Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

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Officielle AussteHungs - Nachrichten.
Bank sitzt, das ist sehr liebevoll empfunden und in einer weichen
Freilufttechnik zu schönem Schein der Wahrheit geworden. Drei
Landschaftsbilder hat Karl Ludwig ausgestellt, den Berlin
sonst zu seinen stärksten Meistern rechnen darf. Aber liegt es an
den Sälen oder liegt es am Licht, merkwürdig kalt und trocken
wirken diese Landschaften. Auf dem »Engpass in den Tiroler
Alpen«, der ja den kalten Grundton des Kalkgebirges und seiner
Gewässer haben muss, ist dieser Charakter allzusehr in die Abwägung
der bestimmenden »Valeurs« selbst übergegangen; es ist nicht die
objective Kalkkühle, es ist ein Ermatten des Auges, was man
auch an den anderen Ludwig’schen Sachen bemerkt. Man muss
das herrliche Alpenbild desselben Meisters aus der historischen Ab
theilung ansehen oder sich derjenigen Werke erinnern, die er
vor zwei Jahren in. Dresden ausstellte, um sich sein ganzes Können
und die Grösse seiner Auffassung ins Gedächtniss zu rufen.
Ludwig Knaus, der einst der Stolz Düsseldorfs war, hilft
gegenwärtig den Kunsthamen Berlins tragen. Sein »Judengässchen«
ist ein Werk von vollendet liebenswürdiger Beobachtung jüdischen
Kleinlebens. Dass die Judenstrasse in dieser Weise zur Kinder
stube und Wohnstube wird, das konnte man ganz ähnlich noch vor
fünfzehn Jahren im römischen Ghetto sehen. Wie gut sind eigent
lich alle hervorstechenden Eigenschaften der Juden hier geschildert!
Die lesende Jungfrau in rother Blouse, wie spricht ihr der jüdische
Bildungstrieb aus den Augen! Und »Tateieben« im Grossvater
stuhl —- wie sehr mufftet uns der Familiensinn, der patriarchalische
Geist Judas hier an. Im Hintergründe die Schacherer
und Wucherer im eifrigen Geschäftsgespräch. Man sieht,
der Meister hat hier versucht, nach allen Seiten die Eigen
schaften zu schildern, die aus dem Ghetto zu weiterer Ent
faltung drängen. Und so ist das Bild versöhnlich und liebens
würdig, wenngleich etwas weniger Einförmigkeit in den Zügen der
Rasse zu wünschen wäre. Es scheint nur ein einziger Stamm,
wir vermuthen der Stamm Levi, in diesem Städtchen zu hausen.
Gemalt ist das Bild mit den braunen Grundtönen, die in den
letzten Jahren bei Knaus vorherrschten, gezeichnet wie immer mit
entzückendem Leben. Zu den Glanzstücken der Berliner Säle
gehört der Haidebach von Eugen Bracht. ■ Ein blaues
Gewässer zwischen haidebe wachsen er Dünenböschung ruhend und
den blauen, lichten Himmel spiegelnd. Fabelhaft kräftiges Licht
ist hier erzielt, und eine unbedingt, überzeugende Stimmung
und Abspiegelung des meteorologischen Zustandes der Luft
und der Naturgegenstände in solchem Licht. An diesem
»Haidebach« zu weilen zieht unwillkürlich an, als sässe man
am wirklichen Haidebache. Nicht ganz so glücklich ist Skarbina
vertreten mit dem Kirchhofsbilde im Zwielicht des Kerzenscheins
am Allerseelentage. Freilich wird das Grün giftig in solchem Lichte,
aber es waltet doch selbst dann mehr Grau dazwischen, oder, wenn
der Maler die Werthe aus einer anderen Grundcomplementärfarbe
herausbestimmt, ergiebt sich ein anderes Yerhaltniss des Valeurs,
das ein solches krankes Grün doch nicht erzeugen würde. Das
Bild scheint mehr aus dem Kopfe gemalt und jede impressionistische
Technik wird zur grössten Gefahr, wenn sie eben ihre Impressionen
nicht unmittelbar aus der Natur selbst holt. Jede andere
Manier ist dann besser. Meyerheim hat leider seine »Titania«,
ausgestellt, ein ganz misslungenes Ateliermühsal, gestaltlos und
schlecht gesehen, wie mit grauen Farben hingeklebt. Eine er
freuliche .Neueroberung bedeuten dagegen die beiden Elche, welche
mit ihren Schaufeln gegeneinander kämpfen, die Richard Friese aus
stellt. Wärmer, leichter und luftiger ist hier Alles gesehen, modellirt
und charakterisirt, als es sonst in letzter Zeit bei Friese der Fall
war. Der Künstler hatte seine scharfsichtige Art so hinausgetrieben,
dass manche seiner Thierstücke wirkten, a s hätte man einen Löwen
in Lebensgrösse unter einer Taschenlupe bedachtet. Aber diese pracht
vollen Elche im Hochwald sind nun in einem richtigeren Verhaltn iss
der Raumwerthe angesehen und ausserordentlich gut beobachtet.
