Path:

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
9 
Rundgang durch die wissenschaftliche Abtheilung 
der Seefischerei-Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Die Seefischerei-Ausstellung nimmt die grössere Hälfte des für 
Sport-Fischerei bestimmten Prachtbaues ein; die zu ebener Erde 
gelegenen Räume sind der praktischen, die oberen Räume vorzugs 
weise der wissenschaftlichen Seite der Seefischerei und Schifffalut 
gewidmet. 
Bemühen wir uns nun die wenigen Stufen hinauf, um jene 
Sammlungen in Augenschein zu nehmen; denn sowohl der praktische 
Fischer und Seefahrer, der etwas mehr als ein rein materielles Interesse 
für die Thierwelt des Meeres hat, wie der gelehrte Fachmann und 
wissensbegierige Laie wird hier manch anregenden Stoff und reiche 
Gelegenheit finden, seine Kenntnisse zu bereichern. Ehe wir uns 
die Besichtigung der verschiedenen Sammlungen zur Aufgabe 
machen, treten wir, oben angekommen, an die Balustrade 
heran und werfen von hier aus einen Blick über die 
ganze Halle, um den Gesammteindruck auf uns wirken 
zu lassen. Und in der That, wir werden angenehm 
berührt durch die schöne und stimmungsvolle Decoration, und gehen 
wohl nicht zu weit, wenn wir behaupten, dass die Seefischerei- 
Abtheilung in dieser Beziehung viele andere Abtheilungen der 
Ausstellung weit übertrifft. 
Dies ist im Grunde kein Wunder. Wenn das . Ideal einer 
Ausschmückung von Ausstellungsräumen darin liegt, dass die De- 
coration nach Stoff, Anordnung und Farbenzusammenstellung in 
harmonischer Beziehung zu den ausgestellten Objecten steht, so ist 
dieses Ideal nirgends leichter zu erreichen, als bei der Fischerei. 
Netze sind in der Hand eines geschickten Decorateurs ein 
Ausschmückungsmaterial ersten Ranges; sie gestatten die grösste 
Manniekfaltigkeit der Drapirung und die ausgiebigste Verwendung, 
ohne den Eindruck des Ueberiadenen zu machen, sie mildem alle 
grellen Farben töne und vermögen dem Licht jene feine Nuancen zu 
geben, welche an die feuchte Tiefe des flüssigen Elements erinnern. 
Wenn wir unsern Rundgang beginnen, muss uns zuerst der 
riesige Schädel eines ausgewachsenen Walfisches auffallen, und wir 
sehen hier zum ersten Male das Schädelgerüst mit dem vollständigen 
Bartemvuchse. Das Object ist von einer Berliner Firma ausgestellt 
und repräsentirt mit dem in den Barten enthaltenen Fischbein ein 
Capital von nahe 40 000 Mk. 
Links befindet sich die stattliche Collection der vom Kaiser 
lichen Marine-Amt ausgestellten Instrumente, die für astronomische 
Messungen und nautische Zwecke bestimmt sind. So sehen wir 
einen Steuer-Gompass mit sinnreichen Vorrichtungen, um die Ein 
wirkung des modernen, eisernen Schiffskörper auf die Magnetnadel, 
den altbewährten Wegweiser des Seemanns auf hohem Meere, zu 
neutralisiren, ferner Tiefseebarometer und Wasserschöpfer, sowie einen 
Apparat zur Bestimmung der submarinen Strömungen. »Klar zum 
Fallen«, hängt von der Decke des. Raumes ein Tiefseeloth, mit dem 
es möglich ist, die Tiefe des Meeres von Bord aus zu messen, 
ohne dass es nöthig ist, die Geschwindigkeit des Fahrzeuges zu 
vermindern. In Glasschränken zum Schutz gegen Staub und 
Feuchtigkeit aufgestellt sind die werthvollen, astronomischen 
und optischen Instrumente, deren sich der Seefahrer zu 
bedienen hat, wie Teleskope, Quadranten, Sextanten Prismen 
kreise, künstliche Horizonte, Distanzmesser etc.; alles Erzeug 
nisse, die ihren Schöpfern wie Fuess, Hacke, Bohne aus Berlin, 
Voigtlaender & Sohn, Braunschweig, alle Ehre machen. 
Sehr reichhaltig ist auch das Kartenmaterial des Reichs-Marine- 
Amts und die amtlichen Berichte über die verschiedenen, von 
deutschen Kriegsschiffen zu wissenschaftlichen Zwecken unter 
nommenen Reisen, welche hier ausliegen; ebenso wenig dürfen wir 
das von der deutschen Seewarte eingesandte Ausstellungs-Material 
übersehen. Dieses besteht, wenn wir das Modell einer Semaphor-Station 
ausnehmen, zum grössten Theil aus Fachliteratur, die aber in sich 
eine Unsumme von rastloser und gewissenhafter Forschung birgt. 
Die physikalisch-hydrographischen Karten der drei grossen Oceane 
der Erde dürften auch für den Laien von Interesse sein. 
Begeben wir uns nun nach der gegenüberliegenden Seite des 
Raumes, so befinden wir uns auf dem speciell dem Deutschen See 
fischerei-Verein gehörigen Gebiete. Hier ist es statistisches Material, 
welches in ganz besonders anschaulicher Weise dargestellt ist. 
