Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 13
Den Aerzten treu zur Seite stehen die weiblichen und männ
lichen Krankenpfleger. Die ersteren setzen sich aus den Orden
der katholischen Schwestern, den Diakonissen-Vereinen und den
weltlichen Pflegerinnen, besonders denen des Kothen Kreuzes zu
sammen. Trotz der grossen Zahl von Kräften, über welche diese
Verbände verfügen, würde im Kriegsfall dennoch den gestellten
Anforderungen nicht genügt werden können. Aus diesem Grunde
werden seit einer Reihe von Jahren in kurzen Cursen »Helferinnen«
ausgebildet, welche in vieler Hinsicht eine wesentliche Entlastung
der erfahrenen Berufsschwestern bedeuten. Unter den männlichen
Pflegern ist die Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger im Kriege,
welche sich aus allen Ständen zusammensetzt, besonders erwähnenswerth.
Die erheblichen Mittel, welche eine solche Organisation erfordert,
werden zum grössten Theil durch die vom Kaiser genehmigte Rothe
Kreuz-Lotterie aufgebracht, welche dem Verband jährlich eine halbe
Million Mark einträgt. In neuester Zeit haben die Vereine »Zum
Rothen Kreuz« auch den Kampf gegen die Schwindsucht durch
Errichtung von Volksheilstätten in ihr Programm aufgenommen.
Nach alledem sehen wir, wie das Rothe Kreuz sich auch in
unserer Zeit des Friedens des in dem glorreichen Kriege Geleisteten
würdig erweist. 8—nn.
9
Die erste grosse Fest-DIuroination des Aus-
stellungsparkes findet, falls die Witterung es gestattet, nächsten
Freitag, 22. d. M., statt. An diesem Tage wird von 5 Uhr Nach
mittags ab ein Eintrittsgeld von einer Mark erhoben.
9
Das Theater Alt-Berlin bringt Sonnabend, 23. d. M.,
neben der »Büsserin« und dem »Ringelstechen« zum ersten Mal
das Drama »Gotzkowsky«. Bis dahin werden »Büsserin«,
»Ringelstechen« und Wolzogen’s »Die schwere Noth« aufgeführt.
9
In der Heiligengeistkirche zn Alt-Berlin wurden
soeben die schönen gemalten Glasfenster aus dem Dom zu Havel
berg eingesetzt, dieselben sind fast 400 Jahre alt und wurden
im Königlichen Glasmalerei-Institut renovirt und ergänzt.
9
In der Georgenstrasse zu Alt-Berlin lockt ein kranzförmiges
Schild mit der Umschrift »Wirthschaft zum Roland, Possenspieler,
Gaukler, Sänger und Sängerinnen« die Besucher zum Eintritt. Betritt
man dasalterthümliche, originell ausgestattete grosse Lokal, so findet man
überall veraltete Bezeichnungen auf Schildern und Tafeln. Statt
Damen heisst es »Weibsleut« statt Herren »Mannsleut«. Eine
schwarze Wandtafel belehrt die Besucher über eine Alt-Berliner
Einrichtung, betreffend den Spritzendienst. Man liest da:
»Die Spritzenspanne am hiesigen Orte haben zu leisten
vom Wonnemonat bis zum Weinmonat den 15. Karl Koch.
Der Schultheiss
von Berlin und Kölln am Wasser.
Am inneren Giebel der alte fromme Spruch über einer Thür:
»Dies Haus, es steht in Gottes Hand,
Zum Eulenspiegel ist’s benannt.*
An den Wänden sind Embleme von Kunst, Handel und Hand
werk gemalt, aber auch drastische und hübsche Karikaturen.
Die ganze Hinterwand nimmt eine Bühne ein, deren Vorhang
Alt-Berlin und Kölln am Wasser im Jahre 1250 darstellt.
Ist dieser Vorhang aufgezogen, so sitzen im Halbkreise zehn bis
zwölf junge und in der Mehrzahl hübsche Chansonnetten, gut sortirt,
für jeden Geschmack etwas Passendes. Jede singt ein kurzes
Liedchen, es ist eine Art Rundgesang, der sich zweimal wiederholt.
