Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

io Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
Und wie die Narben haben viele Völker auch die Verunstaltung
des Obres mit einander gemein. Auf der Ausstellung können wir
Wasuaheli-Frauen sehen, die gewaltige Scheiben in ihren Ohrläppchen
tragen. Andere Stämme durchbrechen die Ohrmuscheln, in die sie
Hölzchen, grössere Pf&ckehen und grosse Messingspiralen
hineinstecken. Auf den Marschallinseln werden Ohrmuschel und
Backenhaut zugleich durchbohrt, um hier »Schmuck« anzubringen
und auf den Anachoreten-Inseln wird der Rand der Ohrmuschel
so abgeschnitten, dass er als Anhängsel des Ohres allerlei Zierrat
aufnehmen kann.
Doch die Eitelkeit der Menschen ist nicht beim Ohr allein
stehen geblieben. Auch die Nase wird »geschmückt«, indem sie
durchbrochen wird, um einen Nasenring oder eine Blume aufnehmen
zu können. In einer Gegend Asien’s tragen die Damen Nelken in
der durchbrochenen Nase, und wenn eine Schöne einem Manne
besonders huldreich gesinnt ist, nimmt sie die Nelkenblume aus
ihrer Nase und bietet sie dem Beglückten im Kaffee.
Die hässlichste Verunstaltung besteht in der in Afrika vielfach
gebräuchlichen Durchbohrung der Lippen. Bei manchen Stämmen
wird die Oberlippe, bei anderen die Unterlippe durchlöchert und
mit Holzpflöcken, Metallgegenständen gefüllt. Die Träger dieses
Schmuckes ahnen garnicht, wie scheusslich sie mit dieser Ver
unstaltung aussehen.
Doch damit ist die Reihe der Verunstaltungen noch lange
nicht abgeschlossen. Eine der ungeheuerlichsten ist die Trepanirung
des Schädels. Manche Stämme bohren ihren Angehörigen gewaltige
Löcher in den Kopf, so riesige Löcher, dass Europäer zweifellos
an der Operation sterben würden.
Und noch in anderen Formen sieht man allerlei künstliche
Verunstaltung des Körpers und der Körpertheile ... in jeder Form
aber ein beredter Ausdruck für die Verirrung des menschlichen
Geistes, für die Verwirrung des Geschmacks, der das Unnatürliche
und Hässliche für eine schöne Correctur der Natur hält.
V
Das Theater „Alt-Berlin“ hatte gestern (Sonnabend)
wieder eine Premiere, die eine mythologische Dichtung und ein
einaktiges historisches Schauspiel brachte. Die mythologische Dichtung,
mit der die Vorstellung begann, war die »Wendentaufe« von
Carl Bleibtreu. Das Drama führt weit zurück in
die historische Vorzeit, die man gewdssermaassen als das
»graue Alterthum« der Mark bezeichnen darf. Wenden und
Germanen stehen sich da gegenüber und als drittes wichtiges
Element greift das Christenthum ein, das auf diesem Schauplatz
seine ersten und begeisterten Anhänger findet. Der kühne
Wendenführer Jatzko hat die germanischen Nachbarn unter
worfen und ist nun im Begriff, durch Vereinigung aller
benachbarten slavischen Stämme ein grosses Reich zu begründen. Da
wird ihm knapp vor der That von einer germanischen Seherin, die
unter seinem Ucbcrmuth gelitten, der Zweifel und die Furcht in’s
Herz gelegt. Als Vertreter des Christenthums erscheint Graf
von Nordheim, der von den Wenden gefangen, ein wendisches
Mädchen liebt, das er zum neuen Glauben bekehrt hat. Durch
das Eingreifen der wendischen Fürstin Zedmira wird Graf
von Nordheim in dem Moment befreit, als er sich mit seiner
Geliebten vermählt. Nun regt sich in Jatzko wieder der
alte Uebermutk. Er entreisst dem Grafen das junge Weib
und, während er zum Kampfe gegen die andringenden Germanen
rüstet, macht er Anstalten, sich mit der Geraubten zu vermählen.
Da ertönt plötzlich das Kampfgeschrei der Germanen. Der Tempel
der Wenden loht auf in hellen Flammen, ein heftiger Kampf tobt,
das Wendenheer wird vernichtet und Jatzko rettet sich, von seinen
eigenen Leuten verfolgt, durch die Flucht, indem er in die Havel
springt und an’s andere Ufer hinüberschwimmt. Hier empfängt er
die Taufe an der Stelle, die im Anschluss an die Jatzko-Sage
Schildhorn heisst. Die Dichtung stellt an die Ausstattung sehr
grosse Anforderungen, und der vortrefflichen Regie des Herrn
Directors Witte-Wild ist es in der That abermals gelungen, Bilder
von grossem Reiz zu schaffen. Besonders schön ist eine Wandel-
decoration, die mit ihren prachtvollen Farbeneffecten dem Auge
eine Reihe anziehender Havel-Landschaften vorzaubert.
Das zweite Stück »Die Büsserin« von Conrad Alberti
ist ein herbes, ernstes Geschichtsbild aus dem Berlin vom Jahre 1573.
Anna Sydow die »schöne Giesserin«, die Freundin des prateht-]
liebenden Kurfürsten Joachim II., ist die »Heldin«. In packenden,
dramatischen Scenen spielen sich nun die Vorgänge ab, die
sich in den Stunden zwischen dem Tode Joachims und der
Thronbesteigung Johann Georgs in Berlin abgespielt haben.
Die Charakterschilderung ist fein und plastisch herausge
arbeitet. Anna Sydow wird als eine Art Pompadour gezeichnet,
die durch ihren Uebermuth und ihre Verschwendungssucht sich
im ganzen Lande verhasst gemacht hat. Das Urtheil Johann Georgs,:
der entgegen seinem Versprechen die Sydow zu lebenslänglicher Festnngs-I
haft verurtheilte, wird in einer dramatisch stark bewegten Scene, gewisse!
maassen als ein Gottesgericht dargestellt, das dem ganzen Vorgang
einen Anstrich von symbolischer Tragik verleiht. Das Publikum
folgte beiden Novitäten mit lebhaftem Interesse. Die Wiederholung
des »Märkischen Ringelstechen« bildete den mit grossem Beifall
aufgenommenen, effeetvolleu Schluss der Vorstellung.
o
Alt-Barliner Originale, der unter dieser Spitzmarke in
unserer Freitag-Nummer veröffentlichte Artikel hat uns aus unserem
Leserkreise mehrere interessante Zuschriften zugeführt, von denen!
wir hier zwei wiedergeben wollen. Ueber die Führerin des Ruppinea
Omnibus theilt uns ein Urberliner Folgendes mit:
„Bathens Jette“, so hiess die mit Männerstiefeln, Weste,
Frauenrock und Männerjacke oder Schafspelz bekleidete Omnibus!
Begleiterin, war eigentlich keine Berlinerin, sie war die Tochtetl
des Fuhrherrn Bath (der olle Bath genannt), welche s. Z. vor der
Eröffnung des Nordbahn-Verkehrs, also noch bis Mitte der 70er Jahre,
den Onmibusverkelir zwischen Berlin, Oranienburg, Velten und
Gransee in Händen hatte. Jeden Nachmittag 5 Uhr ging aus der
Ausspannung der »Stadt Ruppin« der Oranienburger Omnibus ab und
fest immer leitete »Jette« das Gefährt mit kräftiger Hand,
das aber auch oft von den Passagieren geführt wurde.
Wehe dem Fahrgast, der sich ihren Anordnungen nicht fügte oder
vergass, dass er sich einer Dame gegenüber befinde! Verschlossen,
schweigsam und ernst nahm sie nur die Interessen des Geschäftes
wahr, so dass statt der zehn oder zwölf Personen, welche der
Omnibus fassen konnte, an verkehrsreichen Tagen noch vier bis
sechs auf dem Verdeck placirt wurden. »Es war eine schöne,
köstliche — Fahrt«, namentlich im Winter oder Spätherbst.
War die Müllerstrasse erreicht, dann langte »Jette« ihre
Tabakpfeife heraus und rauchte kräftiger, als mancher der
Passagiere, der den Vorzug hatte, im offenen Vordertheil de!
Wagens (heute nennt man den Platz feiner Coupee) die Fahrt in
frischer Luft mitmachen zu können. Innen im Omnibus war’s
fürchterlich. Auf jeder der zwei Längsbänke statt vier Personen,
welche einigermaassen bequem hätten sitzen können, deren sechs, an
gethan mit Pelzen und Mänteln; war Viehmarkt in Berlin gewesen,
also meistens Montag und Donnerstag, dann kamen noch die Hunde
der zurückkehrenden Viehhändler hinzu. Die Beleuchtung bildete
eine kleine Oellarnpe in der Vorder wand, welche auch das »Coupee«
beleuchten musste, notabene wenn nicht ein breitrückigei
Landmann das Licht für seine werthe Kehrseite allein in
Anspruch nahm. Von der Luft iu diesem Wagen kann
sich ein moderner Mensch keine Vorstellung machen. Der
Wagen war so niedrig, dass von »Aufrechtstehen« keine Rede sein!
konnte; dazu die Ausdünstungen von zehn bis zwölf häufig durch-]
nässten Menschen, von kräftig geschmierten Stiefeln, von Tabak- j
Sorten verschiedenster Abstammung und von Lebensmitteln ländlichen!
Ursprungs. Ein Fenster durfte bei Leibe nicht geöffnet werden J
es war nicht sehr schön und doch sind die Leute dabei gesund!
geblieben und alt geworden.
Nachdem der »olle Bath« die Concurrcnz der Nordbalm, nach!
dem diese in Staatshände übergegangen war, nicht mehr aushalten
konnte, liess er den Betrieb eingehen und »Jette« soll nach
Velten gegangen sein, um sich dort der Töpferei zu widmen.
Der Name Bath blüht heute noch im Fuhrwerksgewerbe; ein Sohn
des »ollen Bath» hat ein Fuhr- und Speditionsgeschäft in Gransee.
Ueber den von uns erwähnten „Aether-Doctor“, der auch
»Aether-Fritze« genannt wurde, theilt man uns Folgendes mit: Er
trieb sein Wesen in der Nähe des Moritzplatzes und ging Ende
der siebziger Jahre zu Grunde; er soll ein sehr gelein tes Haus ge
wesen sein. Der letzte Rettungsversuch seiner Freunde, die ihn
bei einer altberühmten Zeitung unterbrachten, hatte keinen Erfolg;
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