Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

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Offizielle Airsstrllimgs Nachrichten.
umgebenden Verhältnisse zu unserer Gesundheit studirt und nach
Mitteln sucht, derartige äußere, gesundheitstörende Einflüsse fernzu
halten oder unschädlich zu machen, — eine Begriffsbestimmung,
welche das Wesen der Gesundheits- und Wohlfahrtspflege wohl
am besten trifft.
Es ist einleuchtend, daß die Hygiene eine Wissenschaft ist,
welche auf alle Gebiete des menschlichen Lebens übergreift, es ist
daher gewissermaßen Jeder für einen bestimmten Zweig der Hygiene
Fachmann — oder sollte es doch zum Wenigsten sein. Denn eine
erfolgreiche lleberwachung der Gesundheit wird er nur daun durch
zuführen im Stande sein, wenn er eine ausreichende Kenntniß
derjenigen Momente besitzt, welche Schädigungen derselben hervor
rufen können, und er auf der anderen Seite über die Mittel
unterrichtet ist, diese störenden Einflüsse fernzuhalten und zu
bekämpfen. Hierzu soll der Theil der Berliner Gewerbe-Aus
stellung, welcher unter der Bezeichnung: Gesundheitspflege
und WohlfahrtSeinrichtnngen in der großen Gruppe XVIII
alles Hierhergehörige vereinigt, in anschaulichster Form die Mög
lichkeit gewähren und so zugleich eine anregende und belehrende
Mission erfüllen. Die Frage der Volkshygiene ist ja in letzter
Linie eine Frage der Volksbildung, und in diesem Sinne sprach
einst Diderot das Wort: „Jede hygienische Frage ist eine
moralische!" So muß denn die Meldung der jüngsten Tage un-
gemein sympathisch berühren, daß Ihre Majestät die
Kaiserin und Königin, die edle Göunerin und Be
schützerin aller humanitairen Bestrebungen, als Zeichen ihres regen
Interesses eine große Anzahl goldener und silberner
Portraitmedaillen als Preise für die gesundheitlich beste
Wohnung und deren Einrichtung, für chirurgische Jnstruniente
und Krankenhaus-Einrichtungen, für Krankenwagen und für Wohl
fahrts-Einrichtungen gestiftet hat, von denen der größte
Theil der Gruppe XVIII direct zufällt, während der
Rest gleichfalls zur Prämiirung solcher Gegenstände
bestimmt ist, welche mit den Ausstell ungsobjecten
dieser Gruppe verwandt sind.
Die Gruppe XVIII, welche unter dem Vorsitz des Herrn
Stadtraths Marggraff von Herrn Director Schlesinger
geschäftlich geleitet wird, wird in sieben Untergruppen das ganze
Gebiet der modernen Hygiene umfassen. Ein mächtiges, in reiz
vollen Formen erbautes und vornehm ausgestattetes Gebäude wird
die Ausstellungsgegenstände dieser Gruppe gemeinsam mit denen
der Gruppe XIX lllntcrricht und Erziehung) aufnehmen. In
seinem Aeußcren präscntirt es sich bereits annähernd fertig den
Blicken des Beschauers, an der inneren Ausstattung, die man sicher
zu Beginn der Ausstellung vollendet haben wird, arbeitet
man auf s Eifrigste. Der stolze Bau liegt umnittelbar am Haupt
eingang IV, welcher ans die Coepenicker Landstraße mündet, die
diesen Theil der Ausstellung von den schlanken Thürmen der
Moscheen der Pyramidenstadt Kairo scheidet, in nächster Nähe des
Haupt-Ausstellungsgebüudes und der elektrischen Rundbahn, von der
das Hans mitten durchschnitten wird. Der vordere Theil beher
bergt im Wesentlichen die Schulausstellung, der hintere Theil
nimmt die Gruppe XVIII auf. Der Zutritt von der elektrischen
Bahn wird derartig vor sich gehen, daß das Publikum zunächst
auf die Empore treten muß und von da nach den Räumen des
Erdgeschosses hinabtritt. Die Gruppe ist jedoch nicht auf das
Gebäude beschränkt; ein großer Theil der dazu gehörigen
Ausstellungsgegenstände — wir nennen an dieser Stelle nur
die Unfallstation und die Sanitätswache — ist tut Freien
in besonderen Baulichkeiten untergebracht. Der Charakter
der Gruppe für Gesundheitspflege und Wohlfahrts - Ein
richtungen, als ein nicht streng gewerblicher, sondern mehr ethischen
und humanuaireit Gesichtspunkten entsprechender, prägt dieser nach
einer gewissen Richtung hin ein markantes Aeußeres auf. Denn während
die große Mehrzahl der übrigen Gruppen, weil rein commerciellen
Zwecken dienend, ihre Ausstellungsobjecte auch diesen Zwecken an
gepaßt hat, machen die Aussteller dieser Abtheilung außer einigen,
welche gleichfalls kansmännischeZwcckeverfolgen, ausihrerAusstellung
keinen Erwerb, sondern verfolgen lediglich gemeinnützige Zwecke.
