Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs - Nachrichten.
9
Die Granit- und Syenit-industrie Berlins.
Von Emil May.
[Abdruck untersagt.]
Die deutsche Reichshauptstadt ist die bedeutendste Abnehmerin
nicht nur für schlesische, lausitzer und fränkische Granite und
Syenite, sondern auch für schwedisches Gestein. Tausende und
und Abertausende von Wagenladungen, enthaltend Pflastersteine,
Trottoirplatten, Bordschwellen, Podeste, Treppenstufen, Thür- und
Fenstergewände werden aus Sachsen und Schlesien hierher
gesandt, viele Brüche und Werkstätten bei Bischofswerda,
Kamenz, Bautzen, Löbau, Oppach, Spremberg, Neusalza, Taubenheim,
Sohland, Schirgiswalde und anderen Ortschaften der sächsischen Ober
lausitz arbeiten hauptsächlich für den Berliner Bedarf. Kenner
vermögen mit Leichtigkeit vom Ringbahnhof Treptow aus zu er
kennen, welcher Herkunft die auf dem städtischen Lagerplatz auf
gestapelten Steine sind.
Die Art der Gewinnung der Gesteine ist sehr verschieden.
Grünstem, fälschlich Syenit genannt (Diorit ist die Bezeichnung in
Böhmen, Diabas die richtige) wird gefunden im Thüringer Walde,
im sächsischen und böhmischen Erzgebirge, im böhmischen Silur,
im rheinischen Devon, in den Alpen, Vogesen, Pyrenäen, Syenit
in der Bergstrasse, in der Umgebung von Dresden und Meissen,
in Thüringen, im Odenwald, in Norwegen, Irland und Nord
amerika. Diabas tritt in der Südlausitz gang- und stock-
förmig im Granit auf, dann kommt er noch vor im Harz, in
Sachsen und Nassau aber nicht in grosser Menge. Die
Gänge in Schottland und Skandinavien sind viel bedeutender.
Der bis vor Kurzem und heute noch sehr geschätzte Grünstein, der
geschliffen und polirt so schöne Grabsteine, Gruftplatten, Votivtafeln,
Säulen, Sockel zu Denkmälern etc. giebt, war anfänglich missgeachtet
und verrufen, man nannte ihn in der Lausitz und in Böhmen
Krötenstein und man war der festen Meinung, dass er im Grund
mauerwerk den Schwamm hervorrufe, auch wollte ihn kein Maurer
benutzen, weil er sehr spröde war und sich schwer bearbeiten liess.
Später war jeder Grundbesitzer glücklich, ihn vorzufinden, er kam
in Mnde.
Die Blöcke werden in der Weise gewonnen, dass man erst
tiefe Bohrlöcher nebeneinander in das Gestein treibt, sie mit
Holzkeilen ausfüllt, die letzteren mit Wasser begiesst, worauf
sie, nachdem sie sich vollgesogen, den Stein auseinander
sprengen. Den schwedischen Granit bohrt man ebenfalls an
und sprengt ihn mit zweitheiligen Patentkeilen, zwischen die
ein dritter Keil aus Stahl getrieben wird. Die weitere Bearbeitung
ist die gleiche wie bei den deutschen Steinen. Die Blöcke werden
zuerst aus dem Groben geformt und bebauen, und die letzte Arbeit
vor dem Schleifen geschieht mit dem Bossirhammer; die Fläche ist
jetzt fein gekörnt. Der erste Schliff geschieht durch Stahlkörner
in fünf verschiedenen Grössennummern mit reichlichem Wasser
aufguss, darauf verwendet man Schmirgel in sieben verschiedenen
Grössen zum Nachhelfen und schliesslich wird mit Zinnasche, die
mittels Leinwandbällchen verrieben wird, der eigentliche Hochglanz
hervorgebracht. Das Schleifen mittels Maschinen geschieht bei
Platten, von welchen mehrere nebeneinanderliegen, durch weiche,
horizontal auf den Steinen röhrende Eisenscheiben, welche Stahl
körner auf der Oberfläche reiben; bei stärkeren Blöcken, kantigen
Säulen und dergleichen erfolgt der Schliff durch eine Art Schlitten,
dessen Eisenplatten sich auch horizontal auf den Steinen hin- und her
bewegen und das Schleifmaterial zerreiben. Die feinen Hohlkehlen,
scharfen Kanten etc. werden mit der Hand geschliffen — eine Arbeit, die
ebenso schwer wie peinlich ist. Vasen und Säulen werden durch
Dampfkraft auf Drehbänken geformt, Tischplatten durch Gatter
gesägt, wobei weiche Eisenschienen das Schleifmaterial zwischen
den Wänden zerreiben. Es ist ein ziemlich langwieriger Process,
denn ein Block von ca. einem Meter Durchmesser erfordert eine
Zeit von 6—8 Wochen zum Durchsägen — daher auch der hohe
Preis dieser geschliffenen Steine. In neuester Zeit wird schwedischer
Granit bevorzugt, der schöner ist als der deutsche. Viele deutsche
Steinschleiferfinnen besitzen Brüche in Schweden und Norwegen,
aus denen sie die rohen Blöcke nach Deutschland überführen und
hier verarbeiten.
