Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

14 Officielle Ausstellungs-Naciirichten.
gebadet, daun plötzlich wieder von einem Strahl glücklicher, auf
richtiger Freude durchzuckt waren! Du lagst in deinem weissen
Kissen, die blonden Locken fielen wirr über Stirn und Wangen,
deine Backen glühten — und die Mutter sass daneben und erzählte
Abend für Abend, wochenlang, monatelang mit himmlischer Geduld
das Märchen von Hänsele und Gretele, bis das Kind mit
einem tiefen Seufzer der Befriedigung über die glückliche
Erlösung der Geschwister die müden Augen schloss. Auch
uns Grossen traten unwillkürlich die Thränen in die Augen, wenn
das Kind, schon halb im Schlafe mit möglichst tiefer Stimme die
Stichworte nachlallte: Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!
Und dieses herrliche deutsche Märchen vom Hänsel und Gretel,
deren Schicksal ein deutscher Musiker durch Töne so anheimelnd
illustrirt hat, hat an der dem praktischen Streben und Leben ge
widmeten Stätte, in der Berliner Gewerbe-Ausstellung, seine naiv
poetische Verkörperung gefunden. Wohl verkörperte sich das
Märchen hier zum Liede ohne Worte, aber ein Kinderherz kann
sich keine vollkommenere Verwirklichung der Mär von den beiden
Geschwistern wünschen, als die, welche es hier in der Hauptstrasse
des Vergnügungsparkes der Ausstellung plötzlich vor sich sieht.
Ja, tritt denn da nicht leibhaftig die böse Hexe, auf ihrem Stecken
gestützt, aus dem Gebüsch? Stehen da nicht Hänsele und Gretele
bangend und zitternd vor der Alten? Und dort, dort lockt auch das
knusprige Pfefferkuchenhaus mit all seiner leckeren, geniessbaren
Pracht! Seine Wände und sein Dach sind aus grossen braunen
Honigpfefferkuchen mit den schönen Mandeln darauf geformt; seine
Balken sind eitel weisse »Pflastersteine«, die mit den vielen
Buckeln, ihr wisst doch? Auf dem Dache und seinen Kanten
und Firsten reiten stolze Pfefferkuchenmänner mit Papierhelm und
Holzschwert. Ornamente aus grossen Stücken Chocolade, rothen
Herzpfefferkuchen, Bretzeln und sonstigen schmackhaften Dingen
bilden auf allen Seiten verführerische Verzierungen. Und wer Lust
hat, braucht die Lässigkeiten nicht nur schweren Herzens aus der
Ferne zu bewundern, er kann sie auch kosten. Die Augen der
Kinder erglänzen. Also kein Mäh rohen, sondern handgreifliche
Wirklichkeit! »Mama«, fragt die Kleine zagend, »der Wind, der
Wind, das himmlische Kind wird doch das Knusperhäuschen
morgen nicht forttragen?« »Nein, Schätzchen, bis zum October
sicher nicht. Und dann kommt gleich der Weihnachtsmann und
bringt dir sofort wieder ein anderes, wem» ch» ebenso brav und
folgsam bleibst, wie Hänsele und Gretele!»
b) In Berlin.
„Der Orient“ oder „Eine Mission nach dem
Osten“, dieses seit Monaten angekündigte grosse Schaustück
ging gestern im Olympia-Theater zum ersten Mal in Scene.
