Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

GfstrieUe A«ssteU«ngs Nachrichten
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vielfach krinjirt wird. Ein größeres Interesse für die Berliner Ge
werbe-Ausstellung trat erst dann zu Tage, als die Eisenbahnbehörde
öffentlich bekannt machte, daß während der Dauer der Ausstellung
wöchentlich ein Sonderzug mit ermäßigten Fahrpreisen nach Berlin ein
gelegt werden soll. Die hierdurch gebotene günstige Gelegenheit, eine
achttägige Reise nach der Reichshauptstadt für wenige Kosten machen zu
können, durfte nicht unbeachtet bleiben. Es werden sich in Folge dessen
nicht nur einzelne Personen und ganze Familien, sondern auch Vereine
zusammenthnn, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden,
nämlich neben dem belehrenden und anregenden Besuch der Gewerbe-
Ausstellung auch die Sehenswürdigkeiten der Kaiserstadt an der Spree
in Augenschein zu .nehmen. Den bisherigen Gepflogenheiten zufolge,
Lars man ferner annehmen, Laß mehrere hiesige größere Werke auch
einem Theil ihrer technischen Beamten und Arbeiter Gelegenheit geben
iverden, die Ausstellung kostenlos zu besuchen, um die neuesten Erfindungen
auf den verschiedenen Gebieten der Technik kennen zu lernen. Freilich
ist die von der preußischen Staatsbahnverwaltung für die Berliner
Sonderzüge gewährte Fahrpreisermäßigung eine recht geringe und für
derartige praktisch-humane Absichten wenig ermuthigende. Im Uebrigen
aber wird die Bevölkerung unseres Jndustriebezirks hinsichtlich der Zahl
der Ausstellungsbesucher hinter der anderer Gegenden des Reiches ans
keinen Fall zurückbleiben, denn das erforderliche Interesse ist hier in
reichem Maße vorhanden.
V
A. W. Forst i. £., 19. Februar. Eine Stadt, die ihr amerika
nisch schnelles Emporblühen nur dem nimmer ruhenden Gewerbefleiß ver
dankt - Forst, vor 50 Jahren eine kleine Stadt von 2000 Einwohnern,
hat jetzt als größte Tuchfabrikationsstadt Deutschlands mit Vororten
33 000, und es verfertigen in derselben 282 Fabrikanten Tuche — nimmt
natürlich lebhaftesten Antheil an einer Ausstellung, wie sie Berlin dieses
Jahr bieten wird. Schon seit Monaten wird Alles, was auf die Ge-
werbe-Ausstelluug Bezug hat, mit großem Interesse verfolgt, und das
hiesige Tageblatt — es besteht hier nur eine einzige Tageszeitung, — hat
nicht ermangelt, über die Einzelheiten der Ausstellung mehrfach zu be
richten. Das große Interesse, das hier für die Gewerbe-Ausstellung
herrscht, Locnmentirt sich am besten darin, daß mehrere große
Fabrikanten auf ihre Kosten die in ihrem Betriebe thätigen
Arbeiter und Arbeiterinnen zum Besuch derselben nach Berlin
schicken werden. Es ist eine schöne Sitte, die sich hier eingebürgert
hat, bei Herstellung des 50000., 75000. rc. Stückes Tuch dem Personal
ein größeres Fest zu geben. An Stelle dieser Feste treten nun
die Exkursionen nach Berlin. Es ist Wohl nicht zu viel gesagt, wenn
>vir behaupten, daß im Laufe der Ausstellungszeit so ziemlich ganz Forst,
Fabrikanten wie Arbeiter, nach Berlin kommen wird. Daher ist es
kein Wunder, daß man hier allseits eine größere Ermäßigung des
Eisenbahnfahrpreises erwünscht, was ja in Aussicht gestellt ist. Die Er
wartungen, die man in Forst hinsichtlich der Gewerbe-Ausstellung hegt,
sind die deutbar größten, und zwar glaubt man, nicht nur sein Wissen
ans ferner liegenden Gebieten bereichern zu können, sondern auch praktische
Neuerungen für die eigenen Gebiete kennen zu lernen, und man ist in
unserer Stadt stets gewillt, Verbesserungen und Errungenschaften der
neuesten Technik selbst mit größeren Opfern einzuführen. Naturgemäß
haben auch die Landbewohner unserer Umgebung mehr Interesse für
Gewerbe und Industrie als wo anders, und es herrscht nach unseren
Informationen nicht nur in den kleineren Nachbarstädten, Triebet, Pforten,
Sorau, sondern auch aus dem flachen Lande schon rege Theilnahme für
das bedeutsame Unternehmen. Wenn, damit wollen wir unsere Aus
führungen schließen, alle deutschen Städte sich in dem Maße an dem
Besuch der Ausstellung betheiligen wie Forst, dann wird sich während
ihrer ganzen Dauer eine derartige Völkerwanderung nach Berlin ergießen,
daß die Reichshauptstadt kaum im Stande ist, alle die Herbeiströmenden
aufzunehmen.