Nennenswerthe Bilder von grösserem Können sieht man im Berliner
Theile noch von Greve (Ein gutes Rüstungsstück), von .Rechner
(Bildniss Fontane’s), von Hans Herrmann (Fischmarkt etc. #tc.), von
P. Mohn (Frühlingsabend in der Campagne), von Max Ring (Ein
gut modellirter weiblicher Akt), und von Paul Flickei. Des Letzteren
grossangesehene, kraftvolle, wahrheitathmende Landschaften gehören
zum Besten. Dagegen ist so blauviolettes Fleisch, wie Souchay es
malt an seiner palmentragenden Friedensgöttin, in seiner Ärmlich
keit mit erfrorenen Kartoffeln nicht, gerade geeignet, die Reichs'-^
hauptstadt im Weltwettstreite der holden Nacktheit herauszureissen.;
Gut studirtes Menschenfell malt dagegen Meng-Trimis. Ein sich]
dehnender weiblicher Akt von diesem Künstler fällt vortheilhaft auf.i
Mackensen’s »Gottesdienst«, ist ein intim charakterisirtes Schulbild
der modernen »Real-Schule«, wie wir eine gewisse Gattung vom
Realismus nennen möchten, der eine plane Wirklichkeit ohne viel:
Geist und mit viel Ansprüchen an grosse Dimension zu suchen;]
pflegt. Die Serpentintänzerin Miss Foy hat Otto Marcus mit,
achtungswerthem coloristischen Können in einer gut bewegten Stellung-
gemalt und auch dies Bild gehört zu denen, mit welchem Berlins Kunstl
bestehen kann. Ein grosses Bild wie Fahrenkrogs »Höllenfahrt Christi«!
in seinen gutgemeinten Verkürzungen milchglasfarbiger Leibei»
gehört dagegen zu denen, vor welchen eine leise Verwunderung des!
Kunstfreundes beginnt, die sich steigert, wenn man die übrige Massel
von Berliner Kunst-Ausschuss betrachten muss, der sonst liier bei-ä
sammenhängt. Wie sorgfältig hat eine Stadt wie Karlsruhe ihre ',
Bilderauswahl getroffen, wie sieht man hier eigentlich nur Meister-!
bilder ersten Ranges, wie sorgfältig ist England und Spanien aus-'
gewählt! In der Reichshauptstadt herrscht annoch eine so geduldige
Nachsicht, es ist soviel Halbdil'ettantismus, soviel zigeunerhafte
Talmimalerei zugelassen, dass der Eindruck, den Berlin auch
auswärts machen könnte, damit einigermaässeii beeinträchtigt wird.
Aber wie dem auch sei, das sehr erfreuliche Ergehniss zeigt diese!
Ausstellung, dass in dem engeren Kreise der könnenden Maler (
Berlins ein flottes Vorwärtsschreiten bemerkbar ist und dass Talent
und Natur allmählig mehr und mehr zur Geltung kommen.
Im „Lsssing'-Theater“ finden auch im Laufe diese,»
Woche ausschliesslich Wiederholungen der Operette »Waldmeister«!
statt. Die Zugkraft dieses liebenswürdigen Werkes dauert un-(
geschwächt fort, so dass das Haus allabendlich durch ein beifall-
freudiges Publikum gefüllt ist.
S
Im Apollo-Theater ging ein einaktiges Opus: Die
Spree-Amazone« von A. Sennfeld erstmalig und zwar mit,
einem so durchschlagenden Erfolg in Scene, dass dem eben so :
lustigen, wie von Paul Lincke allerliebst musikalisch-illustrirten Stück
eine sehr lange Lebensdauer beschieden sein dürfte, umsomehr, als die )
Direction Glück »Die Spree-Amazone« in einer so farbenprächtigen!
und reizvollen Weise ausgestattet hat. dass sie auch dem verwöhntesten 1
Auge gefallen muss. Darstellung, Decorationen, Costüme, Requisiten j
und Lichteffecte vereinigen sich zu einem effectvollen Ganzen.
Geradezu eine enthusiastische Aufnahme fand das meisterhafte (
Ausstellungs-Panorama mit der prächtigen Illumination. Unter 1
den Darstellern zeichneten sich die Herren Stcidl, Markow und i
Bender, sowie die Damen Robert), Döring, Antonie und Linde ganz j
besonders aus. Das Publikum begleitete die glänzende Aufführung 4
mit stürmischem Beifall und rief alle Betheiligten wiederholt.
Cr. R. in B. Ja! Das Postamt der Ausstellung- hat einen sehr!
regen Verkehr. Während in den ersten Tagen täglich bis 1000 ge-c)
wöhnliche Briefe befördert wurden, betrug deren Zahl am letzten j
Sonntag circa 11,000; in der Woche vom 3. bis 10. er. wurden im
Durchschnitt täglich 5085 Briefe, 110 Telegramme aufgegeben und.
77 Telephongespräche gehalten. In derselben Woche wurden allein ;
20 000 Fünfpfennigmarken, die zur Frankirung der illustrirten Aus- !
ftellungspostkarten dienten, verkauft. Der Verkehr auf dem Postamt
erweitert sich jetzt täglich derartig, dass voraussichtlich eine Vor- ]
mehrung des Personals stattfinden muss.
Fremdenbuch-Fex. Für Ihre Bedürfnisse ist an mehreren ]
Orten in der Ausstellung gesorgt. Für die Besucher von „Alt-Berlin“
liegt im „Rathhaus-Kaffee“ am Marktplatz ein „Gästebuch“ aus, J
welches nach Schluss der Ausstellung dem „Verein für die Geschichte i
Berlins“ übereignet werden soll. Unter den zahlreichen Besuchern,
welche sich bisher mit der vom Fürsten Bismarck längere Zeit be
nutzten Feder in das „Gästebuch“ eingezeichnet haben, befinde •«’*»
auch Oberbürgermeister Zelle.
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