Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

12 Gfficielle Ausstellungs-Nachrichten.
Grabeslcarnmern, die seit Jahrtausenden keines Menschen Fass mehr
betreten hatte. Seitdem giebt es eine neue Wissenschaft, die
Egyptologie, eine neue Schule, die uns Aufklärung gegeben hat über
die ersten Geistesregungen eines Menschenvolkes, über sein Staatswesen,
seinen Götterglauben und seine wirthschaftliche Leistungsfähigkeit,
von der uns eben diese riesigen — diese pyramidalen Bauwerke
denkwürdige Begriffe geben.
Egypten ist uns das Land der Pyramiden. Das sind seine
Wahrzeichen, von denen schon der Erzvater Abraham staunend
berichtet. Und wer in Kairo war, muss zum wenigsten die Pyramide
des Cheops auf der Todtenstätte des alten Memphis gesehen haben.
Darum durfte ein Abbild derselben auch in der Nachbarschaft
unseres künstlichen Kairo nicht fehlen. Durch die hochragende
Spitzwand erst wird die Silhouette des Panoramas charakteristisch
vervollständigt. Was Hunderttausende vereinter Menscheukräfte in
Jahrzehnten mühsehliger Arbeit aufthürmten, konnte hier natürlich
nur in malerischer Scheiuperspective nachgeahmt werden. So ist
die Pyramide, welche nach Treptow hinüberschaut, nur eine ge
schickt cachirte Coulissenwand geworden. Man kann sie weder be
steigen, noch in ihr Inneres eindringen. Auch möchte ich Niemandem
rathen, ihr von der Rückseite beizukommen. Man erhalte sich lieber
die glückliche Illusion, welche durch den unmerklichen Uebergang
des plastischen Vordergrundes zur gemalten Fläche erzeugt wird, und
fühle sich unter dem Bann dieses kolossiven Culturdenkmals, das ein
Stück Ewigkeit für unser irdisches Lebensmaass bedeutet.
Lange hat es gedauert, bis man sich über die eigentliche Be
deutung dieser merkwürdigen Riesenbauten aus Kalkstein und Nil-
schlamm klar wurde. Nichts liess sich entdecken, was den Zweck
verrieth, für den ihre Erbauer sie bestimmt hatten. So standen sie ge-
heimnissvoll an der Schwelle der Geschichte, bewacht von ungeheuren
rätkselhaft starrenden Sphinxen. Wohl hatte man eine winzige Thür
gefunden, durch die man vordringen konnte. Aber man stiess auf
leere Kammern und verlief sich in blinden Gängen. Schliesslich
entdeckte ein englischer Forscher Leslie Petrie eine schlau ver
steckte Fallthür, die nach oben in eine neue Kammer mündete, von
der es weiter durch Fallthüren zu Irrgängen und wieder neuen
Kammern leitete, bis endlich in der letzten ein Sarkophag sich fand,
in dem die Mumie des königlichen Erbauers lag, dessen Grabes
ruhe nun trotz sorglicher und listiger Verwahrung dennoch gestört
wurde. — Jetzt weiss man, dass die Pyramiden, wie alle aus
ältester Zeit stammenden Bauten, Grabmäler sind.
Die Pyramide des Cheops oder Chufu war mit ihren 137 Metern
bis vor Kurzem das höchste Bauwerk überhaupt und gehört noch
zu den höchsten, die existiren. Durch die mächtige Masse wirken
die altegyptischen Kunstbauten. Wir staunen vor den gewaltigen
monolithischen Sandstein-Blöcken, aus denen die Memnonskolosse
gehauen sind, und vor den Granitquadern, die zu Obelisken ge
schichtet wurden. Auch die Architektur der Tempelbauten trägt
diesen Charakter der massiven Gewaltigkeit, der durch die geringe
Zahl und die gezwängte Kleinheit der Eingangsöffhungen noch den
Stempel ernster und mystischer Verschlossenheit erhält, welche das
helle Material und die farbige Bemalung nur wenig auflichtet.
Vom altegyptischen Tempelstil wird uns hier in zwei charakteristisch
gewählten Proben eine augenfällige Anschauung gegeben. Da aus begreif
lichen Gründen auch von diesen Bauten eine Nachbildung im natürlichen
Maasstabe nicht ausgeführt werden konnte, so ist doch trotz der Reduction
auf die Hälfte des Originalmaasses noch eine respectable Monu
mentalität erzielt worden. Und was das übrige anlangt, die
Proportionen der Einzeltheile, so geschah durch die willkürliche
Verkleinerung der entsprechenden Wirkung nicht der ge
ringste Abbruch. Die plastischen Zierformen sind bis in’s Detail
auf das Sorgfältigste in dem verjüngten Maassstabe durchgebildet,
und die Malerei der Säulen und Wände ist mit allen Zufäl ig-
keiten der Verwitterung und Verwüstung in echten Nuancen wieder
gegeben, so dass wir ein getreues Bild von den antiken Baulich
keiten in ihrem jetzigen Zustande erhalten.
