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Volume Nr. 20, 7. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
Ich drang nicht weiter in ihre maritimen Verhältnisse, sondern 
war froh, dass wir um die unvollendete Ausstellung meines Karls 
herum kamen, woran jedoch er keine Schuld hat sondern die 
Streikerei, und fragte: »Wann ist denn der Zauber?« — »Das 
weiss ich nicht genau, es steht wohl irgendwo zu lesen.« — 
»Freilich in dem Programm.« — »Haben Sie eins?« — »Nein.« 
— »Sie auch nicht, Frau Butschen?« — »Ih, wo werd’ ich!« —- 
»Ich kann ja mal den Kaffee-Kellner fragen. 
Sie hin. Der sic mit ziemlicher Obenherabheit betrachtet, aber 
noch höflich geantwortet, sie müsste sich wohl irren, von Marine 
schauspielen wüsste er nur, dass sie vor längerer Zeit bei Kiel 
stattgefunden hätten. Ob sie vielleicht die Fischerei-Ausstellung 
meinte, die wäre bitte jenseits am diesseitigen Ufer der Spree 
gelegen. 
»Wir werden es schon finden«, sagte die Pohlenz. »Mir 
recht«, entgegnete ich. -— Bei dem Durchwandeln des Parkes 
konnte ich wundervoll feststellen, wie angestrengt in den letzten 
Tagen gearbeitet worden war und wie die Ausstellung immer 
completer und schöner wurde. Es will eben alles seine Zeit 
haben, selbst der simpelste Hefenteig. 
Schritt vor Schritt gab es etwas zu betrachten, eine von uns 
Dreien blieb immer irgendwo hacken und war nicht mit zu kriegen 
und, als wir glücklich bei den Marineschauspielen anlangten, war 
die Vorstellung justement vorbei. 
Die Pohlenz, nun beleidigt gethan und vorgeworfen, wir, als die 
Butschen und ich, hätten absichtlich gebummelt, damit sie zu spät 
käme und so wie ich mich hätte gerühmt, Bescheid zu wissen und 
das schiene doch nur sehr dünne. Grade ihrem Husten hätte die 
Marine-Seeluft gut gethan. Aber man gönnte ihr nichts Gutes. 
In denselben Ton verfallen war meinerseits nicht, obgleich sie es 
war, die am meisten stehen blieb und überall hineinwollte, wo 
noch garnicht eröffnet wurde. Kühl entgegnete ich daher »Mein 
Fräulein, die Ausstellung ist zu gross, als dass sie auf ein- oder 
zweimal in den menschlichen Geist geht. Schuld allein ist die 
Gnietschigkeit, sich kein Programm zuzulegen«. Das könnten Andere 
sich nicht minder zuziehen. 
Mir fiel jetzt plötzlich ein, dass ich meinem Karl versprochen 
hatte, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein, und, indem ich zur 
Butsch sagte: »Sie bleiben wohl noch«, machte ich eine sehr 
schweigsame Verbeugung, woran die Pohlenz etwas zum Nachdenken 
hat, und verabschiedete mich. Mir war klar geworden, dass es bei 
Ausstellungen doch sehr auf die Gesellschaft ankommt, mit der 
man sie besucht. 
Mit vorzüglicher Hochachtung 
Wilhelmine Buchholz. 
Am .Sonntag. »Mit einem heiteren, einem nassen Auge« 
blickte der Himmel am gestrigen Sonntag auf Berlin hernieder. 
Glücklicher Weise mit dem heiteren zuerst, was jedenfalls Tausende 
veranlasste, schon früh nach der Ausstellung zu wallfahren, die 
bereits um die Mittagsstunde sehr stark, am Nachmittage aber 
glänzend besucht wär. Der Kegen der vorausgegangenen Tage hatte 
das Angenehme im Gefolge, dass alle Wege und Plätze vollständig 
staubfrei waren und man sich mit wohligem Behagen in der 
frühlingsfrischen Luft des Parkes, dessen landschaftliche Reize 
täglich mehr in Erscheinung treten, ergehen konnte. Auch gestern 
machte sich neben dem Berliner Publikum auch der Fremden 
besuch wieder sehr bemerklich, trotzdem erst die im Juni be 
ginnende Reisezeit den Hauptstrom derselben hierher lenken dürfte. 
V 
Herr Geh. Commercienrath L. M. Goldberger, 
der verdienstvolle Mitschöpfer unserer Ausstellung, beging am 
gestrigen Sonntag seinen Geburtstag, an dem ihm seitens des ge 
summten Beamtenpersonals Glückwünsche dargebracht wurden. Die 
Herzlichkeit derselben bewies, welcher Beliebtheit sich der Gefeierte 
trotz seiner energischen Leitung erfreut. Neben den reichsten 
Blumenspenden wurde Herrn Goldberger auch am Morgen ein 
solennes Ständchen dargebracht, das von der Festcommission arrangirt 
und von der Baumann'sehen Kapelle vorzüglich ausgeführt wurde. 
