Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officieile Äusstellungs- Nachrichten.
und so wurden noch die einzelnen Gewächshäuser und die Halle für
Blumenbindereien besichtigt, wo das elfjährige Töchterlein des Herrn
Späth der Kaiserin einen kostbaren Blumenstrauss überreichte. Die
Prinzessin liess von verschiedenen Gärtnereien die Empfehlungs
karten holen, um später ihre Bestellungen machen zu können.
Nach dem anstrengenden raschen Bundgange machten nun die
hohen Gäste eine Erfrischungspause und nahmen im
Hauptrestaurant
den Thee ein. Es wurden von den Herren Adlon und Dressei selbst
Thee, sowie Gebäck und Eis servirt. Dann begab sich die
Gesellschaft nach
Alt-Berlin.
Kaum hatte man in Alt-Berlin erfahren, dass der Besuch der
Kaiserin zu erwarten war, so wurden schnell die Zierpflanzen, Lorber-
bäume, Epheuwände in Ordnung gebracht, die Tische am Markte
gedeckt, die Kellnerinnen und Verkäuferinen liefen rasch nach dem
ersten besten Spiegel, um Kleider, Schleifen und Haare zu ordnen.
Sprengwagen fuhren auf, um den Staub zu löschen. Die Akrobaten-
Gesellschaft schlug ihrPodium auf und spannte ihr Seil. Der Landsknecht
war am Eingänge festlich mit Blumen und einem silbernen Trink
horn geschmückt, der grosse Kurfürst mit vielen Lorbeertöpfen.
Gegen ’/ 2 3 Uhr erschien plötzlich die Herzogin Johann von Mecklen
burg und der Prinz von Weimar, geführt vom Grafen von Schweinitz
und gefolgt von einigen Herr en in Civil. Die hohe Frau ging rasch durch
die Strassen und trat in die hollandsche Tapperey ein, wo
sie der Inhaberin sagte, sie habe von der originellen Ein
richtung dieses Lokals gehört und finde es hier sehr hübsch.
Kurz darauf verliess die Herzogin Alt-Berlin. Gegen 3 Uhr
erklang Musik und lautes Hussageschrei der Wendenknaben
und Mädchen, welche Zweige trugen und den Wendenzug eröffneten,
der heute länger als bisher erschien. Eine Menge Besucher folgte
dem Zuge. Inzwischen füllten sich die Strassen immer mehr,
viele Leute sicherten sich die Vorderplätze vor den Bier- und
Weinstuben, wie in den Cafes. An der Windmühle spielte eine
Kapelle, neu eingekleidet in reiche hellblaue, mit Litzen verzierte
Wämser, grosse Schlapphüte mit roth und weissen Straussfedern,
den Raufdegen an der Seite. Nach 4 Uhr kam das grosse alt
deutsch costümirte Musikcorps auf den Marktplatz.
Gegen 5 Uhr fuhren die leeren kaiserlichen Wagen vor
den Mauein Alt-Berlins vor, während gerade auf dem Markte eine
Akrobaten-Gesellschaft ihre Kunst vorführte. Das Publikum
strömte fortwährend durch die Thore hinein, auf den Plätzen
staunten Viele den Fesselballon an. Um */ 2 6 Uhr wurde die
Brücke am Spandauer Thor nochmals rasch besprengt, es
hiess, die Kaiserin sei im Hauptrestaurant und müsse
gleich eintreffen. Die Terrasse des Klosterstiibels war mit Menschen
gefüllt, die dort befindlichen Italiener machten gute Geschäfte, denn
von hier aus konnte man übersehen, wann die Kaiserin die Brücke
passiren würde. Gegen 3 / 4 6 Uhr kam die hohe Frau geführt von Herrn
Commercienrath Kühnemann, welcher am Spandauerthor die Führung
an Herrn Handelsrichter Kaufmann abtrat. Es wurde die Richtung
nach dem Marktplatz genommen, die zahlreichen Besucher bildeten
ein dichtes Spalier und begrüssten ehrfurchtsvoll die Kaiserin, die
huldvoll nach allen Seiten dankte. Die auf dem Markt concertirende
altdeutsche Kapelle spielte »Heil Dir im Siegerkranz«, die Kaiserin
blieb eine Weile stehen und unterhielt sich mit Herrn Kaufmann,
eine Tochter des Herrn Koch überreichte ihr liier Blumen. Dann
schritt die Kaiserin, gefolgt von einer grossen Menge, nach
dem Diorama, wo sie bemerkte, dass Schloss sei früher schöner
gewesen als jetzt. Sodann betrat sie die Holländische Tapperey,
in welcher der hohen Frau von einer jungen Holländerin eben
falls Blumen überreicht wurden Die Kaiserin fand die Costüme
der jungen Holländerinnen entzückend und bemerkte, solche schon
bei ihrem Aufenthalt im Haag gesehen zu haben. Sie fand das
Lokal sehr schön und empfahl sich nach kurzem Aufenthalt, nahm
den Weg wiederum über den Markt, begrüsste an der Frank
furter Apfel Weinschänke eine ältere Dame im Rollstuhl und unter
hielt sich kurze Zeit mit ihr. Der Weg wurde dann fortgesetzt, in
der Georgenstrasse wurden der Kaiserin von einem altdeutsch
costümirten Burschen drei mit Schinken gefüllte Bismarckbrödehen,
eine Speeialiiät Alt-Berlins, in Zeitungspapier gewickelt, überreicht.
