die Künstlerin wurde an
einem ersten Londoner Theater für das nächste Jahr zu einem
Gastspiel eingeladen, kann aber diesen Antrag nicht annehmen,
da Dr. Oscar Bluracnthal und Director Derenczy f sieh den berühmten
Gast auch- für die Opcretten-Stagione des I.essing-Tlieater im
nächsten Jahre gesichert haben.
• ' Das Apollo-Theater ist für die Pfingstfeiertage auf
das Beste gerüstet. Der Concertgarten erstrahlt in prächtiger
elektrischer Illumination, die Kapelle musicirt bei schönem Wetter
vor und nach der Vorstellung. Das Programm in dem reizenden
Theater wird ganz ausserordentliches bieten. Ucbrigens bringen
in der glänzend ausgestatteten und aufgenommenen »Spree-Amazone«
die beiden beliebten Komiker Bender und Steidl eia neues Aus-
stellungs-Couplet-Ductt zum Vortrag.
Die Norddeutschen Sänger haben in den Reichs
hallen mit der tollen Enseinblesccne »Alle fünf Barrisons« einen
ungeahnten Treffer gemacht. Allabendlich füllt ein besseres Familien
publikum den weiten Saal. In den Feiertagen kommt ein vorzüg
liches Programm zur Aufführung. Bei günstiger Witterung finden
die Vorstellungen in dem herrlichen Garten statt. An allen drei Feier
tagen Ost der Anfang auf. sieben Uhr festgestellt.
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