Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

2
OffirieUe Ansstellnirgs -Uachrichten.
Frauen, die überhaupt in bedeutend geringerer Anzahl arbeiten,
machen die geborenen Berlinerinnen nur ein Fünftel bis ein
sechstel aus.
Außerordentlich interessant für einen Beobachter der wirth-
schaftlichen Verhältnisse ist es, zu sehen, wie sich für die ein
zelnen Berufe und socialen Stellungen die Betheiligung beider
Gruppen stellt. Und da ergiebt sich die für das stattlich ent
wickelte Selbstbewußtsein der Berliner erschreckende Thatsache,
daß die „Fremden" in Berlin im Allgemeinen besser fort-
kommen als die geborenen Berliner. In den Berliner Gewerben
sind unter je 100 Abhängigen (gelernten Arbeitern) 28 ge
borene Berliner, dagegen unter je 100 Arbeitgebern nur
2.3 und unter 100 Selbstständigen ohne Arbeiter gar nur 20.
Den Zuwandernden ist es also oerhültnißmüßig weit öfter
beschieden, selbstständig und Arbeitgeber zu werden als den
geborenen Berlinern, die sich häufiger mit der Stellung des
Arbeiters begnügen müssen. Diese auf den ersten Blick über
raschende Erscheinung erklärt sich aber ganz einfach. Einmal
kennen die Berliner Väter die Aussichten der einzelnen Berufe in
Berlin besser und lassen ihre Jungen lieber auf die gut bezahlten
Arbeiterstcllcn in der Großindustrie losgehen, als daß sie sie in
ein Handwerk bringen, das immer mehr zurückgeht. Hingegen
sind von den Zuwandemden ein weit größerer Theil in der
Heimath noch rein handwerksmäßig vorgebildet und so gezwungen,
sich als Flickmeister oder kleine Arbeitgeber, die manchmal lieber
mit dem Gesellen tauschen möchten, durchzuschlagen. Dazu kommt
dann, daß ans dem Lande gerade eine Answal,l der Tüchtigsten
nach Berlin zusammenströmt und daß deshalb wirklich ein
größerer Theil von ihnen besser vorwärts kommt. Doch inag sich
der Ausstcllungsbesucher ja nicht etwa beikommen lassen, sich
diesen vorwärts gekommenen Landsleuten in Berlin gegenüber
abfällig über die Berliner auszusprechen; denn es ist eine alte
Erfahmng, daß die Zugewanderten, die in Berlin ansässig wurden,
sich ganz als Berliner fühlen und im Berliner Selbstgefühl sogar
dem geborenen Berliner noch weit mehr voran sind als in ihren
äußeren Erfolgen.
Die geborenen Berliner sind am allerstürkslen in den tech
nisch vervollkommneten Gewerben mit hohen Verdiensten und
Löhnen vertreten, in den künstlerischen Betrieben für gewerbliche
Zwecke mit drei Fünfteln aller Beschäftigten, demnächst in den
Druckereien mit der größeren Hälfte, im Maschinenbau mit etwa
zwei Fünfteln. Ihren Ursprung als Fischerdorf halten die Berliner
noch heute hoch; von allen Unternehmern für Fischerei sind fast
zwei Drittel geborene Berliner. An der zu Grunde gehenden
Textilindustrie in Berlin, der Weberei, die mit der billigeren
schlesischen und sächsischen Arbeit nicht mehr mitkommen kann,
sind die geborenen Berliner um deswillen so stark (mit zwei
Fünfteln) betheiligt, weil der unglücklichen Weberei der Zuzug
von außen jetzt fast ganz fehlt. Unter den Handeltreibenden
sind über ein Viertel Berliner. Sehr wenig, mit nur einem Sechstel,
sind die geborenen Berliner an der Industrie der Nahrungs- und
Genußmittel, der Bekleidung und Reinigung und am Baugewerbe
betheiligt. Unter den Hausirern sind nur ein Sechzehntel, unter
den männlichen Dienstboten nur ein Siebentel, unter den weib
lichen gar nur ein Vierzehntel geborene Berliner. Der großstädtische
Sinn sträubt sich gegen diese Beschäftigungen. Dagegen sind von
den weiblichen Arbeitern in den hauptsächlichsten Gewerbezweigen
verhältnißmäßig sehr viel, oft über die Hälfte in Berlin geboren.
Nun aber kommt die für die geborenen Berliner überraschendste
Rubrik. In den Bcamtenstellen und freien Be rufen in Berlin
sind sic nur sehr spärlich vertreten. Zwar daß unter je 100
Soldaten vier bis fünf in Berl'n geboren sind, ist noch gar kein
schlechtes Verhältniß, wenn man bedenkt, daß die Garde sich gleich
mäßig aus dem ganzen Lande rekrutirt. Aber von de» Staats-,
Verwaltungs- und Eisenbahnbeamten in Berlin ist noch nicht ein
Achtel, von den Aerzten, Geistlichen und Hofbeamten weniger als
ein Sechstel, von den Lehrern und Postbeamten weniger als
ein Fünftel in Berlin geboren. Ja, von den Gemeindebeamten
der Stadt — ich fürchte, wenn das die Berliner merken, da setzt
es Beschwerden an den Magistrat — sind nur ein Fünftel
bis ein Sechstel in Berlin geboren. Dagegen mag es den |
geborenen Berlinern zum Troste gesagt sein, daß sie unter den
Künstlern und Literaten ihrer Stadt mehr, als der Durchschnitt
beträgt, vertreten sind, unter den Literaten mit über drei und
unter den Künstlern gar mit über vier Zehnteln. Wer die Nei
gungen und Anlagen der Berliner kennt, wird sich darüber
nicht wundern. Und endlich retten hier noch die Damen die Ehre
Berlins. Denn von den als Beamte oder in freien Berufen
thätigen Frauen sind fast drei Zehntel, also weit über den
Durchschnitt, Berliner Kinder.
