Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

10
Officielle Äusstellungs- Nachrichten,
Auf Deck des Kaiserschiffs.
[Abdruck untersagt].
Verlassen wir die prunkvollen Salons des Lloyddampfers mit
ihrer schier erdrückenden Pracht und begehen wir uns auf das
obere Deck und auf die Commandobrücke, so bietet sich uns ein
Anblick, der an landschaftlichem Beiz wohl jede Perspective auf
dem Ausstellungsgelände übertrifft.
Verworren nur und ersterbend klingt zu uns das Geräusch der
Ausstellung, von dem Häusermeer der »hochgethürmten, ragenden
Stadt« trennt den Blick die dichte Wand des Parkes, und wenn
am Abend die Gebäude und Bäume um uns herum allmählich
verschwimmen im Schatten der Nacht, wenn es dunkel
wird, dann ist die Illusion vollkommen. Aus dem Dunkel
leuchten dann zu unserer Rechten an der Steuerbordseite des
Schiffes die blauen und rothen Signallichter der Fischerflottille auf,
die nach dem harten Winter auf hoher See jetzt hier einen stillen
Hafen gefunden hat. Hin und wieder schiessen die flinken, kleinen
Dampfer vorbei, die der Personenbeförderung dienen und die ebenso
schnell in der Dunkelheit wieder verschwinden, wie sie aus ihr
hervorleuchten — stampfend, prustend und hurtig den Landungs
brücken zustrebend. Alle jene Töne vernehmen wir dann, die dem
eigenthümlichen und anziehenden Milieu des Seelebens jenen be
sonderen Timbre geben; wir hören zu unserer Rechten die lang
gezogenen Töne des Nebelhorns, das den Schiffer warnt vor der
drohenden Nähe der Küste, unheimlich ertönen, von den Marine-
Schauspielen dringt der heulende Gesang der Sirene, die im Nebel
das nahende Schiff verkündigt, dessen Laternen den dichten Wasser
dunst auf wenige Meter nur durchdringen, und von den Landungs
brücken her erschallt zu uns das helle Geläut der Schiffsglocken.
Und wie Auge und Ohr unter maritimen Eindrücken stehen, so
auch Lunge und Nerven. Wir athmen diese würzige Luft ein,
die über der Wasserfläche sich abkühlte und kräftiger wurde,
es fehlt nicht der Schiffsgeruch in seiner undefinirbaren
Mischung von Theer, Tauen, Schiffsholz, Farbe und allem Möglichen
sonst noch. In eintönigem Gemurmel brechen sich die Wasser
am Steven des Schiffes und, wenn wir uns ganz diesen Eindrücken
hingehen, so vergessen wir über einem Traum von Meeresstille und
glücklicher Fahrt, dass wir auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung
sind, wir vergessen, dass der stolze Lloydampfer nach kurzen
Monaten Brennholz sein wird, dass Alles nur Schein ist, ein kärg
liches Bild der Wirklichkeit.
Anders als bei Nacht zeigt sich bei Tage das landwirthschaft-
liche Gemälde von der Höhe des Kaiserschiffs. Zu unseren Füssen
wälzt die Spree zwischen lieblichen Ufern ihre Wasser entgegen,
um uns herum grünt der Ausstellungspark und in weiter Ferne
verschwimmen die Conturen des Bildes in welligen Hügeln und
sanften Ebenen.
Vor uns prangen die Gärten des altehrwürdigen Stralau im
zarten Grün des ersten Frühlings und freundliche Häuser, festlich
gesäubert und gemalt, lugen aus ihnen hervor. Weiterhin ragt das
einfache Kirchlein über dichte Bäume herüber und, wo das silber
glänzende Flussband der Spree den Blick hinüberleitet zu der
lauschigen Rohrinsel und weiter nach Osten, da wechselt das Bild.
Auf die Idylle von Stralau folgt das gewaltige, bewegte Bild der
Ausstellung, da zeigen sich der luftige Bau der Brauerei Siechen
mit seinen hängenden Gärten, wuchtig und massiv das Alpen-
panorama mit seinen schimmernden Gletschern, weiterhin der
spitze Thurm des Gebäudes der Stadt Berlin und dahinter
zwischen dem dunkleren Laub des Parkes hellere Pavillons und
Zelte. Machtvoll tritt aus dem Bilde der gedrungene Thurm des
Hauptrestaurants hervor; zierlich anstrebend die Minarets von Kairo
und die schlanken Thürme des Hauptgebäudes mit der schimmernden
Kuppel und dem farbenprächtigen Frontispiz. Der dichte Park ver
birgt die kleineren Gebäude, aber der blendendweisse Bau der Chemie-
Ausstellung tritt in seiner ganzen stolzen Schönheit aus ihm
hervor. Das grosse Steinfeld am Ufer der Spree, dann der
Scholz’sche Pavillon der Victoria-Brauerei, der halbverdeckt
von Linden und Ahornbäumen im Schatten des Kaiserschiffs liegt,
und das meerfarbene Gebäude für Fischerei Schliessen den Rund
blick, den wir vom hohen Oberdeck des Kaiserschiffes aus über die
weite und belebte Fläche schweifen liessen.
