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Volume Nr. 32, 19. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

10 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
(schon weiter. Nur 28 Personen sind wir in unserm Coupe, aber 
gemüthlich ist’s doch. Ich von meinem Standpunkt am Fenster 
kann alle Leidensgefährten betrachten. Vorerst ist alles still, aber 
bald beginnt das Leben. Ein biederer Landbewohner hat in unserm 
Wagen Platz gefunden, mit offenem Munde lauscht er den schönen 
Reden der Eingeweihten, welche nicht genug des Lobes über die 
Ausstellung sagen können. 
Unsere beiden Familien haben sich vollständig eingefunden. 
Eng ist’s freilich, aber es geht. Auf jeder neuen Station werden 
neue Ankömmlinge mit den schönen Worten begrüsst: »Man immer 
rin in’n deutschen Bund, nur müsst Ihr sehen, wo Ihr Platz findet « 
Auch Willem, der Neuling, unterhält sich mit seinem schon 
»vielgereisten« Freunde August, der schon mehrere Male draussen 
in Treptow war. 
»Nu sage mir bloss, Aujusf, wohin jeht man denn, wenn man 
uf de Ausstellung kommt?« 
»Nu, Junge, det wer’ ick Dir sagen. Ville is noch nick zu 
sehn. Du jehst vor allen Dingen in Alt- Berlin oder in de Marine- 
Schauspiele oder nach Kairo, kannst ooeh mal in’n Vergnügungs- 
Park rüber dammein, aber denn hast De ooeh allens jesehn, mehr 
is nich fertig.« 
»I, wat Du sagst, mehr is nich fertig! Ick meene, det Haupt- 
jebäude sei det Hauptsächlichste « 
»Na, wat Du Dir inbildest, Hauptjebäude. Wat duh ick 
liiit’n Hauptgebäude, wo nischt drin is!« 
»Ick meene aber doch, ick dachte —« 
»Ja. der Mensch dachte und Gott lachte — nee Männeken, 
Sowat jiebts nich. Jeh Du man mit mir nach’t nasse Viereck, da 
will ick Dir wat zeigen.« 
»Aber wat is denn in die Villen Jebäude?« 
»Wat, nischt, ob wat rin kommt, is noch sehr fraglich.« 
So geht’s eine Weile weiter. Willem wird immer neugieriger, 
zugleich aber auch immer trostloser. Er hatte sich so sehr auf 
den heutigen Tag gefreut, und nun kommt dieser Unglücksrabe 
und sagt, dass nichts fertig sei. Schon bereut er, überhaupt zur 
Ausstellung gefahren zu sein, aber neuen Muth fasst er, als auch 
von anderer Seite Zweifel an der Richtigkeit der Behauptungen 
August’s laut werden. 
Endlich ist der Bahnhof Treptow erreicht. Schnell zur Kasse 
und den nöthigen Obolus entrichtet. Dann hinein in’s Vergnügen. 
Aber Willem widersteht den Verlockungen seines Freundes, er will 
in das Hauptgebäude, um zu sehen, ob August mit seiner Ver 
ächtlichmachung sich im Recht befindet oder nicht. So trennen 
sich denn die Freunde, nicht ohne sich vorher das Versprechen 
gegeben zu haben, um 6 Uhr Abends mit Kind und Kegel wieder 
am Bahnhof Treptow anzutreten, um gemeinsam die Heimreise zu 
unternehmen. 
Lange schon vor der festgesetzten Zeit steht August mit seiner 
Familie vor dem Eingang zum Bahnsteig. Er ist mit sich selbst 
und allen Menschen unzufrieden. Was hat er von der Ausstellung 
gehabt? Das nasse Viereck mit seinen Restaurants hat ihm ganz 
gut gefallen, aber es hat seinem Geldbeutel unheilbare Wunden ge 
schlagen, die so leicht nicht vernarben. Ausserdem der Aerger. 
Hier war das Bier nicht genügend temperirt, dort der Braten zu 
hart, in jenem Lokal der Kaffee zu dünn. 
Endlich sieht er Willem nebst Familie anrücken. Schon von 
Weitem ruft er ihm zu: »Nu, olle Pechnelke, hast Du Dir in Dein 
Hauptjebäude die Füsse wundjelofen?« ' • 
Willem erkennt die schlechte Laune seines Bekannten, deshalb 
schweigt er vorerst. Der Menschenstrom bewegt sich die Treppen 
hinauf, und fast ebenso beschwerlich wie die Hinfahrt wird die 
Rückkehr, denn alle Wagen sind überfüllt. Unter Drängen und 
Stössen sind die beiden Familien zusammengeblieben. Gegen den 
Morgen hat sich aber die Situation vollkommen verändert. Damals 
redete August und Willem war der andächtige Lauscher, nun ist 
Willem redselig und die zustimmenden Mienen der übrigen Fahr 
gäste ermuntern ihn, sich zum Dauerredner auszubilden. 