V
A. H. Breslau, 19. Februar. Mit großem Interesse werden hier, in
der zweiten Hauptstadt Preußens, die Nachrichten aufgenommen, welche aus
Berlin über die diesjährige Ausstellung in den dortigen, tvie in hiefigen
Zeitungen erscheinen. Man kann wohl ein gewissesBedauern nicht unterdrücken,
daß unsere Industrielle in manchen Fächern (Möbeln, Goldschmiede-Arbeiten)
Hervorragendes leistet, an dem allgemeinen Wettbewerb nicht theilnehmen
darf, doch erkennt man andererseits neidlos das große Uebergewicht der Ber
liner Industrie an und deren Berechtigung, eine Ausstellung für sich allein zu
arrangiren. Seit längerer Zeit haben die gewerblichen Kreise Schritte gethan,
durch Ermäßigung der Reisekosten den Besuch der Berliner Ausstellung
auch den weniger Bemittelten zu ermöglichen, und erfteulicher Weise
stehen besondere Vergünstigungen für Ausstellungs-Reisende in Aus-
sichl. Man darf daher annehmen, daß von hier aus und aus der
Provinz Schlesien eine sehr große Zahl von Besuchern auf der Aus
stellung erscheinen wird. Die Stinimung für eine Maffen-Einwandernng
nach Berlin ist unverkennbar vorhanden, und wen nicht sachliches
Interesse zur Ausstellung führt, der wird die gebotene billige Gelegenheit
gern benutzen, um die Hauptstadt kennen zu lernen und sein Wissen durch
fleißigen Besuch der Ausstellung zu bereichern. Unsere Industriellen hoffen
und erwarten, auf der Ausstellung die in der Wissenschaft und Technik
gemachten Fortschritte und Erfindungen für alle gewerblichen Fächer ver
treten zu sehen, und werden darin naturgemäß einen besonderen Anreiz
zum Besuche des großartigen Unternehmens finden. Als Beweis für die
Popularität der Ausstellung mag auch die Thatsache erwähnt werden, daß die
selbe bei allen Zusammenkünften, insämmtlichen Vereinen, Cafes rc., mit einem
Worte überall dort, wo man sich zu einer Aussprache zusammenfindet, das
Hauptthema der Discussion bildet. Durch die Gespräche leuchtet auch eine
gewisse Beftiedigung des nationalen Empfindens, daß es demnächst Berlin,
der Hauptstadt des Deutschen Reiches, vergönnt sein wird, die Augen der ge-
sammten civilisirten Welt auf seine hervorragenden gewerblichen Leistungen
zu lenken.
