Path:
Volume Nr. 34, 21. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

io Officielle ÄussteHungs- Nachrichten. 
and nicht ausgestellten Gegenständen solange mit den Händen 
entlanggefahren war, bis er sich richtig einen Splitter unter dem 
Nagel zugezogen hatte. 
Bald hatten wir unseren Zufluchtsort gefunden. Die weisse 
Fahne mit dem rothen Kreuz auf dem schmucken, in Villenstil 
gehaltenen Holzgebäude wies uns den Weg. 
Wir traten in den kleinen Vorraum der Wache. Welch’ vor 
nehme Eleganz! Prächtige Stühle mit in Leder gepresstem Sitz 
und kunstvoll geschnitzter Lehne, kostbare Ampeln, in an 
genehmen Farbentönen gehaltene Wände und Plafonds — das alles 
musste einen behaglichen, wohlthuenden Eindruck auf jeden machen, 
der hier eintrat. Und erst das Wartezimmer! Hier sah es ganz 
aus wie in der vornehm eingerichteten, auf elegante Praxis be 
rechneten Privatwohnung eines Arztes. 
Wir hatten kaum diese Studien beendet, als der Wärter uns 
hineinrief. Der Arzt, erwartete uns, in Anbetracht unseres, ja 
chirurgischer Thätigkeit bedürfenden Falles, im Operationssaale. Mit 
Zuhilfenahme einer spitzen Pincette gelang es, zur besonderen Ge 
nugthuung unseres kleinen Patienten, den bösen Splitter zu fassen 
und so auf unblutigem Wege zu entfernen. Der Schaden war 
curirt, und froh, unseren Händen entronnen zu sein, verliess der 
Junge uns schleunigst und eilte zur Gesellschaft zurück. Einer 
Aufforderung des Arztes folgend, blieb ich selbst noch ein wenig, 
um mir die nähere Einrichtung der Sanitätswache anzusehen und 
vielleicht noch der Abfertigung einiger Patienten beizuwohnen. Das 
Operationszimmer, sah ich, war ganz auf das zugeschnitten, wofür 
die Errichten der Sanitätswache es berechnet hatten; ausschliesslich 
für die augenblickliche Hilfeleistung. Demgemäss fand ich auch 
nur Instrumente und Vorrichtungen, welche diesem Zweck ent 
sprachen : die nothwendigsten chirurgischen Werkzeuge, Verband 
stoffe, Arzneimittel, einen Operationstisch, Waschapparat etc. — selbst 
verständlich alles den Anforderungen der modernen Asepsis ent 
sprechend. Analog ihrem Charakter, die Warte- und Empfangs 
räumlichkeiten eines vornehm ausgestatteten Berliner Arztes in ihrer 
Einrichtung nachzuahmen, besitzt die Sanitätswache indess ausser 
diesem Operationszimmer, welches mehr für chirurgische Eingriffe, 
Verbände etc. berechnet ist, noch ein Consultationszinimer für 
innere Krankheiten, welches nichts enthält, was dem Hilfesuchenden 
unangenehm auffallen könnte. In seiner Einrichtung steht es' an 
luxuriöser Behaglichkeit dem Wartezimmer nicht nach, übertrifft es 
vielleicht sogar noch. 
Die Meldung des Wärters, dass ein Mann den Arzt zu sprechen 
wünschte, unterbrach uns. Es war ein Arbeiter aus dem Park; 
die verbundene und geschwollene Backe des Patienten nicht minder 
wie sein verzweifelter Gesichtsausdruck machten die Schnelldiagnose: 
Zahnschmerzen wahrscheinlich. Frage und Untersuchung bestätigten 
die Vermuthung. »Da wird wohl das Beste sein, dass Wir das 
Ding herausziehen« ■— meint der Arzt — »zumal, da sie sich 
schon vier Tage damit quälen :. — »Na, dann man zu, Herr 
Doetor!« Der Wunsch wird erfüllt, ein wahres Ungethüm von 
einem hohlen Backzahn zu Tage gefordert und ein Glücklicher ver 
lässt die Stube. 
Inzwischen hat sich das Wartezimmer ganz gefüllt, und zwar 
ausschliesslich von einer uniformirten Gesellschaft. Es sind, wie 
mir der Arzt erklärt, die über die Miethstühle der Ausstellung die 
Aufsicht führenden Burschen, die alle von demselben Leiden be 
fallen sind. Von dem fortwährenden Aufenthalt in der Sonne, die 
ja in den letzten Tagen recht heiss brannte, sind ihre Ohren in 
den Zustand sehr schmerzhafter Entzündung gerathen. Mit einem 
lindernden Salbenverbände versehen entfernen sie sich wieder. 
Die Abfertigung des uniformirten Corps hat ziemlich lange gedauert; 
bereits warten andere Patienten des Arztes. Ein kleines Mädchen, welches, 
gleichfalls in Folge der Hitze, von Nasenbluten befallen worden ist, 
ist die erste an der Reihe. Alle möglichen Mittel hat die Mutter 
schon versucht, ohne die Blutung stillen zu können; die Kleine 
sieht bereits recht blass aus. Hier wird ihr schnelle Hilfe zu Theil; 
der Arzt schiebt mit einer gebogenen Pincette einen kleinen Watte- 
propf in die Nase und die Blutung steht sofort. Der folgende Fall 
scheintauf den ersten Blick ein sehr schwerer zu sein. Ein corpulcnter 
Herr, dessen etwas altmodische Tracht den Provinzialen verräth, 
wird bewusstlos, von drei kräftigen Männern getragen, hereingebracht. 
