Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 31
schehen, dass mau die Schilling’sche Germania am Rhein bei
Bingen als »Mutter Gottes voii Preussens bezeichnete.
In der Architektur knüpft man nun streng an den romanischen
Stil an, zu dessen neuesten Werken die Kaiser Wilhelm-Gedächtniss-
kirche gehört. Alles in derselben ist streng romanisch, deshalb
liess man die Statuen der Könige Friedrich Wilhelm III., Friedrich
Wilhelm IV. und der Königin Luise fort, weil diese nicht dem
romanischen Stil angepasst werden konnten.
Der Vortragende giebt sodann einen Feberblick über die Ent
wicklung der deutschen Kunst von Karl dem Grossen bis auf die
Jetztzeit. Bemerkenswerth ist von den Ausführungen noch das
Urtheil über die Schwanthaler’sche Bavaria bei München, welche in
ihren Formen der Pallas Athene nachgebildet sein soll, aber in
ihren plumpen Formen an die Biertonnen des Hofbräuhauses er
innert. Wenn man die Frage beantworten will: Was heisst
nationale Kunst?, so lautet die Antwort nach den Ansichten des
Herrn Dr. G. Voss: Nationale Kunst ist das, was den grossen Meistern
der deutschen Kunst vorgeschwebt hat. Mögen die heutigen Kunst
jünger frei und unbefangen aus dem . grossen Borne germanischen
Lebens schöpfen, dann werden sie die nationale Kunst mehren und
fördern.
Die Pfmgstfeiertage werden bei einigermaassen günstigem
Wetter der Ausstellung eine ausserordentlich grosse Zahl von Be
suchern bringen. Nicht zum Mindesten werden dazu die Früli-
Coneerte beitragen, für welche nun einmal der Berliner während
der Pfingstfeiertage eine wahre Leidenschaft hat. Es gilt den
Feiertagsgästen, unter denen sich zahlreiche Besucher aus allen
Theilen des Reiches befinden werden, zu zeigen, wie sehr sie will
kommen sind, und besonders Sache der Lokalinhaber und Pächter
wird es sein, die Gäste durch besonderen Festschmuck ihrer
Etablissements zu ehren. Dass dieser Schmuck einer weltstädtischen
Ausstellung würdig sein muss, dass er nicht in dörflicher Manier
nur aus »Maien« bestehen darf, ist selbstverständlich. Wir sind
überzeugt, unser Appell wird bei allen Lokalinhabern und Pächtern
Widerhall finden und der Pfingstschmuck der Ausstellung ein
durchaus würdiger werden.
V
Ingenieur Kühnemann jr. Anderweitigen Meldungen
gegenüber sind wir zu der Erklärung ermächtigt, dass Herr In
genieur Kühnemann unverändert im Dienste der Ausstellung mit-
thätig ist.
«
Das Riesenfernrohr, dessen Fertigstellung für die
Pfingstfesttage in Aussicht genommen war, kann, wie sich jetzt
herausgestellt hat, erst in etwa drei Wochen dem Gebrauch über
geben werden. Die durch die kolossalen Eisentheile äusserst
schwierige Montage schreitet, trotzdem die Firma C. Hoppe mit
verstärkten Kräften arbeiten lässt, weit langsamer vorwärts, als man
angenommen hatte. Der grosse, zwei Etagen hohe Rundbau, auf
dessen Galerieen das Publikum das Rieseninstrument in allen seinen
Theilen in Augenschein nehmen kann, ist seiner Vollendung nahe.
Auf demselben wird auch die grosse Leinwandfläche gespannt
werden, auf welche die an dem Fernrohr angebrachten Spiegel das
Bild des Sternhimmels werfen.
V
Die Ehrenpreise für die Lawn-Tennis-Tourniere
in Bad Homburg am 14. Juli und 24 August sind in der
Sport-Ausstellung zu sehen. Mit den Preisen hat der rührige
Kurdirector vom Bad Homburg Herr v. Schoelcr gleichzeitig auch
eine Anzahl von Abbildungen und Portraits mitgesandt, die zu
einem geschmackvollen Tableau vereinigt sind. Unter den Portraits
von den leitenden Persönlichkeiten der Tourniere bemerkt man u. A.
Prinz Albert v. Schleswig-Holstein und den früheren englischen Bot
schafter am Berliner Hofe Sir Edward Malet. Das Prunkstück
der Ausstellung ist ein hoher Renaissance-Silberbecher, der in
seinen schlanken Formen, seinen feingeschwungenen Ornamenten,
die theilweise noch durch Goldeiselirungen gehoben werden, einen
vortrefflichen Eindruck macht. Ferner sind je zwei Goldbecher,
ein schwerer silberner Champagnerkühler mit drei Henkeln aus
Nilpferdzähnen, ein Schenkkrug mit Silberbeschlag und Elfenbein-
Griff und mehrere andere Silbergefässe, die einen hohen Kunst
und Metallwerth repräsentiren, zu erwähnen.
