Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

12 Officielle Äusstellungs-Nachrichten.
und Gold geprägt. Eine zweite Cassette in weissem Moiree,
mit dem Andreaskreuz in blauer Seide gestickt, hat in der
Mitte des Deckels die aus massivem Silber getriebene russische
Krone. Diese Cassette ist für die Kaiserin von Russland bestimmt,
Couverts und Briefbogen enthalten russiche Buchstaben, Monogramm
und Krone der Kaiserin. Eine dritte Cassette in rothem Moiree,
mit dem aufgestickten Staatswappen von Japan für die Kaiserin
von Japan enthält zart farbige, japanische Papiere mit Perlmutter-
Prägungen und dem japanischen Wappen. Eine weitere Cassette
ist mit dem Wappen der Bourbonen und dem Wappen der Königin
von Spanien geziert, ferner giebt es eine solche aus rothem Seidenbrocat
mit Gold durchwirkt, enthaltend rothe und grüne Papiere für den
Khedive. Schliesslich finden wir noch eine Anzahl Cassetten mit
japanischer Malerei versehen. Die Bogen und Couverts sind in
höchst origineller Weise mit Fischen, Muscheln und Korallen in
echt Perlmutter und Gold geprägt. Fachleute bezeichnen diese
Ausstellung als ganz hervorragend, weil sie beweist, dass Deutsch
land auf einem Gebiete, welches England bis in die Neuzeit
beherrschte, gegenwärtig eine führende Stellung einnimmt.
V
Die Diamantenschleiferei in der Ausstellung.
So manche schöne Ausstellungsbesucherin wird mit einem Blick
der Verwunderung und Neugier, mit einem Gefühl des heissen
Wünschens das Häuschen betrachten, das knapp vor der grossen
zum Ausstelluugs-Balmhof führenden Brücke durch seine schmucke Bau
art den Besuchern auffällt. Hier werden jene wunderbaren Steine
geschliffen, deren köstliches Farbenspiel von den Dichtern aller
Zeiten besungen wurde. Der Hauptsitz der modernen Diamant
schleiferei ist freilich Amsterdam. Da befinden sich die Schleifereien von
Boas, de Vries und Anderen, die weit über 2- bis 300 Leute beschäf
tigen. Der rohe Diamant, der sich als ganz unscheinbarer Stein von
schmutzig grauer Farbe präsentirt, kommt erst in die Hände des Klover
der mit kundigem Blick den grossen Stein je nach den Rissen
und Brüchen in mehrere kleine zerlegt. Er setzt ein starkes
Messer in die weichen Adern und Brüche des Minerals und zer
schlägt es, bis die einzelnen Stücke keinen Bruch, keine Ader
mehr aufweisen. Dann wird der Steinschneider mit der weiteren
Behandlung betraut. Er löst mit Diamanten als Werkzeug die
Rinde und zerschneidet die grösseren Stücke zu kleineren, wie sie
zum Schliff kommen sollen. Diese werden mit einer aus Zinn
und Blei bestehenden Masse umgeben, so dass aus der Zinnkugel
nur die Spitze des Steines heraustritt, an welcher mit dem Schliff
begonnen werden soll. Diese Kugel wird in eine Zange gelegt,
welche auf die in der Minute ca. 2400 mal rotirende stählerne
Schleifscheibe aufgesetzt wird, wo Diamantenstaub mit Oel all
mählich die Schleifarbeit vollendet. Sache des Schleifers ist es,
die Zange im richtigen Augenblick von der Schleifscheibe abzu
heben, wenn die eine von den vielen kleinen Flächen
der Form des Steins ihm sauber und scharf gekantet
entgegen glänzt. Da giebt es kein bestimmtes Maass, da
entscheidet nur das geübte Auge, ob eine Fläche so gestaltet, so
gross ist wie die andere. Aber der geschickte Schleifer erkennt
mit nie schwankender Sicherheit, ob das eine .Rhomboeder genau so
ist wie das andere, und selbst der Mathematiker wird kaum im
Stande sein, eine Abweichung in Maass und Form nachzuweisen.
Ist die eine Fläche geschliffen, so muss der Stein gedreht werden.
Die Zinnkugel wird unter der Stichflamme bald geschmeidig,
und nun erfasst der Schleifer mit seinen gegen Hitze ausser
ordentlich abgehärteten Fingern den Stein und giebt ihm die
richtige Lage, worauf das Schleifen seinen Fortgang nimmt. Ein
geschickter Schleifer verdient 40—60 Gulden in der Woche. Kurz
nach dem Kriege von 1870/71, als die Diamantenhändler be
sonders nach Deutschland sehr gute Geschäfte machten, wurden
auch Wochenlöhne bis zu 100 Gulden bezahlt.
