Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs - Nachrichten.
S
Die Kaiserin im Pavillon des „Berliner Lokal-
. Anzeiger“.
Völlig unerwartet erschien gestern (Freitag) Nachmittag gegen
3 V 2 Uhr Ihre Majestät die Kaiserin mit ihrer Schwester, der
Herzogin Caroline Mathilde von Schleswig - Holstein, ihrem Bruder,
dem Herzog Ernst Günther von Schleswig - Holstein und ihrem
Schwager, dem Prinzen Albert von Holstein - Glücksburg im
Pavillon des »Berliner Lokal - Anzeiger«. Die hohen Gäste
wurden von den Vertretern des Verlages und von der Redaction
empfangen und geführt. Nachdem die anwesenden Vertreter und
Redacteure vorgestellt waren, besichtigte die Kaiserin zuerst
den Setzersaal und interessirte sich auf das Lebhafteste für
die vier amerikanischen Setzmaschinen, die im Betriebe vorgeführt
worden.
Sie liess sich eingehend alle Theile der Maschinen beschreiben,
sah in den inneren Mechanismus hinein und gab ihrer Bewunderung
über die ingeniöse Einrichtung dieser Wunderwerke lebhaften Aus
druck. Längere Zeit verweilte sie au den beiden Maschinen, an
denen man deutlich das Ablegen der verwendeten Buchstaben-
Matern beobachten konnte. Sie machte ihre hohen Verwandten,
die sich ebenfalls ganz ausserordentlich für die Maschinen inter-
essirten, auf das Hineinfallen der Matern in die einzelnen Kästen
ausdrücklich aufmerksam. Die Herzogin Caroline Mathilde sprach
ihre Befriedigung darüber aus, dass der Erfinder dieser amerika
nischen Maschinen ein Deutscher sei.
Von den Setzmaschinen ging es nach der Stereotypie, wo die
Kaiserin dem Abnehmen einer Mater vom Drucksatz zusah. Trotz
dem diese Manipulation ziemlich lange dauerte, blieb die Kaiserin
an dem Stereotypietische stehen, bis die Mater fertiggestellt war.
Die Kaiserin liess sich genau erklären, was die Manipulationen be
deuteten, liess sich Auskunft über das verwendete Material gehen
und wartete ab, bis die Mater in den Rahmen gespannt und in den
Trockenofen geschoben war.
Trotzdem jetzt schon die Zeit verstrichen war, welche für die
Besichtigung unseres Pavillon im Besuchsprogramm angesetzt
worden war, erklärte die Kaiserin doch, sie wolle die Fertig
stellung der Platte und auch den Druck kennen lernen.
Es wurde die Stereotypplatte gegossen und vor den Augen
der allerhöchsten Gäste gehobelt und justirt. »Hochinteressant ist das
Alles!« sagte die Kaiserin »und wie schnell das geht!« Aner
kennung und Bewunderung hei der hohen Frau fanden auch die
Doppelrotationsmaschinen im Maschinensaal, deren Einrichtungen
erklärt wurden, während die Maschinen noch still standen. Dann
begann sausend und brausend die erste Doppelrotation, die auf
volle Geschwindigkeit gestellt war, mit dem Druck. Trotz des Ge
räusches, das die Maschine unvermeidlich verursachte und welches
kaum eine Verständigung durch das gesprochene Wort gestattete,
besah die Kaiserin auf das Genaueste die Maschine von allen Seiten
und erbat sich Erklärungen und Auskünfte.
Ünterdess war die zweite Doppelrotation zugerichtet worden,
und, als die Kaiserin an dieselbe herantrat, begann der Druck eines
Extrablattes des »Berliner Lokal-Anzeiger«, welches den in aller
Eile, in Gegenwart der Kaiserin hergestellten Text hatte:
»Ihre Majestät die Kaiserin hatte die Gnade, heute die
Ausstellung und auch unseren Pavillon zu besuchen«.
Die Kaiserin nahm dieses Extrablatt dankend entgegen und
verfolgte mit Interesse die Thätigkeit der Maschine, die ununter
brochen Extrablätter auswarf.
Dann verabschiedete sich Ihre Majestät huldvoll und verliess
nach mehr als halbstündigem Aufenthalt den Pavillon.
Unmittelbar nach der Kaiserin und den anderen hohen Gästen
erschienen im Pavillon die Herzogin .Johann Albrecht von Mecklen
burg mit ihrem Neffen, dem Herzog Bernhard von Weimar. Auch
diese Gäste besichtigten eingehend unter der Führung der Ver
treter sämmtliche Einrichtungen und waren zugegen, wie eine
Inseratenbeilage des »Berliner Lokal-Anzeiger« für Sonnabend,
den 23. d. M. gedruckt wurde.
Auch Herr Staatsminister von Berlepsch erschien als Gast
gegen 5 3 / 4 Uhr im Pavillon und besichtigte dessen Einrichtungen.
Als er nach halbstündiger Anwesenheit sich entfernte, erklärte er
mit seiner Familie den Besuch wiederholen zu wollen.