Berlin war in den letzten Jahren bezüglich der Ausstattungsstücke
auf den Cirkus angewiesen; das Olympia-Theater wird zwar den
Eigenschaften des letzteren nicht untreu, hat es jedoch verstanden,
eine effectvolle Vereinigung zwischen der Wasserpantomime des
Cirkus und der Feerie der Bühne herzustellen. Ein grosses
Wasserbassin, das Bühne und Zuschauerraum trennt, vereint
Theater und Cirkus. »Der Orient« ist von dem bekannten Lon
doner Bühnenleiter Bolossy Kiralfy verfasst, entworfen, in Scene ge
setzt und durch die Initiative und Energie der Herren Hermann
Freund-Haller und Leopold Saenger, die auch ihr Verdienst um
die Ausstellung haben wollten, für die Zeit der letzteren nach
Berlin importirt worden. Im Palast des Kaisers Manuel II in
Byzanz beginnt in vielversprechender, farbenprächtiger Weise die
Handlung, deren Mittelpunkt die nordwest-afrikanischen Abenteuer
zweier Engländer bilden, und in Alt-London, am Strand
der Themse, erreicht mit einer grossartigen Huldigung für
Englands König Heinrich V das Ganze seinen überraschend
glänzenden Abschluss. Kiralfy scheint ein im grossen Stil
arbeitender Theatermann zu sein und mit grossen Massenwirkungen
auf die Wirkung bei den grossen Massen zu speculiren.
»Der Orient« enthält grandiose Ballets, aber die eigentliche Tanz
kunst, selbst der Solotanz, haben in diesem Schaustück keinen
Platz; allein, was hier an Masseneffecten in Aufzügen, Balläbiles u. s. w.
geleistet und erreicht wird, ist nicht zu übertreffen. Was die Reize
des »Orient«, trotzdem ihm jede feinere Einzelheit fehlt, noch erhöht, das
ist die Uebereinstimmung der Quantität mit der Qualität, die Pracht der
Costüme, mftdenen diese Menschenmassen umkleidet sind. Den höchsten
Effect erzielte das Schlussbild, das auf der Bühne dasjubelnde und tanzende
Volk, auf dem Wasser vier festlich geschmückte und erleuchtete
Barken zeigen, deren Insassen sich mit der Freude des Volkes ver
einende Jubelgesänge anstimmen. Zu dem primitiven Charakter
des ausserordentlich geschickt angelegten Zuschauerraums steht all’
der Glanz, der sich vor ihm entfaltet, in seltsamem Contrast. Noch
war gestern auf der Bühne hin und wieder etwas von den orien
talischen Wirren zu spüren, aber trotzdem entsprach die äussere
Wirkung dieser prunkvollen Massenverbindung zwischen Bühne und
Cirkus den Dimensionen des Olympia-Theaters, sie war riesengross.
Die Operette »Waldmeister« übt im „Lessing-Theater“
fortgesetzt eine so starke Anziehungskraft aus, dass das Haus all
abendlich dicht besetzt ist. Johann Strauss schreibt an Frau
Julie Kopaczy-Karczag in verbindlichsten Worten »seinen Dank für
die liebevolle Bemühung, die Rolle der Pauline zu einer wahrhaften
Glanzleistung zu gestalten, die den Löwenantheil an dem errungenen.
Erfolge in sich schliesst.«
, Vergnügungen etc. in
am Mittwoch, de» LO. Mai.
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Täglich 3 Vorstellungen
Abends 7 1 /, Abi.
NaclimiUngs 3'/, Uhr.
10 dramatische Bilder aus der Geschichte der Eeichshauptstadt
von
C. Bleibtreu, Ernst Freiherr v. Wo!zogen, Konrad Alker«,
Ulrich Hartmann, Adalb. r. Haustein, A. C. Strahl, Axel
Helmar, Alexander Baron Roberts, Julius Keller und
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Die Decorationen aus den Ateliers von Müller & Schäfer, Georg
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Zeichnungen v. Bruno Köhler, ausgeführt v. Verch AFlothow. Hugo Baruch &Co.
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Variete-Theater ersten Ranges.
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Gegenüber dem Alt*Berlin 451, Juliusthurm.
Eine Reise in die Unterwelt
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Bas Märchenland.
-#• Die Glanznummer der Ausstellungs-Vergnügungen. *k
Abends feenhafte elektrische Beleuchtung. — Entröe 50 Pf.
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