Daher erscheint es auch als ganz selbstverständlich, daß die Vor
slandsmitglieder einer derartigen Gruppe nicht in solchen! Maße
wie die der anderen sich aus Vertretern der Industrie zusammen
setzen, sondern vielmehr aus Männern der Wissenschaft und solchen
Leuten, die wir stets an der Spitze auf das Gemeinwohl ge
richteter Bestrebungen marschiren zu sehen gewohnt sind. Nun zu
deu einzelnen Unterabtheilungen.
Die Untergruppe I steht unter dem Vorsitze des Herrn
Regierungsraths Dr. Petri vom Kaiserlichen Gesundheitsamt,
welches auch als Hauptaussteller in dieser Abtheilung ffgurirt. Sie
umfaßt all' die Apparate, Pläne, Modelle, Statistiken, welche zu
der Bakteriologie in Beziehung stehen, der Forschung, welche es
sich zur Aufgabe gemacht hat, jeneu kleinsten, auf der Grenze
zwischen Thier- und Pflanzenreich stehenden Lebewesen nachzu
spüren, die als Erreger und Verbreiter der sogenannten Jn-
fectionskrankheiten eine so gewichtige Rolle in der modernen
Medicin spielen, und auf deren Entdeckung die erfolgreichen
Methoden der Bekämpfung unserer gefährlichsten VolksUankheiten
sich stützen.
Bei der Untergruppe II, welche von Geheimrath Spinola,
dem Verwnltungsdirector des größten Krankenhauses der Monarchie,
der Berliner Charitee, geleitet wird, ist vor allen Dingen die Unfall
station, vom Curatorium dieser Institute aus eigenen Mitteln unter
der Mithilfe einiger hochherziger Firmen errichtet, zu erwähnen; sie
befindet sich in unmittelbarer Nähe des Ausgangs des Haupt-Aus-
stellungsbahnhofs, ist nach dem Muster einer der Berliner Haupt-
unfallstationen ausgestattet und mit Stallung und Remise versehen.
Die Station sowohl wie der damit verbundene Krankentransport
ist mit ihrer in den Straßen Berlins bewährten Einrichtung dem
Publikum zur Verfügung gestellt und soll bei vorkommenden Un
fällen und Erkrankungen zur Hilfeleistung benutzt werden. Nicht
praktischen, sondern lediglich Ausstellungszwecken dient eine von den
Herren Geheimrath Spinola und vr. meä. Martin Mendelsohn
complet eingerichtete Lazarethbaracke. Kurt Hahn stellt ein großes
Militairkrankenzelt aus. Es folgen die mannichfaltigen Gegenstände
des Krankenhaus- und Medicinalwesens, wie Verbandstoffe, Hospital-
einrichtungen, medicinische Seifen, Instrumente etc. Von eminenter
praktischer Bedeutung ist die nächste Abtheilung, welche unter dem
Vorsitze des Herrn Stadtrath Straßmann das ungeheure Feld
der Städtehygiene und des Bauwesens veranschaulichen
wird, — ein Gebiet, welches, abweichend von den übrigen Zweigen
der Hygiene, eine Geschichte hat, die so alt ist wie die der
Culturwelt selbst. Die ausgestellten Modelle und Pläne der
Wasser - Desinfections,-Versorgungs- und -Verwerthungseinrich-
tungen erinnern uns an jene ersten Kanalbauten und Ent
wässerungsanlagen der alten Egypter, welche durch die all
jährlichen Ueberschwemmungen des Nils zu solchen Unterneh
mungen geführt wurden, und die es schon verstanden, das
ausgetretene Wasser mit seinem fruchtbaren Schlamme zur Be
rieselung ihrer Felder zu benutzen. Auch das Leicheuwesen war
bei ihnen in einer den gesundheitlichen Anforderungen durchaus
entsprechenden Weise geregelt. Denn leitete sich auch äußerlich
das Einbalsamiren der Leichname aus ihren religiösen Anschauungen
von der Unsterblichkeit der Seele und der Seelenwanderung in
Thierkörper her, so ist es doch nicht unwahrscheinlich, daß die
Priesterkaste die hygienische Bedeutung dieser Maßregel schon damals
erkannt habe. Ans der Ausstellung werden das Modell eines
Erbbegräbnisses und ein Lcichenvcrbrennungsofen interessante Objecte
auf diesem Gebiete sein. Das Bauwesen, welches auch in diese
Gruppe gehört, ist gleichfalls schon im Alterthum zur Grundlage
gesetzgeberischer Maßnahmen gemacht worden. Der römische Kaiser
Augustus verfaßte die erste städtische Banordnung, welche die Höhe
der Häuser auf 70 Fuß festsetzte. Von einzelnen Objecten dieser
Gruppe erwähnen wir noch: Staubbeseitigungsapparate, Oefen für
Lazarethe, Windmotoren neuer Construction, Müll- und Abfuhr
wagen, Zimmer-Ventilatoren, Bettfederreinignngsapparate u. a. m.
Von dem, was die Stadt Berlin auf diesem wichtigen Gebiete
leistet, wird diese Gruppe indessen kein vollständiges Bild liefern,
da ein Theil der hierher gehörigen Gegenstände in dem besonderen
Pavillon der Stadt zur Ausstellung gelangt.
Verlassen wir diese mehr die Männerwelt interessirende Unter-
Gruppe und wenden uns zu der folgenden. Hier hat Professor
Immanuel Munk alles das vereinigt nndgeordnet, was die Er
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