Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 9
Die Ausstellung des Kaiserlichen Hof
IVIarschall-Amts.
[Abdruck untersagt]
Weihevoll, den Geist zur Sammlung stimmend ist der Ein
druck der grossen Kuppelhalle des Hauptgebäudes mit ihren reich
gezierten Strebepfeilern und dem grandiosen Kuppelgemälde, das
von dem mannichfaltigen architektonischen Zierwerk des Wölbungs
kranzes umrahmt ist. Nach vorn fällt der Blick auf das Längs
schiff mit seiner bunten Menge von Ausstellungsbauten und
Schränken, in der rechten Seitenhalle feiert die Kunst in der
Ausstellung der Königlichen Porzellan-Manufactur ihre schönsten
Triumphe, und zur Linken zeigt sich in der Ausstellung des
Kaiserlichen Hof-Marschall-Amts das Berliner Kunstgewerbe in
der Blüthe seiner Leistungsfähigkeit
Der Kaiser selbst hat dem Berliner Kunstgewerbe die stützende
Hand gereicht, um ein in der Menge weitverbreitetes Vorurtheil,
dass nur Frankreich das kunstgewerbliche Können zur rechten
Entwicklung hat bringen können, zerstören zu helfen. Der Kaiser
hat den Befehl gegeben, eine Beihe von Möbelstücken, Bronzen
und anderen kunstgewerblichen Gegenständen, die er für die Kaiser
lichen Schlösser von Berliner Kunsthandwerkern anfertigen liess,
in einer besonderen Gruppe zusammenzustellen. Meister Hoffacker
zeichnete den ersten Entwurf für den Bau, der diese Ausstellung
beherbergt, und Professor Lessing führte den Entwurf in seiner
künstlerisch-genialen Eigenart aus. An einen hohen Mittelbau,
eine Art von Baldachin, Schliessen sich rechts und links Säulengänge an.
Hoffacker hat, der Vorliebe des Kaisers für die Werke Schlüter’n folgend,
sich an den sogenannten Schlüterstil gehalten, der beim Zeug-
. hause, der jetzigen Ruhmeshalle, am glänzendsten zu Ehren kommt.
Den Baldachin krönt die Kaiserkrone, auf einer Fülle von schön
geschwungenen Rococo-Ornamenten ruhend, die nach den Seiten
pfeilern zu in eingerollten Cartouchen auslauten, welche Adler
tragen. Das Dach stützen Säulen mit schönen Kapitalen. An die
so gebildete Nische mit Rundbogen Schliessen sich Galerieen an,
welche das Podium umrahmen. Der ganze Bau in leuchtend weisser
Grundfarbe mit maassvoller Vergoldung im Bildwerk macht den Ein
druck königlicher Pracht.
In der Sammlung von kunstgewerblichen Schätzen, die hier
zur Schau gestellt ist, fallen dem Laien wie dem Fachmann zuerst
die werthvollen Gobelins auf, welche die Felder zwischen den Säulen
und die Rückenwand der Nische schmücken. Aus einer Reihen
folge von sechs Gobelins, die sämmtlich Costümfeste aus der Zeit
Ludwigs XIV. darstellen, sind hier drei aufgespannt, während die
drei anderen noch reparirt werden. Links der erste Teppich zeigt
ein türkisches Reiterspiel, bei welchem vom Pferd aus mit Bogen
und Pfeil nach einer Kugel auf hoher Stange geschossen wird.
Der zweite an dieser Seite giebt in trefflicher Zeichnung und leb
haften Farben ein russisches Fest auf dem Eise wieder. Zu ihnen
gehört als dritter ein an der rechten Hallenwand aufgespannter Gobelin,
der ein griechisches Reiterfest zum Vorwurf hat. Alle drei sollen
nach einer allerdings ziemlich unzuverlässigen Inventarnotiz Geschenke
des französischen Hofes an den preussischen Hof sein; thatsächlich
aber sind es nach genauen Forschungen französische Handwebereien
aus dem 18. Jahrhundert. Aus dem 17. Jahrhundert stammt ein
Brüsseler Gobelin an der rechten Hallenwand mit einer Jagdscene
und geschmackvoller Fruchtborde. Der Gobelin in der Mittelnische
ist nach einer Zeichnung Boucher’s im vorigen Jahrhundert in
Frankreich geweht worden und ein Stück ans dem berühmten
Cyklus: »Les amours des dieux«, Früher im Schlosse zu Cobleuz
aufbewahrt, schmückte er seit Jahren mit anderen Gobelins den
Speisesaal des Kaisers.
Diese liier ausgestellten Gobelins befanden sich, als man sie
der langjährigen Vergessenheit entriss, in einem sehr schlechten
Zustande. Die Zeit hatte die Farben ausgebleicht, und die Zer
störung war so weit fortgeschritten, dass grosse Löcher die Har
monie der Zeichnung störten. Dass sie jetzt in tadelloser Schönheit
das Auge jedes Kenners entzücken, ist der Berliner Gobelin-Manu-
factur zu verdanken, die sich der Kaiserlichen Gunst und Unter
stützung in so hohem Maasse erfreut.
