Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

8 Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
Die Fabrikation von Stearinkerzen
in der Ausstellung.
[Abdruck untersagt.]
Elektrisches Licht, Gas und Petroleum haben seit Jahrzehnten
schon die einfache Kerze verdrängt, die den bescheideneren Ansprüchen
unserer Vorfahren lange Zeit zur spärlichen Erleuchtung der Wohn-
räume diente. Als Nebenbehelf und für wenige Minuten nur brennen
wir jetzt noch Lichter, und entsprechend der geringeren Nachfrage
ist auch die Production von Kerzen sehr zurückgegangen. Während
nun die Selbstanfertigung von Kerzen, wie sie früher in allen
Haushaltungen üblich war, jetzt nur noch ganz vereinzelt auf dem
Lande, wo man zähe in seinen Bräuchen bleibt, gefunden wird, ist
durch oder trotz des Rückganges des Kerzenverbrauchs die fabrik-
massige Herstellung ausserordentlich gestiegen, sowohl an Umfang
der Production, als auch besonders in Bezug auf die Güte der ge
fertigten Kerzen.
Das erscheint uns zwar paradox, es erklärt sich aber in sehr
einfacher Weise aus den Thatsachen. Ganz wird die Kerze uns
wohl nie entbehrlich werden, es sei denn, dass wir es noch erlebten,
in unseren Wohnungen an jeder Stelle elektrisches Licht so bequem
zur Hand zu haben, wie es in den grossen Musterhötels der Neuzeit,
in denen keine Kerzen mein - gebraucht werden, jetzt schon gefunden
wird. Wir werden immer noch darauf angewiesen sein, zu kürzerer
Beleuchtung eine Kerze zu nehmen. Andererseits verbrauchen wir
aber nicht in einem Jahr soviel Kerzen, dass es lohnend wäre, sie
selbst anzufertigen. So ergab es sich denn von selbst, dass,
besonders in kleinen Städten, Einzelne es übernahmen, für
den Gesammtbedarf der Nachbarn entsprechende Mengen auf
einmal anzufertigen und aus einer Art Hausindustrie wurde
ein besonderes Handwerk, das der Lichtzieher. Von der beschei
denen Werkstatt bis zur grossen Fabrik mit Maschinenbetrieb ist
in unserem schnelllebigen Jahrhundert immer nur ein kurzer
Sehritt gewesen Es ist bedaue ich, aber unabänderlich, dass das
kleine Handwerk in seinen Leistungen, besonders was Massenartikel
anbetrifft, mit den Fabriken, die eine Massenproduction liefern, nicht
in Wettbewerb treten kann und so sind die kleinen Lichtziehereien
sehr seltene Erscheinungen im gewerblichen Bild der Städte ge
worden. Die Erzeugnisse der Kerzenfabrik sind billiger und besser,
als die im Handbetrieb gefertigten Lichter und da dem Publikum
sentimentale Regungen über den Niedergang eines Handwerks fremd
sind, kauft es die Fabrikproducte. So ist denn der Kleinbetrieb in
der Kerzenherstellung von grossen Unternehmungen zum grösseren
Theile resorbirt worden.
Ebenso wie die wenigsten Menschen eine Ahnung haben, wie
Dinge, die sie täglich in die Hand nehmen, — Streichhölzer, Blei
stifte, Teller und andere Gebrauchsgegenstände hergestellt werden,
giebt es auch nicht viele Menschen, die wissen, woraus eine
Stearinkerze besteht und wie sie gemacht wird. Wer sich aber
geme über solche Fragen belehrt, der findet dazu in der Aus
stellung gute Gelegenheit. Wie dort die Herstellung von Münzen,
Schuhwerk, Bürsten und noch mancherlei gezeigt wird, so ist auch
eine Kerzenfabrik in vollem Betriebe zu sehen.
Dicht am Eingänge befindet sich zur linken Seite des Gebäudes
für Chemie der einfach-vornehme Pavillon der »Stearin- und
Kerzen-Fabriken A. Motard Die Motard'sehe Fabrik ist die älteste Kerzenfabrik Deutschlands,
und wohl auch die bekannteste. Seit dem Jahre 1838 hat sie
unzählige jener blauen Packete mit den sechs Kerzen und mit der
Aufschrift »Motard’s künstliche Wachslichte — ein Pfund«, die
zwischen allerlei Medaillen prangt, angefertigt und in alle Theile
der Welt verschickt. Diese Bezeichnung ist eben so alt wie die
Fabrik und gewissermaassen aus Pietät hat man sie nicht.gewccliselt,
obgleich heute wohl nur die allerältesten Leute noch von »künst
lichen Wachskerzen« sprechen. Die Kerzen haben sich unter
diesem Namen gut eingeführt, sie sind unter diesem Namen mit
allerlei silbernen und goldenen Medaillen auf Welt und Industrie-
Ausstellungen ausgezeichnet worden, und sie werden unter diesem
Namen wohl noch recht lange ihr bescheidenes Licht leuchten
lassen.
Sie sind still und friedlich, wie ihr Licht, diese Kerzen,
sie ziehen nicht mit dröhnenden Phrasen und mit barschen
Imperativen gewaltsam die Aufmerksamkeit auf sich; sie wissen,
dass man erst in der Nacht den Werth des Lichtes erkennt, und,
wer sie dann sucht, der weiss sie zu finden. Ebenso wie
die kleinen Nürnberger Nachtlichte von Glase/, die jedes Kind
kennt, nie in marktschreierischer Reelame zu finden sind, ist die
Lichtfabrikation eine der wenigen Geschäftszweige, die durch sich
selbst empfohlen wird. Sie brauchen keinen Dichter, der sie
täglich besingt, wie jene herrlichen Kleiderbazare, und ihr Schutz
und Handelszeichen ist nicht Eule oder Bär, sondern die emsige
und stillthätige Biene.
Die Herstellung der Kerzen ist im Princip und in der Aus
führung durch verblüffend sinnreiche Maschinen sehr einfach. In
einem grossen Schmelzkübel, dem spiralige Röhrenleitungen die
nöthige Wärme zuführen, werden zunächst Stearinplatten geschmolzen
und hierauf in einem zweiten Kübel mittels einer einfachen Ma
schine kalt gerührt, das heisst bis zu einem gewissen Temperatur
grade, der die Masse flüssig lässt, ohne Krustenbildungen zu ver
anlassen. Von hier kommt die Masse in die Giessmaschine. Diese
Maschine hat hundert Formen und fertigt also ebensoviel Kerzen
auf einmal. Der Docht wird von der Maschine selbstthätig einge
führt und später, wenn die Kerzen in der Form erkaltet sind,
abgeschnitten. Die Kerzen werden durch einen kleinen
Elektromotor, der eine Kreissäge in schnellste Rotation setzt —
1500 Umdrehungen in einer Minute — glatt und gleichmässig ab
geschnitten und kommen dann in eine Abdrehmaschine, die sie
am unteren Ende konisch abschleift und sie damit fertig für den
Verkauft macht. Diese Herstellung ist in dem Motard’schen Pavillon
an einer Reihe von Maschinen täglich deutlich zu verfolgen. Auch
sind dort Dochtwickelmaschinen und Cartonmaschinen in Betrieb,
so dass der Besucher auch Gelegenheit hat, die Art und Schnellig
keit der Verpackung zu sehen.
Neben dem Fabrikbetrieb sind auch die Stoffe, aus denen die
Masse gewonnen wird, sowie die Nebenproducte der Kerzenbereitung
ausgestellt. Die Grundstoffe für die Stearingewinnung sind Palmöl
und Talg; Nebenproducte sind im Wesentlichen: Olein,
Glycerin, Stearinpech und Pechgummi. Eine eigene Dampf
kesselanlage liefert dem Betrieb die nöthige Dampfkraft.
Die Tagesleistung der Fabrik ist sehr bedeutend. Sie liefert
wöchentlich über vier Millionen Kerzen und verbraucht dazu an
9000 Centner Rohmaterial und zur Verpackung dieser Riesenmenge
einen Doppelwaggon Papier. In zwei eigenen Hafenanlagen werden
sie dann sofort in den Dampfer der Fabrik geladen, um auf dem
Wasserwege nach Hamburg und weiter geschafft zu werden. Die
günstige Lage an der Spree war denn auch der Grund, dass die
Fabrik von Berlin hinausverlegt wurde nach Sternfeld bei Spandau.
Gegen 500 Arbeiter sind zur Bewältigung der Arbeit in der
300 Morgen grossen Fabrikanlage thätig, und ununterbrochen wird
dort draussen emsig geschafft.
So sehen wir, dass auch die unbedeutendste Sache gar viele
Kräfte in Bewegung setzen kann, und wenn wir Abends beim stillen
Schein der Kerze sitzen, sollen wir ihr nicht nur danken für ihr
freundliches Licht, das sie uns giebt, indem sie sich selbst ver
nichtet, wir wollen auch daran denken, dass sie vielen fleissigen
Händen Arbeit und vielen Hungrigen Brod giebt.
Karstensen.
Ausstellungsbriefe
von Wilhelmine Buchholz.
IV.
Ein Damen-Ausflug.
Sehr geehrter Herr Redacteur!
ich hatte der Bergfeldten — merkwürdig, dass ich sie
immer wieder nach ihrem ersten Manne nenne, den sie schon eine
Reihe von Jahren hinter sich hat — also richtiger der Frau Butsch
versprochen, sie baldigst nach der Eröffnung mit nach der Aus
stellung zu nehmen und ihr durch meine allmählich erworbene Platz-
Plankenntniss in kürzester Zeit einen Ueberblick beizubringen, dass
sie zu Hause Rechenschaft ablegen kann. Denn dies ist die Haupt
sache. Alle Kunden fragen in der Weissbierstube, wie es sich mit
der Ausstellung verhält und Herr Butsch hat nichts gesehen und
sie noch weniger und die Gäste betrachten das Lokal nachgerade
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