Auf dem Deck selbst herrscht reges Leben und Treiben. Ein
Theil der zahlreichen Besucher lässt sich vom Steuerer, der
für jede Frage eine Antwort hat, bedeutende nautische Kenntnisse
beibringen. Da wird gefragt, ob er schon einen Sturm mit
gemacht habe — gewöhnlich die erste Frage, — ob er seekrank
geworden sei, ob er den Klabautermann gesehen habe und Gott
weiss, was sonst noch. Nicht minder in Anspruch genommen ist
der treffliche Capitain Konter; man fragt ihn mit Vorliebe über
Details beim Untergang der »Elbe«. Auch er weiss über Alles Aus
kunft zu geben, wenigstens zu antworten, und wenn er mitunter
auf eine gar zu wunderbare Frage eine nicht minder seltsame und
verblüffende Antwort hat, so möge ihm als Trost dienen, dass ein
Narr mehr fragt, als ein ganzes Weisenhaus beantworten kann.
Ausser dem Capitain Konter macht noch der Lloydofficier Hagen-
meyer die Honneurs an Bord, und wenn die vielen Besucher das
Kaiserschiff befriedigt über das Gesehene verlassen, so ist das
zum grossen Theil der Bereitwilligkeit und Freundlichkeit dieser
Offleiere zu verdanken, mit der sie die vielen Sehenswürdigkeiten
des Schiffes in unermüdlicher Geduld den Gästen erklären.
Karstensen.
Die Vorträge in der Ausstellung.
[Abdruck untersagt.]
Ein Tag auf dem Monde.
Eine unstillbare Sehnsucht nach unerreichbaren Fernen lebt
in jedem Menschenherzen. Sehnsüchtig blicken wir empor zu den
strahlenden Sternen, die in unvorstellbaren Himmelshöhen über uns
thronen, und, weil wir sie nie erreichen können, weil sie ewig ferne
von uns bleiben, gestalten sie sich in unserer Phantasie zu herr
lichen poetischen Gebilden, zu wunderbaren Welten, die unendlich
viel erhabener, himmlischer sind, als unsere kleine prosaische Erde
mit ihren vergänglichen, sterblichen Geschöpfen.
Die Wissenschaft aber, die vom Menschen geschaffene Wissen
schaft ist nicht so schwärmerisch, wie das ungeduldig und begehr
lich klopfende Herz. Kalt und prüfend, betrachtet sie die Dinge,
und nüchtern und ruhig berechnet und schätzt sie die Masse und
lässt sich selbst vom herrlichsten Strahlenglanz der Sterne nicht
in der Nüchternheit des Urtheils beeinflussen. Die Wissenschaft
kennt keine poetischen Gestalten und Gebilde, der Zauber der Ent
fernungen ist ihr fremd, und sie urtheilt über das Wesen der
Himmelskörper nur nach dem Maass der Kenntnisse, die sie ge
sammelt, indem sie mit Hebeln, Schrauben und optischen Linsen
der Natur seit Jahrtausenden verborgene Geheimnisse abgerungen hat.
Welche Fülle von Poesie scheint der Mond in sich zu bergen!
Seit uralten Zeiten wird er von den Dichtern aller Völker besungen
und unsere Phantasie belebt ihn mit einer Ueherfülle herrlicher,
unirdischer Gebilde. Für die Wissenschaft aber hat der mit sil
bernem Licht strahlende Beschützer der Liebenden nichts Poetisches
an sich. Noch mehr, hört man, was die strenge, nüchterne Dame
Astronomie sagt, so ist der herrliche himmlische Mond eine Hölle
neben dem Paradies Erde.
Wunderschön ist sein Licht, das er auf die Erde hernieder
strahlt, aber dieses Licht ist nur erborgt, es ist das Licht der Sonne.
Aber während das Sonnenlicht uns wärmt und erfreut und
auf der Erde erst das Lehen hervorruft, ist es dort oben auf dem
Monde brennendes Feuer, das, statt zu beleben, nur noch mehr
zerstört.
Denn anders als auf unserer Erde scheint die Sonne auf dem
Monde. Die Erde ist von einer Atmosphäre umgeben, von einer
Lufthülle, der eigentlich alles Leben zu verdanken ist. In dieser
Lufthülle bricht sich das Licht der Sonne und wird zu wärmeren
Strahlen, durch die Lufthülle pflanzt sich der Ton, der Schall fort,
wie sich die Lichtwellen fortpflanzen, und die uns umgehende,
uns einhüllende Luft macht es uns möglich, dass wir athmen
und leben.
Auf dem Münde ist nichts davon vorhanden. Er ist ein
abgestorbener, verdorrter Körper, ein Leichnam, der durch die
ewigen Gesetze, die das Weltall beherrschen, in ewiger Abhängigkeit
von der Erde als deren Trabant durch den Weltraum geschleift
wird.
Wenn einst eine Lufthülle den Mond umgab, so ist sie seit
Jahrhunderttausenden verschwunden und das Leben ist auf ihm
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