Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

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Gfficielle Aussteilungs - Nachrichten.
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knapp zb Weihnachten gekriegt hat. Die Bergfeldten war in
zwischen im Ablehnungskampf mit einem von den officiellen Jüng
lingen gerathen, die das verbriefte Recht haben, die Tagesprogramme
feil zu halten. Da die Pohlenzen sofort in dieselbe Verlegenheit
gesetzt wurde, war ich neugierig, ob sich wohl eine von den beiden
so nobel zeigte, einen Zettel zu kaufen. Aber nein.
Wenn sic jedoch dachten, ich würde den Groschen in’s All
gemeine Beste werfen, täuschten sie sich gründlich und deshalb
winkte ich dito Schippen.
Wir gingen nun rechts die künstliche Anhöhe hinauf, die,
genau besehen, eine Brücke über die elektrische Eisenbahn darstellt,
und betraten nach und nach die Hauptbetrachtungswürdigkeit, die
Anlagen zwischen dem Neuen See und dem Industriegebäude.
»Meine Damen,« sagte ich, »sehen.Sie sicherst um, wenn ich ver
nehmlich rufe: Nu! So verfahren Reisende immer, wenn’s wo
schön ist.« — »Ich schiele nicht,« antwortete die Butschen, »hin
gegen für die Pohlenzen übernehme ich keine Garantie.« — »Woso?«
begehrte die auf. — »Sie kann mit zugemachten Augenlidern um
die Ecke kieken,« setzte die Butschen hinzu »und sieht mehrstens
gerade stets, was sie nicht sehen soll. Woher weiss sie sonst
Alles?«
Um Zwistigkeit zu verhüten, schritt ich rasch bis zum Bismarck
standbild und machte Halt. »Schlagen Sie Ihre Sehorgane auf«, befahl
ich, »und begrüssen Sie dieses Bildniss aus Erz. Hier hat Berlin seinein
Ehrenbürger ein Monument gesetzt, das der Ausstellung zum Ruhm
gereicht. Wo der grosse Mann gewirkt hat, ist noch alles, zu Heil und
Segen ausgefallen.« Ich wollte einige fernere Worte hinzufügen, aber
ein Programm verkaufender Jüngling litt es nicht. — »Danke, wir
sind schon versehen«, verscheuchte die Pohlenz ihn. Wie Eine
angesichts Bismarckens so lügen kann, ist mir unbegreiflich und
mindestens das Zeichen eines sehr fleckigen Charakters.
Nach etlichen Schritten rief ich: »Nu!«
Die Wirkung war„ wie ich gedacht.
Die Wasserfläche, im Hintergründe mit dem weissen Wasser
thurm und dem Hauptrestaurant, vorne die Blumengefilde, die
Obelisken und dazu Musik aus den Pavillons, das war wirklich
wunderschön. Und dann durch einfache Umdrehung des mensch
lichen Körpers der Blick auf das Hauptindustriegebäude mit der
Kuppel und den Thürmen, deren Aluminiumkappen in der Sonne
glänzten wie nagelneues Geschirr und die Orangenbäume auf dem Dache
des Vorbaues, der sich um den leider noch nicht vollendeten Spring
brunnen krümmt und in zwei Wandelhallen ansläuft, die das Ganze in
übersichtlicher gerader Linie durchschneiden, dies wirkte verstummend
auf die Beiden, die derartiges noch nie in ihrem Leben gesehen
hatten. Die Pohlenz that so überwältigt, dass sie auf einen der
vielen Stühle sank, die einladend an den Ufern des Sees entlang
stehen.
Kaum jedoch war sie gesunken, als flugs ein Knabe nabte,
der zehn Pfennige Stuhlabonnement verlangte. Sie sich gesträubt.
Es half ihr aber nichts und so kaufte sie für einen Nickel Sitz
gerechtigkeit, die für den ganzen Nachmittag gilt.
Dies war die Strafe dafür, dass sie kein Programm gekauft
hatte, worin zu lesen steht, was umsonst ist, und was Auslagen
verursacht.
Als ich nun für angebracht hielt, den Kaffee zu nehmen, wollte
die Pohlenz für ihre zehn Pfennige weiter sitzen. »Wie Ihnen
beliebt«, bemerkte ich, »aber einmal getrennt ist Wiederfinden ein
Glückszufall. Kommen Sie Butschen, wir gehen ins Cafe Bauer.«
Dieses erreichten wir ohne weitere Beihilfe eines Führers, da.
es in dem Vorbau gelegen ist und nachdem wir einen Tisch mit
bester Mitten-Aussicht gefunden hatten, bestellten wir dreimal Melange.
Wir nennen es sonst Kaffee mit Milch, aber die Oesterreicher kennen
es nicht anders und den Gebräuchen muss man sich fügen.
Der Kellner brachte das Verlangte. »Auch Gebäck gefällig?«
fragte er und stellte einen Korb mit feiner Backwaare auf den
Tisch.
»Nein,« rief die Butschen »nehmen Sie den man wieder mit.
Wir haben selber.« Und ehe ich mich von meinem Schreck er
holen konnte, sagte sie zur Pohlenz: »Nu man heraus mit den
Gesangbüchern, ich hab’ Hunger.«
Die Pohlenz denn auch ihre Handtasche aufgemacht und einen
Packen Klappstullen hervorgeholt, als wäre Hungersnoth in Sicht.