9 
Unser Pavillon war am Sonntag vom frühen Morgen bis 
spät in den Abend wieder so ausserordentlich stark besucht, dass 
der amtirende Portier das andrängende Publikum wiederholt ersuchen 
musste, niit dem Eintritt noch eine Weile zu warten. Der Ein 
blick in die technische Werkstätte einer mit den modernsten Hilfs 
mitteln hergestellten, grossen Zeitung ist Tausenden vollständig neu 
und'deshalb auch die Anziehungskraft, die gerade dieser Pavillon 
der Ausstellung auf die Besucher aller Stände ausübt, eine wohl 
begreifliche. Unter den gestrigen Besuchern befanden sich u. A. 
der erste Seeretair der chinesischen Gesandtschaft Li Techun nebst 
Gemahlin, der bayerische General-Intendant a. D. Freiherr v. Perfall, 
der Intendant des Coburg - Gothaischcn Hoftheaters Kammerherr 
v. Rekowski und der Unterstaatssecretair v. Meinecke. 
9 
Die Ausstellung^-Medaille von 1844. Zu den 
alten Berliner Geschäften, welche schon auf der ersten Berliner 
Gewerbe-Ausstellung im Jahre 1844 prämiirt wurden, gehört auch 
die Firma II. M. Engeier & Sohn, Königliche Hoflieferanten, Pinsel- 
und Bürstenfabrik, Behrenstrasse 36. — Die bekannte Firma Treu 
und Nuglisch, Jägerstrasse 33, theilt uns mit, dass sie im Besitz 
der goldenen Medaille von 1844 ist. Dieses seltene Stück ist 
in dem Ausstellungsschrank der Firma in der diesjährigen Gewerbe- 
Ausstellung neben anderen Medaillen zu sehen. 
9 
Für Rennbahn- und Ausstellungsbesucher. Um 
den Besuchern der Ausstellung Gelegenheit zu geben, die Renn 
bahn in Hoppegarten direct von der Ausstellung mittels Eisenbahn 
zu erreichen und ebenso zurückzukehren, hat der Vorstand des 
Union-Clubs mit der Königlichen Eisenbahn-Verwaltung das Ab 
kommen getroffen, dass an den Renntagen die sämmtlichen von 
Berlin nach Hoppegarten und zurück verkehrenden Sonderzüge auf 
der Station Stralau-Rummelsburg (Vorortbahnsteig) anhalten zum 
Ein- bezw. Aussteigen der vom Bahnhof Gewerbe - Ausstellung 
kommenden, resp. dahin zurückkehrenden Reisenden. An den 
Renntagen gelten die in Straulau-Rummelsburg und Hoppegarten 
aufliegenden Vorortzug-Fahrkarten zur Benutzung der Sonderzüge 
von und nach Hoppegarten. Die Reisenden müssen in Straulau- 
Rummelsburg von den auf dem oberen Bahnsteige ankommenden 
Stadtbahnzügen auf die am unteren Bahnsteig haltenden Sonder 
züge übersteigen und umgekehrt. 
9 
Grabsteine. Sie wirken gerade entgegengesetzt wie die 
anderen Steine, welche nur nach Karaten gewogen werden und von 
denen selbst die grössten, welche viele Millionen kosten, keine Unze 
wiegen. Diese vertreiben den Wahnsinn, so wenigstens sagten die 
alten Griechen, jene aber können, wenn man sich lange unter ihnen 
aufhält und über die Vergänglichkeit alles Irdischen nachdenkt, den 
Wahnsinn herbeiführen. Denn unser Leben, sagt Al Hafiz, gleicht 
dem Schatten eines flüchtigen Vogels. Und er that diesen Ausspruch, 
zwischen Grabsteinen wandelnd. Auch unser Besuch bei diesen 
Monumenten der Eitelkeit soll ein flüchtiger sein. Wozu dienen 
sie? Was bedeuten sie? Sind sie mehr als ein memento 
mori? Kluge Völker verzichten auf sie. Wir aber setzen 
die grössten und schwersten gerade denen aufs Grab, die 
sich um uns am meisten verdient gemacht haben. Vielleicht 
geschieht es, um sie am Wiederauferstehen zu hindern. Denn 
mancher, der den Seinen Millionen hinterliess, würde ihnen weniger 
willkommen sein als der steinerne Gast, wenn er sich unter seinem 
Grabstein wieder hervorrappeln wollte. Man legt sie so fest wie 
möglich. Und diesem Zweck dient dann die monumentale Kunst 
von Fromm, Grüne & Co., Kessel & Röhl, L. Niggl, 
E. Rössel & Co., Gebr. Micheli, M. L. Schleicher, 
P. Schuffelhauer, besonders auch W. Wienecke und 
M. Zachart. Wir müssen gestehen, dass wir nicht gern bei 
einem Begräbniss dabei sind, am wenigsten bei unserem eigenen. 
Wir sind wegen eines Grabsteins ausser Sorge; aber wenn wir
	        
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