Der Zuschauerraum, in welchem ein Schwann altdeutsch costümirter
Kellnerinnen bedient, hat sich bald gefüllt. An Wochentagen
ist der Eintritt frei, an Sonntagen kostet das Programm zehn
Pfennige; zuweilen kommt da eine Gesellschaft, die einen
ganzen Tisch einnimmt, ohne ein Glas Bier zu gemessen, darob
natürlich grosse Missstimmung bei der Geschäftsleitung und
bei den Kellnerinnen, die sich schliesslich darin ergeben
müssen, aber richtig bemerken: »Na, da sitzen Sie man Ihre
10 Pfennige ab.« Mitunter bemächtigt sich aber das Publikum an
den Nebentischen der Angelegenheit und macht Bemerkungen, die
nicht so harmlos sind, dann ergreifen die nassauernden Gäste in den
meisten Fällen die Flucht. Bierfeste Leute, die einen Stiefel ver
tragen, werden von der Bedienung mit ausgesuchter Zuvorkommen
heit behandelt, ganz dem Alt-Berliner Brauch entsprechend. Viele
Leute finden keinen Platz, namentlich dann, wenn die Specialitäten
Lern Rabe, Humorist Wilhelmy, die russische Sängerin Annuschka
Krojanka, die lustigen Chinesen Tomm und Tang, Mila Roselii
und Miss Flo Gloves (Tänzerin und Sängerin) auftreten. Im
Publikum befinden sich Officiere in Civil und höhere Beamte,
die sich in Alt-Berlin so etwas eher ansehen, wie in der Stadt,
die Wirthe der Alt-Berliner Kneipen kommen auch mitunter in
grösserer Zahl. Den Wirth aus dem Bauernmuseum kann man
hier als feinen, höflichen Mann im Publikum bemerken, statt des
weichen Wallenstein-Hutes deckt ein blanker Cylinder sein Haupt;
im Bauernmuseum einen solchen zu tragen, dürfte zuweilen un
erwartete Folgen haben. Künstlerschaft und Publikum unter
hielt sich während der Pausen vielfach pantomimisch, ein
Kreuzfeuer bedeutungsvoller Blicke wird eröffnet, zuweilen kommt,
man weiss nicht wie, auch nicht woher, eine Lage Bier auf di«
Bühne oder eine Runde Kaffee. Dann geht es wieder los:
Menschen, Menschen *ind wir Alle,
Fehler hat ein Jedermann etc.
oder
Am Wasser, am Wasser, da bin ich cu Hau».
Aeltere Herren bevorzugen die Plätze dicht vor der Bühne.
»Ja, ja«, klagen sie laut, damit es die Umgebung hören soll, »die
Kurzsichtigkeit, die Augen sind nicht mehr so scharf wie
früher!« Jüngere Damen nicken verständnissinnig lächelnd dazu,
ältere entrüsten sich. Die Schlager der Sängerinnen, die mit Blicken,
Armen etc. kokettiren, werden mit lautem Beifall belohnt. Sehr
empfänglich ist das Publikum für Couplets militairischen oder patrio
tischen Inhalts. Der Dampf der Cigarren und Cigaretten steigt in
langgezogenen Wolken zur Decke, die Stimmung wird nach und
nach animirt. Im Publikum wird manchmal der Versuch gemacht,
ein Liedchen anzustimmen, der dadurch vereitelt wird, dass es von
der Bühne her wieder erklingt:
»Denn mein Liebchen hat ein Grübchen —«
oder:
»Schwarzäugig und schwarzlockig —«.
Die Berolina am Alexanderplatz, Hammerstein und Friedmann,
Kanzler Leist scheinen augenblicklich die populairsten Persönlich
keiten auch in Alt-Berlin zu sein, sie werden überall besungen. —
Der Wirth aus dem Bauernmuseum zieht eine Taschenuhr vom
Umfange eines massigen Suppentellers heraus und constatirt,
dass die Specialitäten nunmehr schon längst an der Reihe
sein müssten. Selbst die ernsten Vertreter der heiligen
Hermandad, die in ihren hoffnungsgrünen Monturen heute
an der Seite ihrer lieben Gattin sitzen, unterhalten sich gut und
lachen zuweilen mit, um aber sofort wieder dienstlich auszusehen.
Interessant ist es auch, das Mienenspiel mancher zuschauenden
Dame zu beobachten, die vom Unwillen und tiefster Entrüstung
nach und nach zum hellen, fröhlichen Lachen sich aufschwingt.
Es ist eine jederzeit fröhliche Stätte, der Mensch lacht doch so
gern, auch wenn’s ihm schlecht geht, im Roland aber ist die Losung:
Morgen wieder luschtik!
9
Der Fesselballon steht nun gefüllt da: ein prächtiger
Kerl mit einem strammen Bäuchlein; selbst bei starker Brise kommen
keine Wellenbewegungen mehr auf seinem Birnenwanste vor. Heute
(Mittwoch) wird der Ballon in die Mitte des Aufstiegplatzes über
geführt und die Gondel an ihm befestigt werden. Am Donnerstag
zwischen 12 und 2 Uhr wird derselbe sich einem geladenen
Publikum vorstellen. Der Besitzer Herr Zekeli lässt heute an
400 Einladungen an die Hofgesellschaft, die militairischen und
bürgerlichen Behörden, die wissenschaftlichen Institute und so fort
ergehen. Der Fesselballon wird voraussichtlich auch zu meteorologischen
und ähnlichen Beobachtungen benutzt werden. Wenn also nicht
noch in letzter Stunde ein Aufschub eintritt, dann am Donnerstag
endlich: glückliche Fahrt!
9
Das Knusperhäuschen. Wie schwebst du mir doch
so unvergesslich vor, du herziges Kindergesicht mit deinen veilchen
blauen Guckern, die bald angstvoll aufgerissen, bald in Thränen
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