»Wollen Sie mit Wurst oder mit Käse?« bot die Pohlenz mir an.
— Ich dankte. — »Es ist delinquente Schlackwurst und pracht
voll durcher Ramadour.« — »Danke,« lehnte ich nochmals ab,
»den hab ich bereits gerochen.«
War dies glaublich? In dem feinen Cafe, wo die Kellner herum
laufen wie die Ballherren während der Tanzpausen und der Zählkellner
es mit jedem Bräutigam aus der höchsten Aristokratie aufnimmt,
entblöden die beiden Weiber sieb nicht, den Esskober zu entfalten, .
als machten sie eine Landpartie nach der Wuhlheide. Und die
spietschen Physiognomieen von den Wienern. Und die Angst, dass
Bekannte kämen. Ich fürchte doch, die Butschen wird in der
Weissbierstube ihres Mannes nach und nach gemischt. Von der
Pohlenz sage ich nur: Kein Mensch kann über seinen Horizont.
Ich zahlte ohne Ansehung des Kellners und that, als ob ich
die Bemerkung der Pohlenz über die kleinen Tassen garnicht hörte.
Ob sie Trinkgeld gegeben haben, weiss ich nicht, mir war bloss, j
als ob der Abschied »Hab’ die Ehr’!« den Beiklang eines Hinaus-
compliments hatte.
Die Butschen wollte hierauf in das Hauptgebäude, was mir
jedoch insofern nicht recht war, als meines Karls Aufbau noch der
letzten Krönung mit dem Adler aus echtschwarzen Socken ermangelte
Allein, was konnte ich gegen zwei Stimmen, da die Pohlenz auf
der Butschen Seite stand, innig durch die Klappstullen verschwestert? ,
Ich folgte willenlos.
Vor dem Portal blieb die Butschen stehen. »Herrjeh«, rief sie, •
»das ist ja eine ganze neue Mode: da raucht einer aus zwei Gigarren
spitzen auf einmal.« — »Wo denn?« — »Da über dem Thür
bogen der Kopp.«
»Nein«, erwiderte ich, nachdem ich das Bildhauerische er
gründet hatte, »das bezieht sich nicht auf Tabak, das ist der Ruhm,
der bläst auf der sogenannten Fama, wie die Trompeten im Alter
thum hiessen.« — »Da gehört aber eine tüchtige Puste dazu«,
sagte die Pohlenz. — »In früheren Zeiten waren die Lungen
kräftiger,« gab ich ihr zu verstehen, »aber man schonte sich auch
mehr bei Erkältungen«.
Wir traten ein, in der Vorhalle den Löwenbrunr.en zu be
sichtigen, wobei wir von einem Blumenmädchen unmuthig unter
brochen wurden. Sie war weiss gekleidet mit einer Achselschleife
in den deutschen Farben, hatte aber kein Glück mit uns. Auch
einer schwarz gekleideten erging es ebenso. Eine dritte, die dies
sali, wagte sich nicht erst heran. Mir war auch nicht blumen-
kauferig.
Mein Karl hält abgeschnittenen Blumenbandel ebenfalls für
tranöthig. Warum? Man ist eben aus den sogenannten Galan-
teriejabren heraus.
Die Pohlenzen strebte vorwärts: sie hätte so viel von dem Decken
gemälde in der Kuppelhalle gelesen, das musste sie betrachten. »Gewiss»
willigte ich ein, »Gemälde bilden«. —»Man sagt ja auch, Kinder wie die
Bilder« setzte die Butschen hinzu. Was sie damit meinte, war mir
unerfindlich und wird wohl für immer räthselhaft bleiben, denn, ge
rade als ich nachfragen wollte, stiess die Pohlenz einen Heiden
schrei aus und legte ihre linke Baumwollen-Handschuhhand wie eine
Scheuklappe an die Stirn,
»Was ist Ihnen?« fragte ich besorgt. — »Haben Sie sich den
Fuss verknaxt?« fragte die Butschen. — »Nein, nein«, ächzte die
Pohlenz, »Gott nein. Nein, nein, ich kann das nicht sehen...«
— "»Was nicht?« — »0 nein . . . nein . . . die Puppen.« —
»Was für . . .« — Wir hielten nun auch einen Rundblick und
entdeckten an einer Ecke der Halle ein paar Museumsriesen in der
bekannten klassischen Auffassung, hei der das Stoffliche vernach
lässigt wird, weil doch die Marmorfiguren aus dem sonnigen Griechen
land entspringen und es im Alterthum keine Confectionsgeschäfte
gab. Aber wegen der Grösse und der Fleischfarbigkeit mochte die Pohlenz
sie wohl für lebendig gehalten haben und gedacht, sie thäten ihr was.
»Es sind ja nur gipserne,« suchte die Butschen sie zu beruhigen.
— »Nein, nein«, blieb die Pohlenz bei, »ich kann so was nicht
sehen.« »Denn kommen Sie man raus« schlug ich vor, »draussen
sind die Siümelein und die rauschenden Gewässer und was sonst
unerröthend ist. Für Kunst sind Sie noch nicht reif, die hat das
Unbekleidete einmal so an sich. Oder wollen Sie nach den Wilden?«
»Nein... nein.« Aber nach den Marineschauspielen will ich,
dazu hab’ ich ein Freibillet.« — »Wie kommen Sie dazu?« Sie
Stach sich noch röther an, und lispelte kaum verstehbar: »Geschenkt«.
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