Der Kopf ist hochroth, der Athem sehr tief und etwas schnarchend 
und ein eigenthümlicher Geruch gellt von dem Patienten aus, der den 
erfahrenen Wärter sofort stutzig macht. Auch der Arzt »riecht 
Lunte« und wechselt mit der Begleitung des anscheinend so schwer 
Erkrankten einige Worte. »Acute Alkoholintoxication!« — meint 
er lächelnd und befiehlt die nöthigen Maassregeln. »Das giebt einen 
Kater aus guter Familie, es hat sich um französischen Champagner 
gehandelt!« Es dauert eine ganze Weile, bis der Wärter durch 
Riechmittel etc. den »Schwerbeladenen« aus seiner Älkoholintöxi- 
eation vulgo Rausch wieder zu sich gebracht hat und der Patient 
sich schwerfällig mit Hilfe seiner Freunde entfernt. Was der Mann 
wohl zu Hause den Seinen von den Sehenswürdigkeiten der Ge 
werbe-Ausstellung und insbesondere von den Leistungen der Berliner 
Industrie berichten wird! 
Der Arzt hat während dieser »Wiederbelebungsversuche« noch 
die übrigen Patienten im Consultationszimmer abgefertigt. Ich spreche 
meine Verwunderung über den fegen Zuspruch und die Mannich- 
faltigkeit der Ursachen aus, welche die Patienten auf die Wache führt, 
und er antwortet mir, dass wohl in 20 bis 30 Fällen täglich die 
Sanitätswache in Anspruch genommen wird. Ein grosses Contingent 
der Patienten wird augenblicklich immer noch von den auf der 
Ausstellung beschäftigten Handwerkern gestellt; da sind Quetschungen, 
Wunden aller Art, Verstauchungen, Knochenbrüche zu behandeln, 
Fingergeschwüre zu spalten; stets empfangt der Patient hier nur die 
erste Hilfe und wird dann sofort entweder einem Krankenhause 
oder seinem Kassenärzte-überwiesen. Doch auch das Ausstellungs- 
Publikum sucht die Hilfe der Sanitätswache in allen möglichen 
Fällen nach. ' • - - S—nu. 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
Was heisst nationale Kunst? 
[Abdruck untersagt.] 
Herr Dr. G. Voss, der diese Frage am Dienstag Abend in 
einem einstündigen Vortrage behandelte, hatte sich eines verhältniss- 
mässig zahlreichen Besuches zu erfreuen. Namentlich Damen hatten 
sich eingefunden, ein Zeichen, dass die Damenwelt sich mehr für 
Kunst mteressirt. 
Als vor 25 Jahren das neue Deutsche Reich erstand, da 
glaubte das deutsche Volk, dass ein neues goldenes Zeitalter an 
gebrochen sei. Das nationale Selbstbewusstsein betrebte sich, auch 
in den Arbeiten des Friedens sich zu bethätigen. Eine Reihe 
von Männern erstand, welche in erster Linie der deutschen 
Kunst die Frische wiederzugewinnen suchten. Siegessäulen, 
Kriegerdenkmäler und Statuen der grossen Helden des 
Einigungskrieges gaben der Bildhauerkunst Gelegenheit, sich 
zu bethätigen, die Malerei konnte ihre Zöglinge auf 
die Schlachtenbilder verweisen, welche als Wandgemälde weit über 
irdisches Maass hinausgingen, die Baukunst verlegte sich auf stolze 
Bauwerke, um auch in ihnen die wiedergefundene Erstarkung des 
Volkes kundzugeben. Die bis heute verflossene Epoche ist uns 
ein Prüfstein, ob sich die gehegten Erwartungen erfüllt haben. 
Man muss diese Frage leider mit »nein« beantworten, denn die 
deutsche Kunst schlug ganz andere Wege ein, was namentlich 
an der Malerei zu bemerken ist. Sie entfernte sieh sogar von 
deutschen Motiven und wählte fremde Vorwürfe, z. B. hat Arnold 
Böcklin nie einen deutschen Bauern, geschweige denn einen deutschen 
Soldaten gemalt. In der Bildhauerkunst ist es anders und musste 
es anders sein, denn der Bildhauer fertigt sein Werk in der Regel 
nur auf Bestellung an. Auch in der Architektur finden wir 
Aehnliches. Das Kunstgewerbe schliesst an die Zeiten Dürer’s und 
Holbein’s an. 
Es ist eine wohl beachtenswerthe Frage, ob die Ansichten 
über nationale. Kunst schon geklärt sind. Ueberall findet man 
Aeusserlichkeiten ohne tieferes Empfinden. Die Landschaftsmaler 
nehmen deutsches Land und Meer, die Genremaler führen nicht 
mehr die Abruzzen vor, sondern ergreifen deutsche Motive, sogar 
im Stillleben sucht man deutsche Früchte in den Vordergrund zu 
drängen und malt deshalb Kohlköpfe, Zwiebeln und Kartoffeln. Der 
Vorwurf der Aeusserlichkeit ist der Bildhauerkunst noch viel mehr 
zu machen. Wenn auch die Gestalt der Germania mit grossem 
Beifall aufgenommen wurde und sich Firmenrecht erworben hat, 
so entspricht sie doch vielfach nicht den Anschauungen des Volkes 
besonders in katholischen Ländern, deshalb konnte es auch ge*
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.