Aber die Widerstandsfähigkeit des Urmaterials, welches die
alten Egypter zu ihren Bauten verwandten, hat ihre Schöpfungen
so frisch erhalten, dass wir eine lebendige, stimmungsvolle Auf
fassung der künstlerischen Gedanken übernehmen, welche die
Erbauer hineingelegt haben. Im Conserviren waren diese alten
Egypter unübertroffen. Ihre Mumien haben sich wunderbar er
halten, und die FarbCn ihrer Wandmalereien leuchten in unver
gänglicher Frische. Die Kraft ihrer Balsame und Pigmente ist
uns noch dunkles Geheim niss
Die beiden Tempelbauten, die uns hier zugänglich gemacht,
worden sind, bedeuten zwei Kunstepochen, zwischen denen über
ein Jahrtausend liegt, Entwicklung, Verfall und Wiedergeburt, so
beständig und gleichmässig auch die altegyptischen Kunstformeln
uns lauten mögen. Weder der kleinere Tempel vom Sethosbrunnen,
noch der grosse Horustempel von Edfu entstammt mehr dem alten
blühenden Reiche, der erstere wurde vom König Setlios L, dessen
Regierungszeit zwischen die der ersten beiden Ramses fällt, an
einer Wüstenstrasse nach Palästina neben einer glücklich erbauten
Lüsterne errichtet. Er ist ein Gelegenheitstempel, der sich mit dem
grossen officiellen Culturstätten, wie der Horustempel eine darstellt,
nicht in Vergleich setzen lässt. Dieser ist in seiner weitläufigen
Anlage und traditionellen Anordnung des Grundrisses ein Tempelbau
von allgemein typischer Charakteristik. Wenn er auch einer späten
Zeit entstammt (222 vor Chr.), als sich an bildnerischen Einzel
heiten schon, an den Säulenkapitalen zum Beispiel, griechische Ein
flüsse feststellen lassen, so ist die grosse Baumasse nach den
strengen festgehaltenen Grundsätzen der egyptischen Antike ge
gliedert. Da sind die beiden Pylonen, pyramidal ansteigende glatte
Thurm - Wände, die nach oben mit dem conventioneilen Hohl-
Kehlengesims abschliessen. Da ist, zwischen diese eingezwängt,
das Eingangsthor mit der überall wiederkehrenden geflügelten
Sonnenscheibe darüber, die dem Bösen den Eintritt ver
wehren soll. Da sind zu beiden Seiten des Einganges die
hohen Flaggenmasten errichtet. Das ist das constant Typische.
Das Innere freilich zeigt bei den verschiedenen Tempeln
eine willkürliche Vermehrbarkeit von aneinauderstossenden Säulen-
höfen. Die alte einfache Form, die auch den wesentlichen
Charakter bestimmt, kennt nur die zweitheilige Anlage, den
Peristyl, einen von Säulenreihen flankirten offenen Hof, den man un
mittelbar durch den Eingang betritt, und den Hypostyl, einen
daranstossenden Säulensaal, in dem die Hauptandachten abgehalten
wurden. Dahinter lagen dann die dunklen Kammern des Aller
heiligsten, wo das Götterbild aufbewahrt wurde, zugänglich nur den
Priestern und Königen. Der Horustempel zwar ist gerade eine
der grössten Anlagen; unsere künstliche Wiedergabe aber hat sich
nur auf den Peristyl beschränkt. Das giebt aber den Begriff vom
Hauptsächlichen und vom eigentlich Reizvollen, der Säulenbildung.
Anders wie bei der klassischen Antike bemerken wir hier eine
freie Mannichfaltigkeit des Kapital schmuckes, die nur in der
Symmetrie der gegenüberstehenden Säulen eine Ordnung kennt.
Sonst findet man alle vorkommenden Entwicklungsmotive bei
sammen, alle Variationen der Kelch- und Palmenkapitäle, die in
ihrer Entfaltung hier fast schon dem Akanthos-Motiv des korinthischen
Musters ähneln. Der reine Grundgedanke der egyptischen Säule
ist das oben zusammengeschnürte Lotos- oder Papyrusstammbündel als
Schaft, über dem dann die straffgerippte Lotosknospe das fein er
fundene Kapital bildet. Diese ideale Form zeigt uns noch der
Porticus am Sethosbrunnen. An diesem prächtig erhaltenen Bau
sehen wir klar den structiven Grundzug ältester Architektur.
Auch von den bildenden Künsten des alten Egyptervolkes
fehlt es uns hier nicht an lehrreichen Beispielen. Sie konnten
nicht wohl fehlen, weil die Plastik ebenso wie die Malerei stets
im Dienste der Baukunst verwendet wurden, nie aber selbstständig
auftraten. Auch die ungeheuren Kolossalbildnisse, die Standbilder
der Könige, die oft mit dem Sphinxleibe sich darstellen liessen,
sind immer in ihrer Einordnung Glieder einer architektonischen
Anlage. Wiederum besteht zwischen Form und Farbe eine innige
Beziehung, indem alle Standbilder bemalt wurden und die Wand
malereien sämmtlich Reliefs sind. Zu freien Künsten haben sich
die Biidnerei und Malerei nie entwickeln können. Daran hinderten
sie auch bestimmte Regeln und Gesetze, die all die Jahrtausende
hindurch mit Zähigkeit und Strenge eingehalten wurden.
Es gab nicht mehr als sieben Farben, die nach einem festen
Schema für die einzelnen Objecte verwendet werden mussten. Die
Figuren des gewöhnlichen Volkes der Eingeborenen wurden roth
braun, der Perser etc. gelb, die der Könige aber fleischfarben an
gestrichen. Und in der Zeichnung war die Grösse der Figuren
nach dem Range der dargestellten Personen bestimmt: ein König
musste immer noch einmal so gross sein, wie alle Anderen. Trotz
all der naiven Betrachtungsweise haben diese alten Künstler in
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