Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
erhabenen Kopf des Königs sich befindet. Diese Medaille ist so
neu, als wäre sie eben aus dem Prägestock hervorgegangen.
V
Die Strompolizei hat nunmehr den Ruderern das
Trainiren während der Ausstellungszeit an der Oberspree verboten.
Fast alle Vereine sind daher nach Grünau übergesiedelt.
S
Ein Londoner Hotelier hat am gestrigen Freitag auf
der Ausstellung einer grossen Leinenfirma die gesummte Wäsche-
Ausrüstung für ein neues grosses amerikanisches Hotel übertragen.
v
Der Springbrunnen im Gondens-Wasser-Bassin.
In dem durch das Kesselhaus, die Borsigmühle, das Restaurant
von Oswald Berliner und die südliche Giebelwand der Maschinenhalle
des Hauptgebäudes gebildeten Hofe befindet sich ein etwa zwölf
Meter im Durchmesser haltendes, kreisrundes Bassin für Condensations-
wasser, welches durch eine Borsig'sche Mammuthpumpe ca. 50 Meter
tief aus der Erde gepumpt wird. Dieses Reservoir ist für den
Fall vorgesehen, wenn einzelne Brunnen versagen, die
Maschinen zu speisen. Eine Merten’sehe Druckluftmaschine schleudert
zeitweise das Wässer in einem mächtigen Strahl bis zu 30 Meter
Höhe empor.
V
Gefälschte Postkarten. Ein Abonnent unseres Blattes
sendet uns zwei buntillustrirte »Postkarten der Berliner Gewerbe-
Ausstellung«. Dieselben beweisen, welcher Phantasie Leute fähig
sind, die ein Geschäft machen wollen. Die eine dieser Postkarten
zeigt das angebliche »Theater Alt-Berlin«, die andere das angebliche
Gebäude der »Gartenbau- und Forst-Ausstellung«. Die Gebäude
sind »freie Erfindung«. Derartige Bauten giebt es in der ganzen
Ausstellung nicht. Es handelt sich nicht etwa um eine verunglückte
Zeichnung, sondern um eine dreiste Täuschung, die eine in
Berlin W domicilirende Firma sich erlaubt. Gegen diese Täuschung
muss energisch Protest erhoben werden, schon im Interesse der im
Aufträge des Arbeits-Ausschusses von der Firma Miesler herge
stellten »Officiellen Bunt-Postkarten« der Ausstellung, die durch
ihre Naturtreue und künstlerische Ausführung wahre Kabinetstüeke
sind.
V
Capitain Joe, der bekannte Sportsmann, mit seinem
wirklichen Namen Felix Simon, hat seine in zahlreichen Kämpfen
auf der Rennbahn erworbenen Ehrenpreise in dem Pavillon für
Hindernissrennen in der Sport - Ausstellung zu einer Gruppe ver
einigt. Silbergefasse in allen möglichen Formen, wahre Pracht
stücke der Silberschmiedekunst, entzücken hier das Auge und
bilden einen Schatz von hohem materiellem, aber noch höherem
ideellem Werthe.
V
Im Kohlenblock. An der Treptower Chaussee in der
Nähe der Feuerwache der Gewerbe-Ausstellung, gegenüber dem
Gebäude der Stadt Berlin, steht ein riesiger Steinkohlenblock
(künstlich dargestellt, aber sehr täuschend aussehend), der in seinem
Innern ein niedlich eingerichtetes Comptoir der Anthracit-Specialität
Firma Gustav Schulze Berlin, Kottbuser Ufer 34, Hoflieferant des
Kaisers und Königs und alleinigen Lieferanten für die Gewerbe-
Ausstellung birgt. Der Block ist 4 m lang, 3,50 m breit und 5 m
hoch, in seinem Innern ist ein Vertreter ständig anwesend. Dieser
originelle Pavillon ist vom Architekt Hoffacker entworfen und vom
Bildhauer Genutat ausgeführt. Er ist umgeben mit den von der
Firma auf eigenen elektrischen Maschinen hergestellten und auf
bereiteten, für alle möglichen Verwendungsarten bestimmten Sorten
und Sortirungen englischer und deutscher Anthracitc.
V
Im Stehen seine Nahrung zu verzehren, ist eine seit Jahren
gerade in Berlin beliebte Gewohnheit, und in keiner Stadt der Welt
findet man beispielsweise so viel »Stehbierhallen« als hier. Dieser
Gebrauch, welcher wohl dem grossen Geschäftseifer des fleissigen
Berliners seinen Ursprung verdankt, findet in der Gewerbe-Aus
stellung die vielseitigste Unterstützung. Nicht nur hat Aschinger
seine blauweissen Zelte auf der Alpenwiese und in Alt-Berlin auf
geschlagen, in Hefter’s und Breslauer’s »Würstchen-Buden« ist für
die Hungrigen der Senf bereits auf die Untertässchen vertheilt; auch
diverse Automaten mit Bier, Wein, Liqueur, ja sogar mit gekochten
Eiern sind bereit, den flüchtigen Hunger oder Durst des Vorüber
eilenden zu befriedigen. Dann haben die grossen Ausstellerfirmen
von Nahrungs- und Genussmitteln an ihren Pavillons Buffets er
richtet, an denen Kostproben verabfolgt werden; so giebt’s hei
Hildebrandt Chocolade und Cacao für 10 und 20 Pfennige,
bei Zuntz sei. Wwe. Kaffee; im Pavillon von Desca Reichel kann
man nicht nur zusehen, wie die Baumkuchen im Gasofen
am »Bratspiess« wachsen, Zacken bilden und sich bräunen, sondern
darf auch von diesem beliebten Berliner Gewächs naschen, so viel 4
der Magen und der Beutel vertragen. Zwei ganz neue »Steh-« i
Betriebe haben sich im Vergnügungspark etablirt: »Tengeriza« oder '1
»Schneebällen« nennt sich das eine Product, das aus arabischen ' »
Kernfrüchten zubereitet wird, das andere, höchsten Lobes und
Ruhmes würdige, trägt den klangvollen Namen »Kartoffelpuffer«.
V
Ein Tarif-Curiosum. Ein Abonnent schreibt uns unter
Einsendung des betreffenden Billets: »Fährt man vom Kottbuser
Thor nach der Ge werbe-Ausstellung, so zahlt man 10 Pfennige,
d. h. wenn man an der Reichenbergerstrasse einsteigt. Steigt man
aber einige Schritte daneben an der Admiralstrasse ein, so zahlt
man 15 Pfennige, »Erkläret mir Graf Oerindur diesen Zwiespalt
der Natur?!« Wir müssen an dieser Stelle dem Herrn Einsender .
erwidern, dass nicht wir, sondern die Direction der Grossen
Berliner Pferde-Eisenbahn der Graf Oerindur ist, der den Zwiespalt ,
zu erklären bat.
9
In Versen geben sieh die Mitglieder mehrerer Berliner
Vereine in verschiedenen bei der Packetfahrt ausliegenden Büchern
Nachricht, wo sie sich auf der Ausstellung treffen wollen. Jedes -
Mitglied, das sich einschreiben will, muss den Pegasus
reiten, es muss die Leyer in die Hand nehmen, die Saiten
und dann die Feder rühren, tun den Freunden mitzutheilen,
wohin es vom Menschenstrom auf der Ausstellung gerissen
wurde. Ein vortrefflicher Gedanke! So würde z. B. Müller, der von
der Seite seines theuren Schulze gerissen wurde, dichten-
Weesste Schulze, dort bei Drosseln
Ist der Sect janz mundgerecht,
Doch in Mieze’s Zaubei-fesseln
In Alt-Berlin ist’s ooeh nich schlecht.
Heute jeh’ ick zu die Kleeder
Die man anno toback trug,
Denn es ziemt sich, dass ein Jeder
Weess, was Urgrossschwiegermutter trug.
Schulze und Müller haben sich jedoch auf der Ausstellung 1
noch nicht gesucht, sie sind vielleicht auch nicht Mitglieder eines
der verschiedenen Vereine. So beginnt denn das Buch mit dem
Verse:
Wir machten nach hier ’ne Extra-Tour,
S’ war billig, für ’nen Groschen nur,
Um dieses Buch bei Sonnenschein
Als Allerneustes einzuweihn.
Ein Anderer dichtet:
Liebes Mäuschen, wir thun Dir es kund,
Dass Du uns findest zur siebenten Stund,
Um die Freundschaft zu besiegeln aufs Neu,
Beim guten Tröpfchen im Münchner Bräu.
Ein Witzbold findet ein besprochenes Diner allzu luxuriös und
schreibt darunter:
Bei Drossel speist heut X. X's Grete,
Warum, o Gott, muss dies geschehn?
Wohl langt cs hin zur Volksemährung,
Zu Hefter und zur Wasserklärung,
Doch nicht zu Dressei hinzugehn.
Vorläufig freilich hat das Buch noch wenig poetische Ergüsse <
empfindsamer Seelen aufzuweisen. Gegen den Schluss der Aus
stellung aber wird es wahrscheinlich eine reizende Blüthenleso ]
drolliger poetischer Einfälle sein, die ihrer Merkwürdigkeit wegen
aufbewahrt zu werden verdienen.
9
Die Gresammtziffer der Versicherungen auf der
Ausstellung beläuft sich jetzt auf mehr als 30 Millionen Mark.
Das Syndicat der deutschen Feuerversicherungs-Gesellschaften ist
mit einer grossen Anzahl auswärtiger Feuerversicherungen in Ver
bindung getreten, nicht etwa wegen der Rückversicherungen,
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