Auf der Treptower Strasse, unweit des früheren Portals III
finden wir eine sehr belehrende Ausstellung schwedischer Blöcke in
allen Stadien der Bearbeitung, vom rohen Zustande bis zu dem der
fertigen Politur, diese in sehr grossen, massigen Blöcken, Säulen
und Tafeln von verschiedener Farbe, zum Theil von prachtvoll
gefärbten und verschieden gekörnten Adern durchzogen. Jeder
Gesteinkundige wird daran seine Freude haben. Sie stammen
aus den skandinavischen Brüchen der Berliner Firma Kessel & Röhl,
die eine der bedeutendsten Stein Schleifereien Deutschlands ist.
An den Kanten der grossen viereckig herausgesprengten Blöcke
sehen wie noch die Bohrlöcher und deren Anordnung. Die Aus
steller verwenden nur schwedisches Gestein aus ihren zahlreichen
Brüchen; in Berlin werden sie meist zu Denkmälern, Platten,
Sockeln, Grabkreuzen verarbeitet; in der grossen Schleifanstalt zu
Wollgast werden hauptsächlich Granitsäulen hergestellt. Meisten?
gelangen Wanewiker, Wiboer, Lysekiler Granitit, Loftahamraarer
Dioritgneis, Fredrikswärener Syenit und schöner grüner Pyroxengneis
aus Warberg (Wassington-Denkmal in Philadelphia) zur Bearbeitung.
An der Säulenhalle des Siegesdenkmals und am Denkmal Friedrich
Wilhelms IV. kann man diese Gesteine in vollendetem Schliff
sehen, ebenso am Lutherdenkmal und dem in Arbeit befind
lichen National - Denkmal für Kaiser Wilhelm I. In Böhmen und
in der Lausitz findet man ganze Mausoleen und Grüfte aus ge
schliffenem Granit oder Diabas, namentlich in Verbindung mit
Bronze, die einen sehr gediegenen und vornehmen Eindruck
machen. Aber auch auf den Friedhöfen Berlins gewahrt man
Tausende von Grabdenkmälern in Form von Kreuzen, Säulen,
Pyramiden, Würfeln und Platten aus diesem schönen Material.
Zu den meisten Denkmälern wird in neuester Zeit geschliffener
Granit als Sockel benutzt, und auch zu Stufen findet der Granit
jetzt häufig Verwendung.
Auf der Stadtbahn.
Harmlose Betrachtungen eines Unparteiischen.
[Abdruck untersagt-}
»Morjen! «
»Servus.«
»Wohin? «
rin die Ausstellung. Wülste mit?«
»Jewiss, wat soll man sonste duhn an eenen Sonndag, an
den Sonndagsruhe herrscht.«
Dieses Gespräch zu hören, gab mir der Sonntag Gelegen
heit. Auch ich befand mich in der glücklichen Lage, mich
mit den übrigen Leidensgenossen, welche die Ausstellung besuchen
wollten oder durch ihren Beruf gezwungen sind, jeden Morgen
nach Treptow zu fahren, zu drängeln, um mir einen Platz in
einem der Abtheile III. Klasse, denn zweiter fahre ich nur aus
nahmsweise, zu erkämpfen. Aber die Gesellschaft, deren Führer
mit obigem Gespräch sich bewillkommneten, hatte mein Interesse
geweckt, deshalb beobachtete ich und suchte möglichst in der Nähe
zu bleiben, um weitere Entdeckungen zu machen.
Mit peinlicher Sauberkeit, welche ja den Berlinern eigen sein
soll, waren sowohl die Männer als auch die Frauen und die Kinder
gekleidet. Man sah freilich, dass die Unternehmungslustigen den
arbeitenden Klassen angehörten, aber nur die harten, schwieligen
Hände und die drastische Ausdrucksweise wurden zu Verräthem.
Die Familien schienen mit einander bekannt zu sein, denn auch
die Begrüssung der Frauen und Kinder war freundlicher, als ein
oberflächlicher Verkehr voraussetzt. Mir fielen die »Esskober«
auf, mit welchen jede Familie ihren ältesten Sprössling bepackt
hatte, und ich dachte schon an das schöne Stullenpapier, welches
ich sehr wahrscheinlich an einer Stelle des Ausstellungsparks lustig
flatternd wiederfinden würde.
»Du, wat meenste, sollte der Zug ooeh heute noch kommen?«
unterbrach endlich der Aeltere der Beiden die ziemlich lange
Pause, welche mit dem Hinausblicken in die Richtung ausgefüllt
wurde, von welcher der Zug mit dem verheissungsvollen Wort
»Ausstellung« kommen musste. Endlich nahte er keuchend und
pustend. Dies Stürmen der einzelnen Coupes ist wohl Jedem
bekannt, der einmal an einem schönen Sommertage einen Ausflug
nach dem Grunewald gemacht hat, aber hier hiess es denn doch,
seine Kräfte zusammenzunehmen, um einen Platz zu erhalten.
»Jette doch, is det hier aber voll«, höre ich noch die eine
der Mütter ängstlich ausrasen, im nächsten Augenblick geht’s auch
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