Eine der feinsten Blüthen der textilen Kunst, — die Gobelin-
Manufactur — lag in Berlin, in ganz Deutschland vollständig dar
nieder, bis der kunstgewerbliche Aufschwung der letzten zwei Jahr
zehnte auch diese Kunstart zu neuem Leben erweckte. Der grosse
Kurfürst hatte im Jahre 1686 nach Aufhebung des Edicts von
Nantes den Gobelin weher Pierre Mercier aus Aubusson nach Berlin
berufen und ihm das Privileg zur Anlegung neuer Gobelin-
Mauufactur verliehen. Unter dem Grossen Kurfürsten und seinem
Nachfolger gelangte die Berliner Gobelin-Manufactur zu schöner
Entwicklung, Aber so schnell wie sie aufgeblüht, sank sie auch
wieder und ging im Kampfe gegen die ihr feindliche Mode und
Geschmacksrichtung vollständig zu Grunde. Seit dieser Zeit gehörten
nicht nur die Herstellung, sondern auch die kunstvolle Ausbesserung
von Gobelins in Deutschland zu den Unmöglichkeiten. Man musste
hei Kauf und Reparaturen von Gobelins sich schon an Frankreich
wenden, wo diese Manufactur unter staatlicher Verwaltung zum
Ruhme des französischen Kunstgewerbes zu hoher Vollendung
gelangte.
Dank der Thatkraft und dem Kunstsinn eines Berliner
Kaufmanns hat die Gobelinweberei abermals ihren Einzug
in Berlin gehalten und lenkt trotz des durch historische
Ueberlieferung geheiligten Ansehens der französischen Manu
factur durch hervorragende Leistungen die Aufmerksamkeit der Kunst
kenner auf sich. Es war der damalige Tapisserie waaren- Händler
Wilhelm Ziesch, der bei einem Besuche in Paris im Frühjahr 1870
nach Besichtigung der Gobelin - Manufactur auf den Gedanken kam,
diese Kunst auch in Deutschland, in Berlin, wieder heimisch zu
machen. Die nächsten Jahre waren der Verwirklichung des grossen
Vorhabens nicht günstig. Erst im Jahre 1879 kam, da das
Stickereigeschäft unter der neuen Zollpolitik schwer zu leiden Hatte,
der langgehegte Plan zur ersten Ausführung. Es gelang Ziesch
einen Berliner Webermeister, der von der Haute-lisse-Technik keine
Ahnung hatte, soweit anzulernen, dass er bis zum Mai 1880 den
ersten Gobelin in der Grösse von 40:40 cm herstellen konnte.
Die Schwierigkeiten, die bei Ausführung der ersten Gobelins zu
überwinden waren, sind nicht gering anzuschlagen. Es fehlte an
den nöthigen Wehstühlen, an geschulten Webern, und abgesehen
von diesen Hindernissen galt es noch die Beschaffung eines ge
eigneten, weichen, aber nicht dehnbaren Garnes und die
dauerhafte Färbuug desselben in den zur Gobelinweherei
nothwendigen etwa 14420 verschiedenen feinen Nuancen zu
ermöglichen. Ferner fehlte es an Malern, welche die
nothwendige Uebung in der Composition der Cartons für die
Gobelinmanufaetur besitzen müssen, da der Künstler die ganz eigen
artige Wirkung der Wollfärbern in Betracht zu ziehen hat. Und
endlich musste Ziesch auch die Schattirerinnen anlernen und in
methodischen Uebungen ihren Unterscheidungssinn für die vielen
Tausende von Farbtönen ausbilden. Mit grosser Energie und dank
der Hilfe kunstsinniger Männer ist es Ziesch gelungen, seit 1880
eine Anzahl kunstvoller Gobelins mit Hilfe seiner selbstgesdiaffenen
Technik zu reinigen und auszubessern. Zahlreiche und Umfang
reiche Ausbesserungsarbeiten wurden an Gobelins aus dem Kaiser
lichen und dein Privat-Besitz vorgenommen und manches künstlerische
Webstück, das von der Zeit stark mitgenommen worden war,
entstand in alter Schöne und erhielt mit dem idealen auch den
vollen materiellen Werth wieder, der sich bei einzelnen Teppichen
auf nicht weniger als 150 000 Mark stellt.
Der Kaiser selbst hat die Berliner Gobelin-Manufactur zu
Ehren gebracht, indem er hier die ihm gehörenden Teppiche aus
stellen liess. Sämmtliche Gobelins sind, wie schon erwähnt, von
Ziesch gereinigt und ausgebessert worden und jeder Laie kann sich
überzeugen, wie vorzüglich diese Arbeit gelungen ist, die dem neuen
Berliner Kunstgewerbe der Gobelin-Manufactur zu hoher Ehre
gereicht.
Brauereimaschinen.
[Abdruck untersagt.
Die Ausstellung der Brauereimaschinen in der nordwestlichen
Hälfte der Maschinenhalle des Hauptindustrie-Gebaudcs nimmt das
volle Interesse Aller in Anspruch, die für den »Göttertrank« das
richtige Verständniss haben. Auch die Damenwelt bekundet viel
fach die Neigung, sich die »Teufelsapparate« näher anzusehen,
durch deren Kunstproduct der Gatte bisweilen länger, als ihr
lieb ist, am Stammtisch zurückgehalten wird.
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