r. Graudenz, 19. Februar. Wie Berlin für das Deutsche Reich,
so ist thatsächlich Graudenz für die Provinz Westpreußen — in deren
Centrum die alte deutsche Weichselstadt liegt — der Mittelpunkt man-
nichfachen materiellen und ideellen Strebens, so sehr auch die alte Hansa
stadt Danzig sich bemüht, Provinzial-Hauptstadt zu sein. Bon Mtte Juni
bis August findet in Graudenz eine W e st p r e u ß i s ch e G e w e r b e - A u s st e l l u ng
statt, die um so bedeutender werden wird, als die in Danzig für dieses
Jahr geplante „Allgemeine Ausstellung" dieser Bezeichnung absolut nicht
entsprechen kann und überhaupt nicht mehr ernsthaft in Betracht kommt.
Gexade der Umstand, daß hier eine Provinzial-Gewerbe-Ausstellung
unter deni Protectorat des Oberpräsidenten von Goßler in Scene gesetzt
wird, ein Ausstellungsunternehmen nach einem äußerst gelungenen Ver
suche vor zehn Jahren wiederholt wird, dürfte für die Berliner
interessant sein. Ein Concurrenz - Unternehmen erregt ja immer
Interesse, wenn auch die Concurrenz noch so bescheiden taxirt werden mag.
Es würde zweifellos'als vermessen erachtet werden und Wohl in weiten
Kreisen der Reichshauptstadt nur ein ironisches Lächeln erregen, wenn man
unsere Ausstellung auf den 40 000 Quadratmetern bei Tivoli draußen,
unweit der Kasernopolis und berühmten Feste Courbiäre, der großen
Berliner Gewerbe-Ausstellung ernsthaft als Concurrentin gegenüberstellen
wollte. Zur Beruhigung kann ich wirklich den Berlinern die Versicherung
geben, beide können und werden getrost neben einander bestehen. Bei
uus ist jedenfalls keine Concurrenzfurcht — wie stolz das klingt! —
vorhanden, hier in Graudenz soll ja hauptsächlich dem Kleingewerbe
eine beschauliche Stätte bereitet werden.
Wie ich von sehr vielen Seiten aus der Provinz Westpreußen
gehört habe, hat die Berliner Ausstellung — von der man erwartet,
daß sie viel Sehenswerthes aus dem umsaug- und inhaltreichen deutschen
Industriegebiete aufweisen wird — aus des deutschen Reiches Ostmark großen
Besuch zu erwarten, selbst Familien von Graudenzer Gewerbetreibenden,
denen die hiesige Ausstellung große Opfer auferlegt, sind schon jetzt
fest entschlossen, mindestens acht Tage die Berliner Ausstellung zu be
suchen. Es herrscht überhaupt hier im Osten ein viel regerer Sinn, sich zu
orientiren und Neues und Anregendes in sich aufzunehmen, als man in Berlin
gemeinhin denkt. Mit einem gewiffen Ingrimm erzählte mir neulich ein
Landwirth, er wolle schon aus dem Grunde nach der Berliner Ausstellung
reisen, um u. A. die Ausstellung des westpreußischen Fischereivereins,
sowie die der großen Cigarrenfabrik von Loeser & Wolfs in Elbing rc.,
die er in Westpreußen nicht zu sehen bekomme, fern von der Heimath zu
bewundern.
Gesnndheitspsiege und Wohlfahrts-
einrichturrgen.
Die Wissenschaft der Hygiene ist ein nach sehr junger Spröß
ling am uralten Baume der Heilkunde. Noch ist die Zeit nicht
so fern, da man das Heil der leidenden Menschheit einzig und
allein in den in der Apotheke aufgespeicherten Arzneischätzen sah.
Ueber der Behandlung des erkrankten Menschen vergaß man den
Werth vorbeugender Maßregeln genügend zu betonen, und der
neuesten Zeit blieb es vorbehalten, eine Wissenschaft zu begrüilden,
welche die Beziehungen aller der Zeit und dem Raume nach uns
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