Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 13
Manufactur Oscar Stender & Cie., Görlitzörstrasse 52, erwähnt,
das in Gruppe IV ansgestellt ist. Es ist dies ein Ballon, zwar
en miniature, jedoch immerhin mit Gondel ca. 3 in hoch, kunstvoll
zusammengesetzt aus einer grossen Anzahl kleiner, äusserst sauber
und exact facettirter Krystallspiegelgläser, deren Form und An
ordnung genau so getroffen ist, dass, aus einer Entfernung von
einigen Metern gesehen, die Fläche vollkommen plastisch wirkt
und der Ballon dadurch in seiner Kugelform erscheint. Die
Gondel des Ballons ist aus einer grösseren Krystall platte in ge
fälligem, jedoch schwierig zu arbeitendem Faron kunstvoll ge
schliffen und bildet das Ganze, auf geschmackvoll angeordnetem
Hintergründe montirt, ein interessantes Ausstellungsobject.
9
Der Fremdenverkehr aus Anlass der Berliner
Gewerbe-Ausstellung ist jetzt schon ausserordentlich stark
entwickelt; so wird bereits in nächster Zeit eine grössere Anzahl
Amerikaner in Berlin eintreffen. Wie wir erfahren, haben bei dem
Stangen’schen Reisebureau dreihundert Amerikaner ihre Ankunft in
Deutschland für Ende dieses Monats angekündigt; dieselben werden
zuerst nach Berlin kommen, um die Gewerbe-Ausstellung zu besuchen.
9
Im Pavillon für Hindernissrennen in der Sport-
Ausstellung fallen dem Besucher zwei Oelgemälde auf, die bekannte
Persönlichkeiten der Berliner Sportwelt darstellen. Auf dem einen
Bilde sieht man die berühmten Heirenreiter Lieutenant Graf Lehn
dorf und Major v. Heyden-Linden. Darunter hängt ein Bild von
»The Bake« mit Lieutenant Graf Königsmark im Sattel, vor dem
Pferde steht dessen Besitzer Major v. Koller von den Pasewalker
Kürassieren.
9
Die Besucher der Rennbahnen und die Liebhaber
des Rennsports finden in der Sport-Ausstellung das genaue Modell
von dem Deau’schen Muster-Rennstall in Hoppegarten. Sämmtliche
Gebäude, die Rennbahn selbst sind in vollkommener Naturtrene,
wenn auch in kleinem Maassstabe, etwa 1 :20, nachgebildet.
9
Auf der Unfall-Station wurden 12 leichtere Fälle
behandelt.
a) In der Ausstellung'.
Mit dem Fesselballon zwischen Himmel und Erde.
[Abdruck untersagt )
Sic blicken Alle starr auf uns, dort, die zehn, zwanzig, hundert
An genpaare. Wie man sie gut studiren könnte trotz der ziemlichen
Entfernung, welche die Gondel von den neugierigen Zuschauern
trennt! Boshaft die einen, blasirt theilnahmlos die zweiten, ängstlich
besorgt die dritten. Keine Frage, letztere sind weiblichen Geschlechts,
denn die Frauen, die Mädchen, sie sehen in jedem Manne, der in
die Luft gehen will, gleichviel ob er ihnen gehört oder je gehören
könnte, ein Stück Hoffnung nicht verschwinden, aber doch mög
licherweise entschweben. Kur ohne Sorge, wir werden bestimmt
glücklich wiederkehren.
Wie hübsch rundlich, mollig sich der Riesenkerl von Gutta
perchastoff hoch über uns um sieh selbst dreht und kreiselt!
Teufel auch, man hat unwillkürlich Vertrauen zu solch einem selbst
bewusstem Burschen. Wir thun in Folge dessen fürchterlich
grossartig und muthig. Ich glaube, alle Welt, wie sie uns da
kühn an der Brüstung der Gondel posiren sieht, meint, das ist doch
noch Einer, der es versteht. Der Capitain neben uns lächelt zwar
in sich hinein, wir sehen es wohl, wollen aber nicht sehen, dass
wir in unserer ganzen Schwäche erkannt sind. Der rothblonde
Führer unseres Luftschiffes fährt gleich darauf fort, in seinem
neckischen Hamburger Dialekt Befehle zu ertheilen, als ob er gar-
nichts gemerkt hätte, und es geht dieser Zwischenfall spurlos
vorüber.
Klar! »Trossen losL< Es giebt einen leichten Ruck im
Herzen. Wir blicken aus dem Augenwinkel auf den Nebenmann.
Er hat nichts gehört; es wäre auch zu schmachvoll gewesen!
Zwanzig Mann lassen die Verankerungstaue langsam durch die
Hände gleiten. Ein langgedehnter Pfiff — die Maschine zieht an.