Die Vorträge in der Ausstellung.
Das Theater und die Reichshauptstadt.
[Abdruck untersagt.]
Berlin ist eine Theaterstadt ersten Ranges, wie Paris, wie
Wien es einst war. Es hiesse Wasser in’s Meer tragen, wollte
man versuchen, dies erst zu beweisen. Jeder Geschmack ist berück
sichtigt, kein Genre ist unvertreten — selbst nicht das ennuyante.
Erst im letzten Jahrzehnt freilich hat das Theaterwesen in
Berlin einen so gewaltigen Aufschwung genommen. Noch zu Beginn det
achtziger Jahre sah es in der deutschen Reichs-Hauptstadt ziemlich still
aus. Und auch schon damals, als das Theaterleben Berlins noch
in den Anfangen seiner Entwickelung begriffen war, glaubten
Manche behaupten zu dürfen, dass die Residenz einen Ucberfluss
an Theaterinstituten besässe. Denn noch nicht lange war es her,
seitdem man das Princip der Gewerbefreiheit auch auf die Theater
ausdehnte. Als es sich in den siebziger Jahren darum handelte,
auch bei Theaterunternehmungen die Gewerbefreiheit einzuführen,
ging die Meinung der Pessimisten dahin, dass die Freiheit den raschen
Verfall der deutschen Bühne im Gefolge haben würde. Karl Frenzei,
damals der einflussreichste Kritiker in Berlin, trat dieser Anschauung
maassvoll, aber entschieden entgegen. Und die Entwickelung der
Verhältnisse zeigten auch, wie richtig der 'geistvolle Schriftsteller
die Dinge beurtheilt hatte.
Wie verschieden erscheinen uns das Einst und das Jetzt! Es
ist, als ob nicht ein Vierteljahrhundert, sondern ein volles Jahrhundert
hinweggegangen sei seit der Zeit, da es in Berlin eigentlich nur eine
einzige bedeutende Bühne gab. Diese eine Bühne war das Königliche
Schauspielhaus. Was Berlin sonst an Theatern zählte, war künst
lerisch nur untergeordneten Ranges. Die Bühne des Königstädtischen
Theaters war von der alten echt Berlinischen Posse in Besitz ge
nommen, ein Genre, das dann vom Woltersdorff-Theater gleichsam
als Erbe des Königstädtischen übernommen wurde. Das Victoria-
Theater beschränkte sich auf seine Specialität: Feerieen und Aus
stattungsstücke, während das Wallner-Theater sein Repertoire aus
Posse, Schwank und Lustspiel zusammensetzte.
Zwischen den Bühnen bestand eine gewisse strenge Scheidung,
für die das von den Instituten cultivirfe Genre den Ausschlag gab.
Und noch mehr als zwischen den Bühnen bestand — wie Herr
Dr. Paul Schlenther in einem sehr anregenden Vortrage über
das »Theater und die Reichshauptstadt« schilderte — diese
Scheidung zwischen den Künstlern. Das Mitglied einer Bühne mit
ernstem Genre fühlte sich viel erhabener, als ein Komiker, der in
seinem Fache ein Künstler war. Wenn Jemand um jene Zeit
prophezeit hätte, dass unsere ausgezeichnete Frau Anna Schramm
Mitglied des Schauspielhauses werden würde, so wäre er einfach
für verrückt erklärt worden.
Eine vollständige Umwandlung der Verhältnisse, der Anschau
ungen und des Geschmacks hat sich seitdem vollzogen, und diese
Umwandlung geschah durch ein theatralisches Ereigniss, das wohl
einzig in der Theatergeschichte dasteht: durch die Begründung des
Meininger Ensemble durch den Herzog Georg. Das Auftreten
der Meininger, ihre Gastspiele in den grösseren deutschen
Städten bildeten nicht nur ein noch nie gesehenes Novum, sondern
wirkten wie der Sturmwind einer Revolution. Die Pracht der
Ausstattung, die sich die Kunst, das Kunstgewerbe und die Technik
dienstbar machte, die Entfaltung stark bewegter Massen und vor
Allem die künstlerische Einheitlichkeit, die in allen Darbietungen,
sei es in der Tragödie, sei es im Lustspiel, zu energischem Ausdruck
gelangte — alle diese und noch andere Momente, wirkten mit der
ganzen Wucht eines neuen, starken und sieghaften Gedankens. Die
Werke unserer besten Dichter, die in den Archiven der Theater-
bureaux den Dornröschen-Schlaf schlummerten, erwachten in den
Aufführungen der Meininger zu neuem Lehen, sie enthüllten sich
in einer Farbenpracht und in einer poetisch verklärten Schönheit,
wie man sie nie vorher geahnt hatte .... Die klassische Literatur
war für das deutsche Volk wieder auferstanden.
Aus diesem neuen Geiste heraus entwickelten sich auch die
neuen Verhältnisse. Als Adolf L’Arronge im Jahre 1886 mit
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