Von den Zugezogenen ist etwas weniger als der dritte
Theil schon seit über 15 Jahren in Berlin. Fast die Hälfte
ist erst in den letzten fünf Jahren, der kleinere Rest in der
Zwischenzeit zugezogen.
Ueber die Heimath der Erwerbsthütigen sind keine directen
Erhebungen angestellt worden. Indessen erlaubt die reiche Aus
gestaltung der Berliner Statistik doch manchen Rückschluß. Von
den Gewerbe- und Handeltreibenden in Berlin haben Tausende
eine andere als die deutsche Muttersprache. Besonders im
Handelsgewerbe sind fast alle Sprachen der Erde in Berlin ver
treten, die englische, französische, italienische, czechische, russische
und finische bei fast oder über hundert Handeltreibenden, die
polnische gar noch weit öfter. Die Dänen und Schweden finden
sich namentlich in der Holzverarbeitung und im Baugewerbe häufig,
die Franzosen in der Bekleidungsindustrie und in der Gastwirth
schaft, die Italiener im Kunstgewerbe, die Wenden unter den
Dienstboten (Spreewälder Ammen), die Polen in der Bekleidungs
industrie u. s. w. Die Statistik bestätigt also in Berlin, was der
Augenschein und die öffentliche Meinung über die Betheiligung
der Fremden am gewerblichen Leben Deutschlands schon immer
anzunehmen pflegten. Sehen wir uns unter den nicht gewerb
lichen Berufen um, so finden wir die englische und französische
Muttersprache besonders häufig bei den Lehrerinnen, die dänische,
russische, finische re. bei den Aerzten, die sich meist noch studien
halber in Berlin aufhalten, die polnische und französische beim
Militair. Die hohe Diplomatte bildet natürlich eine Muster-
karre aller Sprachen wie auch aller Glaubensbekenntnisse.
Geburtsland und Heimathprovinz sind nur für die
ganze Bevölkerung festgestellt worden, wir können aber getrost
annehmen, daß der Zuzug der Gewerbetreibenden sich im Ganzen
ähnlich gestaltet wie der ihrer Angehörigen. Wenn wir also
hören, daß die Provinz Brandenburg ungefähr dreimal hundert
tausend Mensche» zur Berliner Einwohnerschaft gestellt hat, so
können wir annehmen, daß etwas über zwei Drittel davon Er-
werbsthätige sind u. s. w., in dem gleichen Verhältniß auch aus den
anderen Landestheilen. Demnächst stellen die Provinzen Pommern
und Schlesien die größten Heerhausen zur Berliner Industrie, nämlich
je über 100 000 Einwohner. Posen, Ostpreußen, Provinz Sachsen
folgen mit je ungefähr 76000 Mann, Westpxeußen mit 60 000.
Der ganze Westen Preußens bringt geringere Menschenmassen
herzu, im Ganzen etwa 40- bis 50 000. Das übrige Deutsch
land stellt 40 000 Menschen zur Bevölkerung der Reichshaupt
stadt, am meisten die mecklenburgischen Lande. Vom Ausland
bringt der Bruderstaat Oesterreich den größten Zuzug, nahezu
8000 Seelen, mit Ungarn und Galizien sogar 11 000. Ihm
folgt Rußland mit 5- bis 6000. Alle übrigen europäischen
Länder bleiben hinter den Vereinigten Staaten von Amerika mit
ihren 1700 Einwanderern zurück. Sonst bringen nur noch die
Schweiz und England über 1000 Landeskinder in Berlin zu
sammen, Italien nur 600. Am „weitesten her" sind 50 Leute aus
Australien, 250 sind aus Asien und 125 aus Afrika. Zwei
Damen sind auf dem Ocean geboren. Bon den im Ausland
Geborenen haben 18 000 die deutsche Staatsangehörigkeit nicht
erworben. So viel Ausländer beherbergt also das gastliche
Berlin beständig.
Berlin hat nie den Anspruch crhobc», seine Industrie ganz
aus eigener Kraft entwickelt zu haben. Schon in früheren Jahr
Hunderten haben seine Fürsten aus fernen Landschaften Deutsch
lands, aus Frankreich, Holland und Italien geschickte Hand
werker, Künstler und Fabrikanten herbeigezogen. Jetzt strömt
schon seit Menschenaltern die beste Kraft des Landes und Reiches
in der- Reichshauptstadt zusammen, das Ausland führt ununter
brochen neue Anregungen zu. Alb diese Kenntnisse und Arbeits-
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