Die Diamantenschleiferei von M. Alex Wolff hat, wie anfangs
erwähnt, in einem Pavillon auf der Ausstellung einen kleinen Betrieb
mit elektrischen Motoren eingerichtet, der dem Laien einen
interessanten Einblick in diesen eigenartigen Industriezweig
gewährt. Ein ganz anderes Bild bietet freilich eine grosse Amster
damer Schleiferei mit ihren geräumigen Sälen, in denen die Schleif
scheiben unablässig rauschen, die Maschinen pfeifen und schnauben;
und durch all den Lärm tönt ein munteres Lied, das die Arbeiter
— mitunter recht kunstvoll zwei- bis vierstimmig — singen. Der
holländische Schleifer ist ein freiheitliebender, gebildeter Arbeiter,
der auch bei der regsten Thätigkeit seinen Frohsinn im Liede be
kundet, ohne von dem Fabrikherrn oder seinen Beamten darin ge
stört zu werden.
V
Die Unfall - Station behandelte 5 leichtere Fälle, die
Sanitätswache 11 solche. Einem Arbeiter war am Neuen See
eine Bogenlampe auf den Kopf gefallen, sie ging in Scherben und
brachte dem Arbeiter einige Hautwunden bei.
a) In der Ausstellung.
Vorträge in der Ausstellung.
Das rothe Kreuz und die öffentliche
Gesundheitspflege.
[Abdruck untersagt.]
In das Getriebe eines durch das ganze Vaterland verzweigten,
dem edlen Zwecke der Nächstenliebe gewidmeten Verbandes gewannen
die Besucher des Montags-Vortrages in der Ausstellung einen
interessanten Einblick. Herr Medicinalrath Dr. M enger
hatte sich die Aufgabe gestellt, seinen Zuhörern von dem segens
reichen Walten des Rothen Kreuzes, sowie von den mannich-
fachen Fäden, welche diese Organisation mit der öffentlichen
Gesundheitspflege verknüpfen, eine gewisse Anschauung za geben.
Im August des Jahres 1864 wurde der Grundstein zum
Rothen Kreuze durch die Gründung der Genfer Convention gelegt,
die, heute Gemeingut aller civilisirten Völker, auf dem Satze fasst,
dass der verwundete Feind kein Feind mehr ist. Schon im glor
reichen Kriege 1870/71 bewährte sich das Rothe Kreuz in weissem
Felde unter der obersten Leitung des Fürsten Pless aufs glänzendste.
Vor einigen Tagen erst wurde in jener erhebenden Gedenkfeier
im Weissen Saale des Königlichen Schlosses von berufenster Seite
desselben mit hohem Lobe gedacht. Die Feier ist vollendet, das
Fest ist verrauscht und um so berechtigter erscheint jetzt die Frage:
Wie steht es heute mit dem Rothen Kreuz?
An der Spitze steht gegenwärtig Fürst zu Wied. Gewaltig
ist die Ausdehnung des Verbandes, sowohl im engeren Sinne,
als auch was die Sphäre der Vereinigungen betrifft, welche sich
ihm anschliessend die Verpflichtung eingegangen sind, zu der Pflege
der verwundeten und erkrankten Kämpfer im Fall eines Krieges
beizutragen: der Johanniter-, Krieger-, Samaritervereine etc.
In früheren Zeiten schaffte man durch Zerzupfen von Leine
wand Charpie das Verbandsmaterial für die Wunden; heute sind für
die Kriegs - Krankenpflege die Errungenschaften der modernen
Wissenschaft maassgebend: Antiseptik und Aseptik, frisch gewaschene
leinene Operationsmäntel, Sterilisirungs - Apparate für Instrumente
und was sonst noch zu den Erfordernissen der heutigen Wund
behandlung gehört, — das Rothe Kreuz hat sie sich zu eigen ge
macht. Auch die gesammte Anlage der Kranken- und Ritter-
Häuser des Rothen Kreuzes nimmt heutzutage die Vorschriften der
öffentlichen Gesundheitspflege zur Richtschnur.
Im Laufe der letzten 25 Jahre sind nicht weniger als 57
Krankenhäuser Deutschlands theils durch einmalige, theils durch
regelmässige jährliche Beiträge unterstützt worden, in vielen Orten
hat das Rothe Kreuz Lazarethe errichtet. Alle diese Hospitäler
sind im Bedarfsfälle verpflichtet, eine bestimmte Anzahl von Lager
stätten, sowie dos nöthige Personal an Aerzten, Pflegerinnen, Dienst
boten etc. zu stellen.
Das Aerztepersonal, welches sich im Falle eines Krieges dem
Rothen Kreuz sofort zur Verfügung stellt, besteht aus Civil- und
Militärärzten. Dieselben stehen voll und ganz auf dem Boden der wissen
schaftlichen Anschauungen der öffentlichen Gesundheitspflege und suchen
auch in Friedenszeiten durch Bekämpfung allen Kurpfuscher- und
Quacksalberthums, die am Besten durch Herausgabe belehrender volks
tümlicher Schriften nach Art des »Gesundheitsbüchlein« geschieht,
dieser zu nutzen.
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