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Volume Nr. 34, 21. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
Eugen Börrael, der des Deckengemäldes der Maler Richard Hendorf. 
Mau gehe also in das Leiehner-Theater. Eintrittsgeld wird nicht 
erhoben, dafür erlebt man auch keine Enttäuschung! 
» 
Ein Armeeteppich. In der Gruppe für Bekleidungs 
industrie erregt ein Schaustück viel Wohlgefallen bei ehemaligen 
Soldaten. Es ist dies ein Teppich, zusammengesetzt aus den 
Achselklappen fast sämmtlicher deutschen Regimenter aus den Jahren 
1846—1896. Jeder ehemalige Krieges sucht hier sofort seine 
Regimentsnummer oder den Namenszug des Regiments-Inhabers und 
freut sich, wenn er seine frühere Achselklappe vertreten findet. 
Ein solcher Teppich dürfte kaum zum zweiten Male zu finden sein. 
Die Nummern sind der Reihe nach angeordnet, ohne Rücksicht 
auf die Farbe, wodurch das Ausstellungsobject recht bunt aussieht. 
Seine Anfertigung dürfte viel Mühe gekostet haben. 
V 
In der Musik-Abtheilung. Wer vor den prächtigen 
Erzeugnissen der Königlichen Pozellan - Manufactur bewundernd 
und in Schauen versunken steht, wird hinter dem Baldachin ge 
dämpfte Musik, bald rauschend wie Janitscharen-Musik, bald sanfte 
Flötentöne, bald leis erklingendes Glockenspiel vernehmen. Zu 
weilen klingt’s verlockend wie Sirenensang und, wer halbwegs 
in Stimmung ist, den zieht’s dahin, in das Reich der Töne, 
in die Musikhalle. Beim Näherkommen schwindet der Zauber, 
namentlich an Sonntagen, wo viele Aussteller bemüht sind, 
alle Register zu ziehen. Es entsteht da ein musikalisches 
Durcheinander, das manchmal recht unangenehm klingt Auf der 
Mignon-Orgel spielt eine Dame die Tannhäuser-Onvertm-e in sanften 
Tönen, da fällt eine Ocarina ein, der laute, leidenschaftliche Töne 
entlockt werden und die bald Alles übertönt und doch 
Nichts zum Schweigen bringt. Als es genug scheint 
des grausamen Spiels, setzt auf einem Orchestrion ein 
Paukensolo ein, worauf es dröhnt wie die Töne eines 
Dampfcarrousels, energisch anschwellend bis zum Fortissimo. Das 
Publikum eilt, von der lauten Musik in geschlossenem Raume ein 
geschüchtert, nach einem anderen. Saale, um in einer Koje die 
Klänge eines Piano zu hören. Es ist das Lied »Als mein Ahnerl 
20 Jahr’«, womit sich ein Stümper zu blamiren versucht, was ihm 
unschwer gelingt Eine tiefe Bassstimme fällt ein: »als Ihr Ahnerl 
20 Jahr’, hat es wahrscheinlich besser gespielt als Sie, hören Sie auf!« 
Beleidigt verlässt der Dilettant den Schauplatz seiner Missethat. 
»Ich wollt’ meine Lieb’ ergösse sich«, bläst Jemand auf einer 
Flöte, die Harmonika bemerkt prompt: »Du bist verrückt, mein 
Kind!« Da schlägt der »Doppeladler« an unser Ohr von drei 
Instrumenten, aber verschiedener Art und in verschiedenem Tempo 
gespielt. — »Ich habe immer geglaubt, ich hätte keine Nerven, 
muss mich aber getäuscht haben, das halte der Teufel aus!« brummt 
ein robuster Herr und ergreift die Flucht. Die prachtvolle Aus 
stellung Bcchstein’scher Instrumente liegt still, kein Ton ist ver 
nehmbar, nur wenige Kenner und Musiker stehen ehrfurchtsvoll in 
angemessener Entfernung und betrachten die schönen Instrumente. 
Alles Militairische zieht mächtig an. Die historische Trommler- 
Gruppe der Firma Heinrich Meissner ist von Schaulustigen umringt, 
hier giebt es eben etwas zu sehen, wenn auch die Trommler stumm 
bleiben. Die Uniform übt ihren Reiz auf Jung und Alt, Gross und Klein, 
auch auf die Damenwelt. Der fesche Tambour des Kaiser Alexander 
Garde-Grenadier-Regiments No. 1., der knieende Infanterie-Tambour 
als Schütze, die Kesselpauken, die grossen Trommeln mit Aluminium 
kessel, der Schellenbaum und die sechs historischen Tambours in 
ihren schönen historischen Costümen, namentlich der Dragoner- 
Tambour aus der Zeit des Grossen Kurfürsten und der Trommel 
junge werden sehr eingehend besichtigt. Die Jungen» hauptsächlich 
sind nur schwer hier wegzubringen. 
Die Hindernissrennen in Carlshorst sind in Berlin 
bei Alt und Jung sehr populair. In der Sportausstellung wird daher 
das ausgestellte Modell der fünf Sprünge zu Carlshorst viel besucht. 
Das Modell im Maassstabe von 1:20 stellt die »Rickhecke«, das 
»Knick«, den »Grossen Steinwall«, den »Grossen Grabenbusch« 
und den »Carlshorster Sprung« dar. Gerade jetzt, wo die 
Hindernissrennen in nächster Zeit bevorstehen, erweckt dieses Aus 
stellungsobject doppeltes Interesse, zumal es ganz vortrefflich aus 
geführt ist. 
Auf der Unfall-Station wurden gestern 5 leichtere Fälle 
behandelt. 
a) In der Ausstellung. 
Das Luftschiff. 
Zur heutigen ersten Auffahrt des Fesselballons. 
[Abdruck untersagt.] 
Im Jahre 1782 liessen zwei Brüder Etienne und Joseph 
Montgolfier zu Avignon mit Hilfe erwärmter Luft den ersten 
Ballon gen Himmel steigen, ein Versuch, den sie im folgenden 
Jahre vor König, Hof und ganz Paris in grösserem Maassstabe 
wiederholten. Man war begeistert: das Reich der Lüfte schien der 
Menschheit gewonnen zu sein. Wir wissen, dass selbst heute, nach 
vielen Anstrengungen und vielen Verbesserungen, noch immer nicht 
von einem Beben-sehen der Luft die Rede sein kann. 
Aus der Montgolfiere wurde die Charliere, als Charles, j 
Professor der Physik in Paris, statt der erwärmten I.uft 
Wasserstoffgas zur Füllung verwandte und im Verein 
mit den Mechanikern Gebrüder Robert am 27. August 1783 in 
in den Champs elysees die Erhebung des ersten Wasserstoffballons • 
leitete. * 
Beide Versuche, der von Montgolfier und der von Charles, ; 
wurden so ausgeführt, dass man die Ballons allein oder nur mit 
Thieren in die Höhe schickte. Der eiste Mensch erhob sich auf 
diese Weise im November 1783 in die Lüfte. Pilätre de Rozieres, 
so hiess dieser Muthige, hatte dann die Idee, beide Systeme, Mont- 
golfier’s und Charles’, zu vereinigen. Er fand dabei am 15. Juni 
1785 seinen Tod; das Feuer der Montgolfiere hatte den Wasser 
stoff der Charliere entzündet. Der unglückliche Schiffer zerschellte 
an den Kalkfelsen der Boulogner Küste. Seit Pilätre de Rozieres 
bis zum Jahre 1874 sollen 3700 Luftschifffahrten unternommen 
und nur 16 Todesfälle, meist durch Montgolfieren veranlasst, bekannt 
geworden sein. 
Bald nach seiner Erfindung machte man den Luftballon zu 
wissenschaftlichen Zwecken nutzbar; er diente zunächst der Meteoro 
logie und der Physik. Unter anderen unternahmen auch Biot und | 
Gay-Lussac, jene berühmten französischen Gelehrten, im Jahre 1804 I 
zwei Luftreisen, von denen sie höchst interessante Resultate über i 
den Erdmagnetismus sowohl als auch über die Gleichheit in der i 
Zusammensetzung der Luft höherer und niederer Regionen mit 
brachten. 
Als die Gasbeleuchtung sich mehr und mehr einbürgerte, be 
nutzte man unter Verzicht auf das leichteste und daher geeigneteste 
Gas, auf den Wasserstoff, das bequeme Leuchtgas zur Ballonfüllung. 
Das erste mit dem neuen Gase ausgestattete Luftschiff stieg im 
Jahre 1850 in Frankreich auf. Mit einem Leuchtgasballon durch- 
rnassen 1867 Flammarion und Godard die Strecke von Paris bis 
Solingen, 70 Meilen, in 12'/ 2 Stunden. In neuester Zeit allerdings 
ist man wiederum zum Wasserstoffgas als Füllmaterial zurückgekehrt, 
dessen sich ja auch Zekeli für seinen heute hinter der Kolonial- 
Ausstellung der Berliner Gewerbe-Ausstellung aufsteigenden Fessel 
ballon bedient. 
Zu militairischen Zwecken, zu Recognoscirungen wurde der 
Luftballon schon 1794 von Coutelle verwendet. Die Ansichten 
darüber, ob die Kriegsführung wesentlichen Vortheil von seiner Be- 4 
nutzung hat, sind sehr getheilt. Napoleon I. hielt durchaus nichts 
von den militairischen Erfolgen der Ballons, und diesem Urtheil 
hat sich ein modernerer Militair-Aeronautiker Gaede im Allgemeinen 
angeschlossen. 
Von den 65 Ballons, die während der viermonatigen Be 
lagerung von Paris, als dieses für seinen Verkehr mit der Aussen- 
welt auf Brieftauben und Luftschifffahrt angewiesen war — von 
jenen 65 Ballons, die zwischen dem 28. September und dem 
22. Januar die Hauptstadt Frankreichs verliessen, wurden 
91 Passagiere, 363 Tauben und 2'/ t Millionen Briefe mitgenommen
	        
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