Ja, puffe und pfauche du nur, schwarzes Ungeheuer, du kaunst
uns nimmermehr halten. Der Meister hat befohlen, wir sollen uns
erheben 'über all’ der irdischen Finsterniss, die du in diesem
Augenblick so gut vorstellst. Gieb dein blankes Stahltau
her, wir wollen frei sein von jedem Hemmniss, das uns
noch an den festen Boden knüpft. Wir gleiten, wir heben uns
langsam, langsam, dann schneller und schneller. Der Platz mit
seinen Menschen, seinen Buden, ganz Zanzibar, die ganze Ausstellung,
ganz Treptow, die ganze Welt versinkt unter uns. Alle Töne
mischen sich zu einer merkwürdigen Symphonie, sie werden schriller,
spitzer, sie verklingen -— —. Alles still, nur die Holzklammern
der Vertäuungen ächzen und knarren, im Takelwerk hebt ein
Pfeifen und Singen an, erst leise, dann saust es um uns, wie wenn
sich die Sturmbraut zu ihrer Vermählung mit dem gewaltigen Ocean
begiebt. Und doch weht nur eine mittelmässige Brise, sie bewegt
kaum den Füllansatz mit seinem grossen Glasauge.
Der Ballon steigt noch immer. Die erste Unsicherheit, das
Gefühl der anfänglichen Beklemmung beginnt zu schwinden. Mau
wagt zu blicken. Tiefschwarze Schatten lagern hier und dort auf
der weiten Ebene, über der schier unermesslich scheinenden Riesen
stadt. Mit ihnen contrastirt das flüssige Gold, das dort hinter einer
drohend aufsteigenden Wolkenwand siegreich hervorbricht. Wie ist
doch die Erde unten so weit, so bunt, so schön und — so klein.
Wie wir da einsam schweben im Weltenraume, dem Himmel ent
gegen und dem ewigen Licht, so müsste es, denken wir, weiter
gehen, fort hin in alle Ewigkeit, ohne einen materiellen Wunsch,
nur sich selbst lebend. Es überfallt uns eine Raserei des Ver
langens nach dem Fortbestehen dieses wohligen Zustandes.
Wir möchten unserm Schifte gute Worte geben, es hätscheln und
streicheln und ihm sagen: Bleibe unser guter Freund, lasse uns
nicht fallen, nicht wieder herabsinken zu unseres Gleichen. Bald
darauf aber erwacht wieder der Mensch, der ängstliche Erdenkloss,
der Neidbold in uns Unwillkürlich richtet sich der Blick auf
den metallenen Verschluss, der uns durch das Leitseil an die Erde
fesselt; unwillkürlich blicken wir auf das Gewimmel der Menschen
in der Ausstellung, in Berlin herab und fragen uns, was mögen
die dort unten wohl in diesem Augenblick von uns denken. Wir sind
in dieser für uns so feierlichen Stunde gewiss nicht neugierig. Es
ist uns höllisch — Verzeihung, wir sind ja nahe dem Himmel —
also himmlisch gleichgiltig, wo und wie sie gespeist haben, wie sie
sich liehen und hassen, aber ob sie mich kühnen Mann bewundern,
das, das möchte man am Ende doch wissen!
Ein schöner Mai das! Wie hei einer Wandeidecoration wechselt
urplötzlich Regen und Sonnenschein, wie es scheint, liier oben
noch schneller-als dort unten. Der Wind setzt sich stärker in die
untere Wandung des Ballons, unser Havelock will uns entflattern,
einzelne Regentropfen schlagen schmerzhaft klatschend uns in das
so eisig frisch angehauchte Gesicht. Und wir glaubten hier oben
die ewige Sonne, den ewigen Frühling zu finden! Armer Sterb
licher, du wirst nun einmal die Erde nicht so schnell los, wie du
gemeint. Nicht ein starkes Stahltau, nein tausend Ketten halten
dich noch da unten fest und verfolgen dich hinauf bis in die Höhe
weniger hundert Meter. Komm’ wieder hinab, die Zeit ist noch
nicht gekommen, um deine Seele im ewigen Lichte zu baden.
Mensch, hast du schon für dein Haus gesorgt, bist du allen deinen
irdischen Verpflichtungen nachgekommen ?
Zweimaliger Pfiff! Wir stoppen. Dem Ballon gefällt das
nicht. Auch er möchte frei sein, wie sein armer Passagier, aber
auch er muss der Alltäglichkeit gehorchen, er muss der Sclave sein
seines Herrn, wie der Mensch der Sclave der Umstände.
Der blonde Capitain klettert die schwankende Strickleiter
hinauf und blickt aufmerksam durch das Glasauge des unteren
Ventils in das Innere des Ballons. Er sieht nicht das daran
arbeitende, wogende Gas, aber er fühlt dessen Gegenwart, denn da
drinnen ist Alles lieht wie der junge Tag, und so lange es da
drinnen so hell und klar ist, so lange haben wir Stoff genug, um
uns durch den Weltenraum tragen zu lassen. Aber wir dürfen
nicht, weder der Ballon, noch der Capitain, noch ich!
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