»Det will ick Dir aber sagen,« Sind die letzten Worte, welche 
wir vernehmen, da unser Ziel erreicht ist, »komm’ mir Keener 
mit nischt zu sehen in’t Hauptjebäude. Ihr in Eurer Dusselich- 
keit habt nur keene Ahnung, wat allens zu sehen is. Et jeht 
Euch jrade wie den Mann, der nach det. jeht, wat for den ersten 
Augenblick woll reizt. Vilie nich nur is da in’t Hauptjebäude zu sehn. 
sondern sehr, sehr ville, so ville, dat man in einen Dag nich fertig 
wem kann. Dadrum sind ooeh immer so ville Menschen drin in 
det Gebäude un bewundern de seheenen Sachen. Mir sagte Eener, 
er sifi in Paris und Chicago gewesen, aber sowat an Jrossartigkeit 
hätte er denn doch noch nich kennen gelernt. Wir müssen uns 
ja schämen, Berliner zu sind, wenn wir unser eejenes Werk 
schlecht machen wollten ohne den jeringsten Jrund. Ick wer mir 
jeden Sonntag det Verjnüjen machen un nach Treptow fahren, 
denn wenn man ooeh müde wird, man sieht wat un lernt for seine 
iüfzig Fennehe mehr als jenügend.« Hans Schacht. 
Falsche Nachrichten aus der Gewerbe-Aus 
stellung werden täglich durch Reporter und Ausstellungs- 
Correspondenzen in die Berliner Zeitungen gebracht. Es passirt 
glücklicherweise wenig* sehr wenig in der Ausstellung, gewisse 
zeilenschinderische Berichterstatter aberhaben das Bedürfniss,» wichtige« 
Nachrichten hei den Zeitungen abzusetzen und bauschen daher 
kleine Vorfalle zu grossen Actionen auf oder erfinden frei weg 
Nachrichten, die absolut grundlos sind. So brachten übereinstimmend 
die Berliner Zeitungen am Sonntag die Nachricht, dass ein 
Wasser - Blumen - Corso auf dem Neue» See für Donnerstag, den 
11. Juni, vom Fest-Ausschuss geplant sei. Es wurden dann noch 
weitere Einzelheiten über das bevorstehende Fest gegeben und viel von 
der Betheiligung der Berliner Ruderer an dem Corso erzählt. Kein 
Wort dieser Nachricht ist wahr! Der Fest-Ausschuss weiss nichts 
von dem Fest, das er angeblich planen soll. Er hat nie daran 
gedacht, am 11. Juni ein solches Fest zu veranstalten, denn in den 
ersten Tagen des Juni findet das grosse Fest der Berliner Gewerke 
statt, und unmittelbar nach diesem ein zweites Fest grossen Stils 
zu veranstalten wäre überflüssig, ja unklug. Jene Nachricht, ist 
also von Anfang bis zu Ende erfunden. Wie gleichgiltige Dinge 
aufgebauscht werden, dafür diene folgendes Beispiel: Ein Mitglied des 
Arbeits-Ausschusses und ein Mitglied des Gesammtvorstandes gehen 
nach dem Vergnügungspark, um dort Nachmittags eine Tasse Kaffee 
zu trinken. Sie treffen hier einige Unternehmer, mit denen sie 
sieh eine Viertelstunde unterhalten. Die Zeilenschinder aber melden 
den Berliner Zeitungen sofort: »Die feierliche Eröffnung 
des Vergnügungsparkes durch den Arbeits-Ausschuss fand 
gestern statt.« Aus der einfachen Unterhaltung wird eine officielle, 
ergreifende Rede eines Arbeits-Ausschuss-Mitgliedes gemacht und über 
die harmlosen zwei Tassen Kaffee ein Artikel in die Welt gesetzt, 
dass man glauben konnte, die feierliche Eröffnung der Berliner 
Gewerbe-Ausstellung habe noch einmal stattgefunden. In dieser 
Weise werden Nachrichten aus der Gewerbe-Ausstellung »fabricirt«. 
Im Frühlingsschmuck prangt der Park von Treptow, 
der den herrlichen Rahmen für das grossartige Bild der Berliner 
Geweihe-Ausstellung abgiebt. Um alle die weissen Bauten schlingen 
Reihen und Gruppen neubelaubter Bäume und Büsche hellschimmernde 
Guirlanden, in den Wellen der Spree spiegeln sich überhängende 
Zweige mit blassem, violettem Flieder, die mächtigen Kastanien 
breiten ihre frühbelaubten Aeste beschirmend und beschattend 
weit um sich; von jedem Zweiglein ragen die weissen, 
röthlich schattirten Dolden in die Luft; Linde und Ahorn 
schiessen von Tag zu Tag üppiger in’s Laub, die Rasenböschungen 
am Neuen See prangen in lichtem Grün. In den Anlagen der 
Gartenbau-Aussteller hat der Frühling den zartesten Zierpflanzen 
den Aufenthalt im Freien gewährt. Inmitten der von gelben Kies 
wegen durchschnittenen, saftiggrünen Rasenplätze prangen die Beete 
im buntesten Farbenschmuck; Primeln, Stiefmütterchen, Rosen, 
Astern, Maiglöckchen strömen süsse Düfte ans. Die meisten der 
Obstbäumchen tragen zarte Blüthen, so die Kirschen und Marillen; 
dazwischen stehen Magnolien mit ihren fremdartigen lila- und weiss- 
schattirten grossen Glocken. An Lauben und Gängen winden junge 
Ranken sich empor; hier findet das Auge, das von einem günstigen
	        
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