Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

s Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 9
als ein Nebengeschäft der Dalldorfer Idioten-Anstalt. Wer nichts
von der Ausstellung zu sagen weiss, gilt allmählich für unbetheiligt
an der Civilisation.
Weil sie nun mir so freundlich mit dem Zimmer aushelfen
will, bin ich ihr auch gern wieder gefällig und schrieb ihr auf
einer Fahrrad-Karte, dass ich am Tage nach der officiellen Er
öffnung sie erwarte und mich auf einen gemüthlichen Nachmittag
heue.
Sie hat sich in der letzten Zeit bedeutend gebessert. Ver
hältnisse ändern zum Guten oder zum Schlimmen, je nachdem der
Mensch hineingesetzt wird. Herr Butsch lässt sich wenig gefallen
und kann einen Puff vertragen. Wenn man so seine Natur betrachtet,
da muss sie klein beigeben, wogegen Herr Bergfeldt weder die
Beamtenluft vertragen konnte noch die häuslichen Zustände. Den
tödteten die Sorgen, ehe er starb.
Wenn man mit Leuten im Leben Freud und Leid durch
gemacht hat, Erzürnen und Vertragen und, was die Zeiten so
brachten, steht man sich doch näher, als man oberflächlich zugiebt.
Das jüngere Geschlecht wächst heran, dem Sonnenlichte zu und
lässt uns Aelteren in dem Schatten der Vergangenheit. Aber wir
sehen auch hinaus in das Helle, blos mit dem Unterschied, dass
wir einen ganzen Kasten voll Erfahrungen haben: Früchte des
Lebens, die wir öfter anbieten, als sie von der klügeren Jugend
abgenommen werden. Aber man knabbert selbst daran und freut
sich der Zeiten, als man sie sammelte.
So dachte ich mit der Butschen den Ausstellungsnachmittag
zu verbringen: das Neuere und Neueste bestaunen, Meinungen
darüber austauschen, obgleich immer nur zwei Ansichten sein
können, meine oder die verkehrte, zwischendurch den Gastwirthen
etwas zu verdienen geben und während des Ausrubens ver
gangene Erlebnisse aufwärmen und in aller Behaglichkeit vieräugig
plaudern, mit einem Worte von seinem Dasein etwas haben. Aber
in der Butschen sticht immer noch die Bergfeldten.
Konnte sie denn nicht alleine kommen? Was musste sie
die Fräulein Pohlenz mitbringen, die ich stets freiwillig übersehe,
sobald sie mir begegnet, so sehr gefallt sie mir. Und wenn sie
sich an die Butschen anklettet, muss die soviel Mumm haben, dass
sie sagt: Fräulein Pohlenz, ich glaube nicht, dass Sie heute an
gebrachter Maussen sind oder wie sie sonst abwinkt. Gegen gute
Freunde kann man ja deutlicher sein, als gegen Fremde.
Ich durfte deshalb mein Missfallen nicht in passende Worte
kleiden, sondern musste die Pohlenz mit übernehmen, wie sie da
war: aus dem ersten Jugendtraume längst erwacht, aber immer noch
sich gehabt, wie eben aus der Wiege. Und das kann ich nicht
ausstehen. Wer dumm geboren ist, den entschuldigt man mit der
Vorsehung, die wohl ihre Gründe gehabt haben mag, aber wer sich
dumm stellt, der hält Andere für noch dümmer, und das ist eine
Beleidigung.
»Sie hat so’n Gieper auf die Ausstellung«, sagte die Butsch,
»dass ich sie endlich mitnahm. Und als einzelnes Mädchen allein
unter die Menschenmenge lassen, das kann man auch nicht gut
verantworten«.
»Ich glaube, Sie bilden sich was ein, Fräulein Pohlenz«, be
merkte ich.
»Ach nein«, sagte die mit niedergeschlagenem Blick, »aber
draussen im schlesischen Busch ist doch schon mancherlei passirt....«
Weiter kam sie nicht, sondern hustete den Schluss ihrer Rede.
»Fräulein Pohlenz« entgegnete ich, »der scblesiehe Busch hat
mit der Ausstellung keine Gemeinschaft, alle Penn- und sonstigen
Brüder sind durch Drahtgitter polizeidicht abgesperrt und die voll
ziehende Strassengewalt sorgt zu Pferde für strengste Draussen-
verbleibung sämmtlicher sogenannter Elemente. Also was kann da
gross an Ihnen verdorben werden?«
Sie suchte zu erröthen und hustete.
»Und aus den Schüchternheits-Jahren sind Sie,« stand die
Butschen mir bei. »Wenn Ihnen jedoch ja was geschieht, dann
schreien Sie man ordentlich.«
»Ganz recht«, bediente ich in derselben Farbe, »die Kraft
der Schwachen liegt im Schreien». — »Damit wehr’ ich mich auch
immer gegen die Mäuse« sagte die Butschen.
Weil in meiner Absicht lag, den Kaffee draussen zu nehmen,
bot ich den Damen ein Gläschen Maltonsherry, der ihnen derart
mundete dass sie sich zur zweiten Auflage so gut wie gar nicht
nöthigen liessen, dabei einen Posten von Kokusnussmakkaronen,
selbstgebackene Probe für den Sommerbesuch. Sie sollen billiger
sein als aus Mandeln, aber ich vermuthe, die Berechnung bezieht
sich mehr auf die Breitengrade, wo die Nüsse umsonst wachsen.
Von Geschmack fanden sie Beifall.
»Haben Sie einen Krümel auf das unrechte Stimmband ge
kriegt?« fragte ich die Pohlenz, die, wie ich wiederholt beobachtete,
einen sehr aufbegehrenden Kehlkopf hatte, »oder haben Sie sich
erkältet?«
»Ein ganz klein wenig,« gab sie zu.
»Da müssen Sie vorsichtig sein. Vernachlässigte Erkältungen
fressen sich oft in die Atkmungsorgane ein.«
»Meinen Sie?«
»Ich nicht. Aber die mediciniscke Wissenschaft. Mein
Schwiegersohn, der Sanitätsrath, sagte vor ein paar Tagen noch, es
sei ein gefährliches Lungenwetter. Wer Symptome weg hätte,
bliebe am besten im Zimmer und hielte sich wann. Wie lange
husten Sie schon?«
Die Pohlenz wurde ganz ängstlich und besann sich.
»So,« dachte ich, »noch ein paar Rathschläge und sie ist so
vernünftig und dampft retour nach Hause; dann hätten die Butschen
und ich unseren Nachmittag reizend für uns«. Eben wollt’ ich
von einer Frau erzählen, die sich auch nicht wann gehalten
und innerhalb dreier Tage ihren trostlosen Gatten zum Wittwer
gemacht hatte, als die Butschen dazwischen fuhr: »Mir sagte mal
der Herr Sanitätsrath, beim Husten nur ja nicht die frische Luft
abgewöhnen.«
»Bei Ihnen, halb auf dem Lande, trifft das zu«, entgegnete ich
»aber hier bei uns doch nicht.«
»Die Pohlenzen wohnt ja in unserer Gegend, also muss sie
an die Luft.«
»Dann wollen wir auch nicht länger zögern«, entschied ich
und blickte die Butschen mit tadelndem Kopfschütteln an, das sie
natürlich nicht begriff. Hätte sie sonst gesagt: »Ich hält es auch
nicht für schlimm. Wer lange hustet, wird alt.«
Wir trabten nach dem Alexanderplatz-Bahnhof, kauften am
Schalter mit dem Fahrschein gleich unsern Ausstellungseinlasszettel
und wegen des Sonnabends war ganz commodes Mitkommen auf
der Stadtbahn. Sonntags wird man sich mehr auf Klemmen ein
richten müssen, wobei es ein grosser Trost ist, dass man nach
auswärtigen Ausstellungen bedeutend länger zu fahren hat als bis nach
Treptow.
Da genügend Fahrscheinknippser thätig sind, gewinnt man
baldigst den Ausstellungsweg, der zu beiden Seiten mit Musikleuten
aus Treptow und da herum besetzt ist, weniger wohl der Tonkunst
halber, als der Armuth und dem menschlichen Elend einen Groschen
zuzuwenden. Für Fremde wäre der Eindruck freundlicher, wenn
sie nicht gleich von all den Krüppeln angeleiert würden — das
Comite könnte ja den Leuten die Plätze fest abkaufen und ihnen
andere, minder vor die Brust springende einräumen, wozu
vielleicht von dem Strassen-Ausschmückungsgelde ein Theil vortrefflich
gedient hätte -— für uns machte es weiter nichts aus, weil ja doch
in Berlin für die Armenpflege jährlich gegen acht Millionen Mark
verausgabt werden und, wir wissen, es geschieht, was geschehen kann.
Wir gaben den Spielleuten, die gute Frau Butsch voran, sie
kann keine Gebrechen sehen, ohne mildthätig zu werden, und auch
die Pohlenz ging nicht an der blinden Frau mit der Ziehharmonika
vorbei, wogegen sie sich vor dem unrasirten Flötenbläser ohne
Beine fürchtete. Doch das war blos Haberigkeit.
Hierauf wollte sie durch das Central-Verwaltungsgehäude ein
dringen, indem sie es für ein Thorhaus hielt »Meine Liebe,« be
lehrte ich sie: »Das Publikum theilt sich rechts und links und
geht durch die Kassen-Kontrole an den Seiten. Auf dem Rück
wege kommen Sie durch die Mitte, nachdem Sie drehgezählt sind
und die Verwaltung weiss, wie viele drin waren.« — Dies be
wunderte die Pohlenzen sowohl, wie die Butschen, aber mich mit ihnen,
auf das statistische Gebiet zu begeben, schien unangebracht. Wo
wenig Verstand ist, muss man ihn für wichtigere Aufgaben schonen.
Als unsere, am Bahnsehalter erworbenen Eintrittsscheine richtig
befunden waren, schlüpften wir auf das Ausstellungsgelände. Die
Pohlenz wollte ihren bis dahin verhaltenen Ueberraschungsgefühlen
Ausdruck verleihen, aber, da es so eingerichtet ist, dass man vor
läufig nichts sieht, machte sie ein Gesicht, wie Eine die ein bischen.
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