Eine Anzahl kleiner hölzerner Tonnen von sehr verschiedenen 
Dimensionen, stellt eine jede das Totalergebniss des Häringsfanges 
im Jahre 1894 der in Frage kommenden Länder dar. Das mit England 
bezeichnete Tönnchen erscheint uns von der Grösse einer viertel Tonne, 
während das kleinste der Collection, das mit Deutschland markirte, 
die Grösse eines Bierseidels haben mag. Wir notiren hier einige 
Zahlen: Englands Fang im Jahre 1894 hatte einen Werth von 
24 Millionen, der von Holland 9 1 / 2 Millionen, darauf folgt Norwegen mit 
3'/z Millionen und zuletzt Deutschland mit 739295 Mark. Was 
den Consum dieses Fisches anbelangt, so sehen wir, dass wir 
Deutschen hier den ersten Platz einnehmen und circa 40 Millionen 
dafür ausgeben, die also fast alle in’s Ausland wandern. 
Derjenige Theil dieser Special-Ausstellung, welchen wir als 
den am meisten fesselnden bezeichnen möchten, befindet sich in 
den beiden Sälen, welche wir nun betreten. Die Decoration dieser 
Räume, von deren Fenstern wir einen entzückend schönen Blick 
nach dem Bollwerk, der in der Spree verankerten Fischerflotille 
und dem gegenüberliegenden Stralau haben, ist dieselbe wie in den 
übrigen Lokalitäten und besteht zum grössten Theil aus Netzwerk. 
Eine eingehende Besichtigung verdient das von der Decke hängende 
Plankton - Verticalnetz von Hensen, ein mit vielem Scharfsinn er 
dachtes Geräth zum Fange des Plankton, d. h. des kleinsten frei 
schwimmenden Seegeschöpfes, welches die Urquelle der gewaltigen 
Production des Oceans bildet. 
Vorzüglich gelungene Gipsabgüsse der wichtigsten Nutzfische 
hängen überall zur Schau, doch den kostbarsten Schatz birgt 
jene an den Wänden aufgestellte, stattliche Reihe von Glasschränken; 
in einem dieser Schränke sehen wir das seit Jahren mit grosser 
Ausdauer gesammelte Material zur Naturgeschichte des Härings, 
um welches Dr. Hemke sich ganz besonders verdient gemacht hat. 
Vom soeben befruchteten Ei an bis zum laichreifen, ausgewachsenen 
Thier sind alle Altersstufen in vorzüglicher Conserrirung vertreten 
und zum Theil so sinnreich im Inneren der Spiritusgläser befestigt, 
dass man lebendig schwimmende Fische vor sich zu haben glaubt. 
Ebenso ist die Nahrung des Härings aus winzig kleinen Krebs 
thieren in gelungener Weise vorgeführt. 
Daneben findet sich eine grosse Zahl von Lokalformen dieses 
wichtigsten der Fische aus allen Meeren, vom Riesenhäring Islands 
bis zum kleinen .Strömling des bottnisclien Meerbusens. 
Die übrigen Schränke enthalten Darstellungen in ähnlicher 
Form der wichtigsten Nutzfische unserer Meere, wie Kabliau, 
Dorsch, Schellfisch, Steinbutt, Seezunge, Flunder, Schollen u. s. w. 
Auch über die Entwickelung der verschiedenen Crustaceen, wie 
Hummer, Krabben und Seekrebse erhalten wir hier wichtige und 
höchst merkwürdige Aufschlüsse. Dass man der vielbegehrten Auster 
und der Darstellung ihrer Entwickelungsstufen einen würdigen Platz 
hier eingeräumt hat, ist wohl erklärlich. Besonders zwei Miniatur 
austernbänke, eine von Sylt, die andere von Helgoland mit den 
dort vorkommenden Meeresgrund-Schnecken, Muscheln und See 
gewächsen fallen durch ihre feine Ausführung auf. 
Ein grosser Theil dieser schönen Präparate sind der biologi 
schen Anstalt auf Helgoland entnommen, während die Museen von 
Hamburg, Rostock, Berlin und andere ihr Vorzüglichstes gethan 
haben, um diese Sammlung zu einer reichhaltigen und, was die 
Vorzüglichkeit des Materials anbelangt, zu einer noch bisher Un 
übertroffenen zu gestalten. C. v. C. 
Ein Stündchen auf der Sanitätswache. 
[Abdruck untersagt.] 
»Die Sanitätswache befindet sich an der Treptower Chaussee 
in der Nähe des Hauptausstellungsgebäudes«, erscholl es bestimmt 
und feierlich aus der Mitte unserer kleinen Gesellschaft. Neugierig, 
woher dem Verkünder dieser Wissenschaft dieselbe zugeflogen 
käme denn er war doch gleich uns an diesem schönen, sonnen- 
durchflutlieten, warmen Frühlingstage zum ersten Male auf der 
Ausstellung — brauchten wir nicht lange zu suchen, um das 
kleine Placat, welches die obigen Worte enthielt, an einem Baume zu 
erblicken. Damit war auch die Frage entschieden, was wir mit dem 
zehnjährigen Oskar beginnen sollten, der trotz all' unserer Mahnungen 
mit bewundernswerther Ausdauer im Vorbeisehen an allen ausgestellten
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.