Herr Kaufmann lenkte die Aufmerksamkeit der Kaiserin auf das
Bauernmuseum hin, dessen Direetor eine tiefe Verbeugung machte
lächelnd wurdejdavon Notiz genommen und dem Georgenthorzugeschrittenj
Dicht hinter der Kaiserin kam der costümirte Festzug, den die hohe
Frau von dem Georgenthor sichtlich erfreut an sich vorüber ziehen
liess. Der Aufenthalt der Kaiserin währte etwa eine Viertelstunde;,
In Kairo.
Von Alt-Berlin fuhr die Kaiserin nach Kairo, wo sie wenige
Minuten vor i j,J Uhr eintraf. Vor dem grossen Thore El futiil'
wurden die hohen Gäste von Herrn Baumeister Wolligemuth empfangen
Die Kaiserin bemerkte, dass sie diesmal nur kurze Zeit verweile!
werde, sie wolle nur ihrer Schwester die Ausstellung zeigen
Zunächst begab sich die Gesellschaft nach dem alt,
ägyptischen Tempel Edfü; auf die Schönheiten des Baues, sowh
auf die Seltenheiten in der Waffensammlung des Khedive macht«
Ihre Majestät die Herzogin Mathilde aufmerksam, insbesondere au!
das grosse Schwert, das seiner Zeit am 1. Mai auch das Wohl
gefallen des Kaisers erregt hatte. — Durch die enge Bazarstrasse
El Nathasin begab sich die Kaiserin, vor einzelnen Läden kurz ver
weilend, nach der Sukkarijeh, dem Platze vor der Moschee. Als Herr
Wolligem uth die hohe Frau aufmerksam machte, dass der Innenrauin
dieses selten schönen Gebäudes nunmehr vollendet sei und gegenwärtig
zum Festgottesdienste benutzt werde, äusserte die Kaiserin Interesse
für eine nähere Besichtigung der Moschee El Muayad. Die Ge
sellschaft begab sich über die kleine Freitreppe nach dem schönen,
kuppelbedeckten Vorraum, der durch ein Gitter, von dem eigent
lichen Gebetsraum, den »Ungläubige« nicht betreten dürfen, ge
trennt ist. Die tanzenden und heulenden Derwische sowie der Imam
verweilen in diesen Festtagen immerfort in der Moschee. Als die Kaiserin
bemerkte, dass diese Personen durch ein Zeichen aufmerksam gemacht
wurden, zu beginnen, drückte sie ihr Missfallen darüber aus. Sie
sagte: »Wie kann man jemanden zum Gottesdienst commandiren 1« —-.
Herr Wohlgemuth erklärte hierauf, dass am Nachmittag nur von!
Zeit zu Zeit Stellen aus dem Koran vorgelesen werden, und es
belanglos sei, wann damit begonnen werde. — Die Tänze und
Gebräuche der Derwische, welche vor Ihrer Majestät einen heiligen
Tanz mit Musik ausführten, erregten das lebhafteste Interesse
der hohen Gäste. Durch Graf Mirbach liess die Kaiserin eine
grössere Summe an die Kawassen verabfolgen. -— Nach etwa zehn
Minuten währendem Aufenthalte verliessen die hohen Gäste die Moschee]
Bei der Ueberschreitung des Khedive-Platzes liess die Kaiserin
einen kleinen nubischen Knaben herbeirufen, den sie freundlich
ansprach und ihm ein Geschenk überreichen liess. Sodann ver
liess Ihre Majestät mit ihrem Gefolge die Ausstellung Kairo durch
dasselbe Thor El Futüh und bestieg, nachdem die hohe Frau
von den Herren Kühnemann uun Wohlgemuth mit huldvollsten
Dankes- und Anerkennungsworten sich verabschiedet hatte, die hierj
wartenden Hofwagen, um sich nach dem Kaiserlichen Schloss zu;
begeben.
' V
Zu den Pfingstfeiertagen. Aus Anlass der Früh-
Concerte in der Ausstellung an den beiden Pfingstfeiertagen wird
die elektrische Bahn von Siemens & Halske von Morgens
4 Uhr 25 Minuten ab Doppel wagen in Abständen von 10 Minuten
ab Hollmannstrasse verkehren lassen. Die Dampf er ge seil schaff
»Stern« hat dem Arbeits-Ausschuss mitgetheilt, dass für die
Besucher der Frühconcerte frühzeitig Dampfer eingelegt werden.
Die Sanitätswache wird am 1. und 2. Pfingstfeiertag um 6 Uh;
früh geöffnet.
P
Die Medaille von 1844. Herr W. Schieck, Optisches
Institut, Aussteller in Gruppe XI, theilt uns mit, dass er
im Besitz zweier Gold-Medaillen von 1844 ist, die seinem
verstorbenen Vater für die ersten achromatischen Mikroskopes
verliehen wurden. Er schreibt uns: »Jede Medaille trägt 1) den
Namen des prämiirten Ausstellers eingravirt, ist 2) auf den
Vorderseite mit dem Kopf von König Friedrich Wilhelm IVJ
und 3) auf der Rückseite mit der Ansicht des Königl. Zeug
hauses Unter den Linden (des damaligen Äusstellungs - Gebäudes)
versehen. Diese Medaille, in reinem Dukatengold geprägt, wiegt
90 Gramm, hat einen Durchmesser von 5 cm, ist am Rande!
3 mm stark und vom damaligen Hof-Graveur C. Pfeuffer modellirtj
dessen Name unter dem vorzüglich hergestellten und etwa 5 mm!
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