S
In der Gruppe für Galanterie- und Kurzwaaren
erregt ein Pistolenkasten von Robert Hartmann & Neuhahn die
Aufmerksamkeit von Kennern und Sportliebhabern. Auf dem sehr
kunstvoll in Metall graviden Deckel, der mit Leder ausgelegt ist, 1
ist eine Jagdscene, Kaiser Wilhelm auf der Hirschjagd, dargestellt
Oben in der Mitte des Deckels befindet sich der deutsche Reichsadler
in Farben, darunter zwischen Bäumen an Jagdlappen der branden-
burgische Adler, links vier flüchtende Hirsche, von denen der eine im
•Feuer zusammenbricht, rechts der Kaiser, die abgeschossene Büchse
gesenkt, sein Leibjäger im Begriff zu laden; die Figuren sind genau
nach Photographieen gearbeitet. In den oberen Ecken befinden sich
Scheiben mit. Jagdsprüchen. Der Kasten enthält zwei kunstvoll
gearbeitete Pistolen von Robert Hartmann.
»
Das Leichner- Theater. On revient toujours ä ses
Premiers amours?« Dass der weltbekannte Fabrikant von Fettpuder
und bleifreien Schminken mit dem Theater und Thaliens Priestern
und Priesterinnen ein zärtliches, unauflösliches Verhältnis? unterhält
-— wer wüsste es nicht? Dass L. Leichner auch unter, die Theater-
Erbauer gegangen ist, das hören gewiss manche heute hier zum
ersten Male und jedenfalls mit Vergnügen. Und es ist ein
Theaterchen, das die Zierde eines jeden fürstlichen Salons sein kann,
das mit allen seinen Intimitäten und geschmackvollen Räumen
einem grossen Opern- oder Schauspielhause sich als ein willkommenes
Modell präsentirt. In einer Ecke des stattlichen Chemiegebäudes
zeigt es seine Logen pnd Ränge dem Besucher, das milde Licht seiner
Glühlampen, den Brocatstoff seiner Wände. Vor dem vernickelten
Souffleurkasten, aus dem nicht das runzlige, bebrillte Gesicht eines
Souffleur uns anstaunt, sondern uns munter die Katalognummer 1850
entgegenlacht, steht der Beschauer an der Stelle der Acteure auf
dem mehr oder minder hohen Kothurne. Die Musik machen die
Puderquasten mit vollem Rechte, denn sie erst lassen den Puder
tanzen. Im Parquet-Fauteuil spreizen sich, stolz auf ihr hoch-
adliges Wappen, die Dosen mit Hermelin-Puder, im Parquet sitzen
so bescheiden trotz ihres hohen Werthes die Fettpuderschachteln.
Das Parterre füllen, theis geschlossen, theils geöffnet, mit dem
rothen Grosscordon über der schlanken Brust die Theaterfettschminken,
die sich alle Bühnen der Welt erobert haben. In der Fremden
loge macht sich Leichner’s Kaiserroth breit und die Hof loge wie
den ersten Rang haben, mit den zierlichen blonden Bändchen
um den Hals, die neuesten Erzeugnisse des vielseitigen
Hauses, die aus Anlass der Berliner Gewerbe-Ausstellung eigens
erdachten Aspasia - Puder und Aspasia - Parfums für sich in
Besitz genommen. Heiligt hier auch, wie allerorten |in unserer
Ausstellung, der Zweck die Mittel, so darf man gerade in vor
liegendem Falle diese Mittel nicht unterschätzen; es ist selten
so viel Geschmack, Kunstsinn und Luxus aufgeboten worden, wie
hier, um Erzeugnisse, die im Grunde genommen keiner neuen
Empfehlung mehr bedürfen, in einem ausgesucht vornehmen Rahmen
zu zeigen. Und dieser Rahmen packt und fesselt, so dass der
Gedanke an eine kaufmännische Ausstellung kaum aufkommt.
Der Barockstil des Theaters wetteifert in seiner klassischen Rein
heit mit der echten Vergoldung und Bronzirung des
plastischen Schmuckes. Das verwendete Holz ist reinster
Ahorn, die Schnitzereien an der Königsloge mit einem künst
lerischen Baldachin zeigen ebenso wie das Deckengemälde —
Apollo als Verkünder und Spender des Lichtes darstellend
— die Hand ausgereifter Künstler. Und so geht es fort bis auf
die reiche Beleuchtung aus 80 Birnenlampen, die, in der Königs
loge z. B., aus rother, geschliffener und kunstvoll bronzirter Ampel
quillt. Der Schöpfer des Leichner - Theaters ist der Bildhauer
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