Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Aussteilungs - Nachrichten.
9
ans dev Ausstellung enorme Reichhaltigkeit, für alle Anforderungen
ist gesorgt, der praktische und der phantastische Geschmack wird
vollste Befriedigung finden.
S
Der Chocoladen-Obeiisk. »Was meinen Sie, wie
gesund ist das, wenn Sie diese Chocoladenstange für Ihre Kinder
mit nach Hause nehmen könnten?« hörte ich gestern einen der
beiden Herren, die vor diesem Schaustück in der Gruppe X für
Nahrungs- und Genussmittel standen, zu seinem Begleiter sagen.
Und gleich darauf näherte sich dem Angeredeten die Vertreterin
der Firma und sagte zu dem Herrn, indem sie ihm ein Blatt
Papier überreichte: »Wenn Sie Glück haben, kann das im Herbst
geschehen«. Auch ich war neugierig und liess mir ein solches
Zettclchen verabreichen. Richtig, da stand es schwarz auf
weiss, dass jeder Besucher in die glückliche Lage kommen
kann, diesen Riesen-Obelisk von garantirt reiner Chocolade,
nach Schluss der Ausstellung als sein Eigenthum betrachten
und mit nach Hause nehmen zu körnen. Einer aber kann es nur
sein, und deshalb soll er demjenigen zuerkannt werden, der das
Gewicht des Chocoladen-Kolosses am richtigsten schätzt. Das ist
schon jetzt ein eifriges Abschätzen und Taxiren. Täglich gehen
Hunderte von Taxirkarten in den Sammelkasten der Firma, und es
wird nicht so leicht sein, später unter den zahllosen Angaben die
richtigste herauszufinden. Wem es aber gelingt, das Räthsel zu
lösen, dem haben sich all' seine Ausstellungsbesuche nebst Unkosten
reichlich bezahlt gemacht, denn der Chocoladen-Obeiisk, der mit
den Bildern der drei Hohenzollern-Kaiser und des Fürsten Bismarck
nebst deren bekanntesten Aussprüchen geziert ist, repräsentirt sicher
einen Werth von einigen Tausend Mark.
S
Stahlfeder-Fabrikation. In der Gruppe für Papier
industrie wird auch ein Apparat zum Durchlochen der Stahlfedern
gezeigt, der von einem Mädchen bedient wird. Dieses erklärt unter
Vorzeigung der Federn die verschiedenen Stadien der Herstellung.
Nothwendig ist für die Stahlfeder vor allem ein vorzügliches Roh
material, Stahlblech, aus welchem die Blättchen zuerst herausgestanzt
werden, sodann erhält das Blättchen den Firmenstempel, wird ge
locht, an der Spitze mit der Schutzmarke gestempelt, geglüht, ge
bogen oder geformt, gehärtet und getempert, gescheuert und gereinigt,
geschliffen, gespaltet, gefärbt, die Spitze abgerundet und endlich geprüft.
So ist eine ganze Reihe von Manipulationen erforderlich, um die
Stahlfeder so weit zu bringen, dass man sich ihrer zum Schreiben
bedienen kann. — Aus der Papier-Gruppe kann auch erfreulicher
weise gemeldet werden, dass eine Firma, die sich mit der Her
stellung von Luxuspapier beschäftigt, in den letzten Tagen vier
bedeutende überseeische Aufträge erhielt.
Die Sanitätswache behandelte 14 leichtere Fälle
(darunter eine Ausrenkung des Oberarmes), die Unfall-Station
leistete in 11 leichten Fällen Hilfe.
a) In der Ausstellung).
Die Vorträge in der Ausstellung.
(Abdruck untersagtj
Die künstlichen Verunstaltungen des menschlichen
Körpers.
Die Neigung des Menschen, die Natur zu »verbessern«, ist
eigentlich so alt, wie der Mensch selbst. Unrichtige Begriffe vom
wahren Wesen des Schönen, falsche Anschauungen von der zweck
mässigen Beschaffenheit des menschlichen Körpers, gewisse mystisch
religiöse Ideen führen bei vielen Völkern zu Operationen, die eine
»Verbesserung«, oder richtiger gesagt eine Verunstaltung des
Körpers darstellen. Auch der Wunsch oder oft die Nothwendigkeit,
äussere, leicht erkennbare Merkmale, wie etwa Abzeichen einer
Stammes- oder Familien-Angehörigkeit zu schaffen, führen vielfach zu
eigenthümlichen Verunstaltungen, die dem gesunden Sinn als Un
geheuerlichkeiten erscheinen. Und leider nicht am wenigsten ist es
die Eitelkeit, der ans Irrwegen taumelnde Schönheitsinn der
Menschen, der in einer Naturwidrigkeit, die durch einen gewalt
samen operativen Eingriff erzeugt wird, eine Verschönerung und
eine Verbesserung der Natur sieht, die in Wahrheit eine arge Ver
böserung ist. Diese Eitelkeit findet ihren Ausdruck auch in den
Moden, nicht allein bei den »wilden«, sondern anch bei den civili-
sirten, den sehr civilisirten Völkerschaften, die an der Spitze der
modernen Cultur marschiren.
Die Zahl dieser Verböserungen des menschlichen Körpers ist
ebenso gross wie die Verschiedenheit, die Mannichfaltigkeit der
Arten und Muster. In einem ungemein interessanten, durch über
aus zahlreiche Lichtbilder erläuterten Vortrag über »Künstliche
Verunstaltungen des menschlichen Körpers« führte der
bekannte Ethnograph und wissenschaftliche Reisende Herr Dr. von
Lusehan im Hörsaale des Chemie-Gebäudes fast alle be
zeichnenden Arten der künstlichen Verunstaltungen vor.
So ziemlich über alle Theile des menschlichen Körpers er
strecken sich diese Verunstaltungen, die freilich mitunter so gering
sind, dass sie vom flüchtigen Blick gar nicht wahrgenommen
werden. Wir sehen es gewissermaassen gar nicht mehr als Ver
unstaltung an, wenn das Ohrläppchen einer Dame durchbohrt ist,
um die Ohrringe aufnehmen zu können. Desto mehr freilich fällt
es uns in Nordeuropa auf) wenn wir einen Ring am Ohr eines
Mannes wahrnehmen. Wenn uns eine Dame mit einer feinen
Wespentaille entgegentritt, so wissen wir wohl, dass ihr Körper
einer Verunstaltung unterzogen wurde, aber wir sehen es nicht,
weil die Mode gleichsam unsere Augen verblendet hat. Und dennoch
haben wir eine der schlimmsten und bedenklichsten Verunstaltungen
vor uns, schlimm, weil sie den Gesetzen der wahren Schönheit
widerspricht, bedenklich, weil sie die grössten Verheerungen im
Körper anrichtet und Gesundheit und Entwickelung auf’s schwerste
schädigt.
In ganz anderer Form erscheinen die Verunstaltungen, die
man bei wilden Völkerschaften sieht. Es giebt wohl kaum einen
Stamm unter den Naturvölkern, der nicht seine ihm eigenthümliche
Verunstaltung besitzt, gleichviel freilich, ob sich diese durch Bemalung,
Tättowirung oder durch einen operativen Eingriff in den Körper
äussert. In den meisten Fällen handelt es sich um einen »Schmuck«.
Viele Völkerstämme Afrika’s und der Südsee färben ihre Haare
weiss oder roth, indem sie dieselben dick mit Farbe beschmieren. An
dererseits sieht man die Bemalung mit Farbe als einen religiösen oder
gesellschaftlichen Brauch, wie bei den Bewohnern der Salomons-
inseln, wo es als Zeichen der Trauer gilt, wenn man sich das
Gesicht mit weisser Farbe bemalt.
Eine ganz auffällige Veranstaltung ist jedenfalls die Tättowirung»
in welchen Formen sie auch erscheinen mag. Die Ursachen der
Tättowirung sind nicht so leicht zu ergründen; vieles lässt aber
darauf Schliessen, dass sie auf religiöse Anschauungen zurückzuführen
ist. So sieht man bei den Tättowirungen einer Völkerschaft am unteren
Kongo stets ein und dasselbe Zeichen wiederkehren, das »Glück
und Segen« bedeutet. Die Tättowirungen aus Birma zeigen ganz
bestimmte, immer wiederkehrende Muster, von denen jedes seinen
Namen hat. Auch die Muster der Völker von Mikronesien sind durchaus
feststehend und wiederholen sich fortwährend. Am meisten ent
wickelt ist die Tättowirungskunst — wenn man das Wort »Kunst«
überhaupt anwenden darf — in Neuseeland und besonders in Japan,
wo man ganze und manchmal sogar sehr hübsche Gemälde dem
menschlichen Körper unauslöschlich eintättowirt.
Aber die bisher erwähnten Verböserungen der Natur bilden
gewissermaassen nur die Vorstufen jener wahren Körperverunstaltungen,
in denen die Naturvölker Meister sind.
Die allerhäufigsten Verunstaltungen zeigen sich besonders
bei den afrikanischen Völkern als Narben. Es sind meist Stammes
merkmale. Der eine Stamm trägt Narben auf den Wangen, ein
anderer auf der Stirne, ein dritter auf den Armen oder auf der
Brust. Die Kunst, diese Narben zu erzeugen, ist bei den meisten
Naturvölkern aufs höchste ausgebildet. Kein moderner Chirurg
wäre im Stande, solche Hautwülste und Höcker hervorzubringen,
wie diese Wilden